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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Neuntes Kapitel

Schloimale war nun glücklich im elften Jahr. Die Thora Lippe Riewens war für ihn erschöpft und er ging in die Hände seines Vaters über, um unter seiner Aufsicht zu lernen. Selbst zu lernen und auch andere, besonders gar eigene Kinder, zu lehren, ist eines der Gebote Gottes, die die Juden täglich aussprechen und um das sie im Gebete flehn. Wohl dem, der imstande ist, es zu erfüllen. Reb Chajem verfuhr auch so bei seinen Kindern. Er hatte mit jedem einzelnen seiner beiden älteren Söhne bis zur Heirat gelernt, nachdem sie, jeder zu seiner Zeit, die Schule verlassen hatten. So sehr ihn seine Geschäfte auch in Anspruch nahmen, so pflegte er sich doch eine oder mehrere Stunden am Tag loszumachen, um ein Blatt Gemure mit seinen Söhnen und ihren Kameraden, wenn welche da waren, zu lernen. So lernte er auch mit seinem Schwiegersohn, dem Mann Lejes, in der ersten Zeit nach der Heirat, und mit dessen Gefährten ganz umsonst. Und so kam auch Schloimales Zeit, da er beim Vater Thora lernte. Das ging folgendermaßen vor sich: Jeden Morgen pflegte sein Vater mit ihm gleich nach dem Gebet auf seinem Platz, vorne in der Klous, fortlaufend einen oder zwei Mischna-Abschnitte zu lernen. Nach dem Frühstück blieb er daheim und bereitete dort im Alkoven das Stück Gemure mit Toißwes und Maharschû vor, das ihm der Vater aufgegeben hatte. Er mußte es dann, ebenfalls daheim, vorsagen, am Tag oder am Abend, wie der Vater gerade Zeit hatte, und hie und da weckte ihn auch der Vater noch vor Tag und ging mit ihm in die Klous, um zu lernen.

Freilich, das Aufstehn vor Tag, wenn der Schlaf so süß ist, war für Schloimale nicht leicht. Aber wenn er schon aufgestanden und vom Bett herunter war, wurde er sehr vergnügt. Wach zu sein, in die Klous zu gehn und zu lernen, machte ihm große Freude. Wer ein Jude ist, einer bis in den tiefsten Kern, der kann den Geschmack dieser Freude fühlen. Im Kopf des Juden malt sich die Nacht in wunderbar schönen Bildern. Nachts stehen göttliche Dinge vor ihm, die wunderbaren Erzählungen der heiligen Bücher erregen das Innerste, so daß er vor heißen, brennenden Gefühlen vergehen will.

»Nach der ersten Nachtwache, um Mitternacht«, so steht geschrieben, »weht ein Nordwindhauch und die Wachen der Engel im Himmel werden abgelöst. Der Windhauch rührt den Engel Gabriel an, er stößt oben sechs Rufe aus und liest sodann aus einem Buch alle Handlungen der Menschen, die an diesem Tag getan wurden. Dann zupft der Hauch ganz leicht am Flügel des Hahnes hier unten, der nach Gabriel, dem Diener im Himmel, den Namen Geeber trägt. Er erwacht und kräht laut. Da entsteht oben und unten ein Getümmel: Der Hahn kräht auf der Erde und Gabriel ruft im Himmel. Jetzt steigt Gott aus dreihundertundneunzig Himmeln hernieder, um im Paradies zu lustwandeln. Engelscharen eilen voran und lobsingen:

Tut euch, ihr Tore, auf,
öffnet euch hoch und weit,
Lasset Gott auf seinen Weg,
O ihr Pforten der Ewigkeit!

Auch die Bäume im Paradiese singen, entsenden süßduftende, würzige Wohlgerüche. Da, er ist da, Gott, der König in Ehren selber – still! Die Engel stehen in tiefer, zitternder Ehrfurcht und schweigen. Voll Erbarmen blickt er auf die Seelen der Gerechten und Heiligen, er schaut und nickt. Plötzlich stößt er einen Ruf aus, wie ein Löwengebrüll. Er weint und jammert über die Zerstörung des Heiligtums, über Jerusalem, die wüste Stadt, über Zion, die unselige Witwe, über Israel, seine Kinder, die im Exil sind – und zwei heiße Tränentropfen fallen aus seinen Augen in das große Meer.«

So weint Gott dreimal in jeder Nacht in seinen Himmeln oben. Da läßt es gute und fromme Juden nicht ruhig liegen, sie stehen nachts von ihren Betten auf, um die »Mitternacht zu begehen« und sich vor dem geliebten, barmherzigen Vater im Himmel auszuweinen. Und das jüdische Herz fühlt dabei einen ganz besondern Geschmack – süß, bitter und sauer zu gleicher Zeit.

Schloimale ging vor Tag über die Straßen. Das Städtlein schlief. Mond und Sterne standen am Himmel auf Wache. Es war ihm, als ob da oben ungeheuer viel geschehe. Kam ein Lufthauch daher, schien es ihm jener Nordwindhauch zu sein, jener gute Hauch, der die Flügel der Engel rührt, der einst auch die Harfe König Davids rührte, die bei Nacht zu seinen Häupten am Bette stand, so daß süße, göttliche Lieder ertönten. Rauschten Bäume irgendwo in einem Garten, waren das die Bäume, die dort im Paradiese rauschten; krähte irgendwo ein Hahn, so lobsang er; wurden ihm Haar und Gesicht von Tautropfen naß, so waren das Gottes Tränen, er weinte und jammerte ja über seine verirrten Kinder. Schloimales Blut begann zu brennen, seine Phantasie flammte empor, sein Herz wollte schier in stürmischen Gefühlen bersten – und er ging mit eifriger Lust ans Lernen.

Als Schloimale die Schule verlassen hatte, trat allmählich eine Veränderung in seinem Leben ein. Jetzt fühlte er sich schon freier, so daß er ein bißchen mehr auf dieser Welt weilte. Ein neuer Geist begann in ihm aufzuwehen, in seinem Hirn wurde es ein wenig heller, er fing an sich umzuschauen – und erblickte etwas, was er ja scheinbar auch früher gesehen, was ihn aber ganz anders gedünkt hatte, oder was ihm bloß aufgefallen war, ohne in seinem Gehirn den mindesten Eindruck zu hinterlassen. War seine Welt hier auch so schon recht klein, so hatte er sie noch mehr verkleinert. Von allen Straßen der Stadt gab es für ihn nur den Schiehl-Platz; von allen Häusern nur die Schule, die Klous und das Beßmeddresch, wo das Tor zum Himmel war; von allen Menschen, die sie bewohnten, nur die paar Juden, und zwar auch nur gerade die aus seinem Beßmeddresch; die aus der Klous da drüben oder aus einer andern waren ihm schon wurst. In Wirklichkeit verhalten sich ja auch, wie geschrieben steht, Diesseits und Jenseits wie Vorhalle und Palast – was kümmerte sich einer darum, selbst wenn er schon einer von den Großen ist und einen Bart hat, wenn die Vorhalle just nicht das Beste und ein wenig enge ist? Nun, dann muß man sich eben ein wenig zusammenkauern, dann tut man, als wisse man nichts. Man bringt das Leben so irgendwie hinter sich, pflichtmäßig, daß man nur drüber hinwegkommt. Lebt denn nicht das Würmlein im Meerrettich und scheint es ihm denn da nicht gewißlich gut und süß, so daß es sich den Teufel ums Diesseits mit seinem ganzen Gute schert?

Schloimale begann um sich zu blicken, wie einer, der aus dem Schlafe aufsteht. Ein Licht ging seinen Augen auf und alles kam ihm ganz neu vor, als sei er gerade erst aus dem Ei geschlüpft. Da stand ein Städtlein auf einem hohen Berge. Außer der Schiehl-Gasse gab es noch andere Gassen, wo auch Menschen wohnten. Es gab auch Gassen, und just keine jüdischen, die vielleicht gar reiner und schöner waren, die Gärten und Bäume und anderes Grün besaßen. Die Täler am Abhang waren auch mit Grün bedeckt. Sie zogen sich weit um die Stadt und zerfielen in verschiedene Landschaftsbilder: Gärten, Felder und Nußwälder, Weiden, feuchte Stellen, grün bewachsene Sümpfe mit Moos und Schilf und Weiden, zwischen denen Wässerlein rannen und allerlei Gevögel wimmelte und krabbelte. Drüben über den Tälern waren wieder Berge, wieder Felder, Wäldlein und Wälder. Schloimale öffnete seine Augen weit und betrachtete alles sehr überrascht, mit einem Ausdruck, als sehe er so etwas zum erstenmal.

Schloimale erfuhr später, daß die Stadt gar dem Grafen Wittgenstein gehörte, daß die Juden hier nur Mieter waren und Abgabe zahlten; und daß die Christen hier ebenso gut wie sie selber Bürger seien – man höre nur! –, ja vielleicht gar noch mehr, und auch eine gewisse Bedeutung hätten! Nun, woher hatte dann, wunderte er sich, das Städtlein seine Heiligkeit, es hieß doch »heilige Gemeinde«? Der Marktplatz und die Läden mit den Kaufleuten und Maklern, mit den Gast- und Einkehrhäusern, mit den Dienern und Vermittlern waren freilich gut jüdisch, der Boden und die Felder ringsherum aber christlich, die gehörten »ihnen«! Einen Beweis dafür hatte er an den Beeren und Nüssen. Die jüdischen Kinder gingen mit Töpfen und Krügen in den Wald, um Beeren zu sammeln und Nüsse zu pflücken und zitterten dabei zum Erbarmen: Gleich kommt Esau, nimmt's ihnen weg und schenkt ihnen auch noch Schläge. Der Aufenthalt war ihnen dort zur Qual. Der Wald mit seinen Bäumen und duftenden Kräutern war für sie bloßes Entsetzen und reine Hölle. Flatterte auch nur irgendwo ein Blatt zu Boden, so verfielen sie in Todesschreck, zwitscherte irgendwo ein Vogel, erzitterten sie im Herzen. Jeder schrie in Gedanken »Schma Jißruul«, seufzte und betete still bei sich, als ob man irgendwo in der Wüste wandere. Er hatte ja selbst einmal eine solche Not bestanden, als er mit ein paar Freunden den Laubschmuck für das Schwiees-Fest holen ging; kaum hatte er ein Zweiglein von einem blühenden Birnbaum an einem Gartenzaun abgerissen, als schon zwei Christenbuben über ihn herfielen und ihn sicher erschlagen hätten, wenn er in ihre Hände gefallen wäre. Ein Wunder, daß ihm Gott Beine gegeben hatte – er nahm seine ganze Kraft zusammen und stürmte in Eile und Hast davon und ließ seine Freunde in Gottes Hut.

Schloimale beobachtete und sah: Was war denn das? Seltsam, wahrhaftig! Da gab es Juden, die sich nicht so sehr mit dem Talmud beschäftigten, deren Sinn auf andere Dinge ging und die trotzdem lebten! Er hatte geglaubt, daß die ganze Welt der Juden nichts anderes kenne als »lernen«, gute Erklärungen entdecken, aus sich selbst heraus Maharschû-Probleme aufwerfen; daß sich einer vom andern nur zu erfahren interessiere, wo er in dem und in jenem Talmudbande stehe; daß man nach den Ferien mit Feuereifer arbeitete und ans »Lernen« ging – und zum Schluß sah er, daß er sich gar sehr getäuscht hatte! Anfangs war ihm die Sache freilich ein bißchen unangenehm. Was sollte das heißen?! Aber dann dachte er bei sich: »Na, schön. Wahrscheinlich muß der liebe Gott auch solche Juden in seiner Welt haben.«

Und wer anders hätte seine Hand dabei im Spiele gehabt, um Schloimale die Augen zu öffnen und ihn auf solche Dinge zu bringen, als der böse Trieb natürlich? Daß im Menschen der gute und der böse Trieb stecken, ist sonnenklar, das weiß jedermann, selbst ein Kind. Es ist nur die Frage, wer von ihnen sich zuerst in die Seele hineinschleicht, das heißt, ob die Menschenseele bei der Ankunft im Diesseits gut oder böse sei. Wer von beiden ist beredter, klüger, politischer und versteht es besser, sich beliebt zu machen und seine Sache durchzuführen? Und sind alle Menschen darin gleich oder nicht? Aber all diese Fragen mögen gefälligst die Denker beantworten, die alles zu wissen die Pflicht haben, selbst die Zukunft oder ungereimtes Zeug ohne Hand und Fuß. Hier aber handelt es sich um Schloimale.

Die Bekanntschaft mit seinem guten und seinem bösen Trieb beginnt für ihn hier in dieser Erzählung erst zu der Zeit, da er ein bißchen freier wird, das »Drüben«, die »andere Welt« verläßt und hierher in unsere Welt kommt. Die Erlebnisse des jüdischen Kindes »drüben«, in der »andern Welt« hängen weder von ihm, noch von seinem guten oder bösen Triebe ab. »Dort« gibt es Lehrer, Aufseher, Belfer, Personen der verschiedensten Art, die ihn ohne die Hilfe der beiden führen und lehren und die ihm ihre Lehren und Weisheiten mit starker Hand in den Kopf setzen.

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