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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 9
Quellenangabe
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Medicinische Studien und theologische Zweifel.

Mit dem Eintritt in's Studium der Medicin und der Naturwissenschaften kam eine fremde Bewegung in das ohnedieß stürmende, aber doch von einer gewissen Seite bisher noch ruhige Gemüth des Jünglings. Er hatte den Segen einer frommen Erziehung genossen. Eine vertraute Freundin sagt von ihm: »Welche religiöse Zweifel auch späterhin Schillern bedrängen mochten, das Gemüth, die Innerlichkeit, die bei jedem guten und reinen Menschen am Ende das Band zwischen Himmel und Erde machen, waren früh in ihm geweckt und gebildet. Durch seinen großen Geist verklärt, sollten sie einst nicht allein ihm Befriedigung und Ruhe geben, sondern auch ihn fähig machen, Gottes Wege auf Erden in großen Bildern den Menschen darzustellen.«

Aber diese anerzogenen Glaubenssätze und Gefühle mußten, was ihr Wesentliches betrifft, im Feuer gehärtet, ihre Wahrheit mußte durch wissenschaftliche Forschung, durch die Anläufe der Leidenschaft, durch die Erfahrungen des Lebens versucht, erprobt, geläutert werden, und den Anfang zu diesem großen und gefährlichen Prozesse machten seine Berufsstudien in der Akademie.

Im Jahre 1775 hatte er sich für die Medicin entschieden, und schon im zweiten Jahre dieses Studiums sich mit seiner ganzen Geisteskraft so tief darein versenkt, daß ihm das Lob der Lehrer, welche seine Antworten und Bemerkungen weit höher achteten, als den mechanischen Fleiß der Andern, nicht genügte, sondern daß er viel höhere Forderungen an sich selbst stellte. »Er beschloß,« nach der Versicherung eines Jugendfreundes, »so lange nichts anderes, was die Medicin betreffe, zu lesen, zu schreiben, oder auch nur zu denken, bis er sich das Wissenschaftliche seines Berufes ganz zu eigen gemacht hätte.«

In demselben Jahre nun erschienen im schwäbischen Magazine von ihm »Morgengedanken am Sonntage,« welche der Herausgeber Haug mit der Bemerkung begleitete, daß sie das Gebet eines warm, schön und rührend betenden Dichters seyen, »den Schicksale in Sachen der Religion und Wahrheit so geläutert haben, daß er seinen Zustand und die Notwendigkeit eines Entschlusses für die Wahrheit fühlte.« Aber die Schicksale des achtzehnjährigen Jünglings lagen nicht hinter ihm, sondern vor ihm; die Entscheidung für die Wahrheit war bei ihm die Aufgabe eines ganzen Dichter- und Denkerlebens, und was dem redlichen Herausgeber des schwäbischen Magazins als ein Resultat des Glaubens erschien, das waren die Trümmer der überlieferten Glaubenslehre, welche der Zweifel des jugendlich empörten Geistes bald darauf für den Augenblick von sich stieß. In jenen Morgengedanken entfaltete er vor Gott »das heiße Verlangen seiner Seele nach Wahrheit,« und die bangen Zweifel der umnachteten. Er sieht den schrecklichen Abgrund vor sich, und dankt der göttlichen Hand, die ihn wohlthätig zurückzog. Er fühlt sich zu trüben Tagen aufbehalten, wo der Aberglaube zu seiner Rechten rast, und der Unglaube zu seiner Linken spottet. Aus Zweifelsucht, Ungewißheit, Unglauben möchte er sich in die Wahrheit retten. Um die Ruhe, die heilige Stille steht er, in der sie uns am liebsten besucht. Und diese Wahrheit erkennt er bis jetzt noch in Jesus, den Gott gesandt hat. »Hab' ich Wahrheit, so hab' ich Jesum; hab' ich Jesum, so hab' ich Gott; hab' ich Gott, so hab' ich Alles.« Dieses Kleinod, diesen Trost will er sich durch die Weisheit der Welt nicht rauben lassen. Jedes herzfesselnde Erdenglück, jede betäubende Weltfreude mag ihm Gott nehmen, wenn er ihm nur die Wahrheit läßt. Um diese bittet er auch für die Irrenden. Mit ihnen will er hinüber gebracht seyn, wo kein Zweifel mehr unsere Herzen quält, wo Gott als Vater und Jesus als Abglanz seiner Herrlichkeit erkannt wird.

Dieses ist ein Ton, der in solcher Einfalt weder vor noch nach in der Seele des Dichters angeklungen hat, und, wenn das Datum nicht widerstritte, so wäre man versucht, zu glauben, der ganze Aufsatz sey eine Stylübung oder eine dramatische Studie. Nun aber läßt sich kaum zweifeln, daß derselbe wirklich beim Schallen der Glocke geschrieben ist, die den Jüngling in den Tempel rief, wo er sein Bekenntniß befestigen sollte; vielleicht war es ein Beichtgebet vor dem Genusse des Abendmahls. Den Schluß bildet ein Gedicht im Tone Gellerts, ganz verschieden von den gleichzeitigen Versuchen des Dichters.

Die Wissenschaft riß ihn bald in ganz andere Bahnen hinein. Um ein Examen über die theoretischen Disciplinen, der Arzneikunde bestehen zu können, widmete er sich wirklich, seinem Entschlusse getreu, ganz seinem erwählten Berufe. Nach Verlauf von drei Monaten konnte er in seiner neuen Berufswissenschaft eine Prüfung bestehen, von welcher er die größten Lobsprüche seiner Lehrer ärntete. Und schon im folgenden Jahre (1778) legte er seinem Lehrer eine leider nie gedruckte und dadurch verloren gegangene Abhandlung, »Philosophie der Physiologie« betitelt, vor, welche bald darauf von ihm in's Lateinische frei übergetragen wurde. Am neunten Jahrstage der Akademie (14. Dec. 1779) erhielt Schiller drei Preise, in der praktischen Medicin, der materia medica und der Chirurgie.

1780.

Im Jahre 1780 war es, daß Johann Andreas Streicher, ein junger Mann, der sich später durch die edelste Aufopferung als einer der treuesten Freunde Schillers auswies, und bald auf der Lebensbühne des Dichters erscheinen wird, diesen zum erstenmale sah. Seine Schilderung ist wichtig, weil sie uns zeigt, was begonnene Kraftentwicklung und daraus fließendes Selbstgefühl aus dem früher so schüchternen und linkischen Jünglinge gemacht hatten. Dieser war in einer der öffentlichen Prüfungen, die alljährlich in der Akademie in Gegenwart des Herzogs gehalten wurden, eben Opponent bei einer medicinischen, in lateinischer Sprache durchfochtenen Disputation gegen einen Professor. Die röthlichen Haare, die gegen einander sich neigenden Kniee, das schnelle Blinzeln der Augen, wenn er lebhaft opponirte, das öftere Lächeln während des Sprechens, besonders aber die schöngeformte Nase, und der tiefe, kühne Adlerblick, der unter einer sehr vollen, breitgewölbten Stirne hervorleuchtete, prägten sich dem Schilderer bleibend ein, so daß er die ganze Scene nach achtundvierzig Jahren, wäre er Zeichner und nicht Musiker gewesen, auf's lebendigste hätte darstellen können. Bei der Abendtafel entdeckte er wieder denselben Jüngling, mit welchem sich der Herzog auf's gnädigste unterhielt: er lehnte sich auf seinen Stuhl und sprach in dieser Stellung sehr lange mit ihm. »Schiller aber behielt gegen seinen Fürsten dasselbe Lächeln, dasselbe Augenblinzeln, wie gegen den Professor, dem er vor einer Stunde opponirte.«

1778 ff.

Die Zwischenzeit zwischen dem Jahre 1778 und Schillers Austritt aus der Akademie (1780) füllte neben der Conception und Ausarbeitung der Räuber im letzten Jahre, von welchem demnächst zu sprechen ist, die Elaboration der Probeschrift, welche Schiller im December 1789 in Gegenwart des Herzogs und in lateinischer Sprache vertheidigte, und wodurch er sich vor seinem Austritte aus der Akademie Befähigung zur ärztlichen Praxis erwarb. Sie handelt über den Zusammenhang der Menschen Natur des Menschen mit seiner geistigen. Er widmete dieselbe dem Herzog, dessen unvergeßlichen, mündlichen Unterricht er in der Zueignung rühmte.

Diese Abhandlung ist als das geistige Resultat seiner Berufsstudien zu betrachten. Es erhellt aus ihr, wie Hoffmeister bemerkt hat, »daß Schillers philosophisches Talent viel früher reifte, als sein poetisches.« Geistreich und scharfsinnig entwickelt derselbe Schriftsteller, der seinem Leben Schillers einen Auszug jenes Schriftchens einverleibt hat, in Bezug auf die Apologie der Sinnlichkeit, welche dasselbe enthält, daß die Beweise für die Abhängigkeit des Körpers vom Geiste, die an einem in Idealen schwelgenden Jünglinge befremden könnten, Anstrengungen eines großen Verstandes seyen, welcher seinen Idealisirtrieb habe zur Erfahrung zurückzwingen und eine einseitige Richtung der Natur durch die Erfahrung verbessern wollen, so daß die medicinischen Studien dazu gedient hätten, ein realistisches Element in seinem Denksysteme einheimisch zu machen.

Ein Theil dieser Operation ist indessen auch auf das junge, durch klösterliche Absperrung in Wallung gebrachte Blut des Verfassers zu schreiben, das bei jener Dissertation hier und da die Feder belebt zu haben scheint; ein Gedanke, der sich uns besonders aufdringt, wenn wir den Commentar zu dieser Abhandlung, der in einer Reihe lyrischer Gedichte, welche jenem Aufsatze fast auf dem Fuße folgten, und in einigen Abschnitten der Räuber enthalten ist, mit ihr vergleichen. Die Art und Weise, wie Schiller »als Philosoph die Triebe, Kräfte, Neigungen, Gefühle gegen den moralischen Rigorismus in Schutz nimmt, und daß er die Entwicklung des Menschengeschlechts auch immer von rohen, Menschen Anfängen ausgehen läßt« – mag diese einseitige Ansicht immerhin auf eine schon in der Jugend gefaßte Grundüberzeugung gebaut seyn, so hat sie doch eine gar andere Gestalt in dem reifen Denker und Dichter gewonnen und wenig mehr gemein mit dem thierischen Ungestüm, mit welchem sich der Trieb in seinen Jugendarbeiten gebärdet. Es ist in der That begreiflich, warum Schiller selbst von jener ruhiger gehaltenen Abhandlung, so viele Vorzüge der Gedanken und des Styls ihr mit Recht zugeschrieben werden mögen, in seinen spätem Jahren nie mehr sprechen mochte, und sie gewissermaßen verleugnet zu haben scheint.

Uebrigens ist es ergötzlich anzusehen, wie sehr die gehoffte Autorschaft den Jüngling kitzelt, so daß er selbst in dieser Inaugural-Abhandlung nicht umhin konnte, die ungeborenen Räuber zweimal zu citiren. §. 15, Life of Moor, Tragedy by Krake. Act. V. Sc. I. und, was bisher übersehen wurde, §. 19: »Ein durch Wollüste ruinirter Mensch wird leichter zu Extremis gebracht werden können, als der, der seinen Körper gesund erhält. Dieß eben ist ein abscheulicher Kunstgriff derer, die die Jugend verderben, und jener Banditenwerber muß den Menschen genau gekannt haben, wenn er sagt: »Man muß Leib und Seele verderben.« – Das letztere sind Worte Spiegelbergs in den Räubern: »Du richtest nichts aus, wenn du nicht Leib und Seele verderbst!« Räuber, Act II. Sc. III.

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