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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 7
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
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Schillers erste Regungen der Poesie.

1774 ff.

Die metrischen Übersetzungen lateinischer Dichter, in welchen Schiller sich übte, die Bewunderung und die ersten Nachahmungen Klopstocks, selbst der fromme Kindergedanke, der Messiade einen Moses im Epos gegenüber zu stellen, können noch nicht als ein Erwachen seiner Muse betrachtet werden. Auch der Mangel an Interesse für das Studium der Rechtswissenschaft und das fleißige Lesen der Classiker möchten wir nicht als einen Hauptanstoß zur Erweckung seines Dichtergenie's betrachten. Richtiger urtheilt sein Jugendfreund Scharffenstein, wenn er den ersten Ursprung von Schillers Poesie in unterdrückter Kraftäußerung zu finden glaubt, und darauf aufmerksam macht, daß die ersten Produkte, die dem ungestümen Knaben die Neigung des Genossen erworben, nicht, wie sonst gemeiniglich in diesem Alter aufgetreten wird, von weicher, sentimentaler Art waren, sondern ein starkes mit den Conventionen bereits in Fehde begriffenes Gemüth verkündigten Ein festes Benehmen des Freundes gegen den Intendanten besang Schiller in einer Ode, die er für sein Meisterstück hielt. Von dieser Epoche schrieb sich der innige Anschluß der zwei Freunde und der völlige Austausch ihres Innern her. Diese Freundschaft war eine geraume Zeit Lieblingsgegenstand der ersten Lieder Schillers, von denen sich leider nichts erhalten hat. Um die gleiche Zeit bildete sich auch eine Art ästhetischer Vereinigung zwischen Schiller, Hoven, Scharffenstein und dem späterhin bekannt gewordenen Gelehrten Petersen. Jeder sollte etwas machen, und man träumte schon vom drucken lassen. Während Hoven einen Roman à la Werther, Petersen ein weinerliches Schauspiel, Scharffenstein ein Ritterstück nach Art des Götz zu schreiben sich unterfingen, suchte Schiller nach einem tragischen Stoffe (er hatte Gerstenbergs Ugolino schon im Jahr 1773 gelesen). Gern hätte er, nach seiner eigenen spätern Aeußerung »Rock und Hemde um einen solchen Stoff gegeben,« und fand ihn endlich im Selbstmord eines Studenten. Sein Stück hieß » Der Student von Nassau.« Die Jünglinge standen im süßen Wahne der Autorschaft und recensirten sich gegenseitig aufs vortheilhafteste, bis eine grobe, nicht ohne Witz erfundene Posse eines französisch gebliebenen Kameraden von Mömpelgard ihre Eitelkeit tüchtig und plump mitnahm und dem kindischen Beginnen ein Ziel setzte.

»Trotz ihrer Abgeschlossenheit,« sagt Hoffmeister, »spürten unsere Jünglinge die neue Aera, welche in der deutschen Literatur begonnen hatte.« Göthe war der Gott dieser Gesellschaft. Denn zu der Zeit, da Schiller mit seiner Knabenhand nach dem Blitze zu langen wagte, den er kurz darauf als Jüngling mit blutrothem Strahle der Welt in den Räubern entgegenschleuderte, hatte der größte deutsche Dichter ihr die Schönheit im kecken Spiegel der Wahrheit schon zehn Jahre lang entgegengehalten. Wer hätte damals aus den ersten rohen Versuchen unseres jungen Dichters, wer auch noch später, trotz aller Bewunderung, aus jenem Gorgonenbilde, in welchem er, mit der Begeisterung der Indignation, der Gesellschaft ihre eigene drohende Auflösung zeigte, den Schluß zu ziehen gewagt, daß derselbe Genius dereinst neben Göthe sich stellend, das Bild der Schönheit im ruhigen Spiegel der Anmuth und Würde, im Spiegel der vollendeten Sittlichkeit auffangen werde?

Die Kühnheit Göthe's, dessen Werther er frühzeitig verschlungen, und dessen Götz von Berlichingen bald nach Gerstenbergs Ugolino in Schillers Hände kam, erregte indessen neben der Bewunderung einen gewissen Aerger in der Seele des Jünglings, denn er soll ihn manchmal das arrogante Genie genannt haben und er gestand in der Folge selbst, daß er den großen Mann zu rasch und nach gefaßten Vorurtheilen beurtheilt.

Etwas später als mit Göthe's Dichtungen wurde Schiller mit dem Genius Shakspeare's bekannt. Einer seiner Lehrer, der nachmalige Prälat von Abel, ein edler, liebreicher Mann, dessen Andenken im Herzen vieler Schüler lebt, die binnen 56 Jahren in Stuttgart, Tübingen und im Kloster Schönthal zu seinen Füßen saßen, der sich auch um Schillers Bildung mehrfache Verdienste erwarb und dem dieser die zärtlichste Zuneigung bewahrte, las in der Unterrichtsstunde eine Stelle aus jenem Dichter vor. Schiller fuhr wie von einem elektrischen Schlag erschüttert, auf, und horchte wie bezaubert. Nach der Stunde erbat er sich vom Professor das Buch und später verschaffte ihm sein Freund von Hoven die Wieland'sche Uebersetzung Shakspeare's, und zwar, im jugendlichem Scherze, gegen ein Lieblingsgericht. »Gleich dem gewaltigen, felsenentstürzenden Strom ergriff dieser mächtige Geist sein ganzes Wesen, und gab seinem Talente die entschiedene Richtung zum Dramatischen.« Doch ist Schillers späteres Geständniß höchst merkwürdig und seine Empfindung hat gewiß mehr als Ein junger Leser des Briten getheilt: »Als ich in einem sehr frühen Alter diesen Dichter zuerst kennen lernte,« sagte er, Ueber naive und sentimentale Dichtung. Ausg. in Einem Bande von 1830. S. 1236, b. »empörte mich seine Kälte, seine Unempfindlichkeit, die ihm erlaubte, im höchsten Pathos zu scherzen... Durch die Bekanntschaft mit neueren Poeten verleitet, in dem Werke den Dichter zuerst aufzusuchen, seinem Herzen zu begegnen, mit ihm gemeinschaftlich über seinen Gegenstand zu reflektiren, war es mir unerträglich, daß der Poet sich hier gar nirgends fassen ließ, und mir nirgends Rede stehen wollte. Mehrere Jahre hatte er schon meine ganze Verehrung, und zwar mein Studium, ehe ich sein Individuum lieb gewinnen lernte. Ich war noch nicht fähig, die Natur aus der ersten Hand zu verstehen.« J. L. Greiner hat schon auf diese Stelle aufmerksam gemacht. Nach Verlauf eines Jahres entstand jetzt ein Trauerspiel, »Cosmus von Medici.« Von Hoven versichert, daß es ächt tragische Scenen und vorzüglich schöne Stellen enthalten habe; mehrere derselben wurden später in die Räuber aufgenommen. Neben den genannten Dramen war der Julius von Tarent, von Leisewitz, damals ein Lieblingsstück Schillers. Außerdem las er auch in dieser Zeit fleißig historische Werke, vorzüglich den Plutarch; von Philosophen aber Mendelsohn, Sulzer, Lessing, und vor allen seinen damaligen Liebling, den edlen Moralisten Garve, dessen Anmerkungen zu Verguson er beinahe auswendig wußte. Seine Muttersprache studierte er vorzüglich aus Luthers Bibelübersetzung.

1775.

Diese Studien nahm Schiller mit nach Stuttgart hinab, wohin die militärische Pflanzschule in jenen schönen vierflügeligen Kasernenbau zu Ende des Jahrs 1775 verlegt wurde. Nicht so getreu sollte er seiner widerwillig getriebenen Berufswissenschaft bleiben. Zur Erweiterung der Anstalt gehörte nämlich auch die Aufnahme der Medicin unter die Lehrfächer. Der Herzog, dem zu viele Zöglinge in seiner Akademie die Rechte zu studieren schienen, ließ umfragen, welche wohl Lust hätten, das Studium der Heilkunde zu ergreifen. Unter diesen letztern, stellte sich auch, entweder freiwillig, oder auf eine Unterredung des Herzogs mit dem Vater, unser Schiller. Er wählte, nach Scharffenstein, diesen Beruf nicht eigentlich aus Vorliebe, »es war mehr ein Raptus, oder weil er ihn für liberaler und freier hielt, oder hauptsächlich weil die bei dieser Fakultät angestellten Lehrer ihm besser behagten.« Ingeheim leitete ihn auch schon die Rücksicht auf seine Lieblingsneigung, die Poesie; denn er dachte, Seelenlehre, Menschennaturkunde und verwandte Kenntnisse könnten ihm bei seiner Kunst als Dramatiker, theils als Dienerinnen, theils als Helferinnen von Nutzen seyn. Die Familie scheint diesen Wechsel nicht gerne gesehen, und Schillers Seele selbst scheint er einigen Kampf gekostet zu haben. Für die Richtung seines Geistes war der Tausch offenbar höchst wichtig; vor manchen Rohheiten wäre vielleicht sein Jugendleben ohne ihn bewahrter geblieben, aber eine Fülle von psychologischen und physiologischen Studien bereicherte durch diesen Beruf seinen Dichtergeist. Auch urtheilte er frühzeitig, »daß sein Feuer für die Dichtkunst erlöschen würde, wenn sie seine Brodwissenschaft bliebe, und er ihr nicht blos die reinsten Augenblicke widmete,« und noch in späteren Jahren war er der Meinung, »daß es auch für den Dichter gut sey, irgend ein wissenschaftliches Fach absolvirt zu haben, sey es nun, welches es wolle.«

Schiller war erst sechzehn Jahre alt, als er die neue Wissenschaft ergriff, die er bald um Vieles anziehender fand, als er sich selbst vorgestellt hatte. Boerhave's und Hallers Werke und die Dissertationen und Kollegienhefte des großen Lehrers der praktischen Arzneikunde zu Göttingen, Brendels, waren dabei seine Führer. Aber wider seinen Willen überraschte ihn mitten im Lernen die Poesie, und er benützte jede freie Minute, sich mit der Literatur und Dichtkunst und, als mit ihrem Hülfsmittel, der Geschichte zu beschäftigen. Klopstock wurde jetzt auf's Neue von ihm vorgenommen, aber schon wagte er seine Gesänge zu kritisiren, ja eine mißfällige Ode sogar durchzustreichen, und ein richtiger ästhetischer Takt leitete ihn dabei. Außer ihm blieben seine Lieblinge Göthe, Gerstenberg, Haller und Lessing, wozu sich auch noch Uz und Wieland gesellten.

Das älteste Gedicht, das sich von Schiller erhalten hat, stammt aus dem Jahre 1776, also nicht mehr von der Solitude. Es ist eine Rhapsodie auf den Abend, und enthält neben wenig eigenthümlichen Bildern und Gedanken, welche schon den Dichter versprechen, Erinnerungen aus Uz, Klopstock und den Psalmen. Der Anfang ist das schönste:

Die Sonne zeigt, vollendend gleich dem Helden,
Dem tiefen Thal ihr Abendangesicht –
(Für andre ach! glückseligere Welten,
Ist das ein Morgenangesicht!)

Nächstdem rührt das Gefühl, das den Dichter noch viel später mit gleicher Stärke begeisterte, »das paradiesische Naturgefühl« –

Für Könige, für Große ist's geringe,
Die Niederen besucht es nur.
O Gott! du gabest mir Natur –
Theil' Welten unter sie, nur, Vater, mir Gesänge!

Balthasar Haug, der Vater des Epigrammendichters, Professor an der Carlsschule, theilte es, mit Verbesserung einiger Sprachfehler und Reimlicenzen (er ließ deren genug stehen), in seinem schwäbischen Magazine mit, und fügte die Bemerkung hinzu: »Dieses Gedicht hat einen Jüngling von sechszehn Jahren zum Verfasser. Es dünket mich, derselbe habe schon gute Autores gelesen, und bekomme mit der Zeit os magna sonaturum« – einen Mund, der dereinst hohe Dinge tönen wird.

Ein zweites Gedicht, »der Eroberer«, führte derselbe Haug im Jahre 1777 mit der Bemerkung ein: »Von einem Jünglinge, der allem Ansehen nach Klopstocken liest, fühlt und beinahe versteht. Wir wollen seinen Feuereifer beileibe nicht dämpfen; aber Non sens, Undeutlichkeit, übertriebene Metathesen; – wenn einst vollends die Feile dazu kommt, so dürfte er mit der Zeit doch seinen Platz neben – einnehmen, – und seinem Vaterlande Ehre machen.« Dieß Gedicht hat weniger Persönlichkeit als das erstere, es ist mit Stoff und Form ganz aus Klopstocks Nachahmung hervorgegangen. »O, damals war ich noch ein Sklave von Klopstock!« rief Schiller später selbst aus; und Petersen schilt das Gedicht »den Erguß einer orientalischen Geistesergrimmung, mit Erinnerungen aus der Messiade und den Propheten, voll wilden Feuers und roher, brausender Kraft, aber auch voll Schwulst, Unverständlichkeit und Unsinn.«

Ueber die Art und Weise, wie er schon damals dichtete, ist uns eine merkwürdige Aeußerung desselben Freundes, der sein poetischer Gewissensrath war, aufbehalten: »Man wähne ja nicht, daß Schillers frühere Dichtungen leichte Ergießungen einer immer reichen, immer strömenden Einbildungskraft oder gleichsam Einlispelungen einer freundlichen Muse gewesen seyen. Mitnichten! Erst nach langem Einsammeln und Aufschichten erhaltener Eindrücke, erworbener Vorstellungen, angestellter Beobachtungen; erst nach vielen Bilderjagden und den mannigfaltigsten Befruchtungen seines Geistes, erst nach vielen mißlungenen und vernichteten Versuchen hob er sich etwa im Jahre 1777 so weit, daß scharfsichtige Prüfer mehr aus einzelnen kleinen Aeußerungen, als aus größeren Arbeiten den bedeutenden künftigen Dichter in ihm ahnten, so wie er auch selbst nicht früher als um diese Zeit sich der Inwohnung und schaffenden Wirkung des Dichtergeistes gewiß wurde.« Dem genannten Freunde, dann seinem Jugendgespielen von Hoven, und dem als Tonkünstler und Componist später berühmt gewordenen Zumsteeg theilte er sich mit seinen dichterischen Versuchen am offensten mit. Von seinem Freunde Scharffenstein hatte er sich, empfindlich, wie Dichter sind, in Folge einer allzu offenherzigen Kritik, zurückgezogen. Hoven empfing zugleich die vertrautesten Mittheilungen über die philosophischen Ansichten des Freundes, und jedes vollendete Gedicht wurde sogleich von Zumsteeg componirt.

Fortwährend wurde aber auch das Dichten dem Jüngling durch die lästigste Aufsicht und ein feindseliges Mißtrauen seiner Vorgesetzten schwer gemacht. Weinend fand man ihn einst vor seiner Bibliothek stehen, als ihm sein Shakspeare und andere, nicht in den Studienplan des Instituts passende Werke von den Aufsehern hinweggenommen worden waren. Die Zöglinge waren so scharf beobachtet, daß selbst die Mittheilungen unter Freunden sehr schwer war, daß sie sich nicht aus einem Schlafsaal in den andern begeben, und nie sich gruppenweise versammeln durften. So mußte denn oft das Puder- oder Waschzimmer, eine abgelegene Allee im Akademiegarten, ein Durchgang im Hofe das Lokal abgeben, wo Schiller einzelnen Vertrauten Proben aus seinen Gedichten mittheilen konnte, während ein ausgestellter Freundesposten Wache hielt.

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