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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Siebzehntes Kapitel

Es war ungefähr acht Tage später. Die Sonne sah freundlicher und milder vom Himmel, sandte dem Winter durch ihre Strahlen und durch einen linden Hauch die erste Mahnung, daß der Endtermin seines Wohnens auf der Erde nahe, daß er freundlichst ausziehen und sich davonmachen solle. Und er tat dasselbe wie ein schlechter, trotziger Mieter – er gebrauchte krumme Listen. Bei Tag, vor den Augen der Sonne, nahm er unter Tränenströmen Abschied – Wasserbäche rannen durch die Gassen. »Ich gehe, ich gehe schon«, hieß das, »laß mich nur packen, mein Zeug zusammennehmen, meinen Schnee, der Arme ist vor Kummer grau geworden!« Kaum schloß aber die Sonne die Augen und ging zur Ruhe, als er ihr schon mit umwölktem, bösem Gesicht Nasen drehte – erstarrte Eiszapfen, wieder nicht nachgab und eiskalt wie früher blieb. Aber wehe ihm! Er war verloren, man behandelte ihn schon als Luft – bei den Juden war es schon vor Pejssech, an der Zeit, daß man Tür und Tor öffne, Tische und Bänke auf die Straße trage und alles für Pejssech scheuere, wasche und kaschere, und niemand kümmerte sich um den entthronten Wüterich.

In Armleuten gab es schrecklichen Lärm und Aufruhr. Alles war mit dem lieben Pejssech beschäftigt. Die Juden liefen auf dem Markt umher, Weiber und Männer, unter den Wagen mit Weizen, Kartoffeln, Eiern und dem ganzen Grünkram, den Esau der Dorfsmann vor einem Jontew seinem Bruder Jakob in die Stadt bringt. In der Mühle vor der Stadt waren die Mühlsteine schon gekaschert. Die Leute führten Säcke Weizen hin, um sie für die Mazzebereitung zu mahlen, und jeder wartete, bis die Reihe an ihn kam, einen Tag lang oder auch mehr. Die Fabriken zum Mazze-Backen standen schon arbeitsbereit, mit ihren Kneterinnen, Wassergießern, Rollern, Radlern, Schiebern und den Trägern mit den großen Körben. Überall auf dem Markt und in den Häusern war Pejssech zu spüren, und aus den Schulzimmern schollen die Stimmen der Kinder, die das Hohe Lied mit jener schönen Melodie lernten, bei der das Herz des Juden in süßer Wonne vergehen will.

Im Haus Reb Chajems, wo sonst um diese Zeit noch mehr Trubel als überall herrschte, war es heute traurig und öde, man konnte nicht das geringste Anzeichen erkennen, daß der Jontew vor der Tür stand. Reb Chajem lag in seinem Zimmer angezogen auf dem Bett, beide Hände unter den Kopf gestützt. Sein Gesicht war weiß wie Kalk, seine Blicke irrten wirr umher und sein Atem ging schwer. Ssure saß mit den Händen im Schoß, in tiefem Kummer, und ihre Augen waren von Tränen geschwollen. Wenn sich eins der Kinder nur rührte, so winkte sie ihm gleich zu: »Still! Vater ist nicht gesund! Ruhig!« Die armen Kinder gingen auf den Zehenspitzen, krochen jedes in einen Winkel und blickten schweigend und voll zitternder Angst. Bloß Leje ging umher und war in der Wirtschaft beschäftigt. Sie war traurig wie das Grab, hielt das Gesicht abgewandt und sah niemanden im Hause ins Auge.

Die Tür zur Straße zu öffnete sich geräuschvoll und ein Edelmann kam breitspurig herein. Es war ein großer, starker Mann von schönem Aussehen mit dünn zugezwirbelten Schnurrbartspitzen, gefolgt von zwei Lakaien, von denen der eine ein kleines Päcklein, der andere eine lange Pfeife mit bernsteinernem Mundstück trug. Der Edelmann schaute beim Eintreten im Zimmer umher, blieb eine Weile wortlos stehen und strich mit melancholisch-ernstem Gesicht seinen langen Schnurrbart.

»Ah, hochmögender Herr!« Ssure sprang auf und ging dem Edelmann entgegen.

»Frau Rabbi!« rief der Edelmann sehr gerührt, als er in Ssures Augen Tränen bemerkte. »Was ist geschehen?«

Ssure schluchzte und konnte kein Wort hervorbringen. Der Edelmann ließ sie gewähren und gab ihr Zeit, sich zu fassen, setzte sich an den großen, gestrichenen Zimmertisch, drehte ohne Unterlaß die Schnurrbartspitzen, und die Augen wurden ihm feucht und glänzend.

»He, Antussja, die Pfeife!«

Wie die Pfeile schossen beide Lakaien auf ihn los. Der eine mit dem langen Rohr und vollgestopftem Pfeifenkopf, der andere mit dem Feuerzeug: Stahl, Feuerstein und einem Stücklein Zündschwamm; er schlug Feuer und zündete den Tabak im Pfeifenkopf an. Der Edelmann rauchte und befahl den Lakaien hinauszugehen.

Jan, der Besitzer von Wassi . . . zitz stammte aus einem polnischen Adelsgeschlecht, dem die unter mehrere Brüder verteilten Dörfer der Umgebung von Armleuten gehörten. An ihren Feiertagen oder an einem gewöhnlichen Sonntag kam Jan prunkvoll vierspännig in die Stadt gefahren, so wie die andern Edelleute der Gegend, gerade vor die Kirche, die der jüdischen Häuserreihe am Markt, in der Nähe des Abhanges gegenüber lag. Wenn er in der Kirche fertig war, pflegte er zu Fuß zu Reb Chajems Haus zu gehen, wo er einige Stunden blieb, um seine Geschäfte mit Handwerkern, Krämern und Maklern, die da zu ihm kamen, zu erledigen. Auf Reb Chajem hielt er große Stücke. Er achtete ihn wegen seiner Klugheit und Anständigkeit und liebte ihn wie einen treuen Freund. Gab es mal etwas, was ihm Kopfschmerzen machte, dann beriet er sich mit Reb Chajem. Hatte er eine Streitigkeit mit jemandem, so gab es für ihn nur ein Wort: »Zum Rabbi!« – so hieß Reb Chajem bei ihm – der sollte entscheiden. Er verließ sich vollständig auf seine Entscheidung, da er sehr wohl wußte, daß Reb Chajem um kein Haar vom graden Weg abweichen würde.

Und von alledem abgesehen, liebte es Jan, sich mit Reb Chajem zu unterhalten. Reb Chajem sprach polnisch und schrieb es auch ziemlich gut. Er erzählte mitunter dem Edelmann geistreiche Aussprüche, Gleichnisse und schöne Geschichten aus dem Talmud, die Jan viel Vergnügen machten und die er über die Maßen lobte. War Reb Chajem gerade mit Leuten beschäftigt, so störte ihn Jan nicht, sondern saß ganz vertraut im Zimmer, rauchte die Pfeife und wartete so lange, bis Reb Chajem fertig würde.

Mögen andere über polnische Freundschaft für Juden sagen, was sie wollen, aber die Tatsache, daß Jan wirklich Reb Chajems Freund war, bleibt bestehen. Das erwies sich bei vielen Gelegenheiten, und auch dieses Mal an seinem traurigen Gesicht und in seinen feuchten Augen, als ihm Ssure von ihrer schlechten Lage berichtete und ihm sagte, daß ihr Mann vor Leid und Kummer krank sei.

»Kann ich ihn ein wenig besuchen?« fragte Jan.

»Ich will gleich gehen und nachsehen«, antwortete Ssure, »und wenn er nicht schläft, will ich's ihm sagen.«

Nach kurzer Weile bat Ssure den Edelmann in das Zimmer ihres Mannes.

»Was ist los, Herr Rabbi?!« sagte Jan beim Eintreten, unweit der Tür stehen bleibend, und schüttelte verwundert mit vorgeblichem Lächeln den Kopf. »Herr Rabbi, Sie sind ganz verstört und haben den Mut verloren! Wo ist Ihr fester Charakter? Wo Ihre Weisheit?«

»Es gibt Zeiten, wo die menschliche Weisheit nichts hilft«, antwortete Reb Chajem mit erzwungenem Lächeln.

»Es gibt doch aber einen Gott, der immer und zu allen Zeiten helfen kann! Brauche ich Ihnen, Herr Rabbi, Dinge zu sagen, die Sie besser wissen als ich?« meinte Jan und setzte sich neben Reb Chajem.

Ungefähr eine Viertelstunde verbrachte Jan bei Reb Chajem, dann verabschiedete er sich und ging mit beklommenem Herzen zu seinem Wagen vor der Kirche.

Am nächsten Abend fuhr ein Wagen bei Reb Chajems Haus vor und die beiden Lakaien trugen Säcke mit Weizen und Kartoffeln, Hühner und ein Paar Truthühner ins Haus.

Reb Chajem wurde von Tag zu Tag schwächer. Er erlosch wie ein Licht. Seine Kräfte schwanden, bis er wie ein krankes Kind liegen blieb, ohne sich von der Stelle rühren zu können. Die ganze Familie litt fürchterlich. Man aß und trank nicht und ruhte und schlief die ganzen Nächte hindurch nicht. Verwandte, Freunde und Bekannte stellten sich ein, jeder mit seinen Trostworten und seinen Heilmitteln. Man holte auch einen Arzt aus einer nahen Stadt an sein Bett. Er gab der Krankheit einen Namen, schrieb Rezepte, empfing seinen Lohn – das alles half ebensoviel wie die Hausmittel der Leute und der mitleidigen alten Frauen.

Schrecklich war die Nacht acht Tage vor Pejssech. Reb Chajem lag ohne Bewußtsein mit geschlossenen Augen. Sein Mund stand halb offen, seine Lippen brannten, kaum daß er hauchte und die Pulse noch gingen. In der Brust rasselte es, als ob man sägte. Von Zeit zu Zeit verzog sich sein Gesicht, und er seufzte aus schwerer Seele und herber Qual. Ssure beugte sich über ihn und sprach zu ihm, aber er hörte sie nicht und antwortete nicht. Er war ohne Bewußtsein und wußte nicht, was um ihn vorging.

Ssure ließ den Kopf sinken und weinte leise. Leje saß zu seinen Häupten. Sie bezwang das Leid in ihrem Herzen und würgte die Tränen hinunter. Bloß ihre Glieder zuckten und zitterten zuweilen auf.

Auf einer langen Bank neben dem Ofen schaukelte bei einer dunkelbrennenden Kerze Schloimale den Körper über einem Psalmbuch. Ein stilles Flehn stieg in siedendheißen Gefühlen und brennenden Tränen tief aus seinem Herzen auf und zum gnädigen und barmherzigen Vater im Himmel empor. Er weinte und flehte und dachte bei sich: »O Erbarmen, Erbarmen, heiliger Vater! Ach, tu ein Wunder, allmächtiger Gott, schenk mir und den armen, kleinen Kindern, die sich dort im Winkel quälen, ach, schenk uns unsern Vater!« Dafür versprach er Gott im Herzen, seine Gebote zu erfüllen und ihm treu zu dienen. Schloimale flehte und appellierte und warf zuweilen von weitem einen Blick auf den kranken Vater, hoffend, daß Gott plötzlich ein Wunder tun und ihm Heilung schicken werde. Er sagte wieder Psalmen, flehte und sprach wieder, warf wieder einen Blick hin – und, o Freude, die Mutter winkte Leje zu, die Füße des Kranken befühlend, sie winkte und sagte leise mit froher Miene:

»Schweiß!«

»Um-m-m!« sagte Schloimale und hielt mit allen Kräften an sich. Das hieß: »O Gott, guter Gott! Du hast mich erhört!«

Es war schon spät in der Nacht. Hahnenkrähen aus den Nachbarhäusern drang ins Zimmer. Über den Kranken war ein großes Federbett gebreitet. Ssure ging auf den Zehenspitzen um ihn herum und deckte ihn immer besser zu, damit er fest schwitze. Leje nahm die eingeschlafenen kleinen Kinder von der harten Bank, trug sie in ihre Betten und hieß auch Schloimale schlafen gehen.

Schloimale war müde und zerbrochen von so schwerer und langer Qual und Pein. Sein Kopf schwindelte, die Augen wollten nicht mehr offen stehen. Er warf sich angekleidet auf sein Lager und schlief sofort wie ein Stein ein.

Reb Chajem kam gegen Morgen zum Bewußtsein, setzte sich plötzlich, alle Kräfte gewaltsam zusammenraffend, auf, blickte Frau und Tochter, die ihn stützten, an, hob seufzend die Augen empor und seine Lippen brachten kaum hervor: »Gott, Vater der Weisen, Richter der Witwen, in deine Hände befehle ich . . .«

Ohne seine Worte zu vollenden, fiel er zurück und streckte sich, röchelte – und war tot.

Ssure und Leje brachen in bitteren Jammer aus. Sie hatten nicht gewußt, daß der Schweiß von der Qual stammte, mit der die Seele schied.

Schloimale war nachts mit leichtem Herzen schlafen gegangen, voll Hoffnungen, daß er den Vater geschenkt bekommen habe und stand am Morgen als Waise auf. Der Vater lag am Boden, mit einem schwarzen Tuche zugedeckt, und im Hause herrschte Jammer und Klage.

 


 

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