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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Fünfzehntes Kapitel

Und wie Meereswogen kamen nacheinander Leid und Unglück über Armleuten. Bloß Juden, die leidgewohnten, die schwachen und beweglichen, können die gewaltigen Wogen über sich hinweggehen lassen, sich wie Schilfrohr beugen und können dann wieder den Kopf erheben! »Also spricht Gott, dein Schöpfer, Jakob, dein Former, Israel: Fürchte nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe deinen Namen gerufen. Mein bist du. Gehst du durch Wasser – ich bin mit dir, und durch Ströme – so sollen sie dich nicht überfluten, gehst du in Feuer – du wirst nicht verbrennen, die Flamme wird dich nicht versengen!«

Das Unglücksgesetz hatte die Schleier getroffen – das war freilich eine böse Sache. Aber Juden gewöhnen sich an alles: Nun, Gott würde auch ohne die Schleier helfen. Man würde sich ein wenig enger schnallen, sich nicht so recht satt essen, ein bißchen von dem und ein bißchen von jenem abknappsen – es würde schon gehen! Der Brand war über die Stadt gekommen – ach, das war schlimm, war wirklich ein furchtbarer Jammer! Aber was ließ sich da machen? Gott ist ja ein gütiger Vater und Israel ist ein Volk des Erbarmens. Man schrieb also Briefe um Unterstützung und schickte Sendboten aus. Man hoffte und wartete – aber nichts kam. Die Sendboten waren ja auch Menschen aus Fleisch und Blut und hatten Frau und Kinder und die Armen brauchten ja zum Essen. Der kalte und nasse Herbst kam heran. Er gab deutlich zu verstehen, daß man im Freien nicht leben könne, und zwang die Leute, irgendwie in die Häuser zu ziehen. Daß es da ein bißchen eng wurde – machte nichts, wenn man nur brüderlich beisammen war. Eine Krankheit brach aus und viele Leute starben – nun, dafür setzte man einen Fasttag ein, las Psalmen und fastete. Das Elend wurde immer schwerer und die Not immer größer. So machte sich denn auf und davon, wer das tun konnte – Gottes Welt war ja groß und Wolhynien ein ergiebiges Land. Dort war ein Lehrer eine gangbare Ware. So ergriff man denn den Lehrerberuf und schien wieder Ruhe zu haben. Aber da kam plötzlich das Unglücksgesetz mit den »Scheinen«: Kein Melammed durfte ohne staatliches Zeugnis unterrichten. Eine böse Geschichte! Man mußte also die nötigen Mittel anwenden – und Gott erbarmte sich und man konnte weiter unterrichten.

So lebte das arme Städtlein und überdauerte bitter schlechte Zeiten!

Wie mit dem Wind flog damals die Kunde von den jüdischen Kolonien in die Stadt hinein: Die Regierung gab den Juden Boden, um sich darauf anzusiedeln und ihn zu bebauen. Diese Nachricht rollte natürlich wie ein Ball von Mund zu Mund, nahm viel verschiedene Versionen in sich auf und war zum Schluß so wirr und verwickelt, daß es schwer hielt, den wahren Kern herauszuschälen. Was für Kolonien das waren, wer den Boden gab, wo und wem er gegeben wurde – darüber herrschte keine Klarheit und die Meinungen waren sehr geteilt. Die ganze Stadt war in großer Aufregung. Überall, auf dem Marktplatz, im Beßmeddresch, am Schiehl-Platz standen Menschengruppen und man sprach, stritt, schrie und schimpfte laut.

»Ich bitte Euch, Reb Seelig«, debattierte Chakel der Hinkende, der Feuer und Flamme für die Kolonien war, »sagt mir doch, Ihr Philosoph, warum sagt Ihr ›Ach was!‹ und warum sagt Ihr ›Bah!‹? Was soll Euer ›Ach was!‹ und Euer ›Bah!‹ bedeuten? Eine solche Sache, die für die Juden ein Glück ist, die kann man mit Philosophiererei und mit einer gerunzelten Stirn nicht abtun, mit ›Ach was!‹ und mit ›Bah!‹«

»Was hab' ich mit dir zu verhandeln, Chakel, wenn du . . . bist, nichts für ungut«, antwortete Reb Seelig mit einer Grimasse und nahm eine Prise Schnupftabak, »wenn du das Wesen, das heißt den Kern einer Sache nicht begreifst. Man gibt Kolonien! Was heißt das: ›Man gibt‹? Wer gibt dir denn was ohne Grund: ›Hier hast du, Chakale, und sei ein Edelmann und Gutsbesitzer!‹ Ach was und tausendmal ach was!«

»Dasselbe sag ich ja auch zu meinem Fawischke«, mischte sich Jaankel vom Maggid ins Gespräch. »Ein Edelmann willst du werden? O nein! Die Sache riecht, um Vergebung, nach Prügeln für die Bauern. Noch mehr, man sagt sogar, wenn man nicht gut arbeitet, oder was weiß ich, für irgend eine Kleinigkeit wird man als Rekrut genommen oder gar nach Kleinpalästina verschickt – nach Sibirien nämlich! ›Fawischke‹, sag' ich, ›du bist Lehrer? So bleib Lehrer! Rede dir keinen Unsinn ein, zum Beispiel, du wärest schwanger! Nein, Fawischke, Jakobs Hände sind nicht Esaus Hände!‹«

»Nein!« ließ sich eine Stimme aus einer andern Gruppe vernehmen. »Hier in den Gouvernements wollen wir nichts, um keinen Preis der Welt! Lieber dorthin, in jene Gegend – nach Jekaterinoslaw, nach Cherson.«

»Jawohl, dorthin. Ganz recht. Aber Geld – Geld – Geld?« ließ sich eine andere Stimme vernehmen.

»Geld ist da! Man gibt Geld! Geld wird schon da sein! Ruhig! Was sagt Reb Chajem? Was sagt er? Man muß eine Versammlung einberufen! Eine Versammlung!« schrien einige Dutzend Hälser zu gleicher Zeit.

Auf der Versammlung wurde folgendes klargestellt. Von den in Weißrußland aus den Dörfern ausgewiesenen und auch von anderen dortigen Juden hatten viele Tausende im Jahre 1806 Gesuche um Zuteilung von Boden eingereicht und waren auf Staatsländereien in Neurußland angesiedelt und mit Geld unterstützt worden. Aber bald, im Jahre 1810, kam ein Ukas heraus, daß man keine Juden mehr in die Kolonien schicken solle, da der Regierung das Geld dafür ausgegangen war. Neun Jahre darauf gestattete man den Juden wieder die Ansiedlung, aber nur auf eigene Kosten. Vier Jahre später ließ man wieder keine neuen Kolonisten zu. Und nach den Gesetzen vom Jahre 1835 und den weiteren vom Jahre 1847 durften die Juden an allen Orten, wo sie Wohnrecht hatten, auf Kronbesitz Bauern werden. Insbesondere wies ihnen die Regierung die Gouvernements Jekaterinoslaw und Cherson zu. Die Mittel für die Ausgaben und für den Unterhalt waren von der Fleischsteuer zu nehmen. – Und bei dieser Lage der Dinge – wenn das Geld aus der Gemeindekasse zu nehmen war – so faßte man den Beschluß – abermals eine Versammlung einzuberufen.

Bei den Versammlungen kam wie üblich nichts heraus. Man brauchte Geld – und das hatte man nicht. Nicht genug daran, daß man kein Geld hatte, lasteten auf der Stadt noch Schulden unbeglichener Steuern und Abgaben, die dringende Mahnungen und Beitreibungen im Gefolge hatten. Wolken von Schwermut überschatteten alles, klein und groß fragte bekümmert, wann die Not endlich ein Ende haben werde. Die Leute hinterm Beßmeddresch-Ofen unterhielten sich über die messianische Zeit und stellten Berechnungen über den Letzten Tag an, den ein großer Rabbi an der und der Bibelstelle entdeckt hatte. Diese frohe Botschaft erleichterte ihr Herz und die Hoffnung begann aus ihren Augen zu strahlen: »Gott wird Israel nicht untergehen lassen!«

Die Honoratioren der Stadt kamen oft beieinander zusammen, um die allgemeinen Angelegenheiten zu besprechen. Sie unterhielten sich, überlegten hin und her und der Schluß war gewöhnlich ein Ächzen: »Hilf Deinem Volke Israel, lieber Gott! Es steht schlimm um Deine Jüdlein, o ganz schlimm!«

An einem Winterabend saßen sie so im Hause Reb Chajems beisammen. Draußen herrschte ein brennender Frost. Es war eine strahlende Mondnacht, so hell und klar, daß man Perlen hätte lesen können. Und es glitzerten auch Perlen auf der Straße. Aber nein, das waren funkelnde Sterne, in den silberweißen Schnee gestreut. Die Nacht war von blendender Schönheit, sie war wie für einen Spaziergang geschaffen – aber für die Armleutner Juden galt das nicht. Auf der Gasse war es still, kein lebendiger Mensch zu sehen. Im Zimmer war es warm und hell. Auf der »Pfanne« prasselte ein lustiges Feuer. Beim warmen Kachelofen saßen sie um den Tisch herum und waren in ein Gespräch vertieft.

Plötzlich öffnete sich die Tür zur Straße, ein kalter Strom drang von draußen herein und zog eine Weile wie eine helldunkle Dampfsäule durch den Raum. Schwere knarrende Schritte wurden laut und aus der Dampfsäule tauchte eine menschliche Gestalt hervor.

»Oh, Lippe!« riefen alle zugleich. »Gott zum Gruß, Lippe!«

Lippe war aus dem Bürgerstand, dreißig und einige Jahre alt. Er war durchtrieben klug und ein Witzbold, immer lustig, einer von den armen Leuten, die immer fröhlich sind, auch wenn es ihnen schlecht geht. Er war bei jedermann in der Stadt beliebt und gern gesehen. Als die Kunde von den jüdischen Kolonien kam, ließ er sich nicht wie die anderen auf leeres Debattieren und Philosophieren ein, sondern machte sich bald auf den Weg zur Kreisstadt, ging von dort zur Gouvernementsstadt, um genau in Erfahrung zu bringen, wie alles wäre, und was man zu tun hätte.

Lippe erledigte seinen Gruß sehr rasch, indem er jedem sein kurzes »Grüß Gott« sagte, öffnete den Pelz und schüttelte die gefrorenen Eisstücklein aus Mantel und Bart. Dann stellte er sich nahe an die »Pfanne« heran und wärmte sich die Hände am Feuer. Die Leute betrachteten ihn freundlich; plötzlich brachen alle in ein Gelächter aus, mit den Händen auf seine Füße zeigend:

»Was ist denn das, Lippe?«

»Bastschuhe!« antwortete Lippe ruhig und kurz mit ernstem Gesicht.

»Bis Pirem dauert's noch eine hübsche Weile, und du gibst schon jetzt eine Komödie, du Spaßvogel, und maskierst dich rechtzeitig«, sagten alle und wollten nicht aufhören zu lachen.

Sie hatten auch wirklich Grund zum Lachen. Diese aus weichem Bast geflochtenen Schuhe wurden über die Fußlappen gezogen und hatten lange Riemen, die wie Twillen-Riemen um die Unterschenkel gewunden wurden. Das war in Litauen die Tracht der Bauern der gewöhnlichen Klasse. Keinem, selbst dem allerärmsten Juden, wäre es in den Sinn gekommen, Bastschuhe anzuziehen, ebensowenig wie Schwein zu essen oder Schatnes zu tragen. Er wäre lieber mit offenen Fersen oder barfuß im größten Winterfrost gegangen, als die Füße mit Fußfetzen zu umwickeln und Bastschuhe darüber zu tun. Ein Jude mit Fußfetzen war unvorstellbar, außer daß es vielleicht ein Komödiant am Pirem oder ein Badchen auf einer Hochzeit täte.

»Ich verkleide mich nicht, wie ihr sagt«, erwiderte Lippe und seine Lippen umspielte ein kluges Lächeln, »ich bin heute wirklich ein Bauer. Um mir's zu ersparen, es jedem in der Stadt besonders mitzuteilen und mit jedem einzelnen lange Reden zu führen, dachte ich, ich wollte mir Bastschuhe anziehen. Das heißt also: Seht her, meine lieben Brüder, und nehmt zur Kenntnis, was ich bin, und laßt mich in Ruhe!«

»So-o-o, Lippe!« riefen alle. »Du bist ein Kolonist? Erzähl' uns doch bitte alles genau.«

Lippe ließ sich nicht lange bitten und legte der Gesellschaft die Sache kurz und bündig nach seiner Art dar, alles, was dafür bei den Kolonien gefordert würde und was damit zusammenhing. Er erzählte auch, was er erlebt hatte, mit welcher Mühe er passende Gefährten gefunden habe, mit denen zusammen er sich in einer Kolonie des Chersoner Gouvernements niederlassen werde. Auf jede Familie von sechs gemeldeten Personen würden vierzig Joch Boden gerechnet.

»Und wer wird den Boden bestellen?« fragte einer. »Glaubst du, weil du in die Bastschuhe gestiegen bist, Lippe, bist du schon ein Bauer und kennst die Arbeit? Darin muß man Übung haben.«

»Sorgt euch nicht, das hat Raschi schon vorgesehen«, sagte Lippe lächelnd. »In den jüdischen Kolonien setzt die Regierung Deutsche als Schulzen ein, von denen wird man die Arbeit lernen.«

»Also recht, ganz recht«, meinte ein anderer, »aber Geld? Geld für die erste Zeit? Woher nehmen? Von der Fleischsteuer? 170 Rubel für einen Kolonisten, wie man sagt, von der Fleischsteuer? Das wird schwer sein! Die Gemeinde ist arm und die Bedürfnisse sind groß. Man braucht für dies und das und für das und dies.«

»Beruhigt euch«, unterbrach ihn Lippe. »Ein wenig Geld habe ich von früher, ein wenig habe ich dort erwischt. Ich habe nämlich bei der Gelegenheit gleich eine Heirat vermittelt. Außerdem wird mir von meiner Wirtschaft, die ich hier verkaufen werde, auch etwas abfallen, rechne ich. Sollte mir dann vielleicht eine Kleinigkeit fehlen, so hoffe ich, wird man mir hier behilflich sein.«

Ssure wartete den Gästen mit Grieben und Eierbeugeln auf, und bat sie höflich, die Benedeiung zu sprechen und zu essen.

»Wenn Gott mir helfen wird«, wandte sich Lippe mit freundlichem Lächeln an Ssure, »so werde ich Euch aus der Kolonie gute Gänse zum Geschenk schicken, dort gibt es ja, wie man heute überall singt,

›die besten Sachen, Brot ist nit teuer,
einen Heller die Ziege, das Huhn einen Dreier‹.«

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