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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Elftes Kapitel

Man kann sich vorstellen, welchen Geschmack der »Traktat vom Ei« haben mag, sobald die Zunge des Menschen die Dinge verkostet hat, nach denen der böse Trieb gelüsten läßt. Kann man sich wohl einschließen, lernen, sich mit allen Gedanken in Zeiten und an Orte versetzen, die einem so fern und fremd sind – während einem hier Gottes Welt mit ihren schönen, guten Dingen vor Augen steht, und die Seele lockt: »Hier, koste! Nur zu, dann weißt du, daß du lebst!« Schloimale war jetzt der »andern Welt«, der er früher mit Leib und Leben angehört hatte, ganz entfremdet – sein Sinn war nicht mehr wie einst bloß mit dem Talmud beschäftigt. Er hatte nach vielen Dingen Verlangen und gelüstete nach dem Tand der Welt. Die Lektion für den Vater lernte er zwar noch, so gut es ging; er schluckte die Seite in Hast und Eile so nebenbei hinunter, um die Sache nur los zu sein – aber dann ging er den größten Teil des Tages spazieren. Er suchte sich neue Wege, neue Freunde. Ob sie seinesgleichen oder nicht seinesgleichen, jünger oder älter waren als er, kümmerte ihn nicht. Wenn man mit ihnen nur gut die Zeit verbrachte und sich unterhielt. Wie gut man da sann, wie herrlich das war.

Schloimale lief öfters zu Asek, dem Schmied in die Schmiede, besonders, wenn es draußen regnerisch und kalt und ihm dann trüb ums Herz war. Dort saß er in einem Winkel und blickte gedankenverloren. In der Schmiede war es dunkel, vor ihm fauchte heiser ein lederner, geflickter Blasbalg. Der stieß seinen Atem aus, die Funken schossen empor und tanzten im Ofen wie die Teufel. Dabei kam ihm die uralte Erzählung der Bibel in den Sinn: Abraham saß traurig da und schlummerte. Die Sonne ging unter. Es war neblig und siehe, vor ihm ein Ofen voll Rauch und Feuerflammen. Die Funken springen und tanzen und die Gedanken Schloimales fliegen ihnen nach. Sonderbare Gestalten erscheinen ihm wirbelnd im Reigen der Funken und klettern auf die bestrahlten Wände. Die Gestalten wandeln sich, kommen und gehen, bis ihm zuletzt plötzlich Fradel erscheint! Voll Erregung sättigt er seine Augen an ihrem Anblick, er schaut hingegeben – und erblickt deutlich das helle Antlitz Aseks, der das Feuer immer mehr anfacht und verstärkt. Und gerade, wenn die Sache brennend wird, reißt Asek mit der Zange ein glühendes Stück Eisen aus dem lodernden Feuer, hält es mit der einen Hand über den Amboß und schlägt mit dem Hammer in der andern darauf, während ein kräftiger, breitschultriger Gesell im offenen Hemd, mit einem großen, schweren Hammer bewaffnet, dagegenschlägt. Ein Schlag von Asek, zwei Schläge vom Gesellen; Asek wendet rasch das Eisen – und der Gesell schlägt zu; Asek wendet das Eisen schnell weiter und der Gesell schlägt, klipp und klapp, weiter, daß die Funken stieben. Da gab es für Schloimale etwas zu sehen, das war einmal etwas anderes! Da gab es für ihn auch was zu hören. Denn die Arbeit liebt lustiges Wort und witzigen Einfall, damit sie lustig und munter gehe. Da erzählte man auch furchtbare Geschichten, daß einem beim Hören das Grausen über den Leib lief. Und an Menschen zum Reden war kein Mangel. Da gab es genug Bekannte und Fremde, die Arbeiten hinbrachten: Der eine eine stumpfe Axt, der andere eine zerbrochene milchige Klinge, der ein überdrehtes Schloß, jener hatte ein Pferd zu beschlagen und der andere wieder einen Eisenreifen auf das Rad zu ziehen.

Asek selbst war von Natur aus ein sehr gesprächiger und zutunlicher Mensch, der sich mit jedermann in eine ausführliche Unterhaltung einließ. Besonders liebte er es, sich ins Philosophieren einzulassen, einem den Zweck eines Dinges verständlich zu machen und zu erklären, warum dies so sei und jenes nicht so. Warum die Nasenlöcher zum Beispiel unten und nicht oben an der Nase, während die Luft von oben doch frischer zum Atmen komme als die von unten! Ein solches Problem konnte er aufwerfen, das Gesicht in ernste Falten legen und es dann mit einem guten Lächeln folgendermaßen lösen: »Das hat der Herrgott aus vernünftigem Grund so gemacht, versteht ihr. Damit der Regen nicht in die Nase hineinrinnt, versteht ihr.« Er warf eine Menge ähnlicher Probleme auf, indem er sich über die Weltordnung mit ständigen Warums verwunderte und schließlich philosophische Beweise gab, daß es so, wie es war, wahrscheinlich sein müsse, daß es so ganz gut sei, »Gott hat schon Recht, die Katze hat darum scharfe Krallen, um auf den geraden Wänden klettern zu können; das Pferd darum einen langen Schwanz, um sich die Fliegen wegzuschlagen und die Fliegen haben eben darum Flügel, um halt geschwind wegzufliegen«. »Lernen« konnte Asek der Schmied just nicht, das hinderte aber gar nicht, daß er philosophierte und bei den Leuten »Asek, der Philosoph« hieß. »Lernen« und Philosophie sind wohl zwei ganz verschiedene Dinge.

Nahm sich Asek, der Schmied, schon die ganze Woche über gar schön aus, wenn er in der zerlöcherten Lederschürze, ohne Rock, in seiner Schmiede stand und Philosophie vortrug, so sah er am Schabbes- und Jontew-Abend auf dem Schiehl-Platz noch viel schöner aus. Dort stand er in einem Lastingkaftan, auf dem Kopf das Stramel, wie alle ehrbaren Bürger, die eine Hand bis an den Daumen im Gürtel, und hielt einem um ihn versammelten Kreis Vortrag. Die Gruppe vergrößerte sich immer mehr, die Leute wurden wie magnetisch nähergezogen, hielten ihr Ohr hin und lauschten, was Asek sagte. Das Gespräch drehte sich um Zimmes, und man philosophierte über die Bedeutung dieses Wortes. Von diesem Thema kam man zu Pastinake, und Asek begann philosophisch zu erklären, warum Pastinake gleich nach dem ersten Donnerschlag im Sommer den Geschmack verliere. Er verwickelte sich beim Philosophieren und kam auf Brennesseln: Warum Brennesseln nicht gesät werden und doch wachsen. »Na eben!« kehrte er wieder um, »das ist eben keine Frage! Im Gegenteil, grad darum, weil man sie nicht sät, wachsen sie von selber. Es ist genau so, versteht ihr, wie mit Dummköpfen, die wachsen auch von selbst. Gott weiß, versteht ihr, daß es beide auch auf der Welt geben muß, versteht ihr.« Die Leute im Kreisen waren sehr zufrieden und lachten voll Freude.

Die Freude war aber noch größer, wenn es manchmal zum Wettstreit zwischen Asek dem Schmied und Lejske, dem zweiten Philosophen der Stadt, kam. Lejske war ein ehemaliger Dorfpächter, der sich im Alter in der Stadt niedergelassen hatte, um unter Juden zu wohnen, mit der Gemeinde zusammen zu beten und Gottes Gebote zu erfüllen. Eine Wange Lejskes war ein wenig gebläht, seine Nase war versperrt, darum schnaufelte er, wenn er sprach, und wenn er in Erregung kam, so wurde seine Stimme pfeifend und piepsig. Lejske konnte gutbürgerlich »lernen«, las in alten jüdischen philosophischen Werken und er und Asek waren immer verschiedener Meinung. Lejske berief sich immer auf frühere Philosophen, auf Aristoteles, auf die Bücher »Schatten der Ewigkeit«, »Buch des Bundes« und ähnliche. Er selber war kein eigener Denker, Asek, der Schmied, dagegen stellte alles auf seinen Verstand, wollte von keinem Aristoteles was wissen und ging in der Philosophie seine eigene Straße. Besonders berühmt war ihre Debatte über Schröpfköpfe – warum der Schröpfkopf fest am Körper haftet und nicht hinunterfällt. Lejske sagt: »Die Sache ist so, meine Herren: Dadurch, daß man mit der brennenden Kerze plötzlich in den Schröpfkopf fährt, wird er natürlich luftleer. Nun erinnert euch, Leute, wir haben ja ein Gesetz, daß die Natur die Leere haßt, darum, meine Herren, drängt der Körper natürlich in den leeren Raum im Schröpfkopf.«

»Ach was, leer und Schmeer und Quatsch!« sagte Asek ganz ruhig und lächelte und hielt sich den Bart. »Und vorher, was war denn da, war da der Schröpfkopf nicht leer? Ist die Luft denn ein Ding? Los, probiert es doch, mein Herr, ob es so ist und legt euch oben in der Höhe einmal in die Luft hin. Hinunterpurzeln werdet ihr, Reb Lejske, und euch die Nase zerschlagen. Was ist das überhaupt für ein Ausdruck: ›dadurch leer werden, daß man mit der Kerze hineinfährt!‹«

»Das ist nicht mein Ausdruck«, näselte Lejske wütend, »so sagt Aristoteles. Hört ihr? Aristoteles!«

»Na so was! Aristoteles! Das ist kein Spaß: Aristoteles!! Das ist wohl ein Ruuw, der Schales entscheidet, hm?!«

»Aber das steht so in unsern jüdischen Büchern, in unsern philosophischen Werken«, sagte Lejske, der schon sehr aufgebracht war und pfiff durch die Nase.

»Was habe ich davon, was da bei euch alles steht. Ich selber steh, gottlob, ich steh schon so viel Jahre in der Schmiede beim Ofen. Dort brennt ein Feuer, das ist ein wenig größer als eure Kerze – und trotzdem geschieht nichts, es ist nicht so wie beim Schröpfkopf! Warum?«

»E, e – mit einem Buben kann man nicht reden!« sagte Lejske kurz, schüttelte ärgerlich den Kopf und ging weg ohne zuzuhören, wie Asek den Leuten auf seine Weise erklärte, was es mit dem Schröpfkopf für eine Bewandtnis habe.

Asek, der Schmied, war schon Großvater, er hatte schon Enkelkinder von seiner ältesten Tochter, die mit ihrem Mann, einem »guten Lerner«, bei ihm zu »Kest« war – und war trotzdem in seinem ganzen Gebaren gerade wie ein richtiges Kind, ein altes Kind, eine verwunderliche Sache unter Juden. Im Gegensatz zu der bedrückenden, traurigen Stimmung, die die Erwachsenen mit ihrem Gesorge, mit ihrem Ach und Weh und ihrem ewigen bitteren und saueren Moralpredigen in Schloimale hervorriefen, war ihm das freundliche, fröhliche Gesicht Aseks lieb und gut und angenehm wie die helle Sonne, wenn sie aus den finsteren Wolken hervortritt, die ganze Art seiner Unterhaltung mit allen seinen Geschichten und Märlein klang ihm so süß und erquickend wie ein bißchen Aggada nach einer recht schwierigen Seite Halacha. Ein jüdisches Kind, das schon erzogen und zu einem kleinen erwachsenen Juden gemacht wird, kaum daß es stehen kann, dessen Jugend so rasch wie ein Traum schwindet – ein solches Kind fühlt sich wie neugeboren in der Gesellschaft eines Menschen, der ihm zutraulich entgegenkommt, ihm ein liebes Gesicht zeigt, der selbst auch noch kindlich ist, der mit ihm in der gleichen Sprache redet und ihm mit seinen Geschichten zur Seele spricht. Das Kind lechzt nach einem solchen Menschen und seinen Worten, wie ein dürrer Grashalm in der großen Hitze nach einem Tropfen Wasser, und hängt mit Leib und Seele an ihm. Aber solche altjunge Menschen sind bei uns sehr schwer zu finden, und später wird es nicht einmal einen einzigen geben. Zu Schloimales Zeiten waren zu seinem Glück noch zwei solcher Leute in seinem Städtlein vorhanden. Asek der Schmied war der eine und Herzel Kejles, der Tischler, war der zweite. Beide wirkten auf den Geist Schloimales und erhielten die Flamme der Jugend in ihm, beide waren ihm sehr teuer und zu beiden fühlte er sich sehr hingezogen.

Herzel Kejles war wie Asek schon ein bejahrter Mann, der Kinder hatte. Auch er war mager und blaß, so wie der andere, bloß mit dem Unterschied, daß Asek groß und Herzel ganz klein war, daß Asek immer ruhig und gelassen war, immer im gleichen, unveränderten Tone redete, wie es sich eben für einen Philosophen ziemte, und nie schreiend die Wörter jagte und hitzig werdend aus der Haut fuhr.

Herzel dagegen war quecksilbrig, beim Sprechen ging seine Stimme auf und nieder und schloß in sonderbaren, quietschenden Tönen. Seine Unterhaltung war zerhackt und abgebrochen und endete infolge großer Hast mit Winken oder Handbewegungen. War nur das Geringste nicht nach seinem Willen, so brauste und schäumte er auf und zappelte an allen Gliedern – er war ein vollständiger Dichter in jedem Nerv, toll, launisch und aufgebracht wie ein Poet. Und in ihm brodelte auch wirklich so etwas – der Geiste eines Künstlers steckte in ihm. Dieser Geist wogte rastlos in ihm wie der Sambatjen, strebte mit allen Kräften ins Freie und wollte in allerlei Arbeit der Hände zu Tage treten. Bei seiner Tischlerei war es ihm nicht so sehr um den Erwerb wie um das Vergnügen zu tun, das er von ihr hatte, wenn er ein Gerät herstellte. Er konnte mehr als notwendig an einem Stücklein Arbeit sitzen, es mit Zierat und Schnitzereien schmücken, obwohl man gar nicht so viel von ihm verlangt hatte, bloß damit es schön würde. Er sah, daß Lippe-Riewen Bilder für die Laubhütte malte und allerlei Getier hineinbrachte, so wie in der Arche Noahs. Da ging er hin und machte einen Rabbi Joisse – eine Gruppe, die eine Geschichte aus dem Talmud darstellte: Wie Rabbi Joisse – mit einem grauen Spitzbärtlein in Talles und Twillen gemalt – in den Ruinen Jerusalems betet und dort eine Himmelsstimme vernimmt, die wie eine Taube gurrt – sie war ein wenig merkwürdig dargestellt – und spricht: »Ach, wehe um die Kinder, um deren Sünden willen ich mein Haus zerstört, meinen heiligen Palast verbrannt und sie ins Exil unter die Völker getrieben habe!« Die Kenner im Städtlein konnten sich an dem Bild nicht sattsehen und sagten, daß es in der Welt kein zweites gleiches mehr gebe. Rabbi Joisse, das wäre schon etwas, aber erst die Taube, die gurrende Taube, lieber Gott, die sei ja mehr als herrlich. Herzel spielte auch Geige, nicht auf Hochzeiten – dazu war ja Fatel, der jüdische Musikant, da für die Wochentage, und Kondrat, der christliche, für Schabbes zum »Fuurschpiel« bei der Braut –, er spielte bloß für sich. Im Sommer, abends, wenn das Stadtvieh schon vom Feld gekommen war und nach dem Melken auf der Straße lagerte, wenn aus den Kaminen langsam und wie schläfrig hellgraue Rauchsäulen aufstiegen, die Frauen am Herd standen und das Abendbrot kochten, wenn irgendwo aus der Ferne, von einem Bache her das Gequake der Frösche herüberzog und Käfer summend in der Luft schwebten – stand Herzel gewöhnlich draußen auf seinem Balkon, barfuß und bloß in Hemd und Hosen, und ergoß seine Seele auf der Geige. Kinder sammelten sich um ihn, und während sie sich den Mund mit Brotschnitten und halben Eiern vollstopften, spitzten sie die Ohren, gafften und hörten zu. Herzel geigte und sang dazu, geigte und trieb mit den Kindern Unsinn. Plötzlich gab es Sturm in seiner Seele, er tat einen Bogenstrich und hörte auf. Dann tat er wieder einen Strich und – geriet in heftigen Zorn. Bald brach die Wut los: Zum Teufel mit der Fiedel, Schluß mit dem Spielen – in Herzel spielte plötzlich der Zorn die erste Geige und bald erscholl durch die ganze Straße ein langer, quietschender Laut . . .

Herzel liebte es auch, sich in seinem Garten mit Säen und Pflanzen zu beschäftigen. Es hieß, daß er ein Werk namens »Buch der Heilmittel« habe, das sich in seiner Familie im tiefsten Geheimnis von Vater auf den Sohn vererbe und in dem die Natur aller Arten von Gräsern und Kräutern beschrieben stehe nebst ihren Kräften bei jeder einzelnen Krankheit. Schade nur, daß es mit den allerstrengsten Verboten untersagt war, sie zu benutzen, sonst hätte er wirklich Tote wieder lebendig machen können. Was waren alte Christinnen und Tataren mit ihren Kräutern und Sprüchen dagegen!

Herzels Lebensart war überhaupt anders als die der ganzen Welt, der andern Juden – er hatte keine Schenke im Haus; außer einigen Kühen besaß er auch noch ein paar Ochsen und auch ein Pferd, er hatte auch einen Bauern, Trochim, gedungen, um die Felder, die ihm von seinen Eltern als Erbe überkommen waren, zu beackern und zu bestellen. Auch ein Hund war natürlich da, der einzige jüdische Hund im Städtlein.

In die Schiehl kam Herzel sehr selten, nicht etwa, weil er ein Freidenker gewesen wäre und keine Gottesfurcht gehabt hätte! Im Gegenteil, er glaubte sogar an Geister und fürchtete sich und zitterte vor ihnen wie alle andern. Nein, es hatte gar keinen besonderen Grund. Wäre das Gleiche bei irgend einem andern gewesen, hätte ein anderer nur einmal zu Minche gefehlt, dann hätte die ganze Welt mit ihm zu tun bekommen: »Unerhört, der Lump schwänzt Minche!« Herzel aber durfte hundert Minches schwänzen, so machte das nichts und niemand kümmerte sich darum, weil er allen als Kind galt, als ein sonderbares, zerstreutes Geschöpf. Und dann hatte man auch Angst – wozu sollte man sich was vormachen? – vor seinem Geschrei. Kam er einmal zur Schiehl, dann war sein Lieblingsplatz bei der Bubenbande hinter dem Balemmer. Dann wurde es dort lebendig, ein Geschwätz und Gestoße ging an, gebetet wurde kein Wort, soviel der Schammes auch pflichtgemäß »Still!« rufen und die feinen Leute mit unwilligen Grimassen auf die Pulte klopfen und unartikulierte Laute ausstoßen mochten.

Herzel Kejles war für Schloimale gerade der Erwünschte. Die beiden waren gleichsam in ihren Gefühlen eins. Das, was Schloimale immer antrieb und in ihm brodete, etwas, was sich nicht erklären ließ, ein Trieb, der keinen Namen hatte; etwas, was es bei allen den sorgenvollen feinen Bürgern der Stadt nicht gab, in deren Gesellschaft er sich beengt und bedrückt und zum Ohnmächtigwerden gewürgt fühlte – eben das erriet seine Seele bei Herzel Kejles. Und wie sich später herausstellte, hätte der böse Trieb gar keinen besseren Freund für Schloimale entdecken können.

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