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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Zweites Buch

Erstes Kapitel

Auf der Ebene, an die neun, zehn Werst von Armleuten, sieht man schon von weitem eine lächerlich kleine Siedlung. Kommt man hin, so erkennt man sofort, daß das ein jüdisches Städtlein ist. Ein Wahrzeichen dessen sind der Marktplatz mit den Läden, der Schiehl-Platz, wo sich ein Schiehlchen und ein kleines Beßmeddresch befinden, das Bad und die Mikwe – drei Dinge, ohne die das Leben unmöglich ist – so wie die Fische nicht ohne Wasser leben können – sobald nur zehn Juden beisammen sind und beieinander wohnen.

T-z heißt das Städtlein. Hier gab es bloß ein paar Dutzend Juden.

Zu diesen mehreren Dutzend kam mit Sommerbeginn noch eine Seele dazu – ein fremder Knabe, der den ganzen Tag im Beßmeddresch saß und lernte.

War T-z denn eine Stätte der Thora? Gab es hier denn eine Jeschiwe? Nein und noch einmal nein! Die Juden, die es dort gab, brauchten Erwerb. Kaum war das Gebet beendet, wurde das Beßmeddresch leer. Der Schiehl-Platz war öde, keines Menschen Fuß zu sehen, als wenn er ausgestorben wäre. Die Leute liefen gleich auseinander, der eine heim, der andere auf den Markt, jeder an sein Geschäft.

Nicht um der Lehre willen war der Knabe aus der Fremde hierher gekommen – er war bloß um des Essens willen gekommen, um bei jedem Bürger des Städtleins an einem bestimmten Tage der Woche zu essen.

Nicht aus freien Stücken war er hierhergekommen, sondern die Not hatte ihn getrieben. Seine Mutter Ssure, eine Witwe mit kleinen Kindern – ohne irgendwelche Mittel zum Leben – hatte sich überwunden und ihr liebstes Kind, das älteste unter den kleinen Kindern, in dieses Städtlein geschickt, da sie auf die Freundlichkeit einiger Bekannter zählte.

Schloimale hieß der Knabe, ein Sohn Reb Chajems – so weit war es mit ihm gekommen!

Die erste Zeit nach dem Tode Reb Chajems war, wie es bei Juden Brauch ist, die Zeit des Tröstens. Trostspenden ist ja eine Mizwe und kosten tut sie keinen Pfennig – wer wird sie da nicht erfüllen wollen? In jedermanns Munde springt ein Quell des Trostes auf. Leute, die sonst keine großen Redner sind, werden beredt. Man verweist auf den Herrgott, versichert, daß man sich auf ihn verlassen könne, »sein sei das Gold und sein das Silber«, ach ja, er sei vertrauenswürdig. Jedermann weiß, daß diese Trostworte bloß hohles Gerede sind und den gleichen Bestand haben wie süße Schmeicheleien; trotzdem wirken sie mehr oder weniger, man läßt sich's einreden. Wie weicher Honigteig für ein Geschwür, so waren die Trostworte dem wunden Herzen Ssures. Die Wunde brach auf, und alles, was sich dort angesammelt hatte, was dort lange geschmerzt und gebohrt hatte, strömte in blutheißen Tränen aus ihren Augen hervor. Bittere Seufzer drangen aus dem Herzen der Witwe und ein Schimmer von Glauben und von Hoffnung stahl sich hinein.

Trost, der Trauernden gespendet wird, ist farbenschimmerndes Gewölke des dahintersterbenden Tages, das nur kurze Weile bleibt. Bald bricht die Nacht herein und stockfinster wird es in der Runde. Ssure fühlte bald den bitteren Geschmack der Einsamkeit, des Elends, der Not, welch Unglück es war, eine verlassene, elende Witwe zu sein, welch unseliges Geschick die Kinder getroffen hatte, daß sie vernachlässigte Waisen geworden waren. Und der Schimmer der Hoffnung erlosch in ihr.

Wie eine finstere Wolke lag die Waisenschaft auf Schloimale, auf ihm und vollständig in ihm. Der Vater war ihm gestorben und damit die ganze Welt. Die ganze Natur, mit Erde und Himmel, Feldern und Wäldern, mit Sonne, Mond und Sternen, war für ihn tot. Nichts sprach zu seinem Herzen, nichts lächelte, nichts machte froh, nichts lockte die Sehnsucht, nichts zog die Gefühle an, alles war anders, war wie ein Körper ohne Seele geworden.

Schloimale saß einsam den ganzen Tag im leeren Beßmeddresch und wiegte sich mit leiser, schwermütiger Melodie über dem Talmudbande. Wenn er dessen überdrüssig wurde, saß er erstarrt auf der Bank und stierte bewegungslos. Oder er ging auf den Hof hinaus, wo niemand außer ihm war, stand gähnend da, stierte starr in einer Richtung, ohne zu wissen, was und wo er war. Eine kecke, zudringliche Fliege kam summend herbei und setzte sich ihm auf die Nasenspitze – aber was störte ihn das! Ein Gänserich erschien mit seiner ganzen kleinen Bande auf dem Schiehl-Hof, streckte gleich beim Eintritt seinen Hals aus, gurgelte seinen Lobpreisungsgruß in Gänse-Sprache und -Melodie – aber was ging ihn das an. Rinder und Ziegen kamen schon vom Felde gelaufen und wirbelten Staubsäulen auf, die Stimme des Stieres scholl von dem einen Ende des Städtleins bis ans andere, auch der Gemeindebock lief in sein Heim, in die Frauen-Schiehl – Schloimale rührte sich nicht! Er stand und stand so lange, bis der Schammes kam, Wasser ins Handfaß goß, das ausgetrocknete Handtuch, das einzige für alle Leute, aufhängte und ihn am Ärmel ziehend erinnerte, daß die Leute bald zu Minche kommen würden.

Beten – das war ein heller Strahl, der durch die Wolken der Schwermut drang und in seiner dunklen, verwaisten Seele aufleuchtete.

In T-z schöpfte er keine Thora, dafür kam er aber dort auf den Geschmack des Betens. Es war ein chassidisches Beten. In T-z sah er zum ersten Male Chassidim, von denen in Armleuten keine Spur vorhanden war und über welche dort allerlei Gerede umging, häßliche Geschichten verbissener Gegner als über sündige Juden, absonderliche Wesen mit sinnlosen Sitten und seltsamen Gebeten. Und als er zu ihnen kam, da sah er, daß sie auch Juden waren. Noch mehr, ihr Gebet in Entflammung und Freude entzündete auch seinen Geist und zog sein Herz nach ihnen.

Das Gebet war ihm bis jetzt nur Lippendienst gewesen, jetzt wurde es zum Dienst des Herzens. In seiner Vaterstadt beschäftigte man sich mit der Thora, den Geboten und dem Gebete nur darum, weil es so geschrieben stand und man seine Pflicht genau zu erfüllen hatte, so wie ein redlicher Schuldner, der seinen Wechsel pünktlich einlöst. Dort war Gott ein zürnender Eiferer gewesen, der sich beim mindesten Anlaß verletzt fühlte und strafte. Hier bei den Chassidim aber diente man ihm in Liebe, Entflammung und Hingabe. Dort stammten die Seelen der Gottesfürchtigen von dem Eise über den Ezechielischen Tieren, hier aber kamen die Seelen der Frommen aus der Lohe unter dem Throne Gottes. Die Söhne des Eises haben beim Dienste ein trauriges und trübes Antlitz, aber den Söhnen der Flamme ist Trauer die schwerste Sünde. Die Hauptsache beim Dienste Gottes ist für sie Freude. »Israel erfreue sich seines Schöpfers«, entzücke sich an seiner gewaltigen Göttlichkeit und fühle zu jeder Weile und jeder Stunde das Glück, einen so guten, barmherzigen Vater und Weltenherrn zu besitzen. »Während des Gebetes darf man keinerlei Sorge haben, ja nicht einmal die Sorge um die Sünden, die man begangen hat.« So sagt der heilige Rabbi Jizchok Luria.

Im chassidischen Bethause lernte Schloimale sein Gebet zu einem Flehen um Barmherzigkeit und zur Ergiessung seiner Seele zu machen. Besonders wurde er von dem Hymnus ergriffen, der voll verzehrender Sehnsucht und Liebe zu Gott ist und den sie vor dem Beten sprachen:

Freund meiner Seele, barmherziger Vater mein!
Zieh mich, auf daß ich tu den Willen Dein!
Laß eilends wie den Hirsch mich zu Dir ziehn,
Um an der Stätte Deiner Pracht zu knien.
Es sei mir süßer Deine Liebesglut
Als jeder Honigseim und köstlich Gut.

O Schöpfer Du und Quell der Weltenpracht!
Die kranke Seele lechzt voll Liebesmacht.
Mein Herr, o heil sie ganz,
Zeig' Gnade ihr und Glanz!
Mein süßer Gott, laß Deine Huld sie heilen
Dann wird sie stark in ewiger Freude weilen.

Barmherziger, laß Dein Erbarmen lind
Herniederträufeln auf Dein teures Kind!
Wie lange lechz' ich schon nach Deiner Pracht,
Wie lange schmacht' ich schon nach Deiner Macht!
Das ist's, was ich im tiefsten Herz begehr':
Erbarme Dich, verbirg Dich mir nicht mehr!

Enthülle Dich, o trauter Herr der Welt,
Und hüll' in Frieden mich wie in ein Zelt.
Erstrahlen Deiner Ehre wird die Erde weit.
Wir werden jubeln Deiner Herrlichkeit.
Begnade uns, so wie es einst geschah.
Schick Deine Liebe schnell! Die Zeit ist da!

Aber Schloimales Seele lag in so tiefer Schwermut, daß das Gebet, dieser helle Glanz, nur für eine Weile in ihr erstrahlte. Den übrigen Tag lang saß Schloimale niedergedrückt und verschlafen wie ein Lehmkloß da.

Es gab aber Zeiten, da Schloimales Herz wach war. Siedendheiß rann es ihm über den Leib und sein Gesicht brannte. Eine fette, rote Wange und ein geschlossenes, blindes Auge schien vor ihm in der Luft zu schweben. Die Wange und das Auge gehörte der Tochter des Mannes, bei dem er sein Nachtlager hatte – einem dicken, drallen, festen, breitknochigen Mädel. Schloimale hatte das Mädchen überhaupt nicht beachtet. Was ging es ihn an, daß sie auf einem Auge blind war? Zum Unglück aber erfuhr er einmal, daß man sie zu seiner Braut machen wollte – das brachte ihm viel Herzeleid. Von da an erschien ihm manchmal ihre Gestalt und er war vor Kränkung ganz außer sich: Hatte er denn nicht Leides genug, daß ihn auch noch diese Not traf? Und dann kam ihm Fradel in den Sinn, die schöne, die liebe. Das Bild des blinden Frauenzimmers und die süße Gestalt Fradels schwebten vor seinen Augen – da lohte seine Leidenschaft auf und das Blut schoß ihm ins Gesicht.

Manchmal befiel Schloimale eine Sehnsucht nach der Heimat, nach dem Städtlein, nach allem, was in jenen guten Jahren geschehen war.

Er saß allein an seinem Talmud, fern den Menschen und der Welt – seine Welt war in seiner Seele, er war voll Sehnsucht und Träumen. Das ganze Städtlein Armleuten, seine Häuser, seine Menschen, seine ganze Umgebung stiegen wie Leichen aus dem Grabe und kamen nacheinander in seine Träume. Da war der Jahrmarkt. Da war die Schmiede mit ihrem Blasen und Fauchen und ihren Feuersäulen, da war sein lieber Asek mit seinem ledernen Schurz, bei der Arbeit, oder in seinem Schabbes-Gewand, wie er den Leuten vorphilosophierte. Da war Herzel der Tischler mit seiner Geige und seinem Bilde »Rabbi Joisse«. Da war sein Freund Ben-Zieen, Herzels Sohn. Da war ein Durcheinander von Bekannten, Geflügel, Rindvieh, die Truthenne, und mittendarein die Gluckhenne mit ihren Küchlein. Da waren Korn- und Weizenähren, die miteinander flüsterten, ihre Köpflein beugten und ihm süße Felddüfte zutrugen. Da war in seinem Stolze der alte, bejahrte Wald mit seiner Vogelkapelle, der ihn mit roten und schwarzen Beeren bewirtete. Auch die Sonne winkte ihm herzlich vom blauen Himmel hernieder, flößte ihm Verlangen und Sehnsucht nach den schönen Bergen und Tälern ein.

Und wenn ihn die Sehnsucht so ergriff, fuhr er mit einem Male auf, lief erregt aus dem Beßmeddresch und machte sich eilends auf den Weg nach seiner Heimat. Aber mitten auf dem Wege fiel ihm das Elend ein, das es zuhause gab. Die arme Mutter darbte und arbeitete über ihre Kraft hinaus, um nur irgendwie das trockene Brot herauszuschlagen. Die armen Kinder litten und hungerten, wurden mager und hager. Die Wirklichkeit besiegte die Phantasie und nahm ihm den Mut. Er blieb plötzlich stehen, die Tränen strömten aus seinen Augen und er kehrte langsam und gesenkten Kopfes ins Beßmeddresch zurück.

Aber einst zur Sslieches-Zeit war seine Sehnsucht ungeheuerlich und seine Phantasie blieb Sieger. Die Vergangenheit erschien ihm, die Feiertage, das ganze Treiben, das es da zuhause gab. Er sah die Zeit der Ungeheuern Tage, die Dorfleute, die in die Stadt gefahren kamen, den ganzen Tumult, der jetzt herrschte. Er sah Ssikkes, das fröhliche Fest, das Bauen der Laubhütte und das Sitzen in ihr; auch die Nächte des Wasserschöpffestes, da groß und klein nach jedem Psalme sang und tanzte. Und dann die Umzüge mit den Toires und mit den Fahnen um den Balemmer herum. Jeder bekam eine Liee und Honigkuchen – das war Ssimches-Toire. Als er sich das alles vorstellte, erfaßte ihn so heftiges Verlangen wie noch nie. In seiner starken Sehnsucht stürzte er aus dem Beßmeddresch, in dem eine traurige Stille herrschte wie in einem leeren unbewohnten Hause, seine Beine stürmten wie von selbst auf dem Wege, der heim führte. Seine Phantasie besiegte jetzt die Wirklichkeit, sie trug ihn auf ihren Adlerflügeln und brachte ihn ins Haus, zu der Mutter, schweißbedeckt, keuchend, atemlos.

Mutter und Kind schauten einander bei der Begegnung an und ihre Tränen strömten. Es waren bittere Tränen, die eine notleidende arme Mutter und ihr heißgeliebtes, in die Fremde verschlagenes Kind vergossen, als es schwach, müde, hungrig aus dem Elend um ihre Hilfe kam. Sie, die Mutter, weinte – wie wehe war es der Mutter, die ihr Kind nicht an ihrem Tische halten konnte, und wie wehe war es dem Kind, das gekommen war, um der armen Mutter den letzten Bissen aus dem Munde zu reißen.

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