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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Vierzehntes Kapitel

Schloimales bisheriger Lebensweg war zwar nicht gerade mit Blumen bestreut, doch konnte man ihn auch nicht als schlecht bezeichnen. Wenigstens lief der Weg ganz schnurgerade, glatt und ohne Gruben. Nun aber fing sein Lebensweg an, sich zu biegen, zu winden und recht holperig zu werden. Bald wuchsen schon Dornen auf, und er führte über plötzliches Hinauf und Hinab, über steile Berge und abschüssige Täler und über tiefe Abgründe. Immer schwerer wurde er zu begehen, immer ärger und schlimmer wurde es.

Die ersten Steine auf seinem Weg waren Leiden der Gesamtheit, Not und Heimsuchungen, die über Armleuten kamen.

Einer der Haupterwerbszweige, wodurch sich das Städtlein vor allen andern in Litauen auszeichnete, war der Handel mit »Astrachan« und ganz besonders mit »Schleierlinnen«.

»Astrachan« war eine dicke, dunkelgrün gefärbte Leinwandsorte, in Stücken von einer gewissen Ellenzahl zusammengerollt und diente meistens als Futterstoff und auch für die Röcke armer Leute. Warum die Leinwand den Namen Astrachan trug, ist in der Geschichte der Stadt bis heute noch ungeklärt. »Schleierlinnen« hieß eine ganz dünne, gebleichte Leinwand in Stücken von der Länge und Breite eines Handtuches. Beide Leinenarten wurden von den Webern in der Stadt hergestellt.

Einen solchen »Schleier« wickelten die Frauen über der Kuppke um den Kopf und falteten ihn so, daß zwei Ecken am Hinterkopf herabfielen, in der Größe und Gestalt zweier Fladen und zu ihren Seiten zwei kleinere mit dem Namen »Fächer«. Den verschleierten Kopf umgab wie ein Reif ein zusammengelegtes, auf der Stirne verknotetes Tuch, dessen Ecken hinein- oder festgesteckt waren, je ein Ende an jeder Seite des Kopfes. Bei alten, frommen Frauen kam der Knoten gerade nach vorn, wie Stirn-Twillen. Bei jungen, modischen Frauen war der Knoten ein bißchen zur Seite gerückt. Am Schabbes und Jontew trugen wohlhabende Bürgerfrauen auf dem Kopf Seiden-, Kaschmir- oder türkische Tüchlein, an Wochentagen großgeblümte wollene – »Äpfeltüchlein«. Ein türkisches und ein Äpfeltüchlein hatte die Familie des Bräutigams vor der Hochzeit der Braut als Geschenk zu schicken und die Familie der Braut schickte dem Bräutigam ein Stramel für Schabbes.

So sahen unsere Großmütter im Schmucke des »Schleiers« aus.

Der Schleier mußte weiß wie Schnee, gestärkt, geblaut und gerollt sein. Diese Arbeit des Rollens und Glättens des Schleiers wurde von zwei Hausfrauen gemeinsam getan, und zwar folgendermaßen: Die eine hielt mit beiden Händen auf einer Seite den Schleier an den Spitzen, die andere tat es auf der andern Seite ihr gegenüber. Auf diese Weise war der Schleier zwischen den Frauen gestreckt wie eine lange, schmale Rinne. In diese wurde ein großer, runder, glatter Stein oder eine Glas- oder Eisenkugel gelegt. Hob die eine ein bißchen die Arme, so lief die Kugel im Schleier von ihrer Seite zur gegenüberliegenden. Dann hob gleich die andere ihre Arme und die Kugel im Schleier rollte zur ersten zurück. So lief die Kugel hin und her, bis der Schleier so glatt wie eine Puppe war.

Wenn man den beiden Frauen dabei zusah, wie ernst sie einander gegenüberstanden, wie sie die Hände hoben, wie ihre Schultern zuckten, wie die Bäuchlein sich vorstreckten und die Köpfe sich auf die Seite legten; wie sie Grimassen schnitten, die Nasen kraus zogen, die Augen rollten, wie sie einander von weitem ein süß-giftiges Lächeln, zuckersüße Worte mit spitzen Nadeln sandten – wenn man dem zuschaute, brauchte man wohl nichts Schöneres mehr in der Welt. Das Theater, unser heutiges Theater, ist rein nichts dagegen.

Diese Schleier und auch die »Astrachaner« wurden von den christlichen Webern des Städtleins in ihren Werkstätten daheim hergestellt und die Juden waren die Abnehmer der Ware, für die sie bar oder auch mit Strängen Zwirn zahlten. Jeder hatte seine bestimmten Weber, mit denen er Handel trieb. Gewöhnlich waren junge Leute in diesem Geschäft tätig, die noch Kestbrot aßen oder das gerade hinter sich hatten und die noch ein paar bare Groschen von der Mitgift besaßen. Auch die verheirateten Söhne Reb Chajems handelten damit und hatten ihren Unterhalt davon. Diese Ware wurde dann durch größere Kaufleute aufgekauft und nach allen litauischen Städten ausgeführt, wo sie einen starken Abgang hatte. Die Armleutner Schleier waren überall berühmt. Es war guter Verdienst im Städtlein und viele Leute lebten davon.

So ging es lange Jahre, vom Vater zum Sohn – und plötzlich war das Verhängnis da!

Das schlimme Trachtengesetz war erlassen – die Männer sollten »deutsche« Kleidung antun und die Frauen sollten sich nicht das Haar abschneiden dürfen.

Wenn die Männer »Deutsche« wurden, dann wurden also auch die Frauen »deutsche« Frauen . . . Freilich in Armleuten ging es noch halbwegs gnädig ab. Die Pejes, das Stramel, die verschleierten, geschorenen Köpfe blieben wie früher, aber anderswo in der Welt, da stand es schlimm! Die Juden taten Schirmmützen auf den Kopf und die Jüdinnen taten ihren Schleier vom Kopf und zogen litauische Hauben drüber, ein furchtbares Lumpenwerk. Aus war's mit den Schleiern, aus mit dem Handel, aus mit dem Erwerb! Armleuten war wie vernichtet, jeder fühlte den Schlag. Auch die Weber fühlten ihn und die Spinner, die kleinen und die großen Aufkäufer. Auch die Schankwirte fühlten ihn, denn wenn der Weber nichts fürs Brot hatte, hatte er auch nichts fürs Trinken. Und wenn alle diese Mangel litten, litten natürlich auch die Krämer, die Handwerker und alle kleinen Leute. Wer hatte den Kopf darauf, sich etwas zu kaufen oder machen zu lassen? Das Elend nahm überhand, es gab frische Arme, nagelneue Schnorrer. Verarmte junge Leute mit vielen Kindern ergriffen den Lehrerberuf. Luftmenschen und Lehrer gingen wie Unkraut auf. Es waren nicht so viele Schüler wie Lehrer vorhanden. Schlimm war es! Und wenn es den Menschen schlecht geht, werden sie selbst schlecht. Man biß und zankte sich, wollte einander den Bissen aus dem Munde reißen, war einander so spinnefeind, daß man mit den Messern aufeinander hätte losgehen mögen. Die frühere Ruhe und der Frieden im Städtlein waren dahin.

Auch bei Reb Chajem wirkte sich die Zerstörung des Handels schlecht aus. Die verheirateten Kinder saßen plötzlich auf dem Trockenen und verdienten nichts. Ein Schwager, der mit Zwirnsträngen gehandelt hatte, machte Bankrott, lief davon und ließ seine Frau mit einem kleinen Kind wie in der Wüste zurück. Die fielen jetzt auf Reb Chajems Schultern. Seine eigenen Geschäfte gingen auch schlecht. Bei der Fleischsteuer, die er in der letzten Zeit gepachtet hatte, setzte er ungeheuer viel zu, denn die Leute aßen weniger Fleisch. Im Haus herrschte trübe Stimmung, man war gegeneinander ganz anders als früher.

Schloimale begann die Not zu spüren und die Bitterkeit des Lebens zu verkosten. Die kindliche Ruhe war vorüber.

Wenn Unglück kommt, dann bricht es von allen Seiten herein. Plötzlich, eines schönen Sommertages, gerade in der richtigen Zeit, da die jüdischen Städte niederbrannten, brach in Armleuten eine wilde Feuersbrunst aus. Mehr als die Hälfte der Häuser ging in den Flammen auf, unter ihnen auch Fradels Elternhaus. Die Häuser waren zerstört, überall staken nackte, rauchgeschwärzte Kamine auf Aschenhügeln, wie die Grabsteine auf einem Friedhof. Die Menschen irrten hungrig, zerlumpt, mager und blaß wie lebende Leichname durch die Straßen. Manche wühlten und stöberten in den Misthaufen ihrer verbrannten Häuser herum und suchten irgend etwas, irgend eine Spur ihres Besitzes, so wie man sich, nach dem Sprichwort, mit dem Hufeisen seines verreckten Pferdes begnügt. Und die Freude, wenn einer einen »glücklichen Fund« gemacht und aus der Asche einen Nagel, einen Topf oder ein paar gebratene Kartoffeln hervorgegraben hatte, zerriß dem Betrachter das Herz noch viel heftiger als die Qual jener Unglücklichen, die mit den Händen im Schoß trüb und zerschmettert, mit blassem, langgezogenem Gesicht dasaßen.

Fradels Eltern wurden mit ihren Kindern von Reb Chajem zu sich ins Haus genommen. Es entstand eine erstickende Enge und jeder litt. Aber was sollte man tun? Es war ja zum Erbarmen.

Nur einer litt nicht – das war Schloimale. Im Gegenteil, er war im Herzen ganz ungewöhnlich froh – er war ja jetzt mit Fradel zusammen und unter einem Dach. Je enger das Haus, desto schöner war es für ihn. Gelegenheiten, um sie anzusehen, mit ihr zusammenzustoßen, ihre süße Stimme zu hören, ihre bloßen, schöngeformten Arme bei irgend einer Arbeit zu sehen, ihren Atem zu spüren – solcher Gelegenheiten gab es im Tag sehr viel, und man hatte es nicht einmal nötig, sich in acht zu nehmen. Schloimale wußte gar nicht, was er anstellen sollte, um sich den Eltern Fradels irgendwie nützlich zu erweisen, ihnen etwas zu holen, Wege für sie zu machen, er tat, was ihm nur möglich war. Um ihnen zu gefallen und ihnen eine Freude zu bereiten, kam er alle Tage mit einem kleinen Wäglein zu ihrem verbrannten Hause, gerade zur Zeit, wenn Fradel dort herumstöberte. Schweigend, ohne ein Wort zu sprechen, suchte und grub er, und was er erbeutete, legte er ins Wäglein. Was Fradel fand, nahm er ganz still aus ihren Händen und legte es dazu. War das Wäglein voll, dann schleppte er den Wagen, Fradel half und stieß von hinten, und rot wie die Krebse und schweißgebadet führten sie es nach Hause. Auf diese Weise nahm er einen ganzen Ofen und Kamin auseinander und brachte die Ziegel heim. Die Freude eines Helden, der im Triumph mit reicher Beute, mit Gold und Silber, aus der Schlacht zurückkehrt, konnte sich mit Schloimales Freude nicht messen, als er damals mit Fradel zusammen das mit Ziegeln, Eisenstücken und ähnlichen Überbleibseln aus dem Brand bepackte Wäglein schleppte. Es ist traurig zu gestehen, aber es war wirklich so – der Brand, der so vielen armen Menschen Unglück und Verderben brachte, machte ihm im Herzen Freude. Es war genau so wie mit einem Erben reicher Eltern. Er weint ja, wenn sie die Seele aufgeben, aber zu gleicher Zeit ist er im Herzen gar froh.

Aber wehe, Schloimale bekam den Brand erst später zu fühlen. Erst später traf ihn das große Unglück, und sein Hab und Gut brannte sozusagen nieder. Die armen Eltern Fradels gaben alle Hoffnung auf, sich hier in der Stadt je wieder zu erholen, nahmen für immer Abschied von ihr, packten die Kinder zusammen und fuhren irgendwohin in die Ferne. Nachdem Schloimale so lange Zeit mit Fradel zusammen verbracht hatte und so innig an ihr hing, riß ihm ihre Abreise das Herz entzwei, und das Leben wurde ihm zur Qual.

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