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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 78
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Die Jungfrau von Orleans. Geistige Differenzen mit Herder und Schelling. Schillers ars poetica.

Nach der Aufführung dieses Stückes befand Schiller sich aufs Neue unwohl. Die Barometerhöhe, die Göthe's Gesundheit so wohl that, hatte seine Krämpfe aufgeregt und die alte Schlaflosigkeit war wiedergekehrt. Aber sein rastloser Geist lebte schon in einem neuen Stoffe. Der Julius war noch nicht verflossen, als er, mit dem Schlusse seiner bis über den zwanzigsten Bogen gedruckten, lyrischen Gedichte fertig, auch schon wieder das Schema einer Tragödie zu Papier geworfen, mit welchem er, ohne den Namen zu nennen, seinen in Jena abwesenden Freund Göthe bei der Rückkehr zu überraschen gedachte. »Mein Stück führt mich,« sagt er ihm, »in die Zeiten der Troubadours, und ich muß, um in den rechten Ton zu kommen, auch mit den Minnesängern mich bekannter machen. Es ist an dem Plan dieser Tragödie noch gewaltig viel zu thun, aber ich habe große Freude daran, und hoffe, wenn ich mich bei dem Schema länger verweile, in der Ausführung alsdann desto freier fortschreiten zu können.«

Die erste Veranlassung zu dieser Arbeit gaben ihm mehrere Urkunden, welche den Urtheilspruch der Jeanne d'Arc und ihre Widerlegung enthielten, und die im Jahre 1790 durch das Mitglied der französischen Akademie der Inschriften, Delaverdy, im Auszuge bekannt gemacht worden waren. Einen Auszug dieser Notizen, die 28 Schriften umfassen, findet man in Passavants Untersuchungen über den Lebensmagnetismus, zweite Aufl. S. 173-176. Zu diesem füge man den von J. Voigt mitgetheilten Bericht eines Augenzeugen (1834); auch bei Hinrichs III, 196 ff. Er wollte dadurch den Revisionsproceß mit den poetischen Akten des romantischen Zeitalters vornehmen, und nachdem sich von jeher so viele Dichter und Dichterlinge an der Jungfrau versündigt, sie in die Rechte ihrer Zeit wieder einsetzen. Mit dem neuen Jahre waren drei Akte fertig S. an G. V, S. 3; wonach Hinrichs zu berichtigen ist, der den Anfang der Arbeit in das Jahr 1801 setzt. und Schiller schreibt im Februar an Göthe: »Ich habe Ihnen von meiner Jungfrau schon so viel Einzelnes, Zerstreutes verrathen, daß ich es fürs Beste halte, Sie mit dem Ganzen in der Ordnung bekannt zu machen. Auch brauche ich jetzt einen gewissen Sporn, um mit frischer Thätigkeit zum Ziele zu gelangen.« Was fertig war, wurde nun am 11. Februar bei Göthe gelesen. Im März war Schiller ohne seine Familie in Jena und arbeitete dort an seiner Aufgabe, die, obgleich er das Sujet einzig, den Stoff beneidenswerth, der Iphigenie der Griechen ähnlich nannte, ihm doch nicht wenig zu schaffen machte. »Was mein eigenes Thun betrifft, so kann ich noch nicht viel Gutes davon sagen,« schreibt er, »die Schwierigkeiten meines jetzigen Pensums spannen mir den Kopf noch zu sehr an; dazu kommt die Furcht, nicht zu rechter Zeit fertig zu werden; ich hetze und ängstige mich, und es will nicht recht damit fort. Wenn ich diese pathologischen Einflüsse nicht bald überwinde, so fürchte ich, muthlos zu werden.« Doch geschah mit jedem Tage etwas, und er gedachte, so lang er noch über seinen, wie es scheint verkauften oder vermietheten Garten disponiren konnte, das heißt bis Ostern, in Jena zu bleiben, und in dieser Zeit die rohe Anlage des ganzen Stücks vollends hinzuwerfen, so daß ihm in Weimar nur noch die Rundung und Polirung übrig bleibe.

Dazwischen ärgerte er sich über Herders »Adastrea,« als ein bitterböses Werk, das ihm wenig Freude gemacht habe. »Der Gedanke an sich,« schreibt Schiller an Göthe vom 20. März, »war nicht übel, das verflossene Jahrhundert in etwa einem Dutzend reich ausgestatteten Heften vorüberzuführen; aber das hätte einen andern Führer erfordert, und die Thiere mit Flügeln und Klauen, die das Werk ziehen, Anspielung auf die Vignette der Adastrea. können bloß die Flüchtigkeit der Arbeit und die Feindseligkeit der Maximen bedeuten. Herder verfällt wirklich zusehends, und man möchte sich zuweilen im Ernst fragen, ob Einer, der sich jetzt so unendlich trivial, schwach und hohl zeigt, wirklich jemals außerordentlich gewesen seyn kann. Es sind Ansichten in dem Buch, die man im Reichsanzeiger zu finden gewohnt ist. Und dieses erbärmliche Hervorklauben der frühern und abgelebten Literatur, um nur die Gegenwart zu ignoriren, oder hämische Vergleichungen anzustellen!«

Der vorletzte Akt der Jungfrau, den Schiller in Jena angefangen und fertig mit nach Weimar bringen zu können hoffte, war die Ausbeute seines dortigen Aufenthaltes, den er mit Anfang Aprils verließ, »zwar mit keinen großen Thaten und Werken beladen, aber doch auch nicht ohne alle Frucht.« »Es ist,« sagt er, »doch immer so viel geschehen, als ich in eben so vieler Zeit zu Weimar würde ausgerichtet haben. Ich habe also zwar nichts in der Lotterie gewonnen, habe aber doch im Ganzen meinen Einsatz wieder.« Vom geselligen Leben in Jena hatte er, einige Gespräche mit Niethammer und Schelling abgerechnet, wenig profitirt. Aber einem Streite mit dem letztern verdanken wir eine goldene Theorie der Dichtkunst, in einem Brief an Göthe vom 27. März. Er bekriegte nämlich diesen Philosophen wegen einer Behauptung in seiner Transscendentalphilosophie, daß in der Natur von dem Bewußtlosen angefangen werde, um es zum Bewußtseyn zu erheben, in der Kunst hingegen man vom Bewußtseyn ausgehe zum Bewußtlosen. »Ihm ist zwar,« meint Schiller, »hier nur um den Gegensatz zwischen dem Natur- und Kunstprodukt zu thun, und insofern hat er ganz recht. Ich fürchte aber, daß diese Herren Idealisten ihrer Ideen wegen allzuwenig Notiz von der Erfahrung nehmen; und in der Erfahrung fängt auch der Dichter nur mit dem Bewußtlosen an, ja, er hat sich glücklich zu schätzen, wenn er durch das klarste Bewußtseyn seiner Operationen nur so weit kommt, um die erste dunkle Totalidee seines Werkes in der vollendeten Arbeit ungeschwächt wieder zu finden. Eine ähnliche Wahrheit hatte Schiller schon vor vier Jahren sich von Göthe abstrahirt. »Sie gewöhnen mir immer mehr« schrieb er an diesen im Jahr 1797 (Hoffm. III, S. 278) »die Tendenz ab (die in allem Praktischen und besonders Poetischen eine Unart ist) vom Allgemeinen zum Individuellen zu gehen und führen mich umgekehrt von einzelnen Fällen zu großen Gesetzen fort.« Ohne eine solche dunkle, aber mächtige Totalidee, die allem Technischen vorhergeht, kann kein poetisches Werk entstehen, und die Poesie, däucht mir, besteht eben darin, jenes Bewußtlose aussprechen und mittheilen zu können, d. h. es in ein Objekt überzutragen. Der Nichtpoet kann so gut als der Dichter von einer poetischen Idee gerührt seyn, aber er kann sie in kein Objekt legen, er kann sie nicht mit einem Anspruch auf Nothwendigkeit darstellen. Ebenso kann der Nichtpoet so gut als der Dichter ein Produkt mit Bewußtseyn und mit Nothwendigkeit hervorbringen, aber ein solches Werk fängt nicht aus dem Bewußtlosen an, und endigt nicht in demselben. Es bleibt nur ein Werk der Besonnenheit. Das Bewußtlose mit dem Besonnenen vereinigt macht den poetischen Künstler aus. Man hat in den letzten Jahren über dem Bestreben, der Poesie einen höhern Grad zu geben, ihren Begriff verwirrt. Jeden, der im Stande ist, seinen Empfindungszustand in ein Objekt zu legen, so daß dieses Objekt mich nöthigt, in jenen Empfindungszustand überzugehen, folglich lebendig auf mich wirkt, heiße ich einen Poeten, einen Macher. Aber nicht jeder Poet ist darum dem Grade nach ein vortrefflicher. Der Grad seiner Vollkommenheit beruht auf dem Reichthum, dem Gehalt, den er in sich hat und folglich außer sich darstellt, und auf dem Grad von Nothwendigkeit, die sein Werk ausübt. Je subjektiver sein Empfinden ist, desto zufälliger ist es; die objektive Kraft beruht auf dem Ideellen. Totalität des Ausdrucks wird von jedem dichterischen Werk erfordert, denn jedes muß Charakter haben, oder es ist nichts; aber der vollkommene Dichter spricht das Ganze der Menschheit aus. Es leben jetzt mehrere so weit ausgebildete Menschen, die nur das ganz Vortreffliche befriedigt, die aber nicht im Stande wären, auch nur etwas Gutes hervorzubringen. Sie können nichts machen, ihnen ist der Weg vom Subjekt zum Objekt verschlossen; aber eben dieser Schritt macht mir den Poeten. Ebenso gab und giebt es Dichter genug, die etwas Gutes und Charakteristisches hervorbringen können, aber mit ihrem Produkt jene hohen Forderungen nicht erreichen, ja nicht einmal an sich selbst machen. Diesen nun, sage ich, fehlt der Grad, jenen fehlt aber die Art, und dieß, meine ich, wird jetzt zu wenig unterschieden. Daher ein unnützer und niemals beizulegender Streit zwischen beiden, wobei die Kunst nichts gewinnt; denn die erstern, welche sich auf dem vagen Gebiet des Absoluten aufhalten, halten ihren Gegnern immer nur die dunkle Idee des Höchsten entgegen; diese hingegen haben die That für sich, die zwar beschränkt, aber reell ist. Aus der Idee aber kann ohne die That gar nichts werden.« Als Schiller am 3. April nach Weimar zurückgekehrt war, erhielt er Göthe's Antwort von Oberrosla, seinem vor nicht langer Zeit erkauften Landgute, aus: Dieser Brief Göthe's hat sich mit dem falschen Datum vom 6. März 1800 als Nr. 705 unter die Briefe des Jahres 1800 verloren. Er kann frühestens vom 30. März 1801 datirt seyn, und ist, wie die Vergleichung zeigt, Antwort auf den obigen Brief Schillers Nro. 784. Möchten die Besitzer des Briefwechsels nachsehen! »Ich bin nicht allein Ihrer Meinung, sondern ich gehe noch weiter. Ich glaube, daß Alles, was das Genie als Genie thut, unbewußt geschehe. Als Belege zu dieser Wahrheit dient der berühmte mehrmals gedruckte Brief Mozarts an einen Baron vom Jahre 1791. Die dort geschilderte Art und Weise seines musikalischen Schaffens läßt einen tiefen Blick in die geheime Werkstätte des Genie's thun. – Schiller wollte nicht ganz so weit gehen, und schalt die Schlegel, die es thaten. S. Hoffm. IV. S. l35 und Briefw. zw. S. u. G. V, 284. Der Mensch von Genie kann auch verständig handeln, nach gepflogener Ueberlegung, aus Ueberzeugung; das geschieht aber Alles nur so nebenher. Kein Werk des Genies kann durch Reflexion und ihre nächsten Folgen verbessert, von seinen Fehlern befreit werden; aber das Genie kann sich durch Reflexion und That nach und nach dergestalt hinaufheben, daß es endlich musterhafte Werke hervorbringt. Jemehr das Jahrhundert Genie hat, desto mehr ist das einzelne (Genie) gefördert. Was die großen Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so glaube ich auch, daß sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die Dichtkunst verlangt im Subjekt, das sie ausüben soll, eine gewisse gutmüthige, ins Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerstören jenen unschuldigen produktiven Zustand und setzen, für lauter Poesie, an die Stelle der Poesie etwas, das nun ein für allemal nicht Poesie ist, wie wir in unsern Tagen leider gewahr werden. Dies ist mein Glaubensbekenntniß, welches übrigens keine weitere Ansprüche macht.«

Wie viel philosophisches Geschwätz unsrer Tage wird mit diesem einfachen Zwiegespräche geschlagen! Uns dünkt, das Jahrhundert kann es wohl brauchen, daß man dem alten und altklug gewordenen Kinde wiederhole, was seine Genien an der Wiege desselben über die Schöpfungsweise wahrer Dichter einander zugeflüstert haben.

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