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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Viertes Kapitel

Eine der Städte Litauens, die der Herr mit einer Jeschiwe gesegnet hat, war die Stadt Ss . . . k. Etwas anderes, was sie auszeichnete und ihr Weltruf gab, besaß sie nicht, außer der Jeschiwe, die weit in der Runde im jüdischen Gebiet bekannt war. Wollte man meinen, daß die Jeschiwe der Stadt Nutzen und Verdienst brachte, wie etwa »ihre« Universitäten für die Städte, in denen sie sich befinden, reiche Quellen sind – so irrte man mächtig! Es war ganz anders. Im Gegenteil, die Jeschiwe kostete die Stadt noch Geld! Ihre Professoren waren armes Volk, notleidende Melamdim, auch wenn sie »Jeschiwe-Leiter« hießen, und die Studenten – Jünglinge ohne einen Pfennig in der Tasche. Sie kamen meist zu Fuß an, nackt und bloß. Kaum hatten sie ihre Bündel abgesetzt – zwei alte geflickte Hemden und ein paar ausgetretene, gestopfte Strümpfe, die sie von daheim mitbrachten, fielen sie mit ihrem Bedarf der Stadt zur Last, und so gedrückt und von eigenen Armen bedrückt deren Lage auch war, so trug sie doch noch willig auch diese fremde Bürde und unterhielt die jungen Leute so gut sie nur konnte. Der Ärmste war bereit, seinen letzten Bissen – wenn er welchen hatte – zur Ehre der Thora mit ihren Jüngern zu teilen!

Die Ss . . . ker Jeschiwe bestand aus einem großen Zimmer, in dem Tische und Bänke standen wie in einem Beßmeddresch. Aus dem Zimmer ging zur Seite eine Tür in ein kleines Zimmer, eine Art Kanzlei, wo der Gründer der Jeschiwe, Reb G., gewohnt hatte. Nach seinem Tode war der Raum geblieben, bloß sein Schwiegersohn, ein Kaufmann, dem er die Leitung vererbt hatte, sah manchmal hinein, wenn er zum Morgengebet in die Jeschiwe kam, was fast täglich geschah. Die Jeschiwe-Schüler waren in zwei Klassen geteilt, eine niedrigere und eine höhere, die bei zwei verschiedenen Lehrern lernten, jede Gruppe an ihrem besonderen Tisch. Der Lehrer der älteren Klasse war das Oberhaupt der Jeschiwe, der Lehrer der Unterklasse war das Vizeoberhaupt. Jeden Morgen nach dem Gebet trug er den Talmud mit Toißwes und späteren Erklärern nach dem einfachen Wortsinn vor, von den Schülern umgeben an seinem Tische sitzend. Mittendurch prüfte er einen oder den anderen seiner Zuhörer, um zu sehen, ob sie die Aufgabe für heute gelernt und den Inhalt richtig erfaßt hätten. War er mit jemandem nicht zufrieden, so schalt er ihn und ließ ihn mitunter auch eine Ohrfeige verkosten. »Da hast du«, sagte er, »damit du weißt, daß man zum Lernen hierherkommt!« Gewöhnlich kamen die Neuen, Frischgekommenen zu ihm, zu seinem Tisch. Das erste Oberhaupt hielt gegen Mittag einen Vortrag und bewies großen Scharfsinn. Fragen, Probleme, Schwierigkeiten flogen zwischen Lehrer und Schülern hin und her. Da dröhnten und donnerten laute Stimmen, da blitzten flammende Einfälle, da fuhren Daumen im beweisenden Halbkreis, da formten Hände geistreiche Argumente, da unterstrichen Stirnfalten die tiefsten Absichten des Textes. Nach der Vorlesung waren die älteren Schüler freie Herren. Wer Lust hatte, konnte lernen und sich, wo er wollte, für morgen vorbereiten. Aber die jüngeren waren nicht ebenso frei. Sie nahmen den Stoff meistens in der Jeschiwe durch, und ihr Lehrer kam öfters hinein, um zu sehen, was sie täten. Kam er gerade hinzu, wenn sie vom Wälzen der Folianten müde geworden waren und ein wenig tollten, so hielt er ihnen eine Strafpredigt und bewies ihnen aus moralischen Werken, wie groß die Sünde der Thora-Vernachlässigung wäre, tat auch was aus Eigenem hinzu, indem er sagte, daß jüdische Kinder kein Recht zum Spielen und Tollen und worüber sie denn gar so lustig zu sein hätten?! Aber was half Weisheit und Ethik bei jungen Burschen, die ja bloß Fleisch und Blut waren, und so elend ihr Leben auch war, so kam es ja doch vor, daß sie ein paar Augenblicke lang Lust und Leben haben, aus voller Brust atmen wollten. Die beste Gelegenheit dazu hatten die Schüler zum Schulbeginn, bevor die Vorlesungen begannen, wenn die Aufsicht des Lehrers noch nicht zu fürchten war.

*

Es war die erste Woche nach Ssikkes, die Zeit des Schulbeginnes in ganz Israel. In der Ss . . . ker Jeschiwe wimmelte es von neuen, frisch angekommenen Schülern, von alten, wiedergekommenen, die zu den Feiertagen nach Hause gefahren waren, und von altansässigen Schülern, die sich nicht vom Fleck rührten und hier ihr dauerndes Heim hatten. Jetzt war in der Jeschiwe ein großer Markt und lebhafte Nachfrage nach »Tagen« – jeder suchte sich vor allen Dingen für bestimmte Tage in der Woche das Essen bei einer Familie zu sichern. Das gab ein Gelaufe, Gesuche, Gekämpfe, Gelärme, und nicht jedermann hatte das Glück, die Plätze zu treffen, wo man »Tage« bekommen konnte, und noch dazu so viel, als die Woche Tage zählte! Wohl dem, der seine sieben Tage in der Woche hatte! Glücklich war auch der, dessen Woche nur zwei Tage weniger besaß! Bejammernswert war der Unglücksmensch, dessen Woche fast gar keine Tage hatte! Fest standen die Altgesessenen auf dem Markt, so wie die großen Kaufleute auf dem Jahrmarkt unter den kleinen Händlern und Krämerlein. Mit »Tagen« und andern Einkünften, Schüler-Verdiensten, waren sie ja mehr oder weniger versorgt, so konnten sie an andere, an Neuankömmlinge denken, ihnen ihre Zeit und Mühe widmen, ihnen mit ihren Gefälligkeiten die Wege weisen und sie mit starker Hand leiten – manchmal mit Backpfeifen und Rippenstößen, wie es eben traf, um es ihnen zu zeigen!

Vor allem, hieß es bei den trefflichen Gesellen, müssen die Neugekommenen wie Neugeborene einen Namen erhalten. Von jetzt an haben sie zu vergessen, wie sie einst daheim hießen. Alle ihre Bräuche und Sitten von früher haben sie zu vergessen. Das Mittel dafür ist der Nasenstüber, den der Engel dem Kind bei der Geburt versetzt. Ein Nasenstüber der Alteingesessenen jagte Tränen in die Augen! Jeder Neuankömmling hieß nunmehr nach seiner Stadt: Lechewitzer, Koidenower, Sstoroboner, Slonimer. Dazu bekam er noch einen Spitznamen wie etwa: Breipapp, Zöpflein, Wänstlein und ähnliche, jedermann den passenden.

Nun, Namen waren Kleinigkeiten. Die gab man umsonst. Aber »Tage« – einem Neuling Kosttage zu verschaffen, war ein Geschäft. Brot wurde an der Börse gehandelt, da klebte schon Verdienst daran. »Hör einmal, Bursch«, hieß es, »essen – das kannst du, ›Tage‹ willst du und ein Neuling bist du – so laß dein Geld springen, dann wird man dir ›Tage‹ zeigen!« Oder man machte folgende Kombination: »Der Bobrujsker plant auf die Mirer Jeschiwe zu gehen, aber es fehlen ihm ein paar Pfennige dazu. Gehen wird er ja natürlich zu Fuß, so gib ihm, Bursch, Jammerseele, wie du heute heißt, Zuschuß zu den Reisekosten, uns gib Maklergebühr, dann wird er dir seine Tage überlassen. Den Schabbes hat er schon verkauft, damit du es weißt!« Man schloß auch Tauschgeschäfte ab – man wechselte die Familien aus, indem man ihren Wert nach der Güte oder Minderwertigkeit des Essens berechnete. Für eine gute Familie gab man zwei andere und sprach noch eine Benedeiung darüber, daß man sie los geworden.

Dann gab es Bankgeschäfte. Auf den Bänken schlief man. Privilegien für Tische und Bänke wurden gekauft und übertragen. Je näher eine Bank dem Ofen stand, desto größer war ihr Wert. Am Ofen selbst war es erstklassig. Um da zu liegen, mußte man von guten Eltern sein, und auf dem Ofen – da war das reinste Paradies. Aber nicht leicht gelang es, sich zu so hoher Stufe zu erheben!

Kein Geschäft auf dem Markte wurde nur mit zwei Schülererwerben gemacht: Mit dem Minjen und mit dem Beutel. »Minjen«, das waren einige oder auch wirklich zehn Schüler, wie es gerade kam, die morgens und abends zeitweilig in ein Haus zum Gebete gingen, wo jemand Schiwwe saß, oder auch im ganzen Trauerjahr, und dafür eine Belohnung bekamen. »Beutel«, das hieß, zusammen mit dem zweiten Jeschiwe-Leiter an zwei Tagen, am Donnerstag und Freitag, in der Stadt herumzugehen und Spenden für die Jeschiwe, die wie nach einem Gesetz jede Woche gegeben wurden, in einem Beutel zu sammeln. Und außer der Ehre, mit dem Lehrer sammeln zu gehen, bekam der Schüler auch noch achtzehn Pfennige. Auf diese beiden schönen und ehrenvollen Verdienste hatten nur durch und durch echte Altangesessene oder die Besten und Hervorragendsten Anspruch. Neulinge ließ man nicht zu.

Für den Neuankömmling war die Jeschiwe eine neue Welt, eine Art Jenseits! Er litt die Qualen des Grabes – Prügel von vorn und von hinten, Reißen von allen Seiten. Er hatte von den Engeln des Zerstörens zu leiden – die wilde Schülerschar begrüßte ihn mit einem feierlichen Empfang; mit guten und schönen Worten voll angeblicher Barmherzigkeit begann es, ging dann in Scherz und Spaß über, im Scherz kamen Rippenstöße, aus Rippenstößen wurden Schläge und Prügel, und alles geschah hinterrücks und unabsichtlich, bis es endlich mit stinkendem Räucherwerk vor der Nase und nassen Fetzen auf dem Kopfe schloß. Der Neue fühlte, wie es in der Hölle zuging. Er hatte keine Ruhe, er hatte keine »Tage« und hatte keine Nächte, er hatte kein Essen und kein Nachtlager, er lag sich auf harter Bank die Knochen wund, magerte ab, schliff sich ab und wurde »geläutert«, wurde »Geist«, daß es ein Jammer war. Er wurde mit seinen Gefährten aufs innigste verknüpft, wurde ein Herz und eine Seele mit ihnen. Die Marter und die Läuterungszeit war nicht für alle Neukommenden gleich lang. Verzärtelte und Hochmütige bekamen einen besonders ausgiebigen Teil ab. Ihre Pein war größer und dauerte länger als bei denen, die so taten, als ob sie nichts spürten und die Kränkungen stillschweigend hinunterschluckten. Stolze und hochmütige Gesellen waren allen verhaßt. »Wenn einer ein Soldat ist«, sagte man, »dann muß er wie alle andern Pulver riechen!«

Gewöhnlich ging es in der Jeschiwe zu Schulbeginn am lautesten am Abend zu, wenn die neuen und alten Schüler zusammenkamen, nachdem sie den ganzen Tag lang jeder in seinen Geschäften herumgehastet waren. Da standen sie plaudernd und verhandelnd in Gruppen. Die einen berichteten einander von ihren »Tages«-Ereignissen. Der hatte eine Aussicht, alle Tage zu haben, so Gott wolle, dem fehlten vorläufig noch zwei, dem andern drei, dafür aber hatte ihm Gott einen Freitag und einen Schabbes beschert, daß er zu beneiden war. Am Freitag kochte er Fische und rieb Meerrettich in der Küche, und die Köchin, eine gute, brave Frau, gab ihm eine frischgebackene Semmel mit. Andere wieder besprachen den Traktat, der in diesem Jahre studiert werden sollte, und waren mit ihm zufrieden, während ein Teil abweichende Wünsche hatte. Andere stritten, tippten einander mit den Fingern und schrien in der Talmudweise. Die Führer waren obenauf, mengten sich überall ein, sagten ihre Meinung, trafen Entscheidungen und taten, was sie wollten.

In einem Winkel im Dunkel lag einer wie ein König ausgestreckt auf einer Bank und dachte wohl so zu schlafen.

»Wänstlein!« rief jemand herankommend und stieß den andern von der Bank. »Hinunter, Wänstlein! Auf die Bank habe ich ein Privileg!«

»Wie der brüllt! Schrei nicht so, Gurgel! Das ist ja die Bank des Mosirers!«

»Ich habe sie ihm abgekauft. Ich habe ihm dafür meinen Mittwoch abgetreten!«

»Wo ist der Mosirer, wo ist er?«

»Der Mosirer?« mengte sich ein Dritter ein. »Er schläft heute nacht dort, wo er seinen Tag hat. Wo er am Schabbes ist.«

»Wänstlein!«

»Gurgel!«

Maulschellen flogen. Von der einen Seite eine Maulschelle, von der andern Seite eine Maulschelle. Die Führer mengten sich bald ein. Sie brachten einen Kompromiß zustande – den einen kniffen sie, den andern schlugen sie, beiden gehörte die Bank nicht.

»Von deinem Vertrag, Gurgel, mit dem Mosirer«, sagten sie, »wissen wir nichts. Gebt ihm, Kinder, was Zeug hält!«

»Pfui!« sagte einer ernst, mit verzogenen Lippen und spuckte aus.

»Schaut euch einmal den Kapuljer an, den vornehmen Mann, den feinen Burschen!« rief der oberste Rädelsführer aus, der Pinsker, ein kurzer Kerl mit gelben, voneinander abstehenden breiten Schaufelzähnen, dessen Mund wie auf Schrauben lief: »Es gefällt ihm nicht, dem feinen Herrn! Ja, das ist keine Kleinigkeit, so ein Juwel, er ist eben erst angekommen, eben erst aus dem Ei gekrochen und will schon dreinreden, hat sich ins ›Minjen‹ eingedrängt! Will er vielleicht auch schon den Beutel haben?! Wart nur, warte, mein Juwel, das wird ein böses Ende nehmen! He, Kinder, gebt dem Kapuljer Juwel da einen ›Kapuljer Wink‹!«

»Dem klugen Mann, dem weisen Salomo, genügt ein Wink«, brachte der zweite Rädelsführer, der Kletzker, ein magerer Junge mit dem Zunamen »Windhund«, ein Sprichwort an. Er war von Natur aus gut, aber sehr wild, durchtrieben klug, und während er noch sprach, flog aus seinen Händen ein triefendnasser Fetzen nach dem Kopfe des »Kapuljer Juwels«.

Der weise Salomo, Schloimale war es, heute »der Kapuljer« genannt, mit dem Zunamen »Juwel«, sprang rechtzeitig zur Seite, öffnete die Tür und ging stolz ohne ein Wort hinaus.

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