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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Dreizehntes Kapitel

Als große Kinder waren beide, sowohl Asek der Schmied, als auch Herzel Kejles der Tischler Schloimale sehr lieb; was aber Asek den Schmied betraf, so wurde das Herz Schloimales nicht so sehr von der Person Aseks als von seiner Schmiede angezogen. Die Schmiede sprach zu seiner Seele und erweckte weit süßere und angenehmere Gefühle in ihm als Aseks Philosophien. Bei Herzel Kejles dagegen war er es gerade, der Schloimales Herz anzog, seine Person selber, so wie er leibte und lebte, mit seinem Gebaren und all seinen Launen, alles zusammen, wie es bei niemandem sonst in der Stadt war. Herzel Kejles war selbst so eine Art Schmiede, denn ein Feuer glühte und brannte in ihm.

Seine lernfreie Zeit teilte Schloimale je nach dem Wetter und der Jahreszeit zwischen der Schmiede und Herzel Kejles. Im Herbst zum Beispiel, zur Regen- und Morastzeit, oder wenn die Witterung sonst mal häßlich, wenn es naß und kalt war und von allen Seiten blies, wenn der Himmel mürrisch einen verblichenen Bettelmantel von absonderlicher Farbe mit Flecken und Flicken über Flicken grauer, schwarzer und dunkler Wolken überzog, wenn sein finsteres Gesicht in Schwermut versetzte – trieb es Schloimale in die Schmiede. Er kletterte hinter irgend einen Haufen im Winkel und saß da still und starr und gedankenversunken und schaute. Der Blasebalg fachte und fauchte, die Kohlen flammten, die Eisen glühten, die Funken flogen – Schloimale war in Zauber geschlagen. Sein Geist entschwebte in wunderbare, ferne Welten. Herrliche Bilder, schöne Gestalten aus wunderbaren Geschichten und alten Märchen traten hervor – alles, wonach sein Herz verlangte. Aus der flammenden Kohle des Ofens blickten schwarze, brennende Augen zu ihm heraus. Die aufschießende Feuersäule wurde zu einer hohen Leiter bis in den Himmel hinein und die Funken zu Engeln, die an ihr auf- und niederflogen. Klapp-klapp schlugen die Hämmer das glühende Eisen – dort, ah, zerbrechen die Schlösser an verzauberten Palästen, Prinzessinnen erwachen aus langem Schlafe und treten hervor. Wie schön und strahlend sie sind, wie eine unter ihnen gleich dem Morgenstern hervorleuchtet – Fradel! Schloimales Körper saß in einen Winkel gedrückt in der Schmiede, aber seine Seele stieg empor und flog in andere Welten, wo sie es hell, warm und schön hatte, wo es sproß und blühte, wo gute, wunderbar schöne Dinge zu sehen waren. Schloimale war ein Schöpfer, er schuf und lebte voll Wonne in den Welten, die seine Phantasie erschaffen hatte.

War aber der Himmel klar und schien die Sonne, war die Erde grün und die Welt hier schön – dann trieb es Schloimale mit Macht, sich ihr mit Seele und Sinnen hinzugeben. Dann zog es ihn zu Herzel Kejles, dessen Haus und Wirtschaft Dorfgeruch atmeten und den frischen Duft des Feldes ausströmten, dessen Wesen und Leben seinem Herzen mehr als das aller andern Leute in der Stadt entsprach. Denn wo war es sonst erhört, daß sich ein Jude, ein städtischer Bürger mit Geflügel und Vieh abgab, Ochsen, Pferde hielt und einen Bauern, den Trochim, zur Bestellung der Felder und einen Hund auch noch obendrein hatte? Ein Jude – ein Stadtbürger, der nicht mehr als den Marktplatz und das Beßmeddresch zu kennen hat – sollte am Schabbes-Nachmittag mit seinem Kind spazieren gehen, statt sein Schläfchen zu halten?!

Schloimale wurde im Hause Herzel Kejles heimisch und mit seinem Sohn Ben-Zieen, dem früheren Schüler Reb Chajems, innig befreundet, sie liebten einander grenzenlos.

Ben-Zieen vereinigte in sich das Land- und das Stadtkind. Er war in den kleinen schwarzen Zeichen zuhause und konnte Germure lernen, aber er hatte keine Lust dazu und gab sich lieber mit der Wirtschaft im Haus und auf dem Felde ab. Er war von Natur aus gut und schweigsam, er sprach wenig und nur in Andeutungen und tat viel. Schloimale verstand ihn ohne Worte. Ben-Zieen saß etwa an einem Sommertag auf seinem Balkon. Die Sonne sengte fürchterlich. Zu seinen Füßen lag der Hund, auf dem Bauche ausgestreckt, seine Flanken flogen vor Hitze. Von Zeit zu Zeit hob er plötzlich den Kopf, riß das Maul auf – flipps war die Fliege drin! An seiner Seite saß die Henne mit ausgebreiteten Flügeln, unter denen sich die Schnäbel der kleinen Küchlein vernehmen ließen. Sie genossen jetzt die Ruhe, nachdem sie so viel gelaufen waren und im Mist gepickt hatten. Der Marktplatz war leer, kein lebendes Wesen auf ihm zu erblicken. Das Vieh war ja auf der Weide, die Kinder in der Schule, und die Großen gähnten im Haus oder im Laden und lechzten nach einem Schluck kalten Wassers. Eine Katze kletterte an einer Wand empor und blieb mitten drin stehen, drehte den Kopf nach hinten, schaute, sann und überlegte, was sie tun, ob sie weiter hinauf oder wieder hinunter sollte. – Schloimale schlich wie ein Kätzlein aus dem Hause, nachdem er das Stücklein Talmud für den Vater schnell ein wenig gelernt hatte und losgeworden war. Da stand er nun voll Sehnsucht. Seine Augen schauten immer wieder dahin, wo der Himmel niederstieg, wo sich eine dunkelgrüne Linie hoher Wipfel erstreckte. – Er erblickte Ben-Zieen und mit einem Sprunge war er neben ihm. Ben-Zieen gab ihm einen Wink, bewegte ein bißchen die Nase, stand auf und machte sich auf den Weg, Schloimale mit strahlendem Gesicht hinterdrein. Beide schwiegen und verstanden einander: Sie gingen zu einem großen Spaziergang aus dem Städtlein.

Unterwegs ging Ben-Zieen vor der Stadt zu ihrer Scheuer, um nach dem gehäuften frischen Heu zu sehen. Da drin war es frisch und erquickend kühl, und der Duft des Heues rann einem durch alle Glieder. Die beiden Freunde warfen sich hin, streckten sich längelang aus, lagen und schauten zu, wie die Schwalben aus- und einflogen und zwitschernd ihre Nester unter dem Strohdach umkreisten. Offene gelbe Mäulchen junger, nackter Schwälblein streckten sich ihnen essenheischend entgegen.

Die Freunde verließen die Scheuer und kamen an die offene Ebene. Felder mit allerlei Getreide erstreckten sich weit in die Länge und in die Breite. Von ferne sah es wie ein Gemälde aus: Weißrötlich blühender Buchweizen, rings in einem Rahmen goldgelben Weizens gefaßt. Blaue Blumen im Korn ergötzten die Augen, Gottes Geschöpfe flogen und sprangen und tanzten und summten einem die Ohren voll. Ben-Zieen betrachtete ein ihnen gehöriges Haferfeld und war sehr zufrieden. Dann ging er weiter und Schloimale hinterdrein. Beide waren rot wie Krebse, beide waren vergnügt und sprachen kein Wort. Sie kamen an eine Wiese. Dort weideten Pferde mit Fesseln an den Vorderbeinen. Daneben brannte unter einer alten Weide ein kleines Feuer, an dem Trochim Kartoffeln briet und mit dürren Zweigen Rauch erzeugte, um die Mücken zu vertreiben. Ein Pferd, das in der Nähe war, erblickte den Herrn und hob den Kopf hoch, sprang ein paarmal mit den gefesselten Vorderfüßen und stieß ein Wiehern aus: »Willkommen!« hieß das. Ben-Zieen gab ihm den Gruß zurück, indem er es auf den Rücken patschte, erteilte dem Trochim Aufträge und ging weiter, Schloimale mit ihm, tief in einen Wald hinein.

Von der Stunde an, da Schloimale den Wald kennen lernte, hatte er Ehrfurcht vor ihm. Er liebte ihn und er fürchtete sich vor ihm. Als er noch klein war, hatte er viel schreckliche Geschichten über ihn gehört: Im Walde gab es Räuber, im Walde gab es wilde Tiere – Wölfe und Bären. Dämonen und Unholde gab's auch in ihm. Mädel waren einmal mit vollen Schüsseln gepflückter Erdbeeren gegangen, da war ein Bär gekommen, hatte die Beeren gefressen und die Mädel konnten mit Mühe ihr Leben retten. Nun, und außerdem war der Wald für die jüdischen Kinder eine Gefahr wegen der Christenbuben mit ihren Hunden.

Wenn er mit seinen Freunden in den Wald kam, pochte ihr Herz, sie sahen sich nach allen Seiten um, bissen beim leisesten Geräusch die Lippen zusammen und flüsterten: »Psst!«

Später dann auf seinen Spaziergängen mit Herzel Kejles, mit Ben-Zieen und dem Hunde, gewöhnte er sich an den Wald. Wenn man dort Christenbuben begegnete, sagte man einander guten Tag, die beiderseitigen Hunde berochen und beleckten einander, und man ging wieder weiter. Auch vor Dämonen brauchte man keine Angst zu haben. Herzel Kejles hatte eine Beschwörung gegen sie. Sie hatten hier im Wald einmal einen Wirbelsturm zusammengebraut, so pflegte Herzel zu erzählen, und wollten einen Heuschober auseinanderreißen und davon tragen. Da hatte er ein Messer mitten in den kreisenden Wirbel geworfen, einen Spruch aus einer alten Handschrift gesagt, die in seiner Familie im geheimen vom Vater auf den Sohn überging und sie dadurch für immer und ewig vertrieben. Furcht also brauchte man nicht mehr zu haben, aber die Ehrfurcht vor dem Wald verblieb Schloimale für immer.

In seinem Kopf bildete sich der Wald als ein lebendes Wesen ab, als eine Art Volk. Auf einem großen Stück Land stehen Bäume – Greise, Großväter, Urgroßväter und die Kleinen, das Jungvolk. Jeder scheint für sich allein dazustehen, aber im Grunde genommen sind sie tief miteinander verknotet und mit den Wurzeln vereinigt, sie saugen ihre Nahrung aus der gleichen Wurzel. Weht ein Lüftlein von irgendwo her, stecken sie die Köpfe zusammen und flüstern einander ihre Geheimnisse zu. Keiner schweigt still, es »berührt« jeden und jeder läßt auf seine Weise seine Meinung und Zustimmung vernehmen. Der leichteste Schlag, der den einen trifft, findet in der Ferne Widerhall. Und wenn manchmal ein böser Nordsturm daherbraust, fährt der Wald zornig und wütend auf. Ein Lärmen und Toben entsteht bei groß und klein. Dann rauscht und stürmt es wie von Meereswogen. Wo nur ein lebendes Wesen im Wald ist, verstummt es voll Entsetzen und verkriecht sich in sein Loch.

Schloimale kannte den Wald und kannte sein Wesen, er hatte ihn gesehen, wie er im Sturm mit wilder Gewalt lostobte, und darum bekam er immer, wenn er ihn betrat, Ehrfurcht vor ihm, selbst wenn er still und ruhig dastand und gastfreundlich einlud, einzutreten und in seinem Schatten zu ruhen, wenn er höflich Erdbeeren und Blaubeeren vorsetzte und seine Kapelle süße Melodien spielen ließ. Von dem Spaziergang auf den freien und fröhlichen Feldern müde, saß er jetzt mit Ben-Zieen an einen dichtbelaubten Baum gelehnt, lauschte und blickte auf alles in der Runde mit Ehrfurcht und hatte Wonne im Herzen.

Sie verließen den Wald und machten sich zur Stadt auf, kamen ein wenig spät ins Beßmeddresch geschlichen – psst, husch –, als wäre gar nichts gewesen – und beteten Minche zur Nachkur.

Schloimale sah zu, wie es in der Wirtschaft Herzels zuging und fing an, auch bei sich zu wirtschaften. Er suchte sich Arbeit im Garten hinter dem Haus, kroch zwischen die Beete, um Zwiebeln, Rettiche und Gurken auszugraben, jätete das Unkraut und sah dann zehnmal im Tag beim Grünzeug nach, ob es auch gewachsen war! Er beschäftigte sich mit Tauben, baute ihnen auf dem Dachboden Strohnester und hielt sich Singvögel in Käfigen. Er setzte Hühner auf Eier, in einem Korb unter dem Bette, und kroch öfters hinunter, da er neugierig war zu sehen, wie die Küchlein auskrochen.

Es traf sich gerade, daß eine Truthenne im Haus herumspazierte, die sehr schön war und die Zuneigung der ganzen Familie besaß. Man bat sie von der Mutter los, daß sie nicht fürs Pejssech-Fest geschächtet werde. Es gebe ohnedies noch ein Paar im Hause, darum könnte sie leben bleiben und zur Aufzucht dienen. Es war glücklich so weit, die Truthenne setzte sich auf die Eier, setzte einen Satz Junge durch und Schloimale nahm freudig die ganze Mühe auf sich, das Kleinzeug großzuziehen.

Und die Wahrheit muß man sagen, er machte seine Sache gewissenhaft, schenkte ihnen viel Zeit und gab sich mit ihnen weit mehr ab, als es den Eltern recht war, so daß es manchmal darüber unter vier Augen zu einem Wortgefecht kam.

»Du!« sagte Reb Chajem zu seiner Frau, die er nach jüdischer Art nie beim Namen, sondern bloß »du« nannte. »Mit der Truthenne, das hast du angerichtet! Nach Truthenderln hatte sie Sehnsucht! Jetzt lernt mir der Bub nichts und denkt nur immer an die Truthenne und ihre Küchlein! N-n-nu!«

»Da hast du es! Das ist ja nett!« verteidigte sich Ssure ärgerlich. »Ich habe mich nach Truthenderln gesehnt! Alle im Haus flehten mich an: ›Lass' die Truthenne leben!‹ Wenn irgend was los ist, läßt man den Zorn an mir aus. So wahr ich eine Jüdin bin, morgen schicke ich – unbeschworen – zum Schächter. Wenn du willst, kann er meinetwegen die Truthenne mit den Küchlein zusammen schlachten.«

»Nur keinen Zorn«, sagte Reb Chajem, er wurde sanfter und bat schon beinahe. »Man darf ja kein Wort mit dir reden. Gleich wird sie zornig. Wozu die armen kleinen Dinger schlachten? Wenn sie schon leben, dann mögen sie nur weiterleben. Es wäre wirklich zum Erbarmen!«

»Was willst du also von mir?« meinte Ssure, und zürnte noch immer. »Wenn du ein gar so barmherziger Mensch bist, was willst du dann von mir?«

»No, ich sage ja gar nichts«, verteidigte sich Reb Chajem mit gutem Lächeln. »Ich meine ja bloß: Sein Kopf ist zuviel bei den Küchlein, ans Lernen denkt er nicht und steckt nur immer und ewig bei ihnen draußen.«

»Ich weiß wirklich und wahrhaftig nicht, was du willst«, sagte Ssure, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Er will sein Kind den ganzen Tag einsperren. Ich bring's nicht übers Herz, ihm zu verbieten, das helle Tageslicht anzusehen. Du bist doch der Vater, los, setze du dich mit ihm hin und lerne von früh bis Abend, warum schaust du ihn denn den ganzen Tag nicht an, der Vater?«

»N-n-nu, genug!« Reb Chajem tippte seine Frau mit dem Finger und lächelte sie so freundlich an, daß auch sie lächelte – und Friede war wieder wie früher.

Schloimale hatte Lust, es Herzel Kejles auch in den schönen Handarbeiten nachzutun. Er vertiefte sich voll Bewunderung in Herzels »Rabbi Joisse mit der Taube als Himmelstimme« und wollte auch etwas schaffen, aber es ging nicht. Er hatte kein Gerät – verantwortete er sich vor andern und vor sich selber. Zum Schnitzen braucht man ein scharfes Messer. Das Messer, das er für einen ganzen Pfennig als Loseinsatz gewonnen hatte, taugte nichts. Die Klingen waren aus Blech. Und zum Malen, sagte er, muß man Farbe haben, blaue und rote Farbe. Darum hatte er auch keine Schuld, wenn es nicht ging. Es war wahrhaftig hinreichend, daß er eine so geschickte Hand besaß, die aus Papier Laternen faltete, aus einem Span einen Ohrlöffel schnitzte und das »Be-esres-haschemm« mit solchem Strich und Schnörkel oben an den Brief schrieb, daß ein Vogel herauskam.

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