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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Sein Verhalten zur Akademie.

Dennoch machte sich Schiller, wie sein Freund von Hoven versichert, während des Aufenthalts im Institute keines Vergehens gegen die strengen Gesetze schuldig, so viel Selbstüberwindung es ihn kostete, sich immer in die Ordnung zu fügen. Zuweilen freilich brauste sein feuriges Temperament, dem pädagogischen Eigensinne seiner Erzieher und der methodischen Härte der Inspektoren gegenüber, plötzlich auf, doch wußte er den Streit gewöhnlich durch einen witzigen, oft sarkastischen Einfall, den nicht jene stumpfen Aufseher, wohl aber die Mitzöglinge zu ihrer Belustigung verstanden, schnell abzubrechen. Um ungestört dichten zu können, nahm er manchmal Zuflucht zu einer erheuchelten Krankheit, wo ihm dann gestattet wurde, während die Zöglinge nur bis zu einer bestimmten Stunde des Abends Licht brennen durften, im Krankensaale sich einer Lampe zu bedienen. Wenn dann ein Aufseher oder gar der Herzog selbst, der den Acker der Wissenschaft durch das Auge des Herrn fett machen wollte, den Saal visitirte, so bedeckte schnell ein medicinisches Werk das angefangene Manuscript. Die Peiniger seines Talentes entdeckten indessen auch diesen Kunstgriff, und als ihm in einer solchen erdichteten Unpäßlichkeit als zweckmäßigste Kur von den Inspektoren starke Pensa aus seiner Brodwissenschaft zugemuthet wurden, übermannte ihn der Unmuth, und er warf dem Ueberbringer die zerrissene Aufgabe mit den Worten vor die Füße: »Ich muß bei der Wahl meiner Studien den freien Willen haben!« Er wurde für diesen Ausbruch seines Freiheitssinns für einige Zeit degradirt, und mußte sich nur um so schweigender in's Joch schmiegen. Zuweilen gelang ihm jedoch in unbewachten Abendstunden die Flucht in eine heitere Gesellschaft, zu Freunden und Verwandten in die Stadt. Aber ein schon im Jahre 1775 mit einigen seiner besten Kameraden entworfener Plan, sich durch Entweichung aus der Akademie immerwährende Freiheit zu verschaffen, mißlang gänzlich, ohne daß derselbe jedoch verrathen worden wäre. »Die Inspektoren,« scherzte er nach einigen Jahren darüber, »würden von dieser Flucht keine Zeitrechnung eingeführt haben!«

Aus seinem Kerker heraus blickte Schiller mit neugierigen und sehnsüchtigen Augen nach der Bühne der wirklichen Welt, wo er (nach einem Briefe vom 25. September 1776) »ganz andere Dekorationen, Souffleurs und Akteurs« zu ahnen begann, als er und seine Mitgefangenen sie sich in ihrer Idealwelt dachten. »Mich interessirt,« schrieb er, »Alles, was ich von freien, selbstständigen Männern über eine Laufbahn erfahre, die ich bald selbst betreten werde! Nicht so ganz von wirklichen Erfahrungen entblößt, wünschte ich in die wirkliche Welt überzutreten. Denn Alles, was ich bisher von ihr weiß, folgerte ich aus dem Handeln und Wandeln in derselben, worüber mich die Geschichte, die treue Leiterin und Führerin auf meiner wissenschaftlichen Laufbahn, mehr als alles Geschwätz mancher Erzieher über Lebens- und Erziehungs-Prinzipe, belehrt.«

In recht trüben Augenblicken fühlte er sich ganz verlassen von den Menschen, denn »die Vierhundert, die ihn umgaben,« erschienen ihm dann »wie ein einziges Geschöpf.« Auch bemerkte er im reiferen Alter, daß die Vielseitigkeit der Ausbildung, die sich viele andere Zöglinge in der Akademie erworben, gerade für ihn verloren gegangen sey. »Ein Commandowort konnte den innern Kreislauf seiner Ideen nicht fesseln.« In Wahrheit aber übte gewiß die Umgebung von so vielen Jünglingen allen Standes und der verschiedensten Nationen einen ihm selbst wohl unbewußten, bildenden Einfluß auf seinen Dichtergeist, und auch der Vortheil ist nicht gering anzuschlagen, daß er aus einer so großen Anzahl von Altersgenossen eine seltene Auswahl geistreicher, talentvoller, charakterguter Freunde durch das beginnende Leuchten seines Talents, wie durch seine Herzensgüte um sich zu vereinigen im Stande war. Zu seinen vertrauten Freunden gehörten außer den genannten noch der berühmt gewordene Bildner und Schöpfer der Schiller'schen Büste, der im hohen Greisenalter (1840) lebende Dannecker, und der als königl. württembergischer Geheimerrath verstorbene Lempp. »Bei der Wahl dieser Freunde, sah er,« nach Hovens Zeugniß, »eben so sehr, ja beinahe mehr, auf die Güte des Herzens und Haltung im Charakter, als auf ausgezeichnete Geistestalente. Wen er für gemein, unzuverlässig, niedrig, bösartig hielt, den verachtete er; und wenn er nähere Berührungen nicht vermeiden konnte, so betrug er sich gegen ihn mit zurückschreckender Kälte; beschränkte Menschen ertrug er; Beschränktheit, mit Dünkel gepaart, ward von ihm geneckt, während eben diese, mit Güte des Herzens verbunden, gegen die Neckereien Anderer an ihm immer einen Beschützer fand.«

Der Herzog behandelte den jungen Schiller mit besonderer Auszeichnung, und weil der Vater als Hauptmann eine adelige Charge begleitete, ward dem Sohne die hohe Ehre zu Theil, gleich den adeligen Cavalieren, mit gepuderten Haaren bei feierlichen Paraden erscheinen zu dürfen. Wahrscheinlich war diesem die Distinktion so verhaßt, wie jeder andere Zwang. Der künftige Dichter war ein Sohn der Natur und der Freiheit: nur ungerne fügt sich ein solcher in die conventionellen Fesseln, die dem Manne früh genug die Laufbahn im Staate anzulegen pflegt. Schiller aber war dazu verurtheilt, schon die Knabenjahre in einem Treibhause zuzubringen, das in peinlicher Miniatur alle Formen und selbst alle Naturwidrigkeiten des Staates an den Zwergbäumchen seiner Pflege zur frühesten Reife brachte.

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