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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 81
Quellenangabe
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Schillers Tischreden.

1801.

Göthe hat, so gut wie Luther, seinen Hausfreund gefunden, der die Tischreden des großen Mannes aufzeichnete. Wer ergänzt sich nicht mit Lust und Liebe den Dichter durch den Menschen, indem er beide in Eckermanns klarem Spiegel erblickt?

Für Schiller hat dieses Geschäft, doch nur auf kurze Zeit, eine weibliche Hausgenossin übernommen. Christiane v. Wurmb, Cousine von Schillers Frau, in der Folge die Gattin des Gymnasialdirektors Abelen in Osnabrück, brachte die Wintermonate des Jahres 1801 in Schillers Hause zu. Der schöne Verstand und die ernste Richtung des zwanzigjährigen Mädchens interessirten den Dichter lebhaft, und ihre ausgezeichnet schöne Stimme, die sie in Weimar ausbilden sollte, gereichte ihm zu großem Vergnügen. Frau u. Wolzogen theilt aus dem Tagebuch dieser Jungfrau eine Reihe sinniger Blätter voll Erinnerungen aus Schillers Gesprächen mit, II, 203-223. aus welchen einige charakteristische Proben diesem Leben nicht fehlen sollen.

»Den 15. Febr., als ich mit Schiller allein Thee trank.«

»Die ganze Weisheit des Menschen sollte allein darin bestehen, jeden Augenblick mit voller Kraft zu ergreifen, ihn so zu benutzen, als wäre es der einzige, letzte. Es ist besser mit gutem Willen etwas zu schnell thun, als unthätig bleiben.«

»Den 1. März, als ich mit ihm aus der Komödie ging.«

»Wenn man dreißig Schauspiele sähe, und man fragte sich bei jeder vollendeten Vorstellung: Was hat der Dichter damit sagen wollen? Was war seine Absicht, sein Zweck? Was war Gutes oder Schlechtes daran? Wie hat er dieses oder jenes gehalten? Wenn man sich so von jeder Scene Rechenschaft gäbe, so wäre es keine Frage, daß man am Ende das einunddreißigste selbst verfertigen könnte. Und zu was für einem großen Grade von Vollkommenheit könnte der Mensch kommen, wenn er es mit Allem, was ihm begegnete, und was in seiner Seele vorginge, so machte.«

»Den 5. März, als ich ihm Kaffee einschenkte.«

»Billigkeit ist eine schöne, aber seltene Tugend. Oft fehlen die sanftesten Herzen am meisten dagegen. Weil sie mit Innigkeit und Treue an der leidenden Partei hängen, so flößt ihnen Alles, was dagegen ist, einen unwillkürlichen Widerwillen ein, und dieses ist ein Stein, an dem so oft die Menschheit scheitert.«

»Den 6. März, bei Tisch.«

»Der Mensch ist verehrungswürdig, der den Posten, wo er steht, ganz ausfüllt. Sey der Wirkungskreis noch so klein. er ist in seiner Art groß. Wie unendlich mehr Gutes würde geschehen, und wie viel glücklicher würden die Menschen seyn, wenn sie auf diesen Standpunkt gekommen wären.«

»Den 9. März, als ich ihm ganz allein den Thee in seiner Stube bereitete, und er aufhörte zu arbeiten.«

»Es ist schwer und gehört ein Grad von Cultur und Vollkommenheit dazu, die Menschen so zu nehmen und nicht mehr von ihnen zu verlangen, als in ihren Kräften steht. Es giebt Gemüther, die nie an diesen Stein des Anstoßes gerathen; sie sind nicht zum tiefen Denken gewöhnt, sie nehmen, genießen und geben, weil es der Zufall so will. Ist dagegen bei andern Naturen der erste, jugendliche Traum verraucht, wo Alles in freundlichem Lichte erscheint, wo man Alles umfassen möchte, wo man wähnt, alles, was da ist, sey um unsertwillen da, – ist dieser süße Blick verschwunden, dann erscheint uns sogleich Alles ernster; der Mensch erscheint uns in anderer Gestalt. Wo wir sonst liebten, bewunderten, anbeteten – da sehen wir oft mit freiem Blick die trüben Quellen. Es gehört ein Grad von Verstand, und ein weiches, unverdorbenes Herz dazu, daß die Menschenliebe siege.«

»Den 15. März, als sein kleiner Sohn mich fragte, was im Winde sey.«

»Man sollte es sich zur heiligsten Pflicht machen, dem Kinde nicht zu früh einen Begriff von Gott beibringen zu wollen. Der Verfasser dieser Biographie verkannte als jugendlicher Erzieher diese Pflicht, und fragte sein ältestes Kind, als es drei Jahre alt war, beim Anblick eines herrlich blühenden Gartens, ob es auch wisse, wer das Alles gemacht. »Ja,« antwortete das Mädchen leise und bedeutungsvoll. – »Nun wer?« – »die Großmama!« war die Antwort. Dadurch kam der Vater auch auf Schillers Gedanken, solang es noch Zeit war. Die Forderung muß von Innen heraus geschehen, und jede Frage, die man beantwortet, ehe sie aufgeworfen ist, ist verwerflich. Man sagt dem Kinde öfter im sechsten, siebenten Jahre etwas vom Schöpfer und Erhalter der Welt, wo es den großen, schönen Sinn dieser Worte noch nicht ahnen kann, und so sich seine eigenen verworrenen Vorstellungen macht. Entweder verhindert man durch dieses zu frühe Erklären den schönen Augenblick des Kindes ganz, wo es das Bedürfniß fühlt, zu wissen woher es kömmt, und wozu es da ist – oder kommt er ja, so ist das Kind schon so kalt durch seine vorhergegangenen Ideen geworden, daß man ihm nie wird die Wärme einflößen können, die es gefühlt haben würde, wenn man ihm Zeit bis zu diesem entscheidenden Augenblicke gelassen hätte. Und das Kind hat vielleicht seine ganze Lebenszeit daran zu wenden, um jene irrigen Vorstellungen wieder zu verlieren, oder wenigstens zu schwächen.«

»Den 18. März, als er mich in meiner Stube nähend fand.«

»Es ist ein eigen seltsam Ding um die gelehrten Frauen! Wenn sie einmal den ihnen angewiesenen Kreis verlassen, so durchfliegen sie mit schnellem, ahnendem Blicke unbegreiflich rasch die höhern Räume. Aber dann fehlt ihnen die starke, anhaltende Kraft des Mannes, der eiserne Muth, jedem Hinderniß ein ernstes Ueberwinden entgegen zu setzen, und fest und unaufhaltsam in jenen Regionen fortzuschreiten. Das schwächere Weib hat seinen ersten schönen Standpunkt verloren, und wird entweder zur eitlen Thörin oder unglücklich.«

»Den 21. März, als ich den Wunsch geäußert, so wie die Jagemann singen zu können.«

»Man sollte beinahe glauben, daß Neid der menschlichen Natur eigen sey, doch versteht sich, nicht jener gemeine niedrige, welcher so tief herabwürdigt. Schon die Bewunderung einer Kunst, eines Talents, oder was es sey, führt gewöhnlich den leisen Wunsch mit sich, es auch zu besitzen. Und durch gute Erziehung ist dies gewiß ein großes Mittel, die menschlichen Kräfte zu einer gewissen Vollkommenheit zu erheben.«

»Den 22. März, beim Souper.«

»Wie hoch könnte Kunst und Wissenschaft gestiegen seyn, würde sie nicht oft durch Sklavenseelen um Gold und Gunst feil geboten.«

»Den 25. März, als ich Thee einschenkte.«

»Wie selten benutzen und ergreifen die Menschen aus Leichtsinn die köstlichen Augenblicke mit voller heißer Seele, die nur einmal kommen und unbenützt einen tiefen Stachel in der Seele zurücklassen,«

»Den 3. April, als ich mich fürchtete, in Rudolfstadt zu singen.«

»Ernster, guter Wille ist eine große, die schönste Eigenschaft des Geistes. Der Erfolg liegt in einer höhern, unsichtbaren Hand. Nur die Absicht giebt dem Aufwande von Kräften Werth. Und so erheben wir uns über Lob und Tadel der Menschen.«

»Den 5. April.«

»Daß feste Grundsätze und Tugend unter den Menschen wirklich und kein Traum seyen, beweist der Umstand, daß so viele alle Kräfte aufbieten, uns, wenn auch nur durch den Schein derselben, zu blenden.«

»Den 7. April.«

»Es ist ein ungeheures namenloses Gefühl, wenn das Innere seine eigene Kraft erkennt, wenn es klarer und immer klarer in ihm wird, und unser Geist sich fest und stark erhebt. In uns fühlen wir Alles, die Kraft strebt zum Himmel empor und findet um sich kein Ziel.«

»Den 8. April.«

»Es sind die kleinern engen Gemüther, die so gern jeden verdienten Kummer mit dem Namen eines unerbittlichen Schicksals bezeichnen.«

 

Von diesen Erinnerungen sagt Göthe: Eckerm. II, 11. d. 11. September 1828. »Schiller erscheint hier, wie immer, im absoluten Besitz seiner erhabenen Natur; er ist so groß am Theetisch, wie er es im Staatsrath gewesen seyn würde. Nichts genirt ihn, nichts engt ihn ein, nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab; was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus, ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch seyn!«

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