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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Zehntes Kapitel

Schloimale hatte von Natur aus heißes Blut. Ein poetischer Funke lag in ihm verborgen. Darum sann der böse Trieb klug darauf, diesen Funken anzufachen, ihm Verständnis, Gefühl und Liebe für die schöne Natur einzuflößen – ein gutes Mittel, um einen von der »andern Welt« loszureißen und die Benommenheit aus dem Kopf zu schlagen.

Anfangs kam er mit diplomatischen Listen und hüllte seine Ränke in einen Mantel von Gottesfurcht, sprach nur von Gott und seinem heiligen Gebot: »Kind, sieh Gottes Wunder am Sternenhimmel, im Regenbogen und in den glitzernden Tautropfen auf den Blättern im Garten. Höre die Stimme Gottes im Donner und Blitz, im Sturm und im Wehen des leisen Lüftleins, im Summen der Bienen und Käfer und im Schweben der Mücken.« Schloimale ließ sich überreden, betrachtete alles, spielte und unterbrach sich bei der Thora und sagte: »Wie schön ist die Welt!« Das ging immer weiter, und es zog ihn in die freien, grünen Felder, in die dichtästigen Wälder. Schloimale stahl sich aus dem Haus zu der anmutstrahlenden Natur, so wie der Bräutigam der Braut entgegeneilt! Die Braut grüßte ihn und sprach mit ihm im zarten, leisen Geflüster, zwischen wogenden Korn- und Weizenähren, sie winkte ihm mit rührig-beweglichen Zweigen hochgewachsener Bäume; sie lächelte und tat schön in einer leuchtenden Strahlensäule, die sich durch das Meer der Blätter hindurchbrannte. Sie zeigte ihm ihre Pracht und ihren Schmuck, ihren schönen, reichen Kleiderschrank. Sie machte ihm Lust, sich auf den grünen, blüten- und blumenbestickten Polstern auszustrecken, mit einem weichgesprenkelten Mooskissen zu Häupten; sie sandte ihm einen Kuß, kräuselte ihm mit einem milden, warmen Windhauch das Haar und ließ ringsumher eine wunderschöne Kapelle für ihn spielen – die Nachtigall schlug und ließ ihre Triller schwellen, Zeisig und Stieglitz und ihre ganze Chorgesellschaft begleiteten sie im Sopran, im Alt und im Baß. Von weitem antwortete das hohe Meckern der Ziegen, das helle Wiehern der Pferde auf der Weide dort und die dunkeln Posaunenstöße der Kühe. Vögel sangen und sprangen in den Bäumen oben, zum Ball geputzte und gezierte Schmetterlinge schwebten in der Luft, Grillen und Heuschrecken auf dem Boden zirpten, tanzten und ließen die Beine spielen. In Schloimale wurde ein Feuer entfacht, er verging fast in heißen und süßen Gefühlen. Wäre er richtig erzogen worden, wie es einem Menschen mit guten Gaben von Gott angemessen ist, hätten sich seine Gefühle wohl im Dichten, im Malen, im Spielen, im Formen ergossen. Schloimale wußte von all diesen Dingen nichts, bloß von Bibel und Talmud. Gedichtbücher hatte er noch nie vor Augen gehabt. Wenn der Geist über ihn kam, strömte er seine Seele in einem Getriller aus, in einer Smieres-Melodie, in einer traurigen »Badeckens«-Weise, oder er deklamierte laut den Psalm: »Preise, meine Seele«, indem er jedes Wort lang im Munde behielt und große und süße Inbrunst fühlte.

Da war also im Anfang alles anscheinend in bester Ordnung. Was wäre denn gegen einen bösen Trieb einzuwenden, der fromm ist und seinen Weg zum Himmel lenkt?

Im Grunde genommen ist die Schönheit der Natur leerer Tand, und es lohnt sich nicht, auch nur eine einzige Minute ohne jeden Nutzen an sie zu verlieren. Aber das, was sich für einen erwachsenen Mann, der Frau und Beruf hat, nicht schickt und paßt, das kann man einem Kind noch halbwegs erlauben: »Schön, geh mal hinterm Haus spazieren – in der Natur, wie die dort sagen, kugel' dich auf der Erde und im Grase herum; schau, da hast du einen Käfer, ein Mose-Kühlein, ein Vöglein! Du bist ja schließlich doch nur ein dummer Bub. Aber alles mit Maß, du Schlingel! Vergiß nicht, du Lausbub, daß ein jüdisches Kind lernen muß, daß die Gemure noch auf der Welt ist, du Stöpsel!« Ja, wenn Schloimale darauf geachtet hätte, wäre an ihm nicht viel auszusetzen gewesen, das wäre noch angegangen. Aber das Schlimme dabei war ja eben, daß er kein Maß kannte, alles vergaß, manchmal verschwand und sich zum Mittagessen verspätete. Der Vater bemerkte das nicht, weil er immer beschäftigt war und außer am Schabbes und Jontew immer besonders und nicht mit der Familie zusammen aß. Die Mutter wieder hatte mit der Wirtschaft zu tun und war mit ihren Angelegenheiten beschäftigt. Und wenn sie manchmal anfing: »Bub, wohin verschwindest du denn eigentlich?« und ihm drohte: »Warte nur, ich werde es schon dem Vater erzählen!« stellte sich Schloimale naiv und antwortete mit einem gottesunschuldigen Gesicht, in erstauntem Ton: »Ich war doch die ganze Zeit oben in der Frauen-Schiehl, he-he, und habe gelernt!«

Jetzt erst, da Schloimale schon durch Müßiggehen, Spazierengehen und Hintergehen so weit vom Wege abgekommen war, rieb sich die Schlafmütze, sein guter Trieb, die Augen wach und schalt ihn: »Du Lump, du! Nicht genug, daß du dich müßig herumtreibst und das Lernen schwänzt, bist du zu all dem Unglück auch noch ein Lügner und Schwindler! Und wen betrügst du gar? Die eigene Mutter! Die Hölle ist ja viel zu wenig für dich!«

Ach und Weh! Die Hölle kannte Schloimale ja gut aus der »Rute der Zucht« und ähnlichen Büchern. Da werden die sieben Arten der Höllenfeuer beschrieben, in denen die armen Sünder schmoren und büßen; auch die furchtbar ungeheuerlichen Engel des Verderbens mit den eisernen Geißeln; da wird jedes einzelne Flecklein genau geschildert, als ob die Verfasser dort alles mit eigenen Augen gesehen hätten! »O weh, es steht schlimm! Was ist zu tun?«

Schloimale tat Buße! Er betete und flehte, ergoß in der Stille sein Herz vor Gott mit innigem Gefühl und versprach ihm goldene Berge; er werde gewißlich, unverschworen, wieder ans Lernen gehen, und werde mit Gottes Hilfe ein Jude werden, wie er sein soll – er werde außerhalb des Beßmeddresch die Welt nicht ansehen!

Das war aber nur gesagt. Umsonst! Wenn in einem Menschen Geschmack und Gefühl liegen, kann man das nicht so einfach mit einer Handbewegung beiseite schieben. Gefallen ihm zum Unglück die materiell-schönen Werke Gottes, so wie sie sind, in Form und Gestalt, dann wird sie ihm kein ethisches Buch in Staub und Asche ziehen und verekeln können. Es wird ihn wie magnetisch anziehen, unaufhörlich anziehen. Und der böse Trieb hat gar viel reizvolle Dinge und schöne Gestalten hier auf Erden, um die armen Sünder von Menschen zu verführen: »Magst du dies nicht, Herzlein, so nimm das; und ist dir das nicht schön genug, Schloimale, so hast du hier Fradel – wie schön, wie fein, wie entzückend!«

Fradel war noch ein vollständiges Kind, im gleichen Alter wie Schloimale, von guten Eltern, die mit Reb Chajem ein bißchen verschwägert waren und sich vor etlichen Jahren hier niedergelassen hatten. Fradel kam sehr oft in das Haus Reb Chajems, um dort mit den Kindern zu spielen und war bei der ganzen Familie wegen ihrer Güte und Schönheit gern gesehen.

Schloimale kümmerte sich überhaupt nicht um sie. Da war irgend so ein Mädel, das hieß Fradel. Mit einem Mal aber wuchs vor ihm wie vom Himmel gefallen ein bildschönes und wunderbares Mädel empor: Fradel. Da zog und riß etwas an seinem kleinen Herzlein, da rann ihm ein heißer Strom durch alle Glieder und rot und blaß wurde er zu gleicher Zeit! Wie er sich sehnte, sie anzusehen, sie immer anzusehen. Aber Gott stand ja dazwischen! Es war ja eine große Sünde, ein Weib anzusehen! Und er hatte ja sein Wort gegeben, nicht mehr zu sündigen. Der böse Trieb wollte ihn mit betrügerischen Reden von seinem Gelübde lösen. Aber Schloimale rang in toller Hartnäckigkeit mit ihm: »Nein, man darf es nicht tun, nein, das wirst du bei mir nicht durchsetzen!« – und warf zum Schluß einen kleinen Blick hin, der Arme! Bald darauf warf er schon mehrere Blicke, und je länger es dauerte, um so schwächer wurde sein Kampf mit dem bösen Trieb. Die Furcht vor Gott war nicht mehr so groß wie die vor den Menschen. Ach, daß doch wenigstens niemand anderer etwas bemerkte! Er begann sich ängstlich umzuschauen wie ein Dieb, jeder im Haus war ihm verdächtig, vielleicht etwas gerochen zu haben, vielleicht zu wissen, was in seinem Herzen vorging, als ob er gläsern sei und man seine Gedanken sehen könne.

Aber seine Angst war grundlos. Liebe, Frauenliebe – das ist nichts für gewöhnliche Juden, das Wort klingt ihnen spanisch. Bei Juden ist dergleichen unerhört, besonders gar zu jenen Zeiten und gar noch in so kleinen Städtlein. Und gar noch bei Menschen aus dem Bürgerstand! »Falsch ist die Anmut und Tand die Schönheit«, steht in der Bibel. Liebe ist auch nicht von ewiger Dauer. Das Familienleben, das eigene Glück und das Glück von Kindern darauf zu gründen, hieße ein Haus in den Sand bauen: »Heute bist du schön und blühst wie eine Rose, morgen bist du verwelkt; heute verzehr' ich mich nach dir und morgen nach einer anderen – und du kannst zum Teufel gehen!« Heiraten und Kinderbekommen ist dem Juden ein Gebot Gottes. Die Frau zu achten und zu lieben, weil sie seine Frau ist, die Herrin seines Hauses und die Mutter seiner Kinder – und für die Familie zu sorgen –, ist heilige Pflicht, ist eine Mizwe, für die sich ein Jude aufopfert. Und gerade das hat Israel Stärke und ewiges Leben verliehen; das hat unseren Vorfahren immer in der Not geholfen. So schlecht, so schlimm, so böse und traurig es in der Welt draußen war, so gut, so süß, so hell und so angenehm war es im eigenen Haus bei den Seinen, bei Weib und Kindern! Ja, von solcher Seifenblase wie Liebe, die bei einem Hauche birst und zerspringt, wußte man bei den Juden in jener Zeit noch nichts. Das war eines. Und dann zweitens: Selbst wenn Liebe etwas war, das bei den neumodischen Leuten vorkam, hätte es doch niemandem in den Sinn kommen können, daß so etwas bei kleinen Kindern möglich war. Kinder sind Kinder. Ob Buben oder Mädel, was will das sagen, entweder spielen sie zusammen mit Spielzeug, oder Wärterinnen, Bonnen und Gouvernanten spielen mit ihnen, küssen und halsen sie und – es ist nichts, man würde sie umsonst fragen, sie fühlen nichts.

Hätte sich das Gleiche wie bei Schloimale bei einem Erwachsenen ereignet, wäre es unmöglich in ihm verborgen geblieben. Es hätte sich in seinem Gesicht, in seinem Reden und Tun gezeigt, und auch der andere Teil hätte unweigerlich darum gewußt. Liebe ist ein Brand, der sich von Stoff, von materiellen Dingen nährt. Es brennt und knattert so lange, bis der Stoff verkohlt ist und das Feuer in beißendem Rauch zu Ende geht. Die Liebe Schloimales dagegen war rein und innerlich, für ihn allein da; sie war jene göttliche Glut, die im Dornbusch lohte, ohne ihn zu verbrennen; sie war ein Blitz des Geistes, Lust und Verlangen nach Schönheit. Nach der Schönheit, die im roten Himmel beim Aufgang des Morgensternes, in der Entfaltung der Rose, in frischen Purpurlippen, in Schönheitsgrüblein, im milden Lächeln und im warmen Blick brennender Augen zutage tritt. Das war die Liebe, die wie das »ewige Licht« im Herzen der Dichter, der von Gott begnadeten Menschen, flammt; die die Seele erwärmt und sie zu stillem Flehen und heimlichen Tränen vor Gott erweckt.

Einmal stand er in Gefahr, sein Geheimnis selbst zu verraten. Das war am Schabbes-Nachme.

Dieser Sabbat ist, wie aller Welt bekannt, ein Tag der Feste und Mähler für die jüdischen Kinder. Schon eine oder mehrere Wochen vorher haben sie rudelweise für diesen Tag ein Festmahl verabredet, wozu jeder rechtzeitig aus freien Stücken etwas zu einem von allen vorher Gewählten zu bringen hat. Und bald geht es mit dem Bringen der Dinge los, die man, offen oder heimlich, daheim erwischen kann. Alles wird gerne genommen und nicht lange untersucht. Der eine bringt ein Stück süße Bretzel, einen grünen Apfel, eine Möhre, die er im geheimen von den für den Zimmes vorbereiteten Ingredienzen genommen hat; der andere eine gelbe, große Gurke, ein halbes Ei, das sich der Arme von seinem Mittag abgespart hat; der dritte dies, der vierte das. Ein Stücklein trockenes Brot, ein Rettich, eine Zwiebel, ein Heringschwänzlein werden auch anerkannt. Das tun die kleinen Schlingel. Die Barmizwe-Buben aber machen Hochzeit.

An einem Schabbes-Nachme, nachmittags nach dem Schlaf, herrschte ein lustiges Lärmen und Toben von Kindern, Buben und Mädeln, auf dem freien Platze vor dem Hause Reb Chajems. Einige Kinder hatten Mund und Lippen mit Schnurrbärten aus gekochten Schwarzbeeren bemalt und sahen wie ganz absonderliche Ungeheuer aus. Andere wieder hatten feuerrote Wangen und zerkratzte Nasen – Spuren ihrer Heldentaten im Kampfe. Etliche waren vorhin beim Essen mit ihrem Anteil nicht zufrieden gewesen. Sie schielten nach dem, was die anderen hatten, das eigene war nichts – war ja verfaulter und bitterer Dreck, pfui Teufel nochmal! Hände hatte einem ja Gott gegeben, ebenso Nägel, und wegen der Nasen haben sich jüdische Kinder auch nicht zu beklagen – nun, so hatte man sich, wie üblich, ein wenig gekrallt und gekratzt. Aber wirklich nur ein wenig. Der Tag wollte nicht stillstehn, man hatte keine Zeit und mußte spielen.

Auch Fradel war unter den Kindern. Sie war wunderbar schön, heute noch schöner als sonst und Schloimale konnte sich an ihr nicht sattsehen.

Auf der langen, niedrigen Bank vor dem Hause saßen Frauen, Nachbarinnen und Bekannte, unter ihnen Ssure, Gietel, die Mutter Fradels, und die gute Lejbzeche. Sie saßen nicht müßig da – sie sprachen und sprachen sich aus, was sie auf dem Herzen hatten. Eine Schwangere, eine dicke Frau mit gelben Flecken auf den Wangen, klagte über Druck unter dem Herzen, der wahrscheinlich vom Schabbes-Essen herkam. Sie schwitzte, fächelte sich mit dem Schürzenende, ließ den Kopf nach hinten hängen, und rief immer wieder dasselbe aus: »Wenn ich nur einen Schluck kaltes Wasser hätte!« Auch eine Frau mit einem Krampf war da, die furchtbar gähnte und rülpste, spuckte und sich die Nase wischte. Eine dürre Frau, kaum mehr als Haut und Knochen, war noch von dem Kinnes am Tischebuww heiser und sprach aus voller Kraft, mit kratzig-dumpfer Stimme; die Arme konnte kaum Atem finden, sie keuchte und hustete mit herausgestreckter Zunge. Eine feine, schöne Frau mit eiternden, wimperlosen Augen betrachtete den Kopf eines Kindes auf ihrem Schoß und wies ihn auch den anderen Frauen neben ihr, um ihre Meinung und ihren Rat zu hören.

Lejbzeche hätte sich zerreißen müssen, so viel Arbeit war zu tun. Jeder mußte man ein Wort sagen, eine Geschichte erzählen, ohne viel nachzudenken! Und dann hatte einem Gott auch Augen gegeben, um überall hinzuschauen und ja nichts zu übersehen. Bei so mühsamer Arbeit konnte es kein Wunder sein, daß die Lejbzeche sich manchmal in ihren Geschichten ein wenig verwickelt und, wie man sagt, Grütze und Mohn durcheinander brachte und alles mögliche vermengte, in der Hoffnung, die Frauen würden es schon erraten und jede sich aus der Mischung das für sie Bestimmte herausnehmen.

»Um Himmels willen, nur sich nicht zwingen! Als dem Magged, erinnere ich mich, die Zunge in den Schlund kam, sagte er ihm, Großvater selig: ›Still, haltet bitte an euch, zwingt euch nicht zum Reden.‹ Wenn es zu drücken beginnt, hier im Magen zu drücken, dann gibt es gar nichts anderes als: öffne den Mund, brenn ab, gib das, was in dir ist, hinaus und halt es nicht fest. Hoho, wie er sie festhält! Nachgelaufen, erwischt und hält sie fest, der feine Bub, jo-ho-ho!«

Diese Worte der Lejbzeche galten der Heisern und Schwangeren. Während sie sprach, warf sie einen Blick auf die Kinder, die Haschen spielten, und sah Schloimale hinter Fradel herjagen.

»Ach, Gietale, ich halte es nicht aus«, sagte die Lejbzeche, indem sie von weitem der Mutter Fradels zunickte. »Ach, ist sie schön, eure Fradel, man kann ihr kaum ins Gesicht sehn, so wie der hellen Sonne!«

»Nur keinen bösen Blick!« antwortete Gietel aus der Unterhaltung heraus, die einige Frauen über ihr schweres Los führten.

»Pfui, pfui, pfui!« spie die Lejbzeche dreimal aus, indem sie die Nase mit einem Wink auf die Frau mit dem Krampf rümpfte. »So ein Gähnen, so ein Spucken! Wenn Großmutter einen bösen Blick besprach, als ich noch ein Mädel war, schön wie das Leben, alles lief mir nach, da kam ganz unerwartet plötzlich eine Geschichte! Warte mal, Ssurale, du müßtest dich daran erinnern – sieh nur dort hin, dein Bub! Er läuft ihr nach, der Fradel, wie das Kalb der Kuh. Hm? Ein schönes Pärlein. Geb's Gott recht bald, Herr der Welt, daß die Jachne-Ssosche Maseltoww sagt! Erinnere dich an meine Worte!«

»Auch eine Idee – noch so jung!«

»Ssurale, du müßtest dich an die Geschichte von damals erinnern, damals bei der Panik. Wie alt meinst du, war ich damals bei der Hochzeit? Mein Mann war nicht älter als acht oder neun und vielleicht auch noch weniger.«

»Ja, vor ein paar Jahren, bei der Panik mit den Schulen – Gott schütz! –, wenn Fradel damals da gewesen wäre! Wahrscheinlich will es der Himmel nicht. Jetzt ist's Unsinn, darüber zu reden.«

»Jachne-Ssosche hat gottlob noch ihre Augen im Kopf. Da, ich sehe, ich sehe!« Die letzten vier Wörter richtete die Lejbzeche schon an die Frau mit den tränenden Augen, die ihr Ehrerbietung bewies, so wie allen andern hier, und ihr das kranke Kinderköpflein fast unter die Nase geschoben hatte. Die Lejbzeche betrachtete es mit Kennerblick und blies sachte darauf. Sie begann eine lange Geschichte darüber zu erzählen und geriet so weit auf Abwege, daß sie derweilen Schloimale vergaß.

Schloimale hätte Gott für die Rettung aus Lebensgefahr danken dürfen. Denn ohne diese Verwicklung wäre er nicht heil entronnen! Es wäre ihm ergangen wie früher einmal der Katze.

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