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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 69
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Das Balladenjahr.

1797.

Der epische Drang sollte nicht objektlos bleiben. Er führte den Dichter zur Ballade.

Ein Wetteifer mit Göthe, sagt Körner, veranlaßte Schillers erste Balladen. Die Ballade Eberhard der Greiner (1782) ist ein Schulversuch. Beide Dichter theilten sich in die Stoffe, die sie gemeinschaftlich ausgesucht hatten. »Dieses ist einmal das Balladenjahr!« rief Schiller selbst am 22. September vergnügt aus, als er schon viele Stoffe verarbeitet vor sich liegen hatte. Mit manchen blieb es auch bei der bloßen Idee, wie mit einer Romanze über Don Juan und einer Ballade über den Amlet (Hamlet) des Saxo Grammaticus. Briefw. mit G. III, S. 95. 121 ff. Von Don Juan sagt Göthe: »Die allgemein bekannte Fabel, durch eine poetische Behandlung, wie sie Ihnen zu Gebot steht, in ein neues Licht gestellt, wird guten Effekt machen.« (Mai 1797.) Vielleicht schreckte ihn die Bekanntheit und frühere Verarbeitung dieser Stoffe ab, die für den schaffenden Dichter immer etwas Widerwärtiges hat. Dagegen freute er sich, wenn ihm der Zufall einen unbekannten Stoff in die Hände spielte. Der erste dieser Art war »Der Taucher,« von welchem Göthe am 10. Juni ihm schreibt: »leben Sie recht wohl und lassen Ihren Taucher je eher je lieber ersaufen.« Diese Ballade entstand zu derselben Zeit mit Göthe's »Gott und die Bajadere.« »Es ist nicht übel,« schreibt dieser, »da ich meine Paare in das Feuer und aus dem Feuer bringe, daß Ihr Held sich das entgegengesetzte Element aussucht.« Das Motiv zu dem Gedichte Ein ähnliches Motiv hat ein altfranzösisches Volkslied; französisch bei Chamisso, Leben I, 258; deutsch bei Uhland, Gedichte (XIII.) S. 493. war Nicolaus der Fisch, der Taucher eines sicilianischen Königs, die Fundgrube desselben noch unentdeckt. Athanasius Kirchners Erzählung in seinem Buche über die unterirdische Welt scheint Schiller nicht gekannt zu haben. Ueber die Quellen von Schillers Balladen s. Schmidt's Taschenbuch deutscher Romanzen; Götzingers deutsche Dichter; und aus ihnen Hoffmeister III, 291 ff., ebendaselbst die äußerst glückliche Charakterisirung der einzelnen Balladen. Wir folgen dem Letzten, so weit wir beistimmen können. Um den Klippenfisch, den Hammer, den Hay und den stachlichten Rochen aufmarschiren lassen zu können, hatte Göthe dem Freunde zwei Fischbücher geliehen. Den Strudel der Charybde konnte der Dichter »nur bei einer Mühle studiren,« aber am Rheinfall fand Göthe, auf seiner Schweizerreise im Herbst, die Schöpfung des Dichtergenius verwirklicht und legitimirt. »Die Ballade selbst stellt uns den Kampf des Menschen mit einer furchtbaren Naturkraft vor Augen, und trägt daher den Charakter des Erhabenen.«

Bald nachher, Mitte Juni's, entstand »der Handschuh« aus einer Anekdote, die der Dichter in St. Foix' historischen Versuchen über Paris, mit dem ursprünglichen Ausgange fand, daß der Ritter de Lorges der Dame den Handschuh au nez geworfen. Daraus machte Schiller sein plastisches Bild, in dem Göthe ein artiges Nach- und Seitenstück zum Taucher erkannte, das durch sein eigenes Verdienst das Verdienst jener Dichtung erhöhe; hier sey es die reine That, ohne Zweck oder vielmehr im umgekehrten Zwecke, was so wohl gefalle. Schiller selbst nannte das Gedicht, als ideenlos, keine Ballade, sondern nur eine Erzählung.

Am 23. Juni hoffte Schiller seinem Freunde schon wieder eine neue Ballade senden zu können, und sie folgte auch wirklich am 26. Es war der Ring des Polykrates, »ein Gegenstück zu Ihren Kranichen,« schreibt er an Göthe; denn dieser war es, der den letztern Stoff damals bearbeiten wollte. »Der Ring des Polykrates,« antwortet Göthe am andern Tag, in einem in der Sammlung verschobenen Brief, »ist sehr gut dargestellt. Der königliche Freund, vor dessen, wie vor des Zuhörers Augen Alles geschieht, und der Schluß, der die Erfüllung in Suspenso läßt, alles ist sehr gut. Ich wünsche, daß mein Gegenstück ebenso gelingen möge!« Die Alten glaubten, wie Hoffmeister trefflich zu diesem Gedichte entwickelt, daß sich in dem Leben eines jeden Menschen Glück und Unglück das Gleichgewicht halten müssen; selbst der größten Macht sey ein entsprechendes Leid beigesellt; wer die ganze Fülle des Glücks in sich vereinigen wolle, der trete aus den Schranken der Menschheit und ziehe sich den Neid und die Rache der selbst vielfach bedürftigen und beschränkten Götter zu. »Dieses, jeden Uebermuth mäßigende, demüthige Lebensgefühl hat Schiller aus der Weltanschauung des Herodot heraus zart und wahr dargestellt.«

Anfang Juli entstand die »Nadowesische Todtenklage,« der Göthe einen ächten realistisch-humoristischen Charakter zuerkannte, welcher wilden Naturen so wohl ansteht. Er hielt es für ein Verdienst der Poesie, den Kreis ihrer Gegenstände immer zu erweitern, und Hoffmeister erinnert bei diesem Urtheile mit Recht an das weite Feld, das der treffliche Freiligrath seitdem dieser Dichtungsweise geöffnet hat. Göthe mißbilligte das Grauen, das Humboldt an dem Lied empfand und das nur dem rohen Stoffe gelte; und noch lange nach des Dichters Tode bewunderte er, gegen Eckermann, die große Kunst, mit welcher Schiller das Objektive zu fassen wußte, wenn es ihm als Ueberlieferung vor die Augen kam. Er rechnete das Gedicht zu den allerbesten des Dichters, und wollte, er hätte ein Dutzend in dieser Art gemacht. Sie waren auch projektirt, folgten aber nicht. Der Stoff war aus »Thomas Carver's Reise durch Amerika« genommen.

»Die Kraniche des Ibykus« überließ Göthe, in der Mitte Juli's, Schillern zur Ausführung und wünschte, »daß sie ihm bald nachfliegen möchten,« als auch er im Begriffe war »in des Südens Wärme« nach der Schweiz und, was unausgeführt blieb, nach Italien zu ziehen. Schiller aber, durch die Herausgabe der Agnes von Lilien, die ein Werk seiner Schwägerin war, das diese rühmlich in die Literatur einführte, und Andres in Anspruch genommen, gewann erst später Muse zu dieser Arbeit und stieß auf unerwartete Schwierigkeiten, so daß er die Ballade erst am 16. August, noch ohne die letzte Feile, dem Freunde nach Frankfurt nachschicken konnte. Dieser betrachtete sich als Mitvater des poetischen Kindes, und half das Gedicht von Frankfurt aus in zwei großen Briefen vom 22. und 23. August völlig nach der Idee, worauf er seine Ausführung bauen wollte, gestalten. Auf seinen Rath wurde aus den Kranichen, als Zugvögeln, ein großer Schwarm, die sowohl über den Ibykus, als über das Theater wegfliegen; auf seinen Rath wurde nach dem 14. Verse ein weiterer eingerückt, der die Gemüthsstimmung des Volks darstellt; auf seine Veranstaltung an die allzu kahle Exposition einige Verse gewendet und dem Ibykus die jetzt so effektvollen Worte in den Mund gelegt. Ihm war darum zu thun, »aus diesen Kranichen ein langes und breites Phänomen zu machen, welches sich wieder mit dem langen, verstrickenden Faden der Eumeniden gut verbinden würde!«

Dieses schrieb Göthe dem Dichter an einem Tage, an welchem zu Frankfurt ein etwas gedrückter, kränklich aussehender, aber liebenswürdiger und mit Bescheidenheit, ja ängstlich offener junger Mann bei ihm gewesen war, ein Dichter, der Schillers Schule verrieth, und dem er besonders den Rath gab, kleine Gedichte zu machen, und sich zu jedem einen menschlich interessanten Gegenstand zu wählen. Das war Friedrich Hölderlin, der sich später stark genug fühlte, seinen eigenen Weg zu gehen. Schiller hatte vor kurzem (30. Juni) von ihm zu Göthe gesprochen: »Es freut mich, daß Sie meinem Freunde und Schutzbefohlenen nicht ganz ungünstig sind ... Aufrichtig, ich fand in diesen Gedichten (Hölderlins) viel von meiner eigenen sonstigen Gestalt, und es ist nicht das erstemal, daß mich der Verfasser an mich erinnerte. Er hat eine heftige Subjektivität, und verbindet damit einen gewissen philosophischen Geist und Tiefsinn. Sein Zustand ist gefährlich, da solchen Naturen so gar schwer beizukommen ist. Indessen finde ich in diesen neuen Stücken doch den Anfang einer gewissen Verbesserung, wenn ich sie gegen seine vormaligen Arbeiten halte: denn kurz, es ist Hölderlin, den Sie vor wenigen Jahren bei mir gesehen haben. Ich würde ihn nicht aufgeben, wenn ich nur eine Möglichkeit wüßte, ihn aus seiner eigenen Gesellschaft zu bringen, und einem wohlthätigen und fortdauernden Einfluß von Außen zu öffnen. Er lebt jetzt als Hofmeister in einem Kaufmannshause zu Frankfurt, und ist also in Sachen des Geschmacks und der Poesie auf sich selber eingeschränkt, und wird in dieser Lage immer mehr in sich selbst hineingetrieben.« Uebrigens war dieser poetische Landsmann unserem Schiller sehr werth, und er stellte ihn einem eben gegenwärtigen Fremden in Jena mit den Worten vor, indem er Hölderlin dazu bei der Hand nahm: »das ist mein liebster Schwabe!« (Das Letzte aus mündlicher Mittheilung.) Hölderlin war damals ein sehr schöner Jüngling von 26 Jahren. Die Umnachtung seines Geistes begann in seinem 33sten Jahre, jetzt (Nov. l840.) zählt er, leiblich ganz gesund, 70 Jahre.

Schiller nahm Göthe's Winke mit dem Dank auf, der ihnen gebührte. Es war ihm recht fühlbar geworden, »was eine lebendige Erkenntniß auch beim Erfinden so viel thut.« Ihm waren die Kraniche »nur aus Gleichnissen bekannt,« und so übersah er »den schönen Gebrauch, der sich von diesem Naturphänomen machen läßt.« »Mit dem Ibykus habe ich,« schreibt er am 7. September, »nach Ihrem Rath wesentliche Veränderungen vorgenommen; die Exposition ist nicht mehr so dürftig, der Held der Ballade interessirt mehr, die Kraniche füllen die Einbildungskraft auch mehr, und bemächtigen sich der Aufmerksamkeit genug, um bei ihrer letzten Erscheinung durch das Vorhergehende nicht in Vergessenheit gebracht zu seyn.« Ein ausführlicher Commentar rechtfertigt sodann das Wenige, worin er Göthen nicht folgen kann.

Darauf wurde die Romanze noch an Böttiger gegeben, um von ihm zu erfahren, ob sich nichts darin mit altgriechischen Gebräuchen im Widerspruch befinde. Böttiger war befriedigt, und gestand zu Schillers Belustigung, daß er nie recht begriffen habe, wie sich aus dem Ibykus etwas machen ließe. Und nun lief das mit so viel Fleiß und Besonnenheit vollendete Werk der Dioskuren vom Stapel. Zu dem großen Kunstwerke hatten dem Dichter die dürftigen Notizen des Suidas, ein Epigramm des Antipater von Sidon, ein beiläufiges Wort des Plutarch verholfen, und der Eumenidenchor des Aeschylus hatte ihm den Athem der göttlichen Rache eingeblasen. Während Schiller in solcher Gesundheit des Geistes arbeitete, litt sein Körper an einem Katarrhfieber und hartnäckigen Husten, der ihn das ganze Jahr nicht mehr verließ, und dieses Uebel griff ihm den Kopf mehr an, als alle Krämpfe. Dazu lag ihm »die Schererei des Almanachs« (für 1798) auf dem Halse. Dennoch wollte er wieder ernstlich an den Wallenstein gehen, rüstete Kleinigkeiten für den Musenalmanach, und sehnte sich, »die Glocke,« die »immer noch nicht gegossen war,« wieder vorzunehmen.

Göthe's Briefe waren für ihn »reich beladene Schiffe, die jetzt eine seiner besten Freuden ausmachten.« Dieser war inzwischen bis nach Schillers Heimath gekommen und hoffte von der schwäbischen Luft »Ergiebigkeit« für seine Muse, worin er sich auch nicht täuschte: denn in Stuttgart concipirte er die unvergleichlichen Müllerlieder. Göthe schreibt seinem Freund aus dieser heimathlichen Residenz (den 30. August 1797) ausführlich, wie er, »nachdem er im Bauche des römischen Kaisers eines der schlimmsten Wanzenabentheuer bestanden,« die Stadt recognoscirte, deren Anlage, so wie besonders die Alleen, ihm wohl gefielen. Er hatte an »Herrn Rapp einen sehr gefälligen Mann und schätzbaren Kunstliebhaber gefunden, der ein recht hübsches Talent zur Landschaftscomposition, auch gute Kenntniß und Uebung habe.« Sie gingen zusammen zu Rapps Schwager, Professor Dannecker, wo ihn unter andern Modellen der Originalausguß von Schillers Büste Hierunter ist die erste, kleinere Büste zu verstehen. Die berühmte, colossale entstand erst nach Schillers Tode. S. den vom Verfasser dieser Lebensbeschreibung aus seines Oheims, Danneckers Munde aufgefangenen Artikel über den Künstler im Conversationslexikon, wo aber statt 1797 zu lesen ist 1793. frappirte, die »eine solche Wahrheit und Ausführlichkeit hat, daß es wirklich Erstaunen erregt. Der Marmor ist darnach angelegt, und wenn die Ausführung so geräth, so ist es ein sehr bedeutendes Bild.« Außerdem würdigte Göthe zu Stuttgart den vortrefflichen Stuccator Isopi, den Maler Hetsch, den Kupferstecher Johann Gotthard Müller, die Kupferstichsammlung des Consistorialraths Rueff, und erfreute sich in Rapps Garten an seinem Kunstverstand und an Danneckers Lebhaftigkeit. Als er bemerken konnte, daß sein Verhältniß zu diesen beiden Männern im Wachsen war, entschloß er sich, ihnen den Hermann vorzulesen, was er dann (zwischen dem 4. und 7. Sept.) an Einem Abend in Rapps Hause mit Effekt vollbrachte. Man verzeiht wohl dem gebornen Stuttgarter, der 37 Jahre seines bisherigen Lebens in jener Stadt zugebracht hat, den Auszug dieser Einzelheiten, die Schiller selbst ja so begierig vernahm. Wohl erinnert sich der Verfasser, damals fünf Jahre alt, wie in seinem Elternhause mit Feierlichkeit die Worte gesprochen wurden: »Heute Abend kommt Göthe zu Onkels, und liest vor.« Der Knabe verstand diese Worte nur halb: bald dachte er sich den Göthe, von welchem mit solcher Ehrfurcht geredet wurde, als einen gewöhnlichen Menschen und Vorleser, bald wieder als einen Gast aus der überirdischen Welt, der durch die Riegelwände hereinkommen und ein Manifest des Himmels verlesen werde. Bei Cotta in Tübingen angekommen, rühmte er sein heiteres Zimmer und den schmalen, aber freundlichen Ausblick ins Neckarthal zwischen der alten Kirche und dem akademischen Gebäude. An Cotta lernte er einen Mann »von strebender Denkart und unternehmender Handlungsweise« kennen, der für einen solchen »so viel Mäßiges, Sanftes und Gefaßtes, so viel Klarheit und Beharrlichkeit hat, daß er ihm eine seltene Erscheinung ist.« Auch machte er die Bekanntschaft anderer sehr schätzbaren Männer unter den Professoren, »die sich alle in ihrer Lage gut zu befinden scheinen, ohne daß sie gerade einer bewegten akademischen Cirkulation nöthig hätten.« Die großen Stiftungen Tübingens bewunderte er; sie »scheinen den großen Gebäuden gleich, in die sie eingeschlossen sind; sie stehen, wie ruhige Kolossen auf sich selbst gegründet, und bringen keine lebhafte Thätigkeit hervor, die sie zu ihrer Erhaltung nicht bedürfen.«

So spiegelte sich in dem hellen Auge seines großen Freundes, was ihm Gutes, Schönes und Charakteristisches in Schillers Vaterlande begegnete, und er warf diesem ein herzerfreuliches Bild davon in die Adoptivheimath zurück. »Ihr Brief hat große Freude gemacht,« antwortet ihm Schiller auf die letzten Nachrichten aus Schwaben. »Ich wäre sehr begierig gewesen, den Eindruck, den Ihr Hermann auf meine Stuttgarter Freunde gemacht, zu beobachten. An einer gewissen Innigkeit des Empfangens hat es sicher nicht gefehlt, aber so wenig Menschen können das Nackende der menschlichen Natur ohne Störung genießen.«

Schiller hatte indessen, nachdem schon früher der »Ritter von Toggenburg,« dessen Bewunderung wir andern überlassen, dessen auch im Briefwechsel mit Göthe gar nicht erwähnt wird, und dessen Quelle unbekannt ist, entstanden war, den Stoff zum »Eisenhammer,« den er wahrscheinlich aus einer französischen Fundgrube ans Licht gebracht hat, aufgefunden, und rasch für den Almanach bearbeitet, den ihm diese Ballade nicht unwürdig zu beschließen schien. »Sie sehen,« sagt er dem fernen Göthe am 22. September, »daß ich auch das Feuerelement mir vindicire, nachdem ich Wasser und Luft bereist habe. Der nächste Posttag liefert es Ihnen, nebst dem ganzen Almanach, gedruckt.« Hoffmeister macht auf die von Schillers übrigen Balladen abweichende Erzählungsform in diesem Gedicht aufmerksam; so wie auf die leidenschaftliche Lust, welche der Dichter damals für die Darstellung äußerer Erscheinungen gefaßt hatte, und die man aus der vortrefflichen Schilderung des Eisenwerks ersieht. Als Göthe im Rheinfalle den Strudel des Tauchers erkannt hatte, schrieb ihm Schiller zurück: »Vielleicht führt Sie auch Ihre Reise an meinem Eisenhammer vorbei: und Sie können mir sagen, ob ich dieses kleinere Phänomen richtig dargestellt habe.« Der genannte Kritiker rügt auch noch einen bedeutenden Fehler der Composition: daß nämlich der Auftrag der Gräfin an Fridolin, die Messe zu hören, im Verlaufe des Gedichts in einen bloßen Zufall verwandelt wird, wodurch ein Widerspruch in die Motive kommt und der Eindruck der Dichtung auf den Leser getrübt wird. Dennoch bleibt Göthe's Urtheil wahr: »Sie haben kaum etwas mit so glücklichem Humor gemacht (als den Eisenhammer).« Mit Hoffmeister reihen wir diesen Arbeiten des »Balladenjahres« auch die Balladen des folgenden Jahres an. Den Stoff der »Bürgschaft,« die Schiller am 4. September 1798 an Göthe abgehen ließ, hatte ihm, wie er selbst sagt, Hyginus zugeführt. Daher rührte der ungewohnte Name Möros, dessen Genosse bei Hygin Selinuntios heißt, während die bekanntern Namen des Freundepaares bei Cicero und andern Schriftstellern Damon und Phintias lauten, bei Valerius Maximus oder seinen Abschreibern aber der letzte Pythias heißt. »Ich bin neugierig,« schreibt Schiller, »ob ich alle Hauptmotive, die in dem Stoffe lagen, glücklich herausgefunden habe.« Von den zurückhaltenden Motiven der Ballade, dem angeschwollenen Strom, den (höchst glücklich erfundenen) Räubern, dem erschöpfenden Durste, den zwei Wanderern, und dem entgegenkommenden Philostratus, – hat schon Göthe gegen das dritte, den Durst, eingewendet, wie es physiologisch nicht ganz zu billigen seyn möchte, daß einer, der an einem Regentage ins Wasser gefallen ist, bis auf die Haut naß, vor Durst umkommen will. »Aber auch das Wahre abgerechnet und ohne an die Resorption der Haut zu denken, kommt der Phantasie und der Gemüthsstimmung der Durst hier nicht ganz recht.« Schiller ließ jedoch das, auch sonst krankende Motiv, da Göthe nichts Besseres zu finden wußte, stehen. Die Kritiker tadeln noch andre Einzelheiten des Gedichtes, insbesondere die sentimentalen Schlußworte des Tyrannen, und diese mit Recht, zumal, da sie, nach Hygin und Schiller, der ältere Dionysius, der bluttriefende Unmensch, sprechen soll. Die Ballade ist, nach Hoffmeister, wohl deßwegen so beliebt und besonders auch bei der Jugend so einheimisch, weil sie bei ihrem raschen Gang und ihrer plastischen Lebendigkeit die ideale Macht des Gemüthes, des Himmels, über Natur und Hölle so rührend und herrlich offenbart, und die Idee der Freundestreue verherrlicht. Aber Freundschaft und Treue scheinen ihm in der Dichtung sich wechselseitig zu schaden und den Eindruck zu schwächen. Sehr treffend bezeichnet übrigens der Kritiker die herrliche Darstellung der Ballade als ein »wanderndes und sich immer verwandelndes Bild.« In Möros' Bürgerstolz und Pflichtgefühl und andrerseits seiner zärtlichen Freundschaft spricht sich ihm der ganze Schiller nach seiner heroischen und humanen Natur aus.

Zugleich gedichtet, und am gleichen Tage an Göthe abgeschickt, wurde »der Kampf mit dem Drachen,« aus Vertots Geschichte des Johanniterordens sehr getreu bearbeitet, voll beschreibender Prachtstriller oder Bravourarien, mit spannendem Anfange, prägnantem Schluß, und mit der, von der Schilderung der That unabhängigen, Tendenz, den christlich- mönchisch-ritterlichen Geist in der Ballade auszusprechen. Dieses complicirte Wollen schadet dem Gedichte, wiewohl es Göthe mit den Worten lobend abfertigt: »bei dem christlichen Drachen finde ich nichts zu erinnern, er ist sehr schön und zweckmäßig.«

So eifrig und ernstlich arbeiteten die beiden großen Dichter einander in die Hände, und so langsam gingen sie vorwärts. Die besten Dichter werden es noch immer so machen. Aber die meisten isoliren sich aus Scheu und Hochmuth, dichten ohne Gewissensrath eilig und allein, und lassen so schnell als möglich drucken. Werden dann die guten Gedanken, die poetischen Bilder und Empfindungen unter der ungefeilten und ungeleckten Mißform nicht erkannt und gewürdigt, so klagen sie über Beschränktheit des Publikums, verstecken sich, und verkommen unter immer wieder getäuschter Hoffnung dereinstiger Anerkennung.

Ueber den poetischen Charakter der Schiller'schen Balladen, als Gattung betrachtet, mögen Andre urtheilen. Der Verfasser dieser Biographie, auf ähnlichem Felde beschäftigt, hat, über der Praxis, keine vollbewußte theoretische Ansicht.

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