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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 74
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Urtheile über den Wallenstein.

»Schillers Wallenstein ist so groß, daß zum zweitenmal nichts ähnliches vorhanden ist.« Dieses Urtheil Göthe's, Eckermann I, S. 381. Hiermit stimmt überein, was Göthe schon 1808 gegen Falk äußerte: »Es ist mit diesem Stücke, wie mit einem ausgelegenen Weine: je älter sie werden, desto mehr Geschmack gewinnt man an ihnen. Ich nehme mir die Freiheit, Schiller für einen Dichter und sogar für einen großen zu halten, wiewohl die neuesten Imperatoren und Diktatoren gesagt haben, er sey keiner.« (Aus Falk bei Hoffm. IV, 72.) von dem älteren Dichter über dem Grabe des jüngeren zwei und zwanzig Jahre nach des Letztern Tode ausgesprochen, übertönt gewaltig jeden Tadel und fast jedes Lob. Doch sey dem Biographen vergönnt, auch in Tiecks Urtheil noch einzustimmen. »Wallensteins mächtiger Geist,« sagt dieser, Hinrichs III, 77. »trat unter die Tugendgespenster des Tages. Der Deutsche vernahm wieder, was seine herrliche Sprache vermöge, welchen mächtigen Klang, welche Gesinnungen, welche Gestalten ein ächter Dichter wieder hervorzurufen habe. Dieses tiefsinnige, reiche Werk ist als ein Denkmal für alle Zeiten hingestellt, auf welches Deutschland stolz seyn darf, und ein Nationalgefühl, einheimische Gesinnung und großer Sinn strahlt uns aus diesem reinen Spiegel entgegen, damit wir wissen, was wir sind und was wir waren.«

Die weitern Anerkennungen und Desiderien dieses und andrer Kritiker findet der Leser bei Hoffmeister und Hinrichs ausführlich und gründlich zusammengestellt und mit den Ansichten der beiden Denker vermehrt. Hoffm. IV, 1-72. Hinrichs III, 77-137. Dazu Fr. v. Wolz. II, 179 f. Carlyle S. 186-220.

Besondre Aufmerksamkeit dürften Hoffmeisters Ausstellungen verdienen, der sich unumwunden gegen die den ganzen Wallenstein durchwuchernde Schicksalsidee ausspricht. Noch im Jahre 1792 hatte sie Schiller verworfen; aber das Studium der Griechen führte sie ihm wieder zu und das Balladenjahr lehrte ihn sie ausprägen; für den Wallenstein fand sie im astrologischen Aberglauben bei Göthe Schutz, und fortan trat das Verhängniß zum freien Antriebe des Helden hinzu, die Schicksalsidee organisirte das ganze Kunstwerk und erdrückte Alles. Sämmtliche Personen haben ein zu klares Bewußtseyn vom Schicksal: Sehr wahr. Man denke nur an die Worte Wallensteins (Tod, Akt I, Sc. 7): »Und ich erwart' es, daß der Rache Stahl« u. s. w., und an Buttlers Worte (Akt. IV, Sc. 9): »Sein böses Schicksal ist» u. s. w. dieses aber, welches das Sterbliche am Menschen zerstören, das Göttliche jedoch hervortreten lassen soll, bereitet eine entmuthigende, allgemeine Niederlage. Und doch ist dieses Schicksal nur in das Thema hineingekünstelt. Hätte Schiller sich ganz dem Göthe'schen Styl überlassen, so wäre er auch ganz zu dem realistischen Wallenstein geführt worden, auf den es in Wallensteins Lager angelegt war; Humboldt'sche Ideen dagegen zogen ihn zu den Griechen und dem Schicksale hinüber; so unternahm er es, ein Sujet und ein Princip zu verbinden, die durchaus widerstreitend sind. Mithin zeigt uns Hoffmeister den Dichter getheilt zwischen dem realistischen Göthe und dem idealistischen Humboldt, zwischen dem Genius und dem Dämon; ein Zwiespalt, dessen Bewußtseyn sich, wie die frühere Darstellung zeigt, auch uns aufgedrungen hat.

Diese Vorwürfe hängen übrigens so genau mit Hoffmeisters Theorie der modernen Tragödie zusammen, daß sie ihr zu lieb offenbar zu weit gehen, wenn der Beurtheiler nun behauptet, Schiller, da die Schicksalsidee erst seit 1795 sich in seinem Geiste festgesetzt, würde vor 1792 in seiner Tragödie wohl nur wider die gesellschaftliche Ordnung gekämpft haben. Erst mit den Gräueln der Revolution zogen sich allmählig seine Freiheitsideen, wenn wir diesen Kritiker hören, ins Sittliche zurück, und seine politischen Ansichten nahmen eine auffallende Umbiegung. Das mag wahr seyn; aber was daraus gefolgert wird, ist gewiß nicht wahr. Nein, das Grundmotiv seines Wallenstein war nicht Auflehnung eines durch geistige Kraft und äußere Stellung übermächtigen Mannes gegen die gesellschaftliche Ordnung, und sein dadurch herbeigeführter Untergang; Wallenstein sollte nicht der manngewordene Posa seyn. Nein, er vereinigt nicht kosmopolitisch-philanthropische Ideen mit einer von Rachsucht gepeitschten Ehrbegierde; kommen solche vor, so hat sie ihm der Dichter mit Bewußtseyn als heuchlerisches Geschwätz in den Mund gelegt. O nein; die sittlich politische Ueberzeugung verwandelte nicht den politisch gedachten Helden in einen andern; Es hatte sich zwar von 1791 bis 1794 der Embryo eines Wallenstein in Schillers Geiste angesetzt, aber wir wissen durchaus nichts von seiner Gestalt; im jetzigen ist keine Spur davon; dieser ist eine neue Geburt. nie hat Schiller – seine Worte bezeugens – für Wallenstein, als seinen subjektiven Helden, Partei genommen, noch weniger wollte er später die gesetzliche Ordnung vertheidigen, und die orthodox-politischen Tugenden und Rechtspflichten verherrlichen. Wenn Wallenstein seine Sache als schlecht fühlt, so läßt ihn der Dichter so fühlen, weil sie absolut schlecht ist, und deßwegen spricht der Prolog von seinem »Verbrechen.« Derselbe Prolog aber sagt auch unparteiisch, daß am ernsten Ende des achtzehnten Jahrhunderts um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um Freiheit gerungen werde. So spricht kein officiöser Herold des unbedingten Gehorsams. Schillers Muse war keine Republikanerin mehr, aber sie war auch nicht absolutistisch geworden.

Begnügen wir uns daher mit seinem, bei aller subjektiven Schicksalsfärbung doch großen, objektiven Zeit- und Charaktergemälde, Welche prophetische, d. h. mögliche Fälle voraus zeichnende, Wahrheit in Wallensteins Lager und in der Generalstafel der Piccolomini dargestellt ist, wird man inne, wenn man z. B. die Schilderungen aus dem Königs- und dem Feldherrnlager des spanischen Prätendenten, des dermaligen Don Carlos, in den letzten Märzbeilagen der Allgem. Zeitung von 1840 liest. wie es Schiller selbst angesehen wissen wollte:

Noch einmal laßt des Dichters Phantasie
Die düstre Zeit an euch vorüber führen,
Und blicket froher in die Gegenwart,
Und in der Zukunft hoffnungsreiche Ferne...

Auf diesem finstern Zeitgrund malet sich
Ein Unternehmen kühnen Uebermuths
Und ein verwegener Charakter ab.
Ihr kennet ihn, den Schöpfer kühner Heere,
Des Lagers Abgott und der Länder Geißel,
Die Stütze und den Schrecken seines Kaisers,
Des Glückes abentheuerlichen Sohn,
Der, von der Zeiten Gunst emporgetragen,
Der Ehre höchste Staffel rasch erstieg.
Und ungesättigt immer weiter strebend,
Der unbezähmten Ehrsucht Opfer fiel.
Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte;
Doch Euren Augen soll ihn jetzt die Kunst,
Auch Eurem Herzen menschlich näher bringen:
Denn jedes Aeußerste führt Sie, die Alles
Begränzt und bindet, zur Natur zurück;
Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang
Und wälzt die größre Hälfte seiner Schuld
Den unglückseligen Gestirnen zu.

So gewiß in der Sprache, so gewiß war Schiller im Geiste seit dem Don Carlos allerdings ein Anderer geworden; er hätte aber nicht, wie er selbst von sich sagt, einen neuen Menschen im Drama angezogen, wenn er wieder in subjektive Absichtlichkeit mit dem Wallenstein heruntergesunken wäre und abermals außerpoetischen Zwecken zu dienen angefangen hätte. Die Mannichfaltigkeit der objektivsten Charaktere, das gediegene Zeitgepräge und der Totaleindruck des Ganzen sprechen gleich sehr gegen jede solche Anschuldigung.

Die Gebrechen der Planlosigkeit im Einzelnen hat Schiller vor sich selbst und dem Freunde gehörig aufgedeckt. Der Winkel, in welchen sich seine Subjektivität zurückgezogen, ist ebenfalls von ihm selbst verrathen worden: es ist das idealisch romantische Liebesgeflüster von Max und Thekla, das die Haupt- und Staatsaktion stört. Aber möchte Deutschland, möchte die Welt diese Störung entbehren? Entwaffnet ihre Lieblichkeit nicht die strengste Kritik?

Jene Liebe beruht freilich auf einer falschen Idealisirung, sie beruht auf einer Unwahrheit, und, wenn man tiefer blicken wollte, auf einer Unsittlichkeit. Schiller vermißt im Homer und den Tragikern die schöne Weiblichkeit und die schöne Liebe, er sieht überall nur Mütter, Töchter, Ehefrauen, nirgends die selbstständige weibliche Natur. Briefwechsel mit Humboldt S. 363. Aber es stände seiner Thekla gut an, wenn sie eine bessere Tochter wäre. »O meine Mutter! – Ich kann es ihr nicht ersparen!« ist ein hartes Wort, fast so grausam, als die Selbstsucht ihres Max, der tausend Heldenherzen zwecklos mit seinem eigenen auf dem Altare der Leidenschaft opfert, wofür sein Wort: »Wer mit mir geht, der sey bereit zu sterben –« keine Entschuldigung enthält.

Die tragischen Frauencharaktere müssen Schillern doch nicht in ihrem vollen Leben aus den deutschen und französischen Uebersetzungen vor die Seele getreten seyn, sonst hätte er in der Kindesliebe einer Elektra und Iphigenia, der heiligen Geschwisterliebe einer Antigone, der aufopfernden Gattenliebe einer Alcestis gewiß zugleich das Ideal der Menschheit erblickt, wenn anders unter weiblicher Idealität nicht blos eine idealistische Schwärmerei, eine objekt- und thatenlose Tugend, eine pflichtenlose Liebe zu verstehen seyn soll. Etwas fehlt den antiken Weibern freilich: aber dieses Etwas ist ein Anderes und Tieferes, als die Geschlechtsliebe, so verklärt dieselbe auch von den modernen Dichtern behandelt worden seyn mag.

Als ein inhaltloses Abstraktum aber erschien einem der durchdringendsten Geister unsrer Zeit Schillers Thekla. »Thekla ist ganz und gar nur die tragische Gurli,« schrieb Rahel; II, 67, 2. Dezember 1812. »beide ohne Knochen, Muskeln und Mark; ganz ohne menschliche Anatomie; so bewegen sie sich auch, wo gar keine menschlichen Glieder sind. Mir aber zum Erstaunen mit dem Beifall des ganzen deutschen Publikums... Eben daran ergötzen sich die Leute, diese bei natürlicher Gliederung nicht hervorzubringenden Bewegungen zu sehen, und bei diesem ihrer Moral schmeichelnden Schauspiele der gesunden menschlichen Organisation zu vergessen.«

Unsere Kunstkritik muß zu diesem harten Urtheil eigentlich ja sagen; aber unsre Nationalität, nicht nur die deutsche, die ganze germanische, kann es nicht. So weit unser Stamm reicht, d. h, in der ganzen Christenheit, wird diese Episode des Wallenstein bewundert. »Gewiß, ihrem Gehalte nach,« sagt die deutsche Kritik, »gehört sie zu dem herrlichsten, was je ein in die Seelenschönheit Eingeweihter veröffentlicht hat. Diese unglückliche Liebe hat schon tausend Herzen glücklich gemacht. Immer von neuem beleben sich Max und Thekla zum Liebes- und Herzensideal für jedes nachwachsende Geschlecht.« Hoffm. III, 51. Diese gescholtene Unnatur – es ist doch wieder relative, es ist deutsche Natur; denn welcher Deutsche hat nicht so geliebt, und Solches geliebt, und kann es bereuen? Auch der deutsche Tieck kann nicht anders, er muß sagen: »Die ganze Verwerflichkeit der düster verworrenen Plane spiegelt sich in dieser reinen Liebe und wahren Natur. Max und Thekla stellen in ihrem reinen Kreise die edle, schöne Menschlichkeit selbst dar, wie sie ein Bestandtheil des innern Wesens unsres Dichters war.« Bei Hoffm. III, S. 45.

So unorganisch also im Drama und so unleiblich an sich dieses Liebeszwischenspiel seyn mag: wir wollen es im Wallenstein dulden, wir müssen es lieben, und es wird das herrliche, objektive Lebensbild des ganzen Stückes so wenig, als die Schicksalsidee dieß thut, uns verkümmern.

Man denke sich nur einen Krieg, um das Divinatorisch-wahre dieser mächtigen Tragödie in elektrischen Schlägen zu empfinden. Selbst jene Rahel, deren fünfsinniger Realismus sich gegen die Geistergestalt und Geisterstimme Thekla's, Augen und Ohren verschloß, griff im Kriegsjahr 1809 zum Wallenstein, der drei Tage auf ihrem Tische gelegen. Und als sie ihn wieder gelesen hatte, rief sie aus: »Wie paßt jetzt jedes Wort, jede Tragödie in der Tragödie! Wie versteh' ich jetzt Welthändel und Dichter erst! Es giebt großartigere Geistesschwingungen; was einen zu bedenken zwingt, daß von je die Welt in Gährung stand; und nicht schlecht hat der Dichter den um uns noch wüthenden dreißigjährigen Krieg gegriffen!« Rahel I, 416 f. den 9. Mai 1809 (an Schillers Todestag).

In den frühern Stücken des Dichters zerbrach das Objekt unter den Händen des Subjekts. Der Wallenstein aber ist so objektiv, als ein Stück Schillers es seyn kann, ohne kalt zu seyn. Ein Strahl seiner Subjektivität bricht durch alle seine Dramen: aber das ganze Licht seiner Persönlichkeit erwärmt, durchleuchtet und durchschimmert den Wallenstein; eben dadurch wird er unsterblich seyn, und ein edler Dichter aus Weimars Schule rief nicht umsonst dem Vereine für Schillers Denkmal zu:

Soll dieses Maal von ew' ger Dauer seyn,
So mauert in den Grund den Wallenstein.

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