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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 68
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Abschied von der Philosophie. Das Gartenhaus.

1795 bis 1797.

Neben der Spekulation ging indessen mit dem Dichter schon lange eine geheime Uebersättigung an ihrer Weisheit herum. Schon am Schlusse des Jahres 1795 beneidete er Göthe'n um seine poetische Stimmung, die ihm erlaubte, recht in seinem Wilhelm Meister zu leben. »Ich habe mich,« sagt er, »lange nicht so prosaisch gefühlt als in diesen Tagen, und es ist hohe Zeit, daß ich für eine Weile die philosophische Bude schließe. Das Herz schmachtet nach einem betastlichen Objekt.« S. an G. d. 17. Dez. 1795.

Auch fühlte er vor den äußersten Consequenzen des Idealismus, wie sie damals in Fichte hervortraten, dessen Persönlichkeit ihn überdieß nicht anzuziehen schien, Briefw. mit G. I, S. 174 f. Vergl. Hoffm. III, 79 ff., wo aber bei einigen Thatsachen durch einen Irrthum Fichte mit Weishuhn verwechselt wird. einen unüberwindlichen Widerwillen, und Göthe's realistischer Einfluß machte sich, zum Vortheile seiner Produktionskraft, überhaupt allmählich geltend. »Es ist erstaunlich,« schrieb er am 21. März 1796 an seinen Freund Humboldt, »wie viel Realistisches schon die zunehmenden Jahre mit sich bringen, wie viel der anhaltende Umgang mit Göthe und das Studium der Alten, die ich erst nach dem Carlos habe kennen lernen, bei mir nach und nach entwickelt hat.« Göthe'n aber lag Fichte's Art zu philosophiren nicht nahe, und Schiller wollte keinen Schritt über Kant hinausgehen. Schon lange S. an G. vom 28. Okt. 1794. zwar, als er noch ganz in diesem Systeme befangen war, hatte er anerkannt, »daß das Gesetz der Veränderung, vor welchem kein göttliches (?) und kein menschliches Werk Gnade findet, auch die Form dieser Philosophie, so wie jede andere zerstören werde,« aber für die Fundamente derselben fürchtete er nicht dasselbe Schicksal, »denn so alt das Menschengeschlecht ist, und so lange es eine Vernunft gibt, hat man sie stillschweigend anerkannt, und im Ganzen darnach gehandelt.« »Mit der Philosophie unseres Freundes Fichte,« fährt er sodann fort, »dürfte es nicht diese Bewandtniß haben. Schon regen sich starke Gegner in seiner eigenen Gemeine, die es nächstens laut sagen werden, daß Alles auf einen subjektiven Spinozismus hinausläuft... Nach den mündlichen Aeußerungen Fichte's ist das Ich auch durch seine Vorstellungen erschaffend, und alle Realität ist nur in dem Ich. Die Welt ist ihm nur ein Ball, den das Ich geworfen hat, und den es bei der Reflexion wieder fängt!! Sonach hätte er seine Gottheit wirklich deklarirt, wie wir neulich erwartetenFrüher hatte er günstiger über Fichte geurtheilt und gemeint »sein überlegenes Genie werde Alles zu Boden schlagen.« (An Hoven d. 21. Nov. 1794. Auch auf dem Gebiete der Aesthetik entfernte er sich immer mehr von jeder unfruchtbaren Abstraktion. Im Beginne des Jahres 1796 (4. Jan.) war er mit Humboldt darüber einig, »daß die Ausbildung des Individuums nicht sowohl in dem vagen Anstreben zu einem absoluten und allgemeinen Ideal, als vielmehr in der möglichst reinen Darstellung und Entwickelung seiner Individualität bestehe, »ja,« fügte er hinzu, »jede Individualität ist in dem Grade idealisch, als sie selbstständig ist, das heißt, als sie innerhalb ihres Kreises ein unendliches Vermögen einschließt, und dem Gehalt nach Alles zu leisten vermag, was der Gattung möglich ist.« In diesen Kampf mit seiner Reflexion sehen wir den Dichter vertieft, während Göthe, der bei ihm war, neben ihm Lärm ins Haus machte, und ihm selbst der Kopf von einem Aderlaß eingenommen war. Aber er hielt den Gedanken fest, und noch mehrere Wochen später drückt er gegen Humboldt seine Freude darüber aus, daß dieser in Veurtheilung des Charakterwerthes sich so ernstlich und nachdrücklich gegen das einförmige Allgemeine erklärt, und für die Individualität streitet. Diese Idee ist ihm »von einer unabsehbaren Consequenz für alles Moralische und Aesthetische.« Und so ging es vorwärts mit ihm.

1797.

Das Jahr 1797 eröffnete sich unter den günstigsten Auspizien und voll Produktionslust, obwohl »in diesen drückenden düstern Wintertagen alles später reift und die rechte Gestalt sich schwerer findet.« S. an G. 11. Jan. 1797. Er sah auch seinen Freund Göthe, nachdem dieser eine analytische Periode der Theilung und Trennung durchgemacht, und seine mit sich selbst zerfallene Natur durch Kunst und Wissenschaft wiederherzustellen gesucht habe, ausgebildet und reif, zu einer zweiten Jugend zurückkehren, welche die Frucht mit der Blüthe verbindet, welche die Jugend der Götter und unsterblich, wie diese, ist. (17. Jan.)

Damals dichtete Schiller am Wallenstein, was wir absichtlich noch übergehen. Die erste Bedingung eines glücklichen Fortgangs dieser Arbeit war eine leichtere Luft und Bewegung. Er war daher entschlossen, mit den ersten Regungen des Frühjahrs den Ort zu verändern und sich wo möglich in Weimar ein Gartenhaus, wo heizbare Zimmer sind, auszusuchen. »Das ist mir,« schreibt er an Göthe den 11. Januar, »jetzt ein dringendes Bedürfniß, und kann ich diesen Zweck zugleich mit einer größern und leichtern Communication mit Ihnen vereinigen, so sind vor der Hand meine Wünsche erfüllt.«

Göthe, dessen Briefe immer zutraulicher und herzlicher wurden, Er erweist Schillern jetzt auch eine Aufmerksamkeit, wie sie nur unter vertrauten Freunden statt finden kann. »Hier ein Naturprodukt,« schreibt er am 20. Juli 1796, »das in dieser Jahrszeit geschwind verzehrt werden muß. Ich wünsche, daß es wohl schmecken und bekommen möge.« Es war ein Fisch, der Schillern, seiner Schwiegermutter und Schlegels, die dazu geladen waren, »ganz vortrefflich geschmeckt hat.« nahm sich auch dieser Angelegenheit aufs wärmste und thätigste an. Schiller arbeitete indessen fort, sah aber klar, daß er dem Freunde nicht eher etwas zeigen könne, als bis er über Alles mit sich im Reinen sey. »Mit mir selbst,« sagt er am 24. Jan., »können Sie mich nicht einig machen, aber mein Selbst sollen Sie mir helfen mit dem Objekte einstimmig zu machen. Was ich Ihnen also vorlege, muß schon mein Ganzes seyn, ich meine just nicht mein ganzes Stück, sondern meine ganze Idee davon. Der radikale Unterschied unserer Naturen läßt überhaupt keine andere, recht wohlthätige Mittheilung zu, als wenn das Ganze dem Ganzen sich gegenüberstellt; im Einzelnen werde ich Sie zwar nicht irre machen können, weil Sie fester auf sich selbst ruhen als ich, aber Sie werden mich nicht über den Haufen werfen können.«

Das Gartenprojekt führte sich inzwischen nicht in Weimar, sondern in Jena aus, Vergl. den Briefw. mit Göthe; Fr. v. Wolz. II, 174. Dörings neues Leben Schillers S. 216. Carlyle S. 184. Im letztern finden sich einige Zeitverstöße. Namentlich war die Benennung »Xeniengasse« ein Anachronismus der akademischen Jugend. nachdem Schillers Verlangen darnach immer größer geworden war. »Jetzt wird meine Sehnsucht, Luft und Lebensart zu verändern, so laut und so dringend, daß ich es kaum mehr aushalten kann,« schreibt er an Göthe den 17. Februar. »Wenn ich mein Gartenhaus einmal besitze, und keine große Kälte mehr nachkommt, so mache ich mich in vier Wochen hinaus. Eher komme ich auch mit meiner Arbeit nicht recht vorwärts, denn es ist mir, als könnte ich in diesen verwünschten vier Wänden gar nichts hervorbringen.«

Wenige Tage später war von ihm der Schmidt'sche Garten mitsamt dem Hause, wie es scheint, um 1200 Rthlr., erkauft worden. »Es ist vor der Hand mir ein leichtes Sommerhaus, und wird wohl auch noch ein hundert Thaler kosten, um nur im Sommer bewohnbar zu seyn; aber diese Verbesserung meiner Existenz ist mir alles werth.« Der Garten liegt vom Jenaischen Marktplatze an gerechnet, südwestlich vor der Stadt, zwischen dem Engelgatter und dem Neu-Thore, an einer Schlucht, durch welche sich der Leutrabach um die Stadt schlängelt. Das Gartenhaus, vor welchem auch der Verfasser dieser Biographie an der Seite Ernsts von Schiller, zehen Jahre nach des Dichters Tode, in schmerzlichen Gedanken gestanden ist, war bald wohnlicher gemacht, freundlich und anspruchlos. Das Haus hatte im obern Stock eine weite herrliche Aussicht. Der Garten heißt jetzt, wegen des daselbst eingerichteten Observatoriums, der Garten der Sternwarte. Hoffm. III, 275. Auf der Höhe des Berges, an dem sich der Garten hinaufzieht, wo man das Saalethal und die Tannengebirge des nahen Forstes überblickt, erbaute sich Schiller, der »die Hauswirthschaft sehr liebte, aber das Knarren der Räder nicht hören mochte,« ein seitdem wieder abgebrochenes zweites Häuschen mit einem einzigen Zimmer. Es war sein Lieblingsaufenthalt, und ein großer Theil seiner Dichtungen wurde fortan dort geschaffen.

»Da schmückt' er sich die schöne Gartenzinne,
Von wannen er der Sterne Wort vernahm,
Das dem gleich ew'gen, gleich lebend'gen Sinne
Geheimnißvoll und klar entgegen kam.
Dort, sich und uns zu köstlichem Gewinne,
Verwechselt' er die Zeiten wundersam.
Nun sank der Mond und zu erneuter Wonne
Vom klaren Berg herüber schien die Sonne,« Göthe's Prolog zu Schillers Glocke.

Auf der, diesem Gartenhäuschen gegenüber liegenden Anhöhe ward er hier wohl nicht selten durch die erleuchteten Fenster von den Jenensern in der nächtlichen Arbeit belauscht. Neben sich hatte er, um sich munter zu erhalten, eine Tasse Kaffee oder Weinchocolade, zuweilen auch eine Flasche alten Rheinweins oder Champagner stehen. Da hörte man ihn denn oft durch die Nachtstille sich die eben geschaffenen Verse recitiren, sah ihn bald in lautem Selbstgespräch in der Stube auf und niedergehen, bald sich wieder in den Sessel werfen und schreiben, zuweilen aus dem neben ihm stehenden Pokal einen flüchtigen Zug thun. Nach der Schwägerin Versicherung trank er bei'm Schreiben nie Wein, oft Kaffee, der ermunternd auf ihn wirkte. Fr. v. Wolz. II, 294.

Auch in seiner Winterwohnung, abgesondert vom Gewühle der Menschen, im Griesbach'schen Hause am Stadtgraben, hinten hinaus, fand man ihn zuweilen bis früh um vier, auch fünf Uhr am Schreibtische; im Sommer bis gegen drei Uhr. Aber hier zu verweilen ward ihm, bei peinigender Kränklichkeit und herankommendem Frühlinge, jetzt ganz unerträglich.

Am 2. Mai 1797 kann er endlich an Göthe schreiben: »Ich begrüße Sie aus meinem Garten, in den ich heute eingezogen bin. Eine schöne Landschaft umgibt mich, die Sonne geht freundlich unter und die Nachtigallen schlagen. Alles um mich herum erheitert mich, und mein erster Abend auf dem eigenen Grund und Boden ist von der fröhlichsten Vorbedeutung.«

1796 bis 1797.

Schillers geselliges Leben hatte sich in der letzten Zeit auch recht angenehm gestaltet. Besuche seines Schwagers Reinwald und seines Freundes Körner erfreuten ihn. »Bringe immer das ganze Geräthe deiner Launen mit, lieber Reinwald:« schreibt er, ohne Datum, dem Schwager, Boas II, 482. »Ein Hypochonder wird mit dem andern Geduld haben. Doch ist bei mir, das sey zu Eurem Trost gesagt, die Hypochondrie mehr im Unterleib und in der Brust, als im Gemüth, welches bei allen Unfällen, die über mich ergingen, Dank sey dem guten Gott, noch leidlich frei geblieben ist.« Oft erheiterte sich seine trübe Stimmung im Umgange mit den geistreichen Männern, welche die Universitätsstadt Jena damals in ihren Mauern vereinigte. Mit Fichte zwar kam er erst in nähere Berührung, als es galt, sich des Bedrängten anzunehmen, was der hohe und edle aber unfügsame Charakter dieses Philosophen nicht eben erleichterte. Schellings, des neuen Ankömmlings, tiefer Geist und offenes Gemüth machten ihm diesen bald sehr werth; mit ihm und dem vieljährigen philosophischen Glaubensgenossen Niethammer verbrachte er alle Wochen einen heiteren Abend bei einer Lhombre-Partie. Die ältern Freunde blieben immer treugesinnt. Schon im Jahre 1796 war der Jugendfreund Schillers und seiner Schwägerin Caroline, Wilhelm von Wolzogen, der in Paris manchem Sturme der Revolution getrotzt hatte, und nach Stuttgart zurückgekehrt war, der zweite Gatte dieser aus früher Jugend ihm theuren Anverwandten geworden. Sie waren zusammen nach Bauerbach gereist, als das französische Heer, Schwaben überschwemmend, nach Franken vordrang, und hatten sich endlich vor dem Gewitter nach Rudolstadt und Jena geflüchtet. Wolzogen wurde als Kammerrath und Kammerherr vom Herzoge von Weimar angestellt, und so lebte das Freundepaar seit dem August 1796 wieder in des Dichters Nähe. Auch Wilhelm von Humboldt mit seiner Gemahlin kehrte im Herbste dieses Jahres von Berlin nach Jena zurück, und sein Bruder Alexander, »dessen lebhafter Geist die Riesenschritte, die er in der Erkenntniß der Natur machen würde,« schon damals andeutete, hatte sich ihnen zugesellt.

Im Sommer des Jahrs 1797 verließ die Humboldt'sche Familie Jena und trat eine Reise nach Italien an, so daß selbst der Briefwechsel zwischen den beiden Freunden Schiller und W. v. Humboldt nur in großen Unterbrechungen sich fortsetzte. Der Genius der Resterion war von unserem Helden geschieden, der Schutzgeist der Produktion ergriff ihn mächtig bei der Hand und zog ihn aus der Tiefe der Spekulation ins lichte Gebiet der Erscheinungswelt und der Dichtung empor.

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