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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 75
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Literarische Berührungen Schillers.

1795. bis 1799

Von seinen Schöpfungen auszuruhen, wollen wir uns nach unsres Dichters gelehrten und häuslichen Verhältnissen bis in dieser Zeit umsehen. Die literarischen Antipathien desselben haben wir großentheils aus den Xenien kennen gelernt; über freundlichere oder doch gemischte Beziehungen giebt uns sein Briefwechsel Aufschluß.

Voran begegnen uns hier Herder und Jean Paul. Des erstern Ansichten von Philosophie und Poesie bildeten eine Scheidewand zwischen ihm und Schiller, die nur wenige Pforten für den geistigen Verkehr offen ließ. Der letztre fand, Briefwechsel mit Göthe II, 52 f. daß er bei Herders Schriften immer mehr, was er zu besitzen glaubte, verliere, als daß er an neuen Realitäten dabei gewänne. Jener wirkte auf Schillern dadurch, daß er immer aufs Verbinden ausging und zusammenfaßte, was andre trennen – mehr zerstörend als ordnend. In der Poesie schien ihm besonders seine unversöhnliche Feindschaft gegen den Reim viel zu weit getrieben. Zwar glaubte auch Schiller, Briefwechsel mit Humboldt 426 ff. daß der Reim mehr an Kunst erinnere als die antiken Sylbenmaße, daß es eine Unart desselben sey, fast immer an Menschenhand, an den Poeten (den Macher) zu erinnern; aber dennoch involvire jenes Erinnern an Kunst, wenn es nicht eine Wirkung der Künstlichkeit oder gar der Peinlichkeit sey, eine Schönheit; ja mit dem höchsten Grade poetischer Schönheit (in welche naive und sentimentale Gattung zusammenfließen) vertrage sich der Reim recht gut. Was nun Herder dagegen aufbrachte, schien ihm weit nicht bedeutend genug. Der Ursprung des Reims mochte noch so gemein und unpoetisch seyn: Schillers Meinung war, man müsse sich an den Eindruck halten, und dieser lasse sich durch kein Raisonnement wegdisputiren. An Herders Confessionen über die deutsche Literatur verdroß ihn auch, noch außer der Kälte für das Gute, die seltsame Art von Toleranz gegen das Elende. »Es kostet ihn,« klagt jener, »eben so wenig, mit Achtung von einem Nicolai, Eschenburg u. A. zu reden, als von dem Bedeutendsten, und auf eine sonderbare Art wirft er die Stolberge und mich, Kosegarten und wie viel Andre in Einen Brei zusammen. Seine Verehrung gegen alles Verstorbene und Vermoderte hält gleichen Schritt mit seiner Kälte gegen das Lebendige.« In Schillers Widerwillen gegen Herders Metakritik stimmte sogar Göthe ein. »Die Apostel und Jünger dieses neuen Evangeliums behaupten,« sagt er spottend, Briefwechsel V, S. 65. »daß in der Geburtsstunde der Metakritik der Alte zu Königsberg auf seinem Dreifuß nicht allein paralysirt worden, sondern sogar wie Dagon herunter und auf die Nase gefallen sey.« a name="page 553" title="cal/uhermann" id="page553">

Ueber Jean Paul haben wir schon ein Urtheil in den Xenien gesehen. Die erste geistige Bekanntschaft mit demselben machte Schiller durch den Hesperus, den ihm im Sommer 1795 Göthe zugeschickt hatte. »Das ist ein prächtiger Patron, der Hesperus,« schreibt jener zurück, An G. 12. Juni, G. an S. 18. Juni 1795. »den Sie mir neulich schickten. Er gehört ganz zum Tragelaphengeschlecht (zum Geschlechte der Bockshirsche), ist aber dabei gar nicht ohne Imagination und Laune, und hat manchmal einen recht tollen Einfall, so daß er eine lustige Lektüre für die langen Nächte ist.« Göthe freute sich darüber, daß »Schillern der neue Tragelaph nicht ganz zuwider sey: es ist wirklich Schade für den Menschen, er scheint sehr isolirt zu leben, und kann deßwegen bei manchen guten Partien seiner Individualität nicht zu Reinigung seines Geschmacks kommen. Es scheint leider, daß er selbst die beste Gesellschaft ist, mit der er umgeht.« Den Mann selbst, als er nach Weimar und Jena gekommen, fand Schiller, wie er ihn erwartet: »fremd, wie einer, der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens, und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht.« (28. Juni 1796.) Auch Göthe hatte ihn für »ein complicirtes Wesen, das man bald zu hoch, bald zu niedrig anschlage,« erklärt.

Beider Dichter Urtheile lauten, wie man sieht, ziemlich oben herab. Die zwei Meister, schon fast in der Xenienlaune, meinten bereits, Herrn der literarischen Republik zu seyn und Ehren und Würden in ihr vergeben zu können. Mit ihrer Constituirung durch die Kunst beschäftigt, erkannten sie eine Größe nicht, die zu dieser ausschließlichen Verfassung nicht passen wollte.

Fichte fügte sich auch nie ganz in jenen Staat. Schiller klagt über seine Empfindlichkeit gegenüber von seiner Kritik, die ihm Verworrenheit der Begriffe Schuld gegeben (6. Juli 1795). Auch Göthe fand in seinen berühmten Axiomen nur die Aussprüche einer Individualität, denn nur sämmtliche Menschen erkennen ihm die Natur, und nur sämmtliche Menschen leben das Menschliche (Mai 1798). Bei Schiller hatte der Widerwille mit der Zeit zugenommen. Fichte kam nach langem Schmollen im August 1798 zu ihm und zeigte sich äußerst verbindlich; so konnte er nun freilich nicht den Spröden spielen; er wollte suchen dieß Verhältniß, das schwerlich weder fruchtbar noch angenehm werden könne, da ihre Naturen nicht zusammenpassen, wenigstens heiter und gefällig zu erhalten. Aber es ging nicht recht. Noch im Sommer 1799 sah er »bei diesem Freunde eine Unklugheit auf die andre folgen,« und fand den armen Verfolgten, der »dem Fürsten von Rudolstadt zumuthete, daß er ihm durch Einräumung eines herrschaftlichen Quartiers öffentliche Protektion geben, und umsonst und um nichts sich bei allen anders denkenden Höfen compromittiren sollte, incorrigibel in seinen Schiefheiten.«

Günstiger war Schillers Stimmung für Schelling, obgleich Göthe ihn für nicht ganz redlich halten wollte, und fand, daß er das, was den Vorstellungsarten, die er in Gang bringen möchte, widerspricht, gar bedächtig verschweige, und sich von der Idee seinen Vorrath von Phänomenen verkümmern lasse; Briefwechsel IV, S. 120 f. ein Vorwurf, der freilich mehr als Einen Systemschöpfer trifft. Schiller aber entdeckte in Schelling »sehr viel Ernst und Lust,« und freute sich der Wärme, die er ihm zeigte (Oktober 1798). Aeltere Bekannte aus einer in Göthes und Schillers Augen abgethanen Literaturperiode wurden mit Gleichgültigkeit oder Spott behandelt. Als im Sommer 1796 Lavaters Bruder nach Jena gekommen war, und für diesen selbst gehalten wurde, kümmerte sich Schiller wenig darum, Göthe lachte über den Propheten, während ihm Blumenbach, der in Gesellschaft eines Mumienkopfs nach Weimar gekommen, sehr interessant war. Der Tod Garve's, den Schiller einst ehrte, wurde von ihm mit Gleichgültigkeit aufgenommen; Voß, als er in Reichardts Gesellschaft, »recht vom Teufel geholt,« in die Nähe kam, ward ziemlich feindselig von beiden Dichtern angesehen, und in seinem Almanach auf 1799 fand Schiller »wirklich einen völligen Nachlaß seiner poetischen Natur. Er und seine Compagnons erscheinen auf einer völlig gleichen Stufe der Platitüde, und in Ermangelung der Poesie waltet bei Allen die Furcht Gottes.«

Aber auch die junge, die Schlegel'sche Schule, die sich im Schooße der Horen und Almanache gebildet hatte, wollte besonders unserm Dichter weder gefallen noch pariren. Anfangs hießen die Schlegel gute Acquisitionen und treffliche Köpfe. Der jüngere, Friedrich, kam im August 1796 dem Bruder nach, »machte einen recht guten Eindruck, verspricht viel.« Jedoch schon in den Xenien werden die Gebrüder als etwas rebellisch behandelt; in den witzigen Epigrammen, in welchen in der Unterwelt, der alte Johann Elias Schlegel (nicht Lessing) nach seinen jungen Nepoten fragt, ob und wie sie noch in der Literatur walten, erhält er zur Antwort: Boas II, 165.

Freilich walten sie noch, und bedrängen hart die Trojaner,
Schießen manchmal auch wohl blind in das Blaue hinein.

Und Schiller lachte ins Fäustchen, als A. W. Schlegel immer wieder nach den jungen Nepoten fragte, und sie nicht herauskriegte. Im Mai 1797 wird schon über »die böse Absicht und die Partei der Herren« geklagt, und unser Dichter bricht los: »Es wird doch zu arg mit diesem Herrn Friedrich Schlegel. So hat er kürzlich dem Alexander Humboldt erzählt, daß er die Agnes (von Lilien) im Journale Deutschland rezensirt habe, Roman der Frau von Wolzogen, in der Meinung, sie sey von Göthe. und zwar sehr hart. Jetzt aber, da er höre, sie sey nicht von Ihnen, so bedaure er, daß er sie so streng behandelt habe. Der Laffe Nach der ersten Veröffentlichung dieser und anderer Stellen kann man sich über A. W. v. Schlegels neuere Angriffe auf Schiller nicht mehr so sehr wundern. Es wären rechtmäßige Schläge – wenn sie schlagend wären. meinte also, er müsse dafür sorgen, daß Ihr Geschmack sich nicht verschlimmere. Und diese Unverschämtheit kann er mit einer solchen Unwissenheit und Oberflächlichkeit paaren, daß er die Agnes wirklich für Ihr Werk hielt.« Göthe sprach ziemlich geringschätzig von A. W. Schlegel, aus Veranlassung seines Prometheus, wobei man, beiläufig gesagt, erfährt, daß der alte Herr in seinem acht und vierzigsten Jahre noch nicht wußte, was Terzinen seyen. Briefwechsel IV, S. 113. 116. Als es schien, Schlegels wollten nach Dresden ziehen, grämten sich unsre Dichter nicht darob. Endlich sprach Schiller zu Göthe (Juli 1798) über beide: »Einen gewissen Ernst und ein tieferes Eindringen in die Sachen, kann ich den beiden Schlegeln, und dem jüngern insbesondere, nicht absprechen. Aber diese Tugend ist mit so vielen egoistischen und widerwärtigen Ingredienzien vermischt, daß sie sehr viel von ihrem Werth und Nutzen verliert. Auch gestehe ich, daß ich in den ästhetischen Urtheilen dieser beiden eine solche Dürre, Trockenheit und sachlose Wortstrenge finde, daß ich oft zweifelhaft bin, ob sie wirklich auch zuweilen einen Gegenstand darunter denken. Die eigenen poetischen Arbeiten des ältern bestätigen mir meinen Verdacht. Denn es ist mir absolut unbegreiflich, wie dasselbe Individuum, das Ihren Genius wirklich faßt, und Ihren Hermann z. B. wirklich fühlt, die ganz antipodische Natur seiner eigenen Werke, diese dürre und herzlose Kälte auch nur ertragen, ich will nicht sagen, schön finden kann. Wenn das Publikum eine glückliche Stimmung für das Gute und Rechte in der Poesie bekommen kann, so wird die Art, wie diese beiden es treiben, jene Epoche eher verzögern als beschleunigen; denn diese Manier erregt weder Neigung, noch Vertrauen, noch Respekt, wenn sie auch bei den Schwätzern und Schreiern Furcht erregt; und die Blößen, welche die Herren sich in ihrer einseitigen und übertreibenden Art geben, wirft auf die gute Sache einen fast lächerlichen Schein.« Fr. Schlegels Lucinde machte ihm den Kopf taumelig. »Dieses Produkt charakterisirt seinen Mann,« schreibt er an den Freund am 19. Juli 1798, »besser als Alles, was er sonst von sich gegeben, nur daß es ihn mehr ins fratzenhafte malt ... Er bildet sich ein, eine heiße unendliche Liebesfähigkeit mit einem entsetzlichen Witz zu vereinigen, und, nachdem er sich so constituirt hat, erlaubt er sich Alles, und die Frechheit erklärt er selbst für seine Göttin.« Das Athenäum würdigte Schiller ziemlich unbefangen, aber die Xenienausfälle auf Humboldt und andere fand er jetzt, nach dem Kanon des Dichters Persius Pers. Sat. IV, 25. auf den Mantelsack der voranschreitenden Jüngeren blickend, naseweis, unartig und undankbar. In dieser Stimmung war Schiller, als der Freund der Schlegel, der herrliche Tieck, nach Jena kam. »Tieck aus Berlin hat mich besucht,« sagt jener über ihn am 24. Juli 1799 zu Göthe; »ich bin begierig, wie Sie mit ihm zufrieden sind. Mir hat er gar nicht übel gefallen; sein Ausdruck, ob er gleich keine große Kraft zeigt, ist fein, verständig und bedeutend, auch hat er nichts Kokettes noch Unbescheidenes. Ich hab' ihm, da er sich einmal mit dem Don Quixotte eingelassen, die spanische Literatur sehr empfohlen, die ihm einen geistreichen Stoff zuführen wird, und ihm, bei seiner eigenen Neigung zum Phantastischen und Romantischen, zuzusagen scheint. So müßte dieses angenehme Talent fruchtbar und gefällig wirken, und in seiner Sphäre seyn.«

Wir sehen hier wieder dieselbe Miene, wie im Urtheil über Jean Paul. Es wird Einer mit einem neuen Kron- oder Staatsamte der Kunst und Poesie belehnt. Aber der Fremdling, der hier erschien, war ein Königssohn, und die Muse hatte ihm ein eigenes Reich aufgehoben. Göthe, mit der Zurückhaltung eines Philosophen aus der Schule der alten Akademiker, schrieb gleichzeitig: »Tieck hat mit Hardenberg (Novalis) und Schlegel bei mir gegessen; für den ersten Anblick ist es eine recht leidliche Natur. »Freund, sey stolz! der erhabne, der Genius spendet ein Lob dir!
Göthe bezeugt, du sey'st wirklich ein leidlicher Mensch,«

A. W. v. Schlegel.
Er sprach wenig aber gut, und hat überhaupt hier ganz wohl gefallen.«

Diese ganze wegwerfende Behandlung der romantischen Schule durch beide Dichter ist mehr eine Folge ihrer Stellung, als ihrer unbefangenen Ueberzeugung. Die großen Verdienste der Brüder Schlegel waren bleibend, und sind jetzt besser anerkannt. Unter den vielen Namen, welche die Correspondenz Schillers erwähnt, überrascht uns angenehm der Name seines Jugendfreundes Zumsteeg in Stuttgart, von welchem Schiller im December 1797 einen Brief erhalten hatte. Er schrieb ihm darin, was ihn von Schiller's und Göthe's Gedichten im Musenalmanach am meisten erfreut habe; »und er hat,« fügt Schiller hinzu, »was wir lange nicht gewohnt sind, zu erfahren, – das Bessere herausgegriffen.«

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