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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 71
Quellenangabe
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Aufführung des Lagers.

1798.

Während nun Schiller im Juli sein Gartenhäuschen in Jena unter ein Strohdach brachte, wurde der Tempel seiner Melpomene zu Weimar durch den Architekten Thouret Herr von Thouret, Vorstand und Professor der Kunstschule und Ritter des württemb. Kronordens, lebt und wirkt zu Stuttgart und hat sich um das Denkmal Schillers wesentliche Verdienste erworben. unter Göthe's Oberaufsicht aufs geschmackvollste zu dekoriren angefangen. Briefw. IV, S. 237. 239. 270. 276. Es ging den Sommer über rasch und sollte, nach Göthe's Versicherung, recht artig werden.

Der Ueberdruß, den man an Ifflands Stücken, wie beim langen Angaffen eines Alltagsgesichts, zu empfinden anfing, ließ Schillern einen günstigen Moment für seinen Wallenstein hoffen. Im September war er mit dem »Lager,« das jetzt einen Prolog bildete, beschäftigt. Derselbe sollte, »als ein lebhaftes Gemälde eines historischen Moments und einer gewissen soldatischen Existenz ganz gut auf sich selber stehen können.« Am 4. Oktober ging er an Göthe ab, und war somit das Erste, was vom Wallenstein ihm unter die Augen trat. Göthe hatte seine große Freude daran, er hatte schon früher die ihm allein bekannte Anlage vortrefflich genannt, und fand ihn jetzt gerathen, wie er angelegt war.

Die Kritik in Deutschland wollte dem subjektiven Schiller noch lange nach seinem Tode nicht etwas so rein und meisterlich Objektives zutrauen; zum wenigsten die allerdings erst nachträglich eingeschobene Kapuzinerpredigt sollte von Göthe seyn. Dieser aber hatte dem Freunde dazu nur den Abraham a Sancta Clara geliehen, im ganzen Lager nur hier und da »wegen des Theatereffekts einen kleinen Pinselstrich aufgehöht,« und, nach seiner Versicherung bei Eckermann Eckermann II, 346. nur die zwei Linien zu Anfang des Stücks,

»Ein Hauptmann, den ein andrer erstach.
Ließ mir die zwei glückliche Würfel nach,«

zu besserer Motivirung dem Bauern in den Mund gelegt, und nach dem Briefwechsel Briefw. IV, S. 325. 335. für die erste Aufführung ein einleitendes Soldatenlied, das Schiller noch mit ein paar Versen vermehrte, hinzugefügt. So wurde der Prolog gedruckt und sofort einstudirt. Bei einer spätern Aufführung weigerte sich Herr Becker, ein nahmhafter Schauspieler, einen gemeinen Reiter im Lager zu spielen. Göthe ließ ihm aber sagen, wenn er die Rolle nicht spielen wolle, so wolle Er, Göthe, sie selber spielen. »Das wirkte,« sagte Göthe zu Eckermann; »denn sie kannten mich beim Theater und wußten, daß ich in solchen Dingen keinen Spaß verstand, und daß ich verrückt genug war, mein Wort zu halten und das Tollste zu thun. Ich hätte die Rolle gespielt und würde den Herrn Becker heruntergespielt haben, denn ich kannte die Rolle besser als er.« Eckermann I, 122 f.

Einige Anspielungen auf Zeitbegebenheiten wurden zu besserer Wirkung auch eingeschaltet. Das neuerbaute, freundliche Theater (das die Flammen im Jahr 1825 zerstört haben) wurde mit der Vorstellung eingeweiht. Göthe, Schiller und Frau von Wolzogen, die dies berichtet, Fr. v. Wolz. II, 176 ff. waren bei der letzten Probe allein gegenwärtig, und überließen sich ganz dem hinreißenden Vergnügen, die eigenthümliche Dichtung in ihrem vollen Leben zu sehen. Der Wallone erschien ihnen wie eine homerische Gestalt, eine plastische Darstellung des neuern Kriegslebens. Schiller war gerührt über die Freude der Freunde.

Die Vorstellung selbst (am 18. oder 19. Okt.) übertraf die kühnsten Erwartungen. Der Prolog wurde von dem Schauspieler Vohs in dem Costüm, das späterhin Max Piccolomini trug, mit Innigkeit, Anmuth und Würde gesprochen. Genast als Kapuziner, Leißring als erster Jäger entzückten durch ihr gelungenes Spiel. Döring, zweites Leben, S. 219 f. An die Stelle des Constabels war ein Stelzfuß getreten.

Die Gelehrten aber urtheilten anders als Göthe und das Publikum. Wieland fand das Lager höchst unmoralisch; Er fällte überhaupt ein sehr ungünstiges Urtheil über den Wallenstein (an Böttinger 10. März 1799.) Jean Paul wurde auf die ersten Vorstellungen desselben verdrießlich, und Herder gar über die »sittlichen und ästhetischen Fehler des Stückes« vor Aerger krank. Göthe dagegen freute sich, daß Alles so vergnügt und heiter geschieden sey und pries den angenehmen Tag. Und Ludwig Tieck, kein parteiischer Freund Schillers, nennt das Lager »trefflich, unvergleichbar. Alles lebt und stellt sich dar, nirgends Uebertreibung, nirgends Lückenbüßer, so der ächte, militärische, gute und böse Geist jener Tage, daß man Alles selbst zu erleben glaubt; kein Wort zu viel noch zu wenig; es gehört freilich (was A. W. Schlegel getadelt hattet) nicht zur Handlung selbst, von welcher es sich auch durch Sprache und Reimweise absondert; es ist Schilderung eines Lagers und der Stimmung desselben, ein Gemälde ohne Handlung, in niederländischer Manier, Styl und Haltung, ganz anders als die Tragödie.«

Auch Frau von Staël, die das Stück während ihres Aufenthalts in Deutschland aufführen sah, bewunderte den kriegerischen Eindruck desselben. Als man es in Berlin vor den Offizieren gab, die sich zum Kriege anschickten, erscholl von allen Seiten das laute Geschrei des Enthusiasmus. Diese und andere Urtheile, nebst seinem eigenen, findet man ausführlich bei Hinrichs; III, S. 33 - 42. Nicht versagen können wir es uns, die monarchisch-metaphysische Apologie des Reiterlieds bei diesem Kritiker unsern Lesern vorzulegen (Hinrichs III, 41 f.): »Frei seyn ist (den Soldaten in Wallensteins Lagers) Soldat seyn. – In dem Reiterliede wird das Selbstgefühl dieser Abstraktion der Freiheit laut. Wegen der Abstraktion der Willkür hat dies Lied Aehnlichkeit mit dem Räuberliede, aber der Unterschied ist, daß hier die Freiheit nicht mehr der Wirklichkeit gegenüber, sondern in der Wirklichkeit abstrakt ist. Die Soldaten (die Soldateska Wallensteins!!) dienen einem rechtlichen Zweck, sind der Ordnung des Lebens gegenüber keine Bande, wie die Räuber, sondern gehören vielmehr zur Ordnung; wenn es im Kriege auch momentan zur Unordnung kommt, so ist doch diese nicht Zweck, wie dies in den Räubern der Fall ist, Wallenstein ist kein Räuberhauptmann wie Karl Moor, sondern ist Feldhauptmann. In dem Reiterlied ist der Boden für die Freiheit das Feld der Ehre, in dem Räuberliede die Unehre; der Kampf der Soldaten ist Pflicht, der Angriff der Räuber ein Verbrechen. Ein Freikorps in der Armee ist was anders als eine Bande; jenem ist die Freiheit gegeben, es ist freigelassen, während diese sich die Freiheit genommen hat.« – Der thörichte Schiller, der meinte, er schildere »Raub, Elend, Frechheit roher Horden,« wie er im Prologe redet, der aus seinem »Lager« Wallensteins »Verbrechen« erklären wollte, und nicht wußte, daß er loyale, nur momentan freigelassene übrigens zur Ordnung gehörende, einem rechtlichen Zweck dienende Truppen eines K. K. Feldhauptmanns zeichne!

Nach Jena von der Aufführung des Lagers zurückgekehrt, arbeitete Schiller unverdrossen am noch übrigen Hauptstücke, aber die Umsetzung seines Textes in eine angemessene, deutliche und maulrechte Theatersprache war eine sehr aufhaltende Arbeit, und die Vorstellung der Wirklichkeit und des Theaterpersonals stumpfte allen poetischen Sinn ab.

Am 6. Nov. verließ er den Garten, und zog sich auf sein »Kastell« in die Stadt zurück. Hier ging er bald an den Theil des Wallenstein, den er für den poetisch wichtigsten hielt, an die von dem geschäftigen Wesen der übrigen Staatsaktion völlig getrennte Liebe. Mit Recht fürchtete er abermals, daß das überwiegende menschliche Interesse dieser großen Episode leicht etwas an der schon feststehenden ausgeführten Handlung verrücken möchte: »denn ihrer Natur nach gebührt ihr die Herrschaft.«

Die Piccolomini sollten nicht eher aus seiner Hand in die der Weimaraner Schauspieler kommen, als bis wirklich auch das dritte Stück, Wallensteins Tod, ganz ihm aus der Feder wäre, was mit Apollo's Gunst in den nächsten sechs Wochen geschehen sollte. Auch das astrologische Motiv machte ihm noch viel zu schaffen. Briefw. IV, S. 365 ff. 373 ff. 377. Als es nun von Göthe gebilligt und gerettet war, da rief Schiller gerührt und vergnügt am 11. Dec. aus: »Es ist eine rechte Gottesgabe um einen weisen und sorgfältigen Freund, das habe ich bei dieser Gelegenheit aufs neue erfahren. Ihre Bemerkungen sind vollkommen richtig, und Ihre Gründe überzeugend. Ich weiß nicht, welcher böse Genius über mir gewaltet, daß ich das astrologische Motiv im Wallenstein nie recht anfassen wollte, da doch eigentlich meine Natur die Sachen lieber von der ernsthaften als leichten Seite nimmt!«

Mit erleichtertem Herzen setzte sich der Dichter am 24. Dec. an den Schreibtisch, um dem Freunde zu melden, daß er von einer recht glücklichen Stimmung und wohlausgeschlafenen Nacht sekundirt, die Piccolomini bis auf die Scene im astrologischen Zimmer vollendet, und, nachdem er drei Copisten zugleich beschäftigt, sie so eben an den tribulirenden Iffland nach Berlin abgesandt. »So ist aber auch schwerlich,« sagt er, »ein heiliger Abend auf dreißig Meilen in der Runde vollbracht worden, so gehetzt nämlich und so qualvoll über der Angst, nicht fertig zu werden.«

Am letzten Jahrestage 1798 erhielt auch Göthe endlich aus Schillers Hand »die Piccolomini« ganz, aber »ganz erschrecklich gestrichen,« indem der Dichter, zu Gunsten der Aufführung aus der schon verkürzten Edition noch 400 Jamben ausgestoßen hatte. Ueber die Bearbeitung der Piccolomini fürs Theater s. Hoffmeister IV, 4. »Möchte es,« schreibt er, »eine solche Wirkung auf Sie thun, daß Sie mir Muth und Hoffnung geben können, denn die brauche ich.«

Göthe versparte seine Aeußerung aufs Mündliche, nur von den zärtlichen Scenen schreibt er am 2. Jan. 1799, daß sie gut gerathen seyen, und von der Einleitung der Astrologie in denselben, daß sie äußerst glücklich sey.

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