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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 82
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Wirksamkeit, Leben, Begegnisse und Freunde in Weimar.

1802.

Das Jahr 1802 eröffnete Schiller mit einem Briefchen an seinen Freund Göthe, in den alten Gesinnungen gegen diesen und mit guter Hoffnung. Die beiden Dichter waren jetzt ganz unzertrennlich. Eine Abendgesellschaft, die sich wöchentlich in Göthe's Hause versammelte, aus gleichgestimmten und wohlwollenden Menschen bestehend, erheiterte unsern Dichter sehr. Die Gesellschaft spielte Ritter und Fräulein, und die Ritter, (Göthe, Schiller und Meyer) hatten die Pflicht, die Vorzüge ihrer Damen zu besingen. Als Kotzebue bei einem Aufenthalte in Weimar in diesem Cirkel keine Aufnahme fand (im Herbst 1802), stiftete er einen zweiten, und wollte, Göthe'n, von dem er sich persönlich beleidigt fühlte, zum Trotz, den Dichter Schiller zum Patron desselben machen. Dieser sollte auf dem Weimar'schen Stadthause gekrönt werden. Scenen aus Don Carlos und der Jungfrau sollten die Festlichkeit einleiten; Sophie Mereau die Glocke recitiren, Kotzebue selbst, nachdem er als Vater Thibaut geschäfert, als Glockengießer eine Glockenform von Pappendeckel entzwei schlagen; mit seinem letzten Streiche sollte die Form zerspringen und Schillers sichtbar gewordene Büste von Frauenhänden mit dem Lorbeer geschmückt werden. Der gefällige Wieland hatte seine Anwesenheit zugesagt, Schiller war eingeladen, hatte aber bei Göthe geäußert: »ich werde mich wohl krank schreiben.« Der Oppositionsplan scheiterte zuerst an Heinrich Meyers Weigerung, als Conservator die in der Bibliothek aufgestellte (kleinere) Büste Schillers von Dannecker herzugeben, und noch entschiedener an der Erklärung des Bürgermeisters, den Stadthaussaal nicht zum Theater umschaffen zu wollen. Eine Dame Weimars besang den tragischen Ausgang der Komödie von der Glocke in drolligen Versen

... Die edle Form zerspringt im Sand,
Sie wird Discordia genannt. Falk über Göthe;« ausführlich bei Hinrichs I, 78-81.

Nach Göthe's Bericht wurde später die Glocke wirklich öfters mit allem Apparate des Gusses und der sonstigen Darstellung gegeben, und die ganze Theatergesellschaft wirkte mit, was seitdem auf andern deutschen Theatern wiederholt worden ist. – Hoffm. IV, 119 ff. »Seit Schiller in Weimar lebte, stand ihm besonders die Bühne vor Augen – erzählt Göthe – Ueber das deutsche Theater, Mbl. 1815; in Dörings älterem Leben Schillers, S. 192 ff. und er beschloß, seine Aufmerksamkeit auf die Vorstellungen derselben scharf und entschieden zu richten. Und einer solchen Schranke bedurfte der Dichter: sein außerordentlicher Geist suchte von Jugend auf die Höhen und Tiefen; seine Einbildungskraft, seine dichterische Thätigkeit führten ihn ins Weite und Breite; und so leidenschaftlich er auch hiebei verfuhr, so konnte doch bei längerer Erfahrung seinem Scharfblicke nicht entgehen, daß ihn diese Eigenschaften auf der Theaterbahn nothwendig irre führen mußten.« Darauf erinnert Göthe daran, wie sich der Wallenstein vor seinem Genie immer mehr ausgedehnt, wie er zuletzt in drei Theile getheilt, und seit der Aufführung immer wieder verändert worden, damit nur die Hauptmomente im Engern wirken möchten; wie der Don Carlos, schon früher für die Bühne zusammengezogen, bei einer späteren Redaktion zu theatralischem Zwecke muthig, ja unbarmherzig behandelt, doch nicht in den Raum von drei Stunden eingeschlossen werden konnte.

Selbst seine frühesten Stücke – Göthe nennt sie »Produkte genialer jugendlicher Ungeduld über schweren Erziehungsdruck« – versuchte er jetzt »dem geläuterten Geschmacke anzuähnlichen, und pflog hierüber mit sich selbst in langen schlaflosen Nächten, dann aber auch an heitern Abenden mit Freunden einen liberalen und umständlichen Rath.« Sie fanden jedoch das Mißfällige hier zu innig mit Gehalt und Form verwachsen, und so mußten sie der Folgezeit, wie sie einmal aus einem gewaltsamen Geist entsprungen waren, überliefert werden.

Was man an eigenen Werken gethan, könnte man auch an fremden thun, dachte jetzt Schiller, und so entwarf er den Plan, in Gesellschaft übereindenkender Freunde frühere dramatische Leistungen der Jetztwelt und ihrer Bühne durch angemessene Behandlung näher zu bringen. Um sein »deutsches Theater« auf ächt deutschem Boden zu gründen, war seine Absicht zuerst, Klopstocks Hermannsschlacht zu bearbeiten. Als er seine ideellen Forderungen hier gar nicht befriedigt fand, Es ist ein kaltes, herzloses, ja fratzenhaftes Produkt, ohne Anschauung für den Sinn, ohne Leben und Wahrheit, und die paar rührenden Situationen, die sie enthält, sind mit einer Gefühllosigkeit und Kälte behandelt, daß man indignirt wird.« S. an G. 30. Mai 1803. – Schiller war zu sehr im Parteistreite begriffen, um durch alle Fehler Klopstocks Größe zu erkennen. Andre thaten es; selbst Franzosen. De Serre (der nachmals berühmte Minister der Restauration) vertheidigte unsern Klopstock (als Napoleonischer Präsident des Gerichtshofs zu Hamburg im Sept. 1811) gegen einheimische Verunglimpfungen, mit dem unwilligen Zusätze, »man müsse reinen Herzens seyn, um über ihn zu reden.«

Niebuhr, der dieß erzählt (Lebensnachrichten, Hamburg, Perthes, 1838. I, 499), traf selbst die richtige Mitte in Klopstocks Beurtheilung (I, 524 f.)
wurde das Stück bei Seite gelegt, und Lessings Stücke, Emilia Galotti, die ihm übrigens zuwider war, Minna von Barnhelm und Nathan wurden vorgenommen. Das letztere Drama erscheint nach seiner und der Kunstfreunde Redaktion noch immer auf den Bühnen.

Göthe's Egmont war von Schiller schon bei Ifflands Anwesenheit in Weimar (l796) grausam verkürzt worden; Klärchens Verbannung litt der Dichter nicht. Auch Stella verdankte unsrem Schiller ihre Erscheinung auf dem Theater; Iphigenie wurde im laufenden Jahre (1802) gemeinschaftlich von beiden Dichtern für die Bühne zubereitet; zu gleicher Zeit wurde Gozzi's Turandot dem Theater von Schiller überliefert, und dort schon im Januar aufgeführt. Damals kam auch Fr. Schlegels Alarkos auf die Bretter, und Schiller that mit Göthe das möglichste für dieses »seltsame Amalgam des Antiken und Neuestmodernen.« Noch in seinem letzten Lebensjahre war er bei der Vorstellung des »Götz von Berlichingen« (Sept. 1804), der »Laune des Verliebten« und »der Mitschuldigen« (März 1805) beiräthig und thätig. – Seine letzte Arbeit war eine Anpassung von Shakspeares Othello für die Bühne. Boas III, 40. – Er hatte auch den Gedanken, ein besonderes Männertheater zu errichten; und die Idee der Direktion einer größern Bühne beschäftigte ihn oft. »Das Theater,« sagte er, »und die Kanzel sind die einzigen Plätze für uns, wo die Gewalt der Rede waltet;« und in seinem Sinne sollte das Theater immer der Kanzel gleichen, die Menschen geistiger, stärker, liebreicher machen, sie vom Egoismus befreien.

Auch den Schauspielern wandte er sich in dieser Zeit wieder gütig zu. An Abenden, wo sie eins seiner Stücke mit Glück oder zum erstenmal dargestellt hatten, pflegte er die Hauptakteurs auf das Stadthaus einzuladen, wo die Zeit unter fröhlicher Unterhaltung verging. Gewöhnlich aber saß er Abends allein bei der Arbeitslampe bis über Mitternacht, wie in Jena, und Göthe bewunderte seine Lebenszähheit, die solcher Anstrengung nicht früher unterlegen ist, und ihm gewiß bei vorsichtigerer Lebensweise ein höheres Alter vergönnt hätte. Der Ankauf eines kleinen, aber bequemen und hinter schattigen Bäumen auf der Esplanade freundlich gelegenen Hauses vollendete Schillers Zufriedenheit in Weimar. Die ersten Zeiten dieser Ortsveränderung wurden ihm jedoch durch manches verbittert; besonders durch die Nachricht von dem schweren Krankenlager und dem Tode seiner guten Mutter in Schwaben. »Aus einem Brief, den ich vor einigen Tagen erhielt« – so klagt er seinem Freund Göthe, der damals die Universitätsbibliothek zu Jena einrichtete, am 12. Mai 1802 – »erfuhr ich, daß an demselben Tag, wo ich mein neues Haus bezog, die Mutter starb. Man kann sich nicht erwehren, von einer solchen Verflechtung der Schicksale schmerzlich angegriffen zu werden.« Seine Mutter hatte in der letzten Zeit bei ihrer jetzt mit dem M. Franckh, damals Pfarrer zu Cleversulzbach, unweit von Weinsbergs Weibertreue, verheiratheten Tochter Louise gewohnt. Jetzt haust auf diesem Pfarrhofe einer der liebenswürdigsten jungem schwäbischen Dichter. Eduard Mörike, geb. zu Ludwigsburg den 8. September 1804. In seinen Gedichten. (St. u. T. Cotta, 1838. S. 113) findet sich folgende Aufschrift:

Auf das Grab von Schillers Mutter.

Cleuersulzbach im Mai.
Nach der Seite des Dorfs, wo jener alternde Zaun dort
     Ländliche Gräber umschließt, wall' ich in Einsamkeit oft,
Sieh den gesunkenen Hügel! es kennen wenige Greise
     Kaum ihn noch, und es ahnt Niemand ein Heiligthum hier.
Jegliche Zierde fehlt, und jedes deutende Zeichen;
     Dürftig breitet ein Baum schützende Arme umher,
Wilde Rose! dich find' ich allem statt anderer Blumen,
     Ja, beschäme sie nur! brich als ein Wunder hervor!
Tausendblättrig öffne dein Herz! entzünde dich herrlich
     Um begeisternden Duft, den aus der Tiefe du ziehst!
– Eines Unsterblichen Mutter liegt hier bestattet; es richten
     Deutschlands Männer und Frau'n eben den Marmor ihm auf.

Wie Schiller seine Mutter betrauerte, wie er ihr einen Blick in die Ewigkeit nachschickte, haben wir im ersten Buche gesehen. Ueber der Mutter Krankheit vergl. Schiller an Hoven Nro. 12 (Hovens Leben S. 388.) Schmerz und Freude Ungefähr um dieselbe Zeit sang er in fremdem Namen einem Freunde bei der Hochzeit zu:

Ewig, wie du selber bist.
Freu' dich deiner Beute,
Wenn die Sonne nicht mehr ist,
liebe noch wie heute!

(Boas I,79.
wirkten auf die gleiche Weise in seiner Seele: sie gaben ihr eine Richtung nach oben, und fachten die Glaubensflamme immer wieder in ihr an. Auch die geschwisterlichen Bande zog er auf diesen Verlust wieder fester an. »O liebe Schwester,« schrieb er an Christophine, »so sind uns nun beide liebende Eltern entschlafen, und dieses älteste Band, das uns ans Leben fesselte, ist zerrissen! Es macht mich sehr traurig und ich fühle mich in der That verlassen, ob ich gleich mich von geliebten und liebenden Wesen umgeben sehe, und Euch, ihr guten Schwestern, noch habe, zu denen ich in Kummer und Freude fliehen kann. O laß uns, da wir drei nun allein noch von dem väterlichen Hause übrig sind, (uns) desto näher an einander schließen! Vergiß nie, daß du einen liebenden Bruder hast; ich erinnere mich lebhaft an die Tage unserer Jugend, wo wir uns noch Alles waren. Das Leben hat unsere Schicksale getrennt, aber die Anhänglichkeit, das Vertrauen muß unveränderlich bleiben.«

Sonst fühlte sich Schiller in Weimar sehr glücklich, und gab sich in den kurzen Stunden der Erholung von seinem Dichterberufe ganz den harmlosen Familienfreuden hin. Mit seinen Knaben spielte er Löwe und Hund; manchmal fand ihn ein Hausfreund, wie jener Gesandte Heinrich den Vierten, auf vier Füßen in dem Zimmer herumkriechend. Bei Tische saß er beständig zwischen zweien seiner Kinder; wo er konnte, liebkoste er sie und scherzte mit ihnen. Sie hatten ihn auch unbeschreiblich lieb; und während der lange Mann nichts that, die Anrückenden zu erleichtern, kletterten sie an ihm hinan, sich einen Kuß zu erobern. Heinr. Voß, 54 f.

Auch in den geselligen Verhältnissen fand sich der Dichter befriedigt. Hier herrschte die schönste geistige Freiheit. Fr. v. Wolz. II, 184 ff. »Der Herzog wußte gastfreundlich den Genius zu bewirthen, indem er ihm ungestörten Selbstgenuß vergönnte, und wenn er als Weltmann zuweilen über poetische Ansichten absprach, so gönnte er doch den Musen ihre Freiheit.« Die Herzogin fühlte eine innige Zuneigung zu Schillers Werken, und dieser rühmte mit Rührung das gütige Benehmen der hohen Frau. Auch in dem Zauberkreise der Herzogin Mutter, in welchem alles Lästige und Beschränkte der Verhältnisse wegfiel, war er, so oft es seine Gesundheit erlaubte, und Wieland, der gefeierte Genius ihres Hauses, blieb unsrem Dichter immer befreundet. Mehrere anmuthige, jugendliche Gestalten erfreuten Schillern. Die Prinzessin Caroline, Tochter des Herzogs, (als Erbgroßherzogin von Meklenburg 1816 früh gestorben), ein himmlisches Gemüth, das mit Geisterliebe alles Schöne und Gute begrüßte, zog ihn besonders an; an Amaliens von Imhof aufblühendem Talent hatte er große Freude. Die reinste Gesinnung und das Mäßige, Mildernde eines klaren Verstandes erhielt ihm Heinrich Meyern nächst Göthe werth. Herrn v. Einsiedel, einen heitern, liebenswürdigen Mann, sah er sehr gerne; der Geheimerath von Voigt, ein Geschäftsmann voll Jünglingssinn für Kunst und Wissenschaft, blieb des Dichters thätiger Freund.

Weder mit Herder, aus Gründen, die wir kennen, noch mit Jean Paul, dessen Produkte durch ihre Formlosigkeit seinem Kunstgeschmack beleidigten, ohne daß er seinen hohen Geistesflug verkannte, entstand ein inniges Verhältniß. Böttigers Gelehrsamkeit schätzte Schiller, doch wünschte er ihm von Herzen eine glückliche Reise, als er nach Berlin wollte (Dec. 1803). Die Gefangenschaft Kotzebue's in Siberien hatte menschlichen Antheil für diesen erregt; er zeigte, wie wir gesehen, große Verehrung für Schillern, der ihm freundlich, doch ohne Annäherung, begegnete, aber von ihm sagte: »Er ist doch wie ein Windball, auf dem nie ein Eindruck zurückbleibt.«

Mit Göthe bestand, wie wir längst gesehen, das innigste Verhältniß, heiße man es nun Geistes- oder Herzensfreundschaft. »Es war einzig,« sagt der Alte zu Eckermann, »weil wir das herrlichste Bindungsmittel in unsern gemeinsamen Bestrebungen fanden, und es für uns keiner sogenannten besondern Freundschaft bedurfte.« Und ein andermal spricht er: »Es waltete bei meiner Bekanntschaft mit Schillern durchaus etwas dämonisches ob; wir konnten früher, wir konnten später zusammengeführt werden; aber daß wir es gerade in der Epoche wurden, wo ich die italienische Reise hinter mir hatte, und Schiller der philosophischen Spekulation müde zu werden anfing, daß Schiller so viel jünger war, und im frischesten Bestreben begriffen, da ich an der Welt müde zu werden begann, war von Bedeutung und für beide von größtem Erfolg.« So erkannte Göthe das Walten der Vorsehung in dieser Verbindung. Er gestand, daß er Schillern Vieles, namentlich seine Achilleis und manche Balladen verdanke. Auch blickte er, in vielem sich überlegen fühlend, in manchem doch an Schiller empor: »der Deutsche verlangt einen gewissen Ernst,« sagt er, »eine gewisse Größe der Gesinnung, eine gewisse Fülle des Innern, weßhalb denn auch Schiller von Allen so hoch gehalten wird.« Und ein andermal legt er dem Freunde sogar etwas von der Christusnatur bei und sagt: »sein Charakter wirkte wie der Charakter Jesu veredelnd auf Jeden, der sich ihm näherte.« Eckerm. I, 141. 196. 2l9. u.a.a.D., das letzte aus dem Gedächtniß citirt.

Wolzogen und seine Gattin waren nächst Göthe Schillers eigentliches Lebenselement. Jener, von der Akademie her sein Freund, erheiterte ihn durch seine vielseitige Weltansicht, die der Dichter gerne seiner eigenen Abgeschlossenheit zu gute kommen ließ. Schiller freute sich der Wirkung seiner Dichtung auf eine so klare Vorstellungskraft und ein durch das Leben erprobtes Gemüth. »Wenn es bei dem durchdringt,« pflegte er zu sagen, »da ist es gewiß tüchtig.« So lebten sie in vertrauter Freundschaft, geborgen vor lästigem Andrange, sicher bei vernünftiger Einrichtung. Zwar war Schillers Lage noch immer von der Art, daß er den Seinen eine sorgenfreie Zukunft erst sichern mußte, aber die Pläne gingen seiner Phantasie nicht aus, und daneben handelte er als Familienvater mit großer Besonnenheit. Dalbergs schwankende Verhältnisse machten es in neuerer Zeit diesem edeln Gönner selbst bedenklich, unsres Dichters Existenz an die seine zu knüpfen. Auch fiel der Churfürst und Erzkanzler des Reichs wirklich in das Netz des Unterdrückers, zu dem Schiller nie Neigung und Vertrauen für die Menschheit faßte; denn seiner »freien Seele war der Hauch der Tyrannei zuwider.« Er konnte sich für diesen Eroberer nicht begeistern. »Wenn ich mich nur für ihn interessiren könnte,« sagte er – »aber ich vermags nicht; dieser Charakter ist mir durchaus zuwider – keine einzige heitere Aeußerung, kein Bonmot vernimmt man von ihm.« Jamais pour éclaireir ta royale tristesse

La coupe des festins ne te versa l'ivresse.

Lamartine.

In Weimar glich Schillers Lebensweise noch ganz der in Jena; noch immer liebte er die einsamen Spaziergänge in den Laubgängen des Parks, wo man ihn oft die Schreibtafel in der Hand bald stille stehen, bald mit ungleichen Schritten weiter gehen sah. Sein Lieblingsplätzchen war der Felsengang bei dem unter Göthe's Direktion erbauten »römischen Hause,« wo er oft im Dunkel des mit Buchen und Cypressen bewachsenen Gesteines saß, und dem Gemurmel der Quelle lauschte.

Von seinem einfachen Familienleben ließ der Dichter, der ohne Anspruch an alle Aeußerlichkeiten war, und dessen Studirstube ein Landsmann aus Tübingen im J. 1802 so bescheiden und unordentlich fand, wie jedes Gelehrtenzimmer, Mündliche Mittheilung. auch nicht ab, als der Herzog von Weimar aus eigener Bewegung im Sept. 1802 den Reichsadel für ihn auswirkte, wobei den Herzog und seine Gemahlin der Wunsch beseelte, ihn und seine Frau bei allen Gelegenheiten in ihrer Nähe zu sehen. Der radikale Haß gegen den Adel hatte unsern Dichter längst verlassen, aber sein philosophischer Ernst gegenüber von zeitlicher Ehre nicht. Einige Bedenklichkeiten furchten seine Stirne bei dem Antrag, und als es entschieden war, schrieb er an Humboldt: »Sie werden gelacht haben, als Sie von unserer Standeserhöhung hörten. Es war ein Einfall von unserem Herzog, und da es geschehen ist, so kann ich es um der Lolo Der familiäre Name seiner Frau, für Lottchen. Geradeso hatte, als A. 1798 sein gütiger Herzog das neufränkische Bürgerdiplom sich für die herzogl. Bibliothek ausgebeten hatte, Schiller, der gute Familienvater, Vorsorge getroffen, daß, wenn eines seiner Kinder sich einmal in Frankreich niederlassen und das Bürgerrecht reklamiren wollte, es hier zu finden wäre. (An Göthe den, 9. März 1798). und der Kinder willen mir auch gefallen lassen.« (17. Februar 1803).

Und seinem Schwager, dem Pfarrer Franckh, hatte er nach Schwaben geschrieben (29. Okt. 1802): »die Zeitungen haben mir den Adel von Wien aus zuerkannt; ich selbst aber habe noch Nichts von dorther erhalten. Indessen mag an dem Gerüchte etwas Wahres seyn, denn ich habe Ursache zu vermuthen, daß mein Herzog mir damit ein Geschenk machen wollte.«

Schiller stand in seiner sittlichen und geistigen Größe so unbeneidet da, daß sich in der Welt auch nicht einmal ein Scherz darüber vernehmen ließ, als der Bürger der französischen Republik nun auch ein deutscher Edelmann geworden war. Dem großen Schiller seinen Adel vorrechnen zu wollen, wäre so armselig, als ihm denselben anzurechnen. Von allen Contribuenten zu Schillers Statue hat nur Einer seine Gabe mit den charakteristischen Worten begleitet: »Für das Hofrath von Schiller'sche Denkmal.«

Unsre Leser werden das in mehr als Einer Hinsicht merkwürdige Aktenstück, welches durch Friedr. Cast's historisch-genealogisches Adelsbuch des Königreichs Württemberg (Stuttg. 1836. S. 467 ff.) veröffentlicht worden ist, nicht ungerne hier sehen.

Auszug aus dem Adelsdiplom Schillers.

d. d. Wien, 7. Septbr. 1802.

Wir Franz der Andere, von Gottes Gnaden u. s. w. u. s. w. – Wann Uns nun allerunterthänigst vorgetragen worden ist, daß der rühmlichst bekannte Gelehrte und Schriftsteller Johann Christoph Friedrich Schiller von ehrsamen deutschen Voreltern abstamme, wie denn sein Vater als Offizier in herzoglich württembergischen Diensten angestellt war, auch im siebenjährigen Kriege unter den deutschen Reichstruppen gefochten hat, und als Oberstwachtmeister gestorben ist, er selbst aber in der Militärakademie zu Stuttgart seine wissenschaftliche Bildung erhalten, und, als er zum ordentlichen Lehrer auf der Akademie zu Jena berufen worden, mit allgemeinem und seltsamem Beifall Vorlesungen, besonders über die Geschichte, gehalten habe; ferner daß seine historischen sowohl, als die in den Umfang der schönen Wissenschaften gehörigen Schriften in der gelehrten Welt mit gleichem ungetheiltem Wohlwollen aufgenommen worden seyn, und unter diesen besonders seine vortrefflichen Gedichte selbst dem Geiste der deutschen Sprache einen neuen Schwung gegeben hätten; auch im Auslande würden seine Talente hoch geschätzt: so daß er von mehreren ausländischen Gelehrten-Gesellschaften als Ehrenmitglied aufgenommen worden sey; seit einigen Jahren aber als herzoglich sächsischer Hofrath und mit einer Gattin aus gutem adeligen Hanse verehelicht, sich in der Residenz Seiner des Herzogs zu Sachsen-Weimar Liebden aufhalte, es auch der lebhafte Wunsch Seiner Liebden sey, daß gedachter Hofrath sowohl wegen dessen in ganz Deutschland und im Auslande anerkannten ausgezeichneten Rufes, als auch sonst in verschiedenen auf die Gesellschaft, in welcher derselbe lebe, sich beziehenden Rücksichten, noch eine besondere Ehrenauszeichnung genieße; Wir daher gnädig geruhen möchten, denselben sammt seinen ehelichen Nachkommen in des heiligen röm. Reichs Adelstand mildest zu erheben, welche allerhöchste Gnade er lebenslang mit tiefschuldigstem Danke verehren werde, welches derselbe auch wohl thun kann, mag und soll:

So haben Wir demnach in gnädigster Rücksicht auf die ehrerbietigsten Wünsche Seiner des Herzogs zu Sachsen-Weimar Liebden, wie auch auf oben angeführte ausgezeichnete seltene Verdienste, mit wohlbedachtem Muthe, gutem Rathe und rechtem Wissen ihm, Johann Christoph Friedrich Schiller, die kaiserliche Gnade gethan, und ihn sammt seinen ehelichen Leibeserben und derselben Erbeserben beiderlei Geschlechts, in gerader Linie absteigenden Stammes, in des heiligen römischen Reichs Adelstand gnädigst erhoben, eingesetzt und gewürdigt, auch der Schaar, Gesell- und Gemeinschaft anderer adeliger Personen dergestalt zugeeignet, zugefüget und verglichen, als ob sie von ihren vier Ahnen, väterlicher und mütterlicher Seits, in solchem Stande hergekommen und geboren wären. Thun das, erheben, setzen und würdigen sie in des heil. röm. Reichs Adelstand aus römischkaiserl. Machtvollkommenheit, meinen, setzen und wollen u.s.w. u.s.w. Gebieten darauf allen und jeden Kurfürsten, Fürsten, geistlichen und weltlichen Prälaten, Grafen, Freien, Herren, Rittern, Knechten, Landmarschällen u.s.w. und sonst allen andern Unsern und des Reichs Unterthanen und Getreuen, was Würden, Standes und Wesens die seyen, ernst- und festiglich mit diesem Briefe, und wollen, daß sie oftgenannten Johann Christoph Friedrich von Schiller, seine ehelichen Leibeserben und derselben Erbeserben beiderlei Geschlechts in gerader Linie absteigenden Stammes, für und für in ewige Zeiten als Unsern (Unsere?) und des heiligen römischen Reichs rechtgebornen (ne?) Lehens- und Turniergenossen, adelige Personen, erkennen, ehren und würdigen, an oberzählten Unsere (Rn?) kaiserliche (en?) Gnaden, Würden, Vortheilen, Freiheiten, Rechten und Gerechtigkeiten, Erhebung in des heiligen römischen Reichs Adelstand, adelige (en?) Wappen-Kleinode (en?) und Benamsung nicht hindern, noch irren, sondern sie deren allen u.s.w. u.s.w. – eine Pön von 50 Mark löthigen Goldes vermeiden u.s.w. u.s.w.)

Mit Urkund dieses Befehls, besiegelt mit Unserem kaiserlichen Insiegel, bei gegeben ist zu Wien, den siebenten Tag im Monat September, nach Christus, Unsers lieben Herrn und Seligmachers, gnadenreicher Geburt, im achthundert und zweiten Unserer Reiche, des römischen wie auch des hungarischen und böhmischen im eilften Jahre.

Franz.

vdt. F. zu Colloredo-Mansfeld.

Ad Mandatum Sac. Caes. Majestatis proprium.

Peter Anton Frhr. v. Frank.

Die Richtigkeit obiger Abschrift aus dem Originale bezeugt

Stuttgart, den 29. Mai 1818.

(L. S.)

Königl. Württemberg, immatr. Notar

Christian Gottfried Weber.

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