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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 67
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Familienverluste. Philosophische und religiöse Stimmung des Dichters.

1796.

In diesem Jahre wurde das häusliche Leben Schillers durch mancherlei Trübsale heimgesucht. Von der Solitude bei Stuttgart, wo die Familie seiner Eltern fortwährend lebte, kamen ihm im Frühjahre 1796 beängstigende Nachrichten zu. Ein epidemisches Fieber, indem während der Kriegszeit dort befindlichen österreichischen Lazarethe wüthend, hatte, wie uns Frau von Wolzogen erzählt, die jüngste Tochter Nanette ergriffen, und in der Blüthe der Jugend hingerafft. »Sie war,« sagt die Freundin, »ein holdes Mädchen, voll Verstandes und glühender Phantasie. Der Wunsch, ihres Bruders Trauerspiele darzustellen, hatte sie so leidenschaftlich ergriffen, daß ich selbst Schillern bat, diesem nachzugeben, ihr Talent zu prüfen, und, wenn es wirklich etwas Außerordentliches verspräche, sie diese Laufbahn ergreifen zu lassen. Obgleich er dem Schauspielerleben sehr abgeneigt war, so konnte doch, bei den damaligen Verhältnissen in Weimar, manche Klippe dieses Standes vermieden werden. Er versprach mir, die Sache zu bedenken; und so hatte ich die Freude, die letzten Lebensmonate dieses guten Kindes mit freundlicher Hoffnung auf Erfüllung ihrer Wünsche zu erheitern. »Am 21. März 1796 schrieb Schiller über sie an den Vater, der seitdem auch erkrankt war: »So tröstlich es mir war, liebster Vater, von Ihrer zunehmenden Besserung zu hören, so herzlich betrüben mich die Nachrichten von dem Zustand meiner guten Nanette. Ach, vielleicht haben wir sie schon verloren, indem ich dies schreibe! Ich gestehe, daß ich das Schlimmste fürchte, weil sie schon vor dem Anfall dieser Krankheit nicht ganz gesund gewesen ist. Wie schmerzt es mich, so entfernt von Ihnen zu leben, und so ganz außer Stande zu seyn, Ihre Beschwerden und Leiden mit Ihnen, mit der lieben Mama und den armen Schwestern zu theilen und so viel möglich zu erleichtern. Hier kann ich nichts als wünschen und bitten, daß der Himmel noch Alles gut lenken möge. Wie dauert mich unsere gute, liebe Mutter, auf die alles Leiden so zusammenstürmen muß! Aber was für eine Wohlthat von Gott ist es auch wieder, daß die gute liebe Mutter noch Stärke des Körpers genug hat, um unter diesen Umständen nicht zu erliegen und Ihnen noch so viel Beistand leisten zu können. Wer hätte es vor sechs und sieben Jahren gedacht, daß sie, die so ganz hingefallen und erschöpft war, Ihnen Allen jetzt noch zur Stütze und Pflege dienen würde. In solchen Zügen erkenne ich eine gute Vorsicht, die über uns waltet, und mein Herz ist aufs Innigste davon gerührt. Wie ängstlich sehe ich Ihrem nächsten Briefe entgegen, liebster Vater, der mir von Nanettens Zustand wahrscheinlich die entscheidende Nachricht bringt. Nie werde ich es ertragen, eine so liebe und so hoffnungsvolle Schwester zu verlieren, zu deren künftigen Aussichten ich gerade jetzt einige Vorkehrungen treffen wollte, die ihr Glück vielleicht gründeten. Vergl. Buch I, S. 12. Dies bezieht sich wahrscheinlich auf die Theaterplane mit der Schwester. Ich wiederhole meine Bitte nochmals auf das Nachdrücklichste, liebster Vater! Thun Sie alles, was Sie können, zu Wiederherstellung Ihrer eigenen Gesundheit und zu Stärkung unserer guten Mutter und Schwestern. Schenkt uns der Himmel die Freude, daß es sich mit Nanette wieder bessert, so verändern Sie, sobald es nur die Kräfte der Kranken und Ihre eigenen zulassen, den Wohnort, und besuchen auf eine Zeit lang mit der ganzen Familie ein gesundes Bad, sowohl um sich zu zerstreuen, als sich körperlich zu stärken. Der Himmel erhalte Sie und mache es mit uns Allen besser, als wir gegenwärtig hoffen können. Meine Frau ist herzlich bekümmert um die liebe Nanette, und grüßt Sie voll Theilnahme und Liebe. Der kleine Karl ist gottlob recht wohl und auch mit mir geht es jetzt recht leidlich.« Boas II, 466 ff. Die folgenden Briefe theils aus Boas a. a. O., theils bei Frau v. Wolz. II, 160-168. Die Schwester starb, und die Krankheit, die den Vater, dessen körperlicher Zustand auch schon bedenklich schien, ergriffen hatte, war dasselbe bösartige Fieber, an welchem bald auch die zweite Tochter Louise erkrankte, so daß die Mutter allein stand. »Verschlimmert es sich mit der Louise,« schreibt der betrübte Bruder am 25. April der Schwester in Meiningen, »oder gar auch noch mit dem lieben Vater, so wäre die arme Mutter ganz und gar verlassen. Der Jammer ist unaussprechlich. Kannst du es möglich machen, glaubst du, daß deine Kräfte es aushalten, so mache doch ja die Reise dorthin. Was sie kostet, bezahle ich mit Freuden. Reinwald könnte dich begleiten, und wenn er es nicht wollte, so lange hierher zu mir kommen, wo ich brüderlich für ihn sorgen würde. Ueberlege, meine liebe Schwester, daß Eltern in solchen Extremitäten den gerechtesten Anspruch auf kindliche Hülfe haben. Gott – warum bin ich jetzt nicht gesund – und so gesund, als ich es bei der Reise vor drei Jahren war! Ich hätte mich durch nichts abhalten lassen, hinzueilen! Aber, daß ich über ein Jahr fast nicht aus dem Hause gekommen, macht mich so schwächlich, daß ich entweder die Reise nicht aushalten, oder doch selbst krank bei den guten Eltern hinfallen würde. Ich kann leider nichts für sie thun, als mit Geld helfen, und Gott weiß, daß ich das mit Freuden thue.«

Auf diesen Brief brach die gute Schwester von Meiningen nach Schwaben auf. »Der Himmel segne dich für diesen Beweis deiner kindlichen Liebe,« rief ihr Schiller am 6. Mai nach. »Seitdem ich dich dort weiß, bin ich um vieles ruhiger; bisher konnte ich nicht anders als mit Schrecken an die traurige Lage der lieben Eltern und Schwester denken... Nur um das Einzige bitte ich dich: verhindere, daß die lieben Eltern nicht aus ängstlicher Sparsamkeit eine heilsame Maßregel zu ihrer Gesundheit versäumen. Ich habe einmal für allemal erklärt, daß ich die Kosten davon mit Freuden tragen will. Was also etwa an Geld nöthig, kannst du dir von Cotta in Tübingen auszahlen lassen.« Dem Schwager Reinwald dankte er noch besonders für die Bereitwilligkeit, seine Frau nach der Solitude reisen zu lassen, wodurch ihm eine schwere Last von der Seele genommen wurde. An die Mutter hatte er wiederholt geschrieben, und der Schwester schrieb er wieder am 9. Mai: »Was hat unsere gute Mutter nicht an unsern Großeltern gethan, und wie sehr hat sie ein Gleiches von uns verdient! Du wirst sie trösten, liebe Schwester, und mich wirst du herzlich bereit finden zu Allem, wozu du mich auffordern wirst.« Von seiner Frau schreibt er: »Sie ist seit einiger Zeit selbst nicht wohl, und erst heute haben wir Gewißheit, daß sie sich in andern Umständen befindet; sie ist schon am Ende des siebenten Monats der Schwangerschaft.« Von seinem Knaben: »Karl ist gesund und fröhlich. Täglich macht das liebe Kind uns mehr Freude. Was gäbe ich darum, wenn ich ihn unsrer lieben Mutter nur auf einen Tag bringen könnte! Gewiß würde das ihren Kummer in etwas lindern. Grüße die lieben Eltern aufs herzlichste, und sag' ihnen, daß ihr Sohn ihre Leiden fühlt. Der guten Louise schenke Gott bald ihre Gesundheit wieder.«

Die Krankheit des Vaters dauerte Monate lang; seine Auflösung kam nicht unerwartet, ja sie mußte endlich gewünscht werden; aber wie tief sein Tod den guten Sohn betrübte, zeigen die Briefe Schillers an die Mutter und den Schwager. »Daran zu denken,« schreibt er der ersteren, ohne Datum, etwa Mitte Septembers (der Vater war am 7. gestorben), »daß Etwas, das uns so theuer war, und woran wir mit den Empfindungen der frühen Kindheit gehangen und auch im späten Alter mit Liebe geheftet waren, – daß so Etwas aus der Welt ist, daß wir mit allem unfern: Bestreben es nicht mehr zurückbringen können, daran zu denken ist immer etwas Schreckliches.« Weitres s. B. I, S. 9... »Vor fünf und sechs Jahren hat es nicht geschienen, daß Ihr, meine Lieben, nach einem solchen Verluste noch einen Freund an einem Bruder finden, daß ich den lieben Vater überleben würde. Gott hat es anders gefügt, und er gönnt mir noch die Freude, Euch etwas seyn zu können. Wie bereit ich dazu bin, darf ich Euch wohl nicht mehr versichern. Wir kennen einander Alle auf diesen Punkt und sind des lieben Vaters nicht unwürdige Kinder.« Mit der größten Sorgfalt unterhält er sich nun mit der Mutter über ihren künftigen Aufenthalt, und räth ihr, die Wintermonate in dem der Solitude benachbarten Städtchen Leonberg zuzubringen, aufs Frühjahr aber nach Meiningen mit der jungem Schwester zu kommen, dort jedoch (mit einer leisen Anspielung aus Reinwalds Hypochondrie) »eine eigene Wirthschaft zu treiben.«... Giebt der Herzog keine Pension, so könnte sie vielleicht auf der Stelle kommen. »Alles, was Sie zu einem gemächlichen Leben brauchen, muß Ihnen werden, beste Mutter, und es ist nun hinfort meine Sache, daß keine Sorge Sie mehr drückt. Nach so viel schwerem Leiden muß der Abend Ihres Lebens heiter oder doch ruhig seyn, und ich hoffe, Sie sollen im Schooße Ihrer Kinder und Enkel noch manchen frohen Tag genießen.«

Bei des Vaters Lebzeiten hatte sich der berühmte Sohn mit kindlicher Liebe zu dessen Schriftstellern und der Unterbringung seiner Gartenbücher Schillers eigene Ideen über schöne Gartenkunst findet man zusammengestellt bei Hoffmeister III, 94 – 97. an den jungen Verleger des ersten Musenalmanachs herbeigelassen, hatte ihm 24 Carolin Honorar verschafft, und nicht geruht, bis Ende Novembers 1794 der erste Band gedruckt war; Boas II, 465. auch jetzt verlangte er Alles, was der theure Vater an Briefschaften und Manuskripten hinterlassen; er wollte suchen, seinen letzten Wunsch zu erfüllen, was auch der lieben Mutter Nutzen bringen sollte.

Dem Schwager schreibt er am 14. September, um von ihm die Erlaubniß eines verlängerten Aufenthaltes bei der Mutter für Christophinen auszuwirken, was um so nöthiger sey, da die Post noch immer stocke und die Kriegsereignisse auf der fränkischen, schwäbischen und pfälzischen Gränze abgewartet werden müssen, »Wie sehr diese Abwesenheit deiner Frau dich drücken muß, fühle ich mit dir; aber wer kann gegen eine solche Kette unvermeidlicher Schicksale! Leider verflicht sich die allgemeine und öffentliche Unordnung auch in unsre Privatbegebenheiten auf die fatalste Weise.« –

Von dieser trefflichen Schwester war das Mögliche für die Seinen geschehen; den Vater hatte sie bis zum letzten Athemzuge treu und besonnen gepflegt; gegen einen Ueberfall der Franzosen ihn und das Haus mit ungewöhnlicher Geistesgegenwart geschützt. Schiller fühlte sich nicht nur durch brüderliche Liebe, sondern durch innige Dankbarkeit und Achtung an sie gebunden.

In diesen schwarzen Tagen fiel ein Lichtstrahl auf das Trauerhaus. Ein braver Theologe des Vaterlands, Namens Franckh, M. Johann Gottlieb Franckh, geboren zu Stuttgart 20. Dez. 1760; Pfarrer zu Cleversulzbach 1799; Stadtpfarrer zu Möckmühl bei Neuenstadt an der Linde 1805; im letzten Decennium gestorben. damals wohl Vikar in der Nachbarschaft, hatte, durch sein edles Betragen an dem Krankenlager des alten Schiller, seine rechtschaffene Gesinnung gegen die Familie an den Tag gelegt, bewarb sich um die Hand der jüngern Tochter Louise, welche glücklich von der Krankheit genesen war, und wurde von Schiller schon im ersten Briefe an die Mutter als der künftige Schwager begrüßt, den er im Voraus seiner Freundschaft und herzlichen Ergebenheit versichern ließ. Die Heirath selbst verzog sich noch einige Jahre. Schillern aber war zwischen der Schwester und des Vaters Tod am 11. Juli 1796 sein zweiter Sohn; Ernst, geboren worden. S. und G. Briefwechsel II, S. 139. Ernst v. Schiller ist jetzt K. Preuß. Appellationsrath zu Cöln.

Da sich Schillers treue Seele und sein liebevolles Gemüth in den glücklicher Weise aus dieser Zeit uns reichlich erhaltenen Briefen so rührend hell abspiegelt, so wollten wir Auszüge nicht sparen und nicht unterbrechen.

Nun aber dürfen wir wohl die Geschichte seines Geistes befragen, welchen innern Trost er diesen Schlägen des Schicksals entgegen zu setzen hatte.

Seine Philosophie sprach damals ganz anders, als sein Herz in wiederholten, von uns hervorgehobenen Stellen seiner Briefe spricht. Mit dem tieferen Studium Kants schien er sich immer fester in die Skepsis und den Ekel an allem Positiven verrannt und auch den Glauben des genügsamsten Rationalismus aufgegeben zu haben. Im frühesten Jugendunterrichte mit harten Dogmen, wie es scheint, gequält, Briefliche Mittheilung von Fr. v. Wolzogen an den Verfasser vom 25. Januar 1840. – Der religiöse Jugendunterricht in Schillers Vaterlande stützte sich damals ganz auf den Anthropomorphismus des alten Testaments, die Person des Erlösers aber war ein doketischer Schemen, der erst am Kreuze Fleisch und Blut erhielt. Nur so lernte ihn Schiller in den Schul- und Confirmationsstunden kennen. S. und deßwegen bald vom Zweifel überfallen, hatte Schiller, höchst wahrscheinlich durch eine unzeitige Jugendbekanntschaft mit dem Wolffenbüttler Fragmentisten ein unvertilgbares Mißtrauen gegen die Urkunden des Christenthums zu seinen historischen Studien mitgebracht und in ihnen verstärkt. Je weniger er durch seine literarische Thätigkeit hier an den Quell geführt wurde, aus der ihm das himmlische Lebensbild unsres Religionsstifters hätte entgegenstrahlen können, desto hartnäckiger beharrte er bei seinem Unglauben, und sprach, während er die Erscheinung des Christenthums für das wichtigste Faktum der Weltgeschichte erklärte, auf jene Jugendeindrücke ohne tiefere Prüfung gesteift, doch zugleich von den »ungetreuen Händen, durch welche sie uns überliefert worden.« Ja, noch in spätern Jahren gestand er, »daß er in Allem, was historisch ist, den Unglauben zu jenen Urkunden gleich so entschieden mitbringe, daß ihm Zweifel an einem einzelnen Faktum noch sehr raisonnabel vorkommen. Ihm sey die Bibel nur wahr, wo sie naiv ist; in allem Andern, was mit einem eigenen Bewußtseyn geschrieben sey, fürchte er einen Zweck und späteren Ursprung.«

Einen Augenblick blitzte ihn der Geist unsres Glaubens in einem andern Lichte an, aber nicht aus der Sonne desselben unmittelbar, sondern nur aus einem Spiegel, nicht aus der Bibel, sondern nur – aus Göthe's Bekenntnissen einer schönen Seele im Wilhelm Meister. Nachdem er sich künstlerisch an diesem fünften Buche des Romans, wie vor und nach an den andern Büchern, Sehr zweckmäßig findet man Schillers sämmtliche Urtheile über Göthe's Meister gesammelt bei Boas III, 456 ff. geweidet und erlabt hatte, spricht er zu Göthe (17. August 1795): »Ich finde in der christlichen Religion virtualiter die Anlage zu dem Höchsten und Edelsten, und die verschiedenen Erscheinungen derselben im Leben scheinen mir blos deswegen so widrig und abgeschmackt, weil sie verfehlte Darstellungen dieses Höchsten sind. Hält man sich an den eigentlichen Charakterzug des Christenthums, der es von allen monotheistischen Religionen unterscheidet, so liegt er in nichts Anderem, als in der Aufhebung des Gesetzes, des Kant'schen Imperativs, an dessen Stelle das Christenthum eine freie Neigung gesetzt haben will. Es ist also, in seiner reinen Form, Darstellung schöner Sittlichkeit oder der Menschwerdung des Heiligen, und in diesem Sinn die höchste ästhetische Religion; daher ich es mir auch erkläre, warum diese Religion bei der weiblichen Natur so viel Glück gemacht, und nur bei Weibern noch in einer erträglichen Form angetroffen wird.« Das bewundernde Nachdenken über die Darstellung des Heiligen durch Göthe hatte ihn wirklich der heiligen Wahrheit ganz nahe gebracht, so nahe, daß er sogar einige Stellen anzustreichen wagte, »an denen, wie er fürchtete, ein christliches Gemüth eine zu leichtsinnige Behandlung tadeln könnte,« und daß er »den Uebergang von der Religion überhaupt zu der christlichen, durch die Erfahrung der Sünde, meisterhaft gedacht« fand.

Aber eben diese Erfahrung hatte seine Philosophie ja schon längst abgeschworen und verläugnet; ihm war durch sie »der sogenannte Sündenfall vielmehr das glücklichste Ereigniß geworden, denn von diesem Abfalle vom Instinkte datire sich die Freiheit des Menschen, also auch die Möglichkeit der Moralität.« Auch in der Geschichte sah seine philosophische Weltansicht nichts weniger als ein kommendes Reich Gottes, und während er in seinen historischen Studien die Anerkennung eines höheren, ordnenden Waltens, wo sie sich ihm aufdrang, immerhin, wenn auch nicht aufsuchte, doch noch nicht verschmähte, ja eine teleologische Verknüpfung der Dinge, die erhabene Ordnung eines gütigen Willens ahnte, und selbst zu erkennen schien; so gab er doch, immer tiefer in den kritischen Idealismus hineingezogen, auch dieses Bewußtseyn später wieder auf, und in der Abhandlung »über das Erhabene« sagt er: »Wer die große Haushaltung der Natur mit der dürftigen Fackel des Verstandes beleuchtet und immer nur darauf ausgeht, ihre kühne Unordnung in Harmonie aufzulösen, der kann sich in einer Welt nicht gefallen, wo mehr der tolle Zufall als ein weiser Plan zu regieren scheint, und bei weitem in den mehrsten Fällen Verdienst und Glück mit einander im Widerspruch stehen. Er will haben, daß in dem großen Weltlauf Alles wie in einer guten Wirtschaft geordnet sey, und vermißt er, wie es nicht wohl anders seyn kann, diese Gesetzmäßigkeit, so bleibt ihm nichts Anderes übrig, als von einer künftigen Existenz und von einer andern Natur Befriedigung zu erwarten, die ihm die gegenwärtige und vergangene schuldig bleibt. Wenn er hingegen gutwillig aufgiebt, dieses gesetzlose Chaos von Erscheinungen unter eine Einheit der Erkenntniß bringen zu wollen, so gewinnt er von einer andern Seite reichlich, was er von dieser verloren giebt.« Dieser Gewinn ist die Idee der Freiheit, welche die Vernunft aus eigenen Mitteln nimmt, und unter der sie »in eine Einheit des Gedankens zusammenfaßt, was der Verstand in keine Einheit der Erkenntniß verbinden kann;« durch diese »ihnen dargebotene Idee der Freiheit können sich Menschen von erhabener Gemüthsstimmung für allen Fehlschlag der Erkenntniß für entschädigt halten.« Vergl. Rudolph Binders treffliche Zusammenstellung in seiner Schrift »Schiller im Verhältniß zum Christenthum« II, 65-78. So schien die Philosophie mit einem Hauche den letzten Glauben an eine prästabilirte Harmonie zwischen Natur und Geist, an Vorsehung und Jenseits aus seiner Seele weggeblasen zu haben, wie er denn auch schon früher die Idee der Unsterblichkeit nur »als einen Beruhigungsgrund für unsern Trieb nach Fortdauer, also für unsre Sinnlichkeit« dargestellt hatte. Und noch am 9. Juli 1796 giebt er in einem Briefe an Göthe zu verstehen, daß »eine gesunde und schöne Natur keine Gottheit und keine Unsterblichkeit brauche.« Was jedoch nicht so ganz ernstlich gemeint war. Vergl. meine Rezension der Binder'schen Schrift in den theologischen Studien und Kritiken. 1840. III, 632 f.

Traurige Prahlerei der Spekulation! Während sein System so dachte und schrieb, klammerte sich Schillers eigene, gewiß geistig gesunde und schöne Natur, so oft das Schicksal einen Schlag gegen ihn führte, an den alten Glauben an, und berief sich, in Augenblicken, wo Niemand heuchelt oder Phrasen macht, auf den »Himmel,« auf die »gütige Vorsicht,« auf »Gott« und seine Fügung, ja beim Tode der Mutter, wie wir schon gesehen,« Vergl. Buch I, S. 12. auf »Ewigkeit und Vergeltung.«

Nicht lange nach des Vaters Tode stieg der erste Umriß der » Glocke« in Schillers Geiste auf. In diesem Gedicht aber fanden die Worte eine Stelle, die sein Herz und sein Glaube ihm, seinem Systeme zum Trotz, eingegeben hat:

Noch köstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde Schooß,
Und hoffen, daß er aus den Särgen
Erblühen soll zu schönrem Loos.

Diese Zeilen, die dem Dichter in und außer Deutschland hunderttausende von Herzen gewonnen haben, können nicht eine Eingebung der Akkommodation, der Mitleidslüge seyn. Vielmehr sind in Schillers populärster Poesie die Ueberbleibsel der christlichen Überzeugungen niedergelegt, die sich aus dem Glaubensschiffbruche des achtzehnten Jahrhunderts in der Masse der Nation erhalten hatten. Konnte er, der strenge Idealist und Zweifler, sich so wenig dieser Gedanken erwehren, daß er sie, die er in den Momenten der Spekulation von sich stieß, in der Begeisterung des dichterischen Schaffens seinem Volke unaufgefordert immer wieder darbot: wie tief müssen jene Hoffnungen und Trostgründe der Religion in den Bedürfnissen und im Wesen der Menschennatur gegründet seyn!

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