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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 88
Quellenangabe
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Letzte Krankheit und Tod. Dieser Abschnitt und der folgende gründen sich auf eine von uns versuchte Harmonie zwischen den Nachrichten von Göthe, Fr. v. Wolzogen, Voß, dem Verf. der Skizze, v. Froriep, Carlyle und Döring. Es finden sich selbst bei den Augenzeugen namhafte Differenzen, und dem scharfsinnigen Zweifel eines künftigen Jahrtausends bleibt unbenommen, nach Einsicht der Akten das Urtheil zu fällen, daß der ganze Hergang wohl eine Mythe seyn dürfte, und Schiller, wenn er überhaupt gelebt habe, zwar auch gestorben sey, und begraben worden, man aber durchaus nicht bestimmen könne, wie.

1805.

Auch gegen seine Schwägerin hatte Schiller auf dem letzten Spaziergange, den er mit ihr durch den Park von Weimar machte, geäußert: »Wenn ich nur noch so viel für die Kinder zurücklegen kann, daß sie vor Abhängigkeit geschützt sind; denn der Gedanke an eine solche ist mir unerträglich!« Zugleich war ihm sehr viel daran gelegen, daß seine Söhne etwas lernten. Den Unterricht und ihre Fortschritte beobachtete er genau, und machte nach eines jeden Eigenthümlichkeit für ihre künftige Existenz Pläne, deren Genehmigung er der Vorsehung überlassen mußte. An Humboldt hatte er am 2. April geschrieben:

»Daß ich Anträge gehabt, mich in Berlin zu fixiren, wissen Sie, und auch, daß mich der Herzog von Weimar in die Umstände gesetzt hat, mit Aisance hier zu bleiben. Da ich nun auch für meine dramatischen Schriften mit Cotta und mit den Theatern gute Akkorde gemacht, so bin ich in den Stand gesetzt, etwas für meine Kinder zu erwerben, und ich darf hoffen, wenn ich nur bis in mein fünfzigstes Jahr so fortfahre, ihnen die nöthige Unabhängigkeit zu verschaffen. Sie sehen, daß ich Sie ordentlich wie ein Hausvater unterhalte, aber ein solches Häuflein von Kindern, als ich um mich habe, kann einen wohl zum Nachdenken bringen.«

Mittwoch den ersten Mai kündigte sich die letzte Krankheit Schillers als ein Katarrhfieber an, wie man solche bei ihm schon gewohnt war. Er selbst fühlte sich nicht bedenklicher krank, als sonst, empfing Freunde, ließ sich gern unterhalten. Cotta's Besuch auf dessen Durchreise nach Leipzig erfreute ihn, aber die Geschäfte wurden bis auf seine Rückkunft verschoben. Er schien im Januar kränker gewesen zu seyn. Damals hatte er sich wieder ganz erholt, wurde kindlich fröhlich, zählte die Bissen, die er aß, freute sich, daß er wieder so kräftig speisen könne, ließ die kleine Karoline in der Kaffeestunde »schmarotzen,« nahm den Säugling Emilie auf den Arm, küßte sie, und sah sie mit einem Blicke voll verschlingender Innigkeit an, recht als wenn er sein unendliches Glück im Besitz dieses holden Kindes zu Ende denken wollte. Er fuhr wieder fröhlich spazieren, ahnte an den noch unbelaubten Bäumen den Frühling, machte Reisepläne ans adriatische Meer – nach Cuxhafen – zu den gastfreien Dithmarsen. Zwölf Tage vor seinem Tode war er noch bei Hofe gewesen. »Ich half ihn schmücken,« sagt Voß, »und freute mich seines gesunden Aussehens und seiner stattlichen Figur im grünen Gallakleide.« So schien alles berechtigt, wieder zu hoffen.

Zwei Tage darnach war er zum letztenmal im Schauspiele, »das ihm noch glücklich ein holdes Lächeln abgewann.« Als am Schlusse des Stückes Voß, seiner Gewohnheit gemäß, in seine Loge hinaufging, um ihn nach Hause zu führen, hatte er ein heftiges Fieber, daß ihm die Zähne klapperten. So wie er nach Hause kam, wurde ein Punsch gemacht, durch den er sich zu erholen pflegte. Aber am folgenden Morgen lag er zwischen Schlafen und Wachen auf dem Sopha ausgestreckt, und rief dem jungen Freunde mit hohler Stimme entgegen: »da liege ich wieder!« Seine Kinder kamen und küßten ihn. Er bewies keine Theilnahme, äußerte kein Zeichen des väterlichen Dankes. Der gute Voß erbot sich wieder zu Nachtwachen; doch blieb Schiller lieber allein mit seinem treuen Diener, und den Tag über hatte er Frau und Schwägerin am liebsten um sich. Am meisten schmerzte ihn die Unterbrechung des Demetrius, und den Monolog der Marfa fand Herr von Wolzogen, der erst nach Schillers Tode von Leipzig und der Großfürstin zurück kam, auf seinem Schreibtisch. Es waren wahrscheinlich die letzten Zeilen, die er geschrieben.

Starke, sein Jenenser Hausarzt, war mit den Herrschaften in Leipzig. Schiller beruhigte aber die Aengstlichkeit der Seinigen mit der Versicherung, daß er durchaus nach dessen Methode behandelt werde.

Bis zum sechsten Tage blieb sein Kopf ganz frei; er sann über seine Krankheit nach und glaubte eine Methode gefunden zu haben, die seinen Zustand verbessern müsse. An Anstalten für die Zukunft der Seinen, wenn er nicht mehr da wäre, dachte er nicht.

Am sechsten Mai, Montag Abends, fing er an, oft abgebrochen zu sprechen, doch nie besinnungslos. Sein Blick auf die Gegenwart war klar, nur Heterogenes mußte entfernt werden. »Thut es doch gleich hinaus,« sagte er von einem Blatte des Freimüthigen, »daß ich mit Wahrheit sagen kann, ich habe es nie gesehen. Gebt mir Mährchen und Rittergeschichten, da liegt doch der Stoff zu allem Großen und Schönen!« Aber er konnte das Vorlesen nicht mehr ertragen.

An diesem Tag etwa besuchte ihn Voß wieder. Die Augen lagen tief im Kopfe; jede Nerve zuckte krampfartig. Das Mädchen brachte Citronen herein. Er griff hastig nach einer, legte sie aber gleich mit matter Hand wieder hin. Von da an stellten sich Fieberphantasien andauernd ein. Er soll viel von Soldaten und Kriegsgetümmel phantasirt haben, Andere setzen diese Phantasie erst am Donnerstag, z.B. Skizze S. 57. als zeigten ihm seine Träume prophetisch die Schrecken, die Weimar das Jahr darauf, nach der Schlacht bei Jena, von der französischen Plünderung auszustehen hatte. Diese Scenen findet man berührt von Heinr. Voß S. 77 ff. und lebendig erzählt von einem Augenzeugen, von Reinbeck, in seinen Reiseplaudereien II, 19-60. Auch der Name Lichtenbergs, in dem er noch nicht lange gelesen hatte, oder Leuchtenburgs, einer schönen Veste, die er längst besuchen wollte, kam ihm öfters auf die Lippen.

Am Abende des siebenten Tages wollte er mit der Schwägerin wie gewöhnlich ein Gespräch anknüpfen, über Stoffe zu Tragödien, über die Art, wie man die höhern Kräfte im Menschen erregen müsse. Sie antwortete zögernd, um ihn ruhig zu erhalten. Er fühlte es, und sagte: »Nun, wenn mich Niemand mehr versteht, und ich mich selbst nicht mehr verstehe, so will ich lieber schweigen.«

Vor kurzem hatte er ein Gespräch über den Tod mit den nachdenklichen Worten beschlossen: »Der Tod kann kein Uebel seyn, weil er etwas Allgemeines ist.« Auch jetzt schien ihn der Gedanke an die Ewigkeit zu beschäftigen; vor dem Erwachen aus einem Schlummer rief er: »Ist das eure Hölle, ist das euer Himmel?« dann sah er sanft lächelnd in die Höhe, als begrüßte ihn eine tröstende Erscheinung. Damals vielleicht sagte er: »Jetzt ist mir das Leben so klar; so vieles hell und erklärt!« Skizze, S. 58. Carlyle S. 281. Aber was dieser (mit der Skizze S. 57 und 59) vom Abschiednehmen und von letzten Verordnungen Schillers sagt, wäre von den Augenzeugen seines Todes gewiß nicht verschwiegen worden.

Er aß etwas Suppe und sprach zu der Abschied nehmenden Freundin: »Ich denke diese Nacht gut zu schlafen, wenn es Gottes Wille ist.« Der Diener, der die Nächte bei ihm zubrachte, sagte, daß er viel aus Demetrius recitirt; einigemal hab' er auch Gott angerufen, ihn vor einem langsamen Hinsterben zu bewahren.

Der Morgen des achten Mai war ruhig. Aus dem Schlummer erwacht, verlangte er nach seinem jüngsten Kinde. Es wurde gebracht; er wandte sich mit dem Kopf um, faßte es bei der Hand und sah ihm mit unaussprechlicher Wehmuth ins Gesicht. Dann fing er an, bitterlich zu weinen, steckte den Kopf ins Kissen und winkte, daß man das Kind wegbringen sollte.

Als die Schwägerin gegen Abend kam, vor sein Bett trat und fragte, wie es gehe, drückte er ihr die Hand und sagte: »Immer besser, immer heiterer,« und sie fühlte, daß er es in Bezug auf seinen innern Zustand sprach. Er verlangte in die Sonne zu sehen, der Vorhang wurde geöffnet; mit heiterem Blicke schaute er in den schönen Abendstrahl, und die Natur empfing seinen Scheidegruß. Unter dem gleichen Verlangen war 106 Jahre früher auch ein deutscher Dichter im gleichen Alter mit Schiller gestorben. Der Freiherr von Canitz, zu Berlin an der Brustwassersucht im 45sten Lebensjahre erkrankt, hatte ein bejahrtes Fräulein, eine Verwandte seiner zweiten Frau, bei sich zur Wartung. Diese bat er Freitags den 11. August 1699 mit anbrechendem Tage, nachdem er sich vorher ganz hatte ankleiden lassen, daß sie ihn, damit er frische Luft schöpfen könnte, ans Fenster führen möchte. Er öffnete es, betrachtete die eben aufgehende Sonne mit unverwandten und freudigen Augen und rief: »Ey, wenn das Anschauen dieses irdischen Geschöpfes so schön und erquickend ist, wie viel mehr wird mich der Anblick der unaussprechlichen Herrlichkeit des Schöpfers selbst entzücken!« Mit diesen Worten sank er, vom Steck- und Schlagflusse befallen, dem ihn aufhaltenden Fräulein todt in die Arme. Canitz Gedichte nebst dessen Leben von J. A. König. Leipz. u. Verl. 1727. S. CLXX.

Noch in der letzten Nacht saß er aufrecht im Bett und sprach mit großer Kraft, besonders über die bevorstehende Reise seiner Frau ins Bad. Am neunten Mai, Donnerstag Morgens, trat Besinnungslosigkeit ein; er sprach unzusammenhängende Worte, meist in Latein. Ein verordnetes Bad nahm er ungern, aber ergeben, wie er immer war. Der Arzt hatte ein Glas Champagner verordnet; es war sein letzter Trunk. Brustbeklemmungen stellten sich ein; er sah die Seinen mit starrem und irrem Blicke an. Gegen drei Uhr Nachmittags trat vollkommene Schwäche ein; der Athem fing an zu stocken. Um vier Uhr forderte er Naphta, aber die letzte Sylbe erstarb auf seinem Munde. Er versuchte zu schreiben, brachte aber nur drei Buchstaben hervor, in denen jedoch noch der Charakter seiner entschiedenen Schriftzüge kenntlich war.

Seine Gattin kniete am Bette, er drückte ihr noch die dargebotene Hand. Die Schwägerin stand mit dem Arzt am Fuße des Bettes und legte gewärmte Kissen auf die erkaltenden Füße. Jetzt fuhr es wie ein elektrischer Schlag über sein Gesicht; das Haupt sank zurück; die tiefste Ruhe verklärte sein Antlitz; seine Züge waren die eines sanft Schlafenden. Nach einigen Nachrichten erfolgte der Tod 6 Uhr Abends.

»Er hatte früh das strenge Wort gelesen,
Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut.
So schied er nun, wie ei so oft genesen.«

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