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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 89
Quellenangabe
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Eindruck in Weimar und auf Göthe. Begräbniß.

Schnell verbreitete sich die Schreckensnachricht durch Weimar. Der Abend, an dem der Dichter starb, war ein Theaterabend. Kein Schauspieler wollte spielen, und Mlle. Jagemann setzte es durch, daß das Theater geschlossen blieb. So Fr. v. Wolz. II, 279. Nach andern geschah dieß am Sonnabend. Der Anblick des Trauerhauses, welchem Beweise der herzlichsten Theilnahme von allen Seiten zuströmten, war herzzerreißend; der Jammer der Gattin unbeschreiblich. Karl, der älteste Knabe, eilf Jahre alt, lag auf dem Boden, und wehklagte, vom fürchterlichsten Schmerz zerrissen. Der kleine, neunjährige Ernst saß in der Ecke, die Hände gefaltet, und weinte ruhiger. Das ältere Töchterchen, Karoline, ein Kind von fünftehalb Jahren, wußte nicht, was das Ganze zu bedeuten hatte. »Der gute Papa ist todt,« sagte sie ganz ruhig, und erst als sie das Weinen der Mutter bemerkte, verbarg sie weinend ihr Gesicht in der Mutter Schooß. Voß 52 f. Aus demselben das Folgende, 60 ff.

Wir sehen uns jetzt nach Göthe, dem vertrautesten Kenner und Freunde des Geistes um, der so eben die Welt verlassen hatte. Sie waren zu Anfang dieses Jahres beide zu gleicher Zeit krank darniedergelegen und konnten sich damals weder sehen noch schreiben. Schiller hatte sich zuerst erholt. Kaum konnte er wieder ausgehen, so besuchte er »seinen lieben Göthe.« Voß war bei diesem Wiedersehen zugegen, und es rührte ihn jedesmal, so oft er daran dachte. Sie fielen sich um den Hals und küßten sich in einem langen, herzlichen Kusse, ehe Einer von ihnen ein Wort hervorbrachte. Keiner sprach von seiner Krankheit, beide genossen nur der Freude, wieder vereinigt zu seyn.

In den letzten Tagen Schillers war Göthe selbst wieder unwohl und ungemein niedergeschlagen. Einmal fand ihn Voß im Garten, Thränen in den Augen. Am Morgen des Neujahrstages 1805 hatte Göthe an den Freund ein Gratulationsbillet gerichtet. Als er es wieder durchlas, fand er geschrieben: »der letzte Neujahrstag« statt »der wiedergekehrte« oder dergleichen. So Voß S. 59. In dem vorhandenen Billet (Briefw. VI, S. 285) heißt es: »Hier zum neuen Jahr, mit den besten Wünschen, ein Pack Schauspiele.« Wahrscheinlich war Göthe'n in die Feder gekommen: »Hier zum letzten neuen Jahr –.« Erschrocken zerriß er's und begann ein neues. Bei der ominösen Zeile angekommen, hatte er Mühe, nicht wieder vom letzten zu schreiben. Denselben Tag erzählte er dieß einer Freundin, und »ihm ahne,« sagte er, »daß entweder Er oder Schiller in diesem Jahre scheiden werde.«

Bei jenem Gang im Garten berichtete Voß ihm vieles von Schiller. »Das Schicksal ist unerbittlich und der Mensch wenig,« antwortete Göthe abbrechend. Als nun Schiller gestorben war, berieth man sich mit großer Sorglichkeit, wie es Göthe'n beizubringen wäre. Niemand hatte den Muth, es ihm zu melden. Heinrich Meyer war bei ihm, als endlich draußen die Nachricht eintraf, Schiller sey todt. Meyer, hinausgerufen, mochte nicht wieder ins Zimmer zurück, und ging lieber, ohne Abschied zu nehmen. Die Einsamkeit, in der sich Göthe befindet, die Verwirrung, die er überall wahrnimmt, läßt ihn wenig Tröstliches erwarten. »Ich merke es,« sagt er endlich, »Schiller muß sehr krank seyn.« Die übrige Zeit des Abends war er in sich gekehrt. In der Nacht hörte man ihn weinen. Am Morgen sagte er zu einer Freundin: »Nicht wahr, Schiller war gestern sehr krank?« Bei dem » sehr« fing die Freundin zu schluchzen an, »Er ist todt?« fragte Göthe mit Festigkeit. »Sie haben es selbst ausgesprochen,« antwortete sie. »Er ist todt!« wiederholte Göthe, und bedeckte sich die Augen mit den Händen.

Am andern Morgen schien der Jammer erst recht bei den Bewohnern Weimars eingekehrt. Die unbekanntesten Menschen, die sich begegneten, theilten sich ihren Schmerz durch Gruß und Mienen mit. Es war, als ob Jeder das Nächste verloren hätte. Keiner hatte im Hause Ruhe. Alles irrte auf den Straßen und im Parke umher. Derselbe Eindruck des Schreckens ging durch ganz Deutschland. Der Verfasser dieser Lebensbeschreibung war damals ein Knabe von dreizehn Jahren. Er brachte von Stuttgart aus die Ferien und Feiertage dieses Frühjahrs in Ludwigsburg, dem Jugendaufenthalte Schillers, in dem gastlichen Hause der Verwandten eines Gespielen zu. Die Wohnung hatte ein Hinterhaus mit Gartensaal, wo die Kunst eines ältern Genossen, der auf der Schwelle der Hochschule stand, mit sammt den Stücken ein Theater geschaffen, auf dem wir Kinder in einem Geschmacke, der zwischen den Kreuzfahrern und der Jungfrau von Orleans mitten durch ging, zu spielen pflegten. In der Wohnstube lag in Taschenformat eine Neuigkeit, Schillers Tell, aufgeschlagen, von dem auch wir Knaben nippen durften, und unsre Phantasie träumte von nichts als Schweizerseen und Alpenhintergründen. Mitten in diesen Genüssen kam die Nachricht, Schiller sey todt. Welcher Schrecken auf allen Gesichtern! Wie durchzuckte uns Jungen der mitempfundene Schmerz! Mit hängenden Köpfen schlichen wir im Hause herum, und durch den ewigen Regen jenes trübseligen Maimonats nach dem Hinterhause, wo die schönen grünen Waldkoulissen uns wie verwelkt ansahen. Wir mochten nicht mehr Theater spielen

Die Sektion des Leichnams wurde im Beiseyn des Hausarztes der Frau v. Wolzogen, des Doktors Herder, eines der Söhne des berühmten Herder, vorgenommen. Man hatte den linken Lungenflügel destruirt, die Herzkammern fast ganz verwachsen, die Leber verhärtet, die Gallenblase außerordentlich ausgedehnt gefunden. Schiller, eine Skizze. S. 58. Jetzt erinnerte sich die Schwägerin, daß ihr Schiller, als er das letztemal mit ihr ins Theater fuhr, gesagt: »sein Zustand sey seltsam; in der linken Seite, wo er seit langen Jahren immer Schmerz gefühlt, fühle er nun gar nichts mehr.« Herder versicherte, auch genesen von diesem Fieber, würde er, nach dem Zustande der Lunge, nicht über ein halbes Jahr gelebt und schwere Beängstigungen erduldet haben.

Für Gall wurde ein getreuer Abdruck seiner Schädels genommen.

Das Leichenbegängniß war dem Range des Verstorbenen gemäß angeordnet und fand in der Mitternachtsstunde »Da hör' ich schreckhaft mitternächt'ges Läuten,
Das dumpf und schwer die Trauertöne schwillt.
Ist's möglich, soll es unsern Freund bedeuten,
An dem sich jeder Wunsch geklammert hält?
Den Lebenswürd'gen soll der Tod erbeuten?
Ach! wie verwirrt solch ein Verlust die Welt!
Ach! was zerstört ein solcher Riß den Seinen!
Nun weint die Welt, und sollten wir nicht weinen!«

Göthe.
vom 11. auf den 12. Mai statt. Aber zwölf junge Männer höheren Standes Darunter die Gelehrten Stephan Schütz und Heinr. Voß, die Künstler J. Jagemann und J. Klauer, der jetzige Geheime Hofrath Helbig und bei jetzige Hofrath und Bürgermeister C. Schwabe.

L. F. v. Froriep, Obermedizinalrath zu Weimar, im Schillersalbum S. 77.
nahmen die Leiche den gewöhnlichen Trägern ab und trugen sie auf sanften Freundesarmen zur Ruhestatt. Hinter dem Sarge gingen, keiner dem Andern bekannt, der Professor Froriep von Halle und der auf die Trauernachricht eben erst von Naumburg herbeigeeilte Schwager des Dichters, Wilhelm v. Wolzogen. Der Himmel war umwölkt, aber die Nachtigallen sangen volltönend durch die Mainacht. Als die Bahre vor der Gruft in dem alten Landschaftskassengewölbe niedergestellt wurde, zerriß der Wind plötzlich die dunkle Wolkendecke; der Mond trat mit ruhiger Klarheit hervor und beleuchtete den Sarg. So wie dieser in die Gruft gebracht war, verfinsterte sich der Himmel wieder. Der Sarg war mit Schillers Namen bezeichnet. Als ein neuer Kirchhof in Weimar angelegt wurde, bot die Stadt einen Platz für des Dichters sterbliche Ueberreste an. Beim Oeffnen des Sarges, der in einem feuchten Gewölbe geruht hatte, zeigte sich eine große Zerstörung; doch fanden geschickte Anatomen und Aerzte die Ueberreste zusammen, und der Schädel sollte auf der fürstlichen Bibliothek verwahrt werden. Der König Ludwig von Bayern (der in zwei Gedichten (I, 213. III, 239) seine innige Liebe zu dem Dichter ausgesprochen hat) vermochte, getrieben von seinem Gefühle, den Großherzog, diese Idee aufzugeben. Man machte einen Abguß, und die ungetrennten Ueberreste Schillers wurden in der fürstlichen Gruft verwahrt, wo jetzt der Großherzog zwischen den beiden Dichtern ruht, (Vergl. Fr. v. Wolz. II, 307-309.) Schillers Wittwe starb zu Bonn 1826. Seine vier Kinder, alle verehelicht, leben. Nur Ein Enkel pflanzt seinen Namen fort. Die Personalien der Familie findet man in Casts Adelsbuch des Königreichs Württemberg, Stuttg. 1839. S. 466 ff.

Es war die Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag. Am Sonntagnachmittag wurde in der Kirchhofskirche Mozarts Requiem von der Kapelle aufgeführt, und der Generalsuperintendent Voigt hielt eine Rede. Die Kinder waren mit in der Kirche; die kleine Emilie lachte während der Trauerrede und bewegte die Herzen der Anwesenden mehr als alle Worte.

»Voß, hast du auch den Papa mit weggetragen,« fragte die vierjährige Karoline jenen am Sonntag, »hast du ihn zum lieben Gott gebracht, hat er den Papa freundlich aufgenommen?« Nicht lange darauf nahm Heinrich Voß die Kinder, ging mit ihnen spazieren, zeigte ihnen die Wolkengebilde, und ihre Phantasie sah Dörfer und Städte. »Da sehe ich ein großes Schloß!« rief Ernst. Karoline sah die Wolke lang an. »Ja!« rief sie endlich, »es ist das Haus vom lieben Gott, aber Papa wohnt mit darin.«

Man erwartete eine Todtenfeier auf dem Theater. Aber Göthe war nicht dafür. Er bezeichnete den Wunsch der Schauspieler gegen Zelter (1. Juni 1805) »als eine Sucht der Menschen, aus jedem Verlust und Unglück wieder einen Spaß herauszubilden.« Den Schauspielern mag dieß wehe gethan haben. Das Gefühl, das die Weigerung eingab, war dennoch ächt. Für eine Todtenfeier auf dem Theater zu Weimar mußte der Verlust in die Ferne gerückt seyn. Sobald es Zeit war, dichtete Göthe den unsterblichen »Prolog zu Schillers Glocke.« – »Ich dachte mich selbst zu verlieren,« schrieb der kaum genesene weiter an Zelter, »und verliere einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseyns.«

Unsre Darstellung hat das Lebensverhältniß beider Dichter zu einander in ihren eigenen Worten zu schildern versucht. Möge sie für die Wahrhaftigkeit dieser Aeußerung Zeugniß ablegen.

Die Theilnahme gegen die Schiller'sche Familie beschränkte sich nicht auf Beileidsbezeugungen. Die Großfürstin erklärte, für die Erziehung der Söhne sorgen zu wollen und that es aufs großmüthigste; der Fürst Primas setzte der Wittwe einen reichen Jahrgehalt aus, und Cotta erfüllte seine Verbindlichkeiten gegen die Erben auf eine Weise, wie sie nur ein treuer Freund erfüllt.

Vor die Nation aber trat Göthe und sprach: »Wir dürfen Ihn wohl glücklich preisen, daß Er von dem Gipfel des menschlichen Daseyns zu den Seligen emporgestiegen, daß ein schneller Schmerz ihn von den Lebendigen hinweggenommen. Die Gebrechen des Alters, die Abnahme der Geisteskräfte hat Er nicht empfunden; – Er hat als Mann gelebt und ist als ein vollständiger Mann von hinnen gegangen. Nun genießt Er im Andenken der Nachwelt den Vortheil, als ein ewig Tüchtiger und Kräftiger zu erscheinen; denn in der Gestalt, wie der Mensch die Erde verläßt, wandelt er unter den Schatten, und so bleibt uns Achill als ewig strebender Jüngling gegenwärtig. Daß Er frühe hinwegschied, kommt auch uns zu Gute. Von seinem Grabe her stärkt uns der Anhauch seiner Kraft, und erregt in uns den lebhaftesten Drang, das, was Er begonnen, mit Eifer und Liebe fort- und immer wieder fortzusetzen.« Skizze S. 135 f.

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