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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 63
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Die Lyrik der Horenzeit. Lebens- und Arbeitsweise des Dichters.

1794 bis 1795

Wer sich mit Schiller in diesen gedoppelten Schacht der Philosophie und der Aesthetik vertieft hat, dem wird bange für seine Schöpfungskraft und seine Poesie. Von einem geistreichen Zeitgenossen, dessen attische Erscheinung die Jetztwelt noch mit Liebe unter den Lebendigen sucht und findet, ist ganz neulich unser Dichter mit Pindar verglichen und Quintilians Schilderung des letztern auf ihn angewendet worden. Jakobs in dem Jubelprogramm auf seinen Collegen Fr. Kries (Gotha 2. Febr. l839. p. 39), wo es im zierlichsten Latein heißt: »Auf Schiller möchte ich anwenden, was Quintilian von Pindar rühmt, der die Hoheit seines Dichterschwunges, und die üppigste Fülle der Gedanken und Worte an ihm bewundert.« Auch das Bild, unter welchem uns Horaz den griechischen Hymnendichter malt, ist auf Schillern anwendbar. Seine Natur- und Dichterkraft gleicht, in den Werken seiner frühen Jugend vornämlich, nicht weniger jenem Bergstrome, der von Regengüssen über das gewohnte Ufer genährt, schäumend von den Höhen herabstürzt und mit tiefem Fall aus der Schlucht hervorbricht. Aber im Gebiete der Wissenschaft angelangt scheint auf einmal der Strom bis auf die Spur verloren. Zur Beängstigung der Augen, die jenem stolzen Dichterlaufe gefolgt sind, verschlingt seinen Strudel, wie den Alphéus, der Boden und sein suchender Trieb gräbt sich ein Bett unter der Erde. Schon scheint er ganz dem Abgrund anzugehören, als auf einmal das melodische Brausen sich wieder vernehmen läßt, und sein Wasserstrahl in einem Silberblicke von Liedern aus der Tiefe emporsprudelt.

Mit einem Freudenrufe begrüßt der Leser die ersten Gedichte Schillers in den Horen, und mit einer fast ängstlichen Neugierde verfolgt er ihre Entstehungsgeschichte in den Briefwechseln des Dichters mit Humboldt und Göthe. Ehe wir jedoch dieser Entwicklung in angemessener Kürze folgen, mag die Lebens- und Arbeitsweise des Dichters hier an der schicklichsten Stelle beobachtet werden.

Ein von Göthe hochgehaltener und vielleicht von ihm ausgerüsteter Berichterstatter erzählt uns von England herüber Thomas Carlyle, Leben Schillers, aus dem Englischen, eingeleitet von Göthe, Frankf. 1830. S. 183 f. »In Schillers Lebensweise zu Jena waren Einförmigkeit und Einfachheit die hervorstechendsten Eigenschaften; die einzige Ausschweifung, die er sich erlaubte, war sein Eifer für die Wissenschaften, eine Sünde, die er sich sein ganzes Leben lang am ersten zu Schulden kommen ließ. Viel hatte seine Gesundheit von seiner Gewohnheit, des Nachts zu arbeiten, gelitten; aber noch immer war der Reiz dieser Gewohnheit zu groß für seine Selbstverläugnung; und er konnte dieselbe nicht anders unterlassen, als bei heftigen Krankheitsanfällen. Das höchste Entzücken war für ihn jene schaffende Glut der Begeisterung, jener schöne Wahnsinn, welcher den Dichter zu einem neuen, edleren Geschöpfe macht, ihn in lichtere, mit Pracht und Schönheit geschmückte Regionen emporträgt, und alle seine Fähigkeiten durch das volle Bewußtseyn ihrer geübten Kraft ergötzt. Um dieß Vergnügen in seinem ganzen Umfange zu genießen, war Schillern zuletzt die Stille der Nacht, die einen gleich feierlichen Einfluß über die Gedanken wie über den Erd- und Luftkreis ausübt, Schon der Knabe Schiller hatte das Lied: »Nun ruhen alle Wälder,« in welchem der oben ausgesprochene Gedanke so malerisch ausgedrückt ist, besonders lieb gewonnen. S. Buch I, S. 25. S. unerläßlich geworden. Deßhalb pflegte er auch jetzt, wie in früherer Zeit, die gewöhnliche Ordnung der Dinge zu verkehren; bei Tage las er, erquickte sich an dem Anblick der Natur, unterhielt sich mündlich oder schriftlich mit Freunden; doch bei Nacht studirte er. Und da nur zu oft sein Körper ermattet und erschöpft war, gewöhnte er sich, ungeduldig über solche niedre Hindernisse, an schädliche Reizmittel, die wohl für den Augenblick Kraft verliehen, aber nur, um dieselbe schneller und sicherer aufzureiben.«

An diese Schilderung mag sich die mündliche, ganz entsprechende Mittheilung von einem noch lebenden Augenzeugen anreihen. Ein Geschäft, das unsrem Schiller nicht weniger am Herzen lag, führte den Erzähler im Sommer 1795 nach Jena zu dem Dichter. Ehe er diesen noch aufgesucht, begegnet er auf dem Markte einem langen, langhalsigen Manne mit gesenktem Hier also wieder ein Zeugniß für die Neigung des Hauptes. Kopf, die Füße in Stulpenstiefel gesteckt, den Leib mit einem grauen Oberrock mehr behangen als bekleidet. Folge seiner Krankheit. Daß Schiller sich damals nicht mehr nachläßig trug, wissen wir aus dem Munde v. Hovens und seiner Schwägerin. Es war Schiller. Der Beruf des Fremden und sein Unternehmen hatten ihn bald in dessen Hause eingeführt und ihm den freundlichsten Empfang bereitet. Ihm erschien Schillers Organisation damals schon im Innersten angegriffen, und seine Lebensweise, die wenigstens nicht gründlich durch Göthes oben erwähnten wohlthätigen Einfluß geordnet worden war, ganz und gar nicht natürlich. Er stand sehr spät, oft erst gegen Mittag, zuweilen sogar erst Nachmittags vom Schlafe auf. Dann trank er, anstatt zu speisen, eine Tasse Chokolade, und arbeitete bis zum Abend, und, wenn er allein war, bis tief in die Nacht. Nicht selten aber empfing er auch Abends Gesellschaft bei sich zu Hause, und zwar die auserlesenste. Diese blieb beim einfachen Thee und Butterbrod, im lebendigsten Gespräche, oft bis gegen Mitternacht beisammen. Schiller nahm am geistigen Verkehre hier den lebhaftesten, aber immer höchst bescheidenen Antheil. Wenn dann die Gäste sich in sinkender Nacht verloren hatten, setzte er sich erst mit seiner Frau zu Tische und aß auf gut Schwäbisch zu Abend. Manchmal aber überfiel seine Natur auch mitten im Gespräche der Schlaf, und zwar ohne alle Vorboten von Schläfrigkeit; er sank im Stuhle plötzlich zusammen und mußte von den Seinigen schlafend zu Bette getragen werden.

Ein solcher Abend ist dem Greise, der dieß aus den Erinnerungen junger Jahre berichtet, noch in besondrem Gedächtnisse. Es wurde an demselben in Schillers Abendzirkel gerade eine neue Erscheinung der Literatur lebhaft debattirt. Das waren Fichte's »Beiträge zur Berichtigung der Urtheile über die französische Revolution,« ein Buch, dessen Anonymität der Verfasser so streng respektirt wissen wollte, daß er einen Bücherverleiher, welcher der Schrift in seinem Kataloge Fichte's Namen beigesetzt hatte, sogar vor Gericht belangte. Diese Schrift erregte an Schillers Theetisch großen Streit, um welchen sich der Dichter, der keinen Stuhl genommen hatte, sondern bald da, bald dort in einer Ecke des Zimmers lehnte, nicht viel zu bekümmern schien. Unser Gewährsmann für diese Scene, damals ein junger Mann von 27 Jahren, stritt sich mit andern notabeln Schriftstellern Jena's besonders über das merkwürdige Kapitel des Buchs vom Recht eines Volkes zu einer Revolution. Er erlaubte sich gegen diejenigen, welche diese Ueberschrift und den ganzen Abschnitt in Schutz nahmen, die bescheidene Exception: ihm komme es lächerlich vor, hier von einem Rechte sprechen zu wollen. Eine Revolution sey einem Gewitter zu vergleichen; wenn dieß einmal sich zusammengezogen, werde Niemand fragen, ob dasselbe ein Recht gehabt habe, in ein Haus einzuschlagen, auf welchem sich kein Blitzableiter befand. Dieser aber sey bei heitrem Himmel anzubringen. Wer das Dach erst während des Wetters besteigen wollte, der könne sich nicht beklagen, wenn ihn der Blitz unter der Ausführung so verspäteter Vorsichtsmaßregeln treffe. Bei diesen Worten fühlte der Sprecher einen leichten Schlag auf der Schulter. Schiller war aus seiner Ecke hinzugetreten und sprach: »Der junge Mann da dürfte wohl so Unrecht nicht haben. Ich will mit Freund Fichte wirklich über jenes Kapitel expostuliren!«

Ein andermal, und dieß war im Laufe des Tages und nicht in größerer Gesellschaft, trat Schiller mit einem bunt durchcorrigirten Concepte ins Zimmer. »Ich habe da etwas gemacht, es ist aber noch nichts Ganzes – ich weiß nicht, ob es etwas ist,« sprach er zu den Anwesenden. Und nun fing er an zu lesen:

»Ein Regenstrom aus Felsenrissen,
Er kommt mit Donners Ungestüm,
Bergtrümmer folgen seinen Güssen,
Und Eichen stürzen unter ihm – «

Es waren die begeistertsten Strophen aus der »Macht des Gesanges.«

Und hiermit wären wir wieder in der lyrischen Werkstätte des Dichters angelangt, und wollen einen Theil der Gespräche, die er mit seinen Geistesvertrauten über der Arbeit führte, belauschen. »Im ersten Jahre seiner Rückkehr nach Jena,« sagt W. v. Humboldt, Briefwechsel, Vorerinnerung S. 73. »beschäftigten ihn noch ausschließlich die ästhetischen Briefe und gelegentliche historische Arbeiten. Dann blühte die Poesie, zuerst nur in kleineren lyrischen und erzählenden Gedichten, ihm auf.« Die Horen und die fast gleichzeitige Unternehmung des Musenalmanachs, von dessen Herausgabe schon im Oktober 1794 zwischen Göthe und Schiller die Rede ist, spornten zu solcher frischen Aeußerung seiner Produktionskraft. Er hatte diese Kraft nach seiner reflektirenden Weise genau ins Auge gefaßt. Er fühlte, wie wir in einer Herzensergießung an seinen neuen Freund Göthe schon vom 31. August 1794 lesen, daß sein Verstand eigentlich mehr symbolisirend als intuitiv wirke, und glaubte so, als eine Zwitterart zwischen dem Begriff und der Anschauung, zwischen der Regel und der Empfindung, zwischen dem technischen Kopf und dem Genie zu schweben. »Dieß ist es,« sagt er, »was mir, besonders in frühern Jahren, sowohl auf dem Felde der Spekulation als der Dichtkunst ein ziemlich linkisches Aussehen gegeben; denn gewöhnlich übereilte mich der Poet, wo ich philosophiren sollte, und der philosophische Geist, wo ich dichten wollte... Kann ich dieser beiden Kräfte in so weit Meister werden, daß ich einer jeden durch meine Freiheit ihre Gränzen bestimmen kann, so erwartet mich noch ein schönes Loos; leider aber, nachdem ich meine moralischen Kräfte recht zu kennen und zu brauchen angefangen, droht eine Krankheit meine physischen zu untergraben. Eine große und allgemeine Geistesrevolution werde ich schwerlich Zeit haben, in mir zu vollenden, aber ich werde thun, was ich kann, und wenn endlich das Gebäude zusammenfällt, so habe ich doch vielleicht das Erhaltenswerthe aus dem Brande geflüchtet.«

1795.

Mit so ernsten und leider gerechtfertigten Todesgedanken ging er an das lebensvollste Geschäft des Dichters, an die Liederpoesie. Den »ersten Ausritt ins Gebiet der Dichtkunst, nach einer so langen Pause,« wie Göthe sich ausdrückt, Briefw. Nr. 98. I, S. 210. unternahm Schiller im Sommer 1795, nachdem sich Humboldt ungemein neugierig gezeigt, wie er den Uebergang von der Metaphysik zur Poesie gemacht habe; das wunderbare Phänomen, daß seinem Kopfe beide Richtungen in einem so eminenten Grade eigenthümlich erscheinen, sey ohnehin schon an sich nicht leicht zu fassen.

Die lyrischen Erstlinge dieser reifem Zeit waren »die Macht des Gesanges,« »der Tanz,« »der Pegasus,« »die Antike,« »der Weltverbesserer« und andere Epigramme, Eine Charakterisirung der Schiller'schen Epigrammenpoesie unternimmt Hoffmeister III, 179 ff., bes. 228 ff. endlich »das Reich der Schatten,« in der Sammlung seiner Gedichte »das Ideal und das Leben« genannt. Schiller selbst übersandte das letztere Gedicht diesem Freunde mit einer gewissen lächelnden Feierlichkeit und im vollen Bewußtseyn des Werthes. »Wenn Sie diesen Brief (vom 9. August) erhalten, liebster Freund, so entfernen Sie Alles, was profan ist, und lesen in geweihter Stille dieses Gedicht. Haben Sie es gelesen, so schließen Sie sich mit Ihrer Frau ein, und lesen es Ihr vor... Ich gestehe, daß ich nicht wenig mit mir zufrieden bin, und habe ich je die gute Meinung verdient, die Sie von mir haben, so ist es durch diese Arbeit.« Für den jetzt schon im Gange befindlichen Almanach war es ihm zu gewichtig. Doch wollte er auch für diesen, da er im Zuge sey, noch Einiges hinwerfen; »überhaupt bin ich,« schreibt er, »entschlossen, die nächsten zehen Monate nichts als Poeterei zu treiben.«

Hatte schon die andern Gedichte Wilhelm v. Humboldt mit Bewunderung und Jubel aufgenommen, »die Macht des Gesanges« mit dem tiefsten Eindrucke; so schrieb er beim Empfange des Reichs der Schatten am 21. August: »Wie soll ich Ihnen für den unbeschreiblich hohen Genuß danken, den mir Ihr Gedicht gegeben hat. Es hat mich seit dem Tage, an dem ich es empfing, ganz besessen, und ich fühle lebhaft, daß es mich noch sehr lang und anhaltend beschäftigen wird: solch einen Umfang und solch eine Tiefe der Ideen enthält es, und so fruchtbar ist es, woran ich vorzüglich das Gepräge des Genies erkenne, selbst wieder neue Ideen zu wecken. Es zeichnet jeden Gedanken mit einer unübertrefflichen Klarheit hin, in dem Umriß eines jeden Bildes verräth sich die Meisterhand, und die Phantasie wird unwiderstehlich hingerissen, selbst aus ihrem Innern hervor zu schaffen, was Sie ihr vorzeichnen.« Hierauf verbreitet er sich in einer ausführlichen, bis ins Einzelnste gehenden Kritik über das Gedicht und seine Schönheiten. Auf den Coadjutor Dalberg, der auch den Tanz und andere »schöne Blumen seiner Dichtkunst« in diesen neuen Lieferungen bewunderte, machte das hohe Lehrgedicht denselben Eindruck: »In Ihrem Reich der Schatten,« schrieb er ihm, Fr. v. Wolz. II, 138 f. Aber das Datum »Erfurt 5. April 1795« kann nicht richtig seyn. »wohnen die guten Menschen in den besten Augenblicken des Lebens; aber Schillers hoher Genius ist der erste, der dieses Reich mit ätherischen Farben malte.« Die Masse verstand übrigens das Gedicht nicht; sie hielt es für eine Schilderung des Todtenreiches. Und noch immer ist es, der Natur der Sache nach, nur das geistige Eigenthum Weniger. Von Göthe besitzen wir keine Aeußerung über dasselbe.

Fast jeden andern Dichter hätte Humboldts Lob wo nicht berauscht, doch im schon gewonnenen Selbstgefühle bestärkt. Aber der unbestechliche Schiller antwortet (21. August) nur so viel: »Ihre Briefe, lieber Freund, sind mir ein rechter Trost, und ob ich gleich von dem liebevollen Begriffe, den Sie sich von mir bilden, den Antheil abziehen muß, den Ihre Freundschaft daran hat, so dienten sie mir doch zu einer fröhlichen Ermunterung, deren ich weit öfter bedarf, als entraten kann. Der Wunsch und die Hoffnung, es Ihnen recht zu machen, hat mich auch bei diesen poetischen Arbeiten belebt und gestärkt, und wird es auch künftig thun. Uebrigens kenne ich nun bald meine Stärke sowohl, als meine Schranken im poetischen Felde. Diese letztere werden mir wohl das Dramatische verbieten, aber auf das Epische werde ich dafür ernstlicher losgehen, nicht auf die große Epopöe, versteht sich.«

Mit solcher Demuth stand der größte deutsche Dramatiker – schon damals verhältnißmäßig nächst Göthe der größte – vor der gewaltigen Aufgabe, die jetzt seine Kunsterkenntniß an ihn stellte. Die Räuber, Kabale und Liebe, Fiesko, Don Carlos selbst – Alles betrachtete er als einen abgeschlagenen Sturm auf die Zinnen der dramatische» Poesie. Schon war der Wallenstein concipirt; die Sturmleiter in der Hand, stand der Krieger aufs Neue vor der Bastion, warf einen Blick hinauf und wollte verzagen.

Kleinere Stücke, »Natur und Schule,« »das verschleierte Bild,« »die Theilung der Erde« und Aehnliches, auch viele Distichen, von Humboldt, Dalberg und Göthe fortwährend mit Liebe begrüßt, entstanden jetzt theils für die Horen, theils für den Almanach. Humboldt, den jene Aeußerungen ängstigen mochten, wünscht seinem Freund eine lebendigere, große Stadt an der Stelle von Jena zum Aufenthalt, er würde ihn gern unabhängiger sehen. Selbst die Hören ärgern ihn manchmal; dabei muß er ihn bewundern, daß er mitten in seiner Krankheit, die ihn von Zeit zu Zeit heimsuchte, eine so schöne und fruchtbare Geistesstimmung, wie sie seine Gedichte beweisen, sich bewahren kann!

Bald darauf kam ihm Schillers bekanntes Lied »die Ideale« (So willst du treulos von mir scheiden –), zu Gesichte. So blind war doch der Freund nicht, daß er auch hier, wo die Poesie im Namen der Prosa sang und der »Beschäftigung« die Palme reichte, unbedingt gelobt hätte. »Das Gedicht hat nicht ganz den Effekt auf mich gemacht, als Ihre übrigen Stücke, und meine Frau hat mir dasselbe von sich gesagt.« Sonderbarer Weise behagte das Gedicht Göthe'n, wie denn er, Humboldt, Körner und Herder, jeder einen andern Liebling unter Schillers neuen Stücken hatte. Die Ideale vertheidigte Schiller gegen Humboldt ziemlich lebhaft, doch gestand er, daß das Lied zu subjektiv, zu individuell wahr sey, um als eigentliche Poesie beurtheilt werden zu können.

Darauf entstanden im September »die Würde der Frauen,« »der Abend,« »Schlußgedicht,« sämmtlich von Humboldt bewundert und charakterisirt. Sie alle aber verdunkelte die im Oktober gedichtete »Elegie« (jetzt »der Spaziergang«) die auch auf Göthe'n, dem sie Schiller vorgelesen hatte, »sehr wirkte.« »Wohin man sich wendet,« sagt Humboldt, »wird man durch den Geist überrascht, der in diesem Stücke herrscht, aber vorzüglich stark wirkt das Leben, das dieß unbegreiflich schön organisirte Ganze beseelt. Ich gestehe offenherzig, daß unter allen Ihren Gedichten, ohne Ausnahme, dieß mich am meisten anzieht, und mein Inneres am lebendigsten und höchsten bewegt. Es stellt die unveränderliche Strebsamkeit der Menschen, der sicheren Unveränderlichkeit der Natur zur Seite, führt auf den wahren Gesichtspunkt, beide zu übersehen, und verknüpft somit alles Höchste, was cm Mensch zu denken vermag. Den ganzen großen Inhalt der Weltgeschichte, die Summe und den Gang alles menschlichen Beginnens, seine Erfolge, seine Gesetze und sein letztes Ziel, Alles umschließt es in wenigen, leicht zu übersehenden, und doch so wahren und erschöpfenden Bildern. Fast in keinem Ihrer übrigen Gedichte sind Stoff und Form so mit einander amalgamirt, erscheint Alles so durchaus als das freie Werk der Phantasie.«

Göthe in seinem Briefwechsel mit Schiller läßt sich, bei seiner lakonischen Manier, nicht über das Einzelne heraus, über die Gesammtheit der neuern Produktionen Schillers fällt er jedoch ein sehr günstiges Urtheil. Nach einem Besuche bei Schiller und ohne Zweifel, nachdem er dessen Elegie angehört, schreibt er ihm (zwischen dem 3. und 10. Oktober): »Ihren Gedichten hab' ich auf meiner Rückkehr hauptsächlich nachgedacht; sie haben besondere Vorzüge, und ich möchte sagen, sie sind nun, wie ich sie vormals von Ihnen hoffte. Diese sonderbare Mischung von Anschauen und Abstraktion, die in Ihrer Natur ist, zeigt sich nun in vollkommenem Gleichgewicht, und alle übrigen poetischen Tugenden treten in schöner Ordnung auf. Mit Vergnügen werde ich sie gedruckt wieder finden, sie selbst wiederholt genießen, und den Genuß mit andern theilen.«

Schiller selbst läugnete gegen Humboldt (29. Nov.) nicht, daß er sich auf die Elegie (den Spaziergang) am meisten zu gut thue. Das sicherste empirische Criterium von der wahren poetischen Güte eines Produkts däucht ihm dieses zu seyn, daß es die Stimmung, worin es gefällt, nicht erst abwartet, sondern hervorbringt, also in jeder Gemüthslage gefällt. »Und das ist mir,« sagt er, »noch mit keinem meiner Stücke begegnet, außer mit diesem. Ich muß oft den Gedanken an das Reich der Schatten, die Götter Griechenlands, die Würde der Frauen u. s. w. fliehen; auf die Elegie besinne ich mich immer mit Vergnügen, und mit keinem müssigen, sondern wirklich schöpferischen, denn sie bewegt meine Seele zum Hervorbringen und Bildern (?). (Ja; er will wohl sagen: Bilder produciren.) Der gleichförmige und ziemlich allgemein gute Eindruck dieses Gedichts auf die ungleichsten Gemüther ist ein zweiter Beweis. Personen sogar, deren Phantasie in den Bildern, die darin vorzüglich herrschen, seine Uebung hat, wie z. B. meine Schwiegermutter, sind auf eine ganz überraschende Weise davon bewegt worden. Herder, Göthe, Meyer, die Kalb, hierin Jena Hederich, den Sie auch kennen, sind Alle ganz ungewöhnlich davon ergriffen worden. Rechne ich Sie und Körner und Ihre Frau dazu, so bringe ich eine beinahe vollständige Repräsentation des Publikums heraus. Ich glaube deßwegen, daß, wenn es diesem Stücke an einem allgemeinen Beifall fehlt, bloß zufällige, selbst in den Personen, die es ungerührt läßt, zufällige Ursachen daran schuld sind. Mein eigenes Dichtertalent hat sich, wie Sie gewiß gefunden haben werden, in diesem Gedichte erweitert: noch in keinem ist der Gedanke selbst so poetisch gewesen und geblieben, in keinem hat das Gemüth so sehr als Eine Kraft gewirkt.«

In's Einzelne des Baues übergehend, erklärt er sodann seinen Entschluß, für den Versbau so viel als möglich zu thun. »Ich bin hierin der roheste Empiriker, denn außer Moritz' kleiner Schrift über Prosodie erinnere ich mich auch gar nichts, selbst nicht auf Schulen, darüber gelesen zu haben. Besonders sind mir die Hexameter und Pentameter, die mich nie genug intercessirt hatten, ganz fremd in Rücksicht auf Theorie und Kritik. Deßwegen erschien auch auf die Xenien damals folgendes Antixenion das der Verfasser dieses Buchs nur ans mündlicher Tradition kennt:

In Weimar und Jena macht man Hexameter wie der,
Aber die Pentameter sind noch viel excellenter.
Indessen glaube ich doch, daß die Empirie zuweilen gegen die Regel Recht hat.«

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