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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 61
Quellenangabe
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Die Fortführung der Horen.

1794 bis 1798

Bei seiner Rückkehr nach Jena am Ende Septembers, als er eben die Ideen zu entwirren sich Zeit nehmen wollte, die Göthe wieder in ihm angeregt hatte, und den Aufgang dieser Aussaat abwarten, fand er einen Brief ihres Verlegers aus Stuttgart, der voll Eifers und Entschlossenheit war, das große Werk der Horen bald zu beginnen. Schiller hatte ihm absichtlich noch einmal alle Schwierigkeiten und mögliche Gefahren dieses Unternehmens vorgestellt; Cotta fand aber, nach Erwägung aller Umstände, daß keine Unternehmung versprechender seyn könne, und glaubte eine genaue Abrechnung mit seinen Kräften gehalten zu haben. Auf seine unermüdete Thätigkeit in Verbreitung des Journals, so wie auf seine Pünktlichkeit im Bezahlen durften die Freunde zählen. Er erbat sich für seinen Associé, einen jungen Gelehrten, »der sich Zahn nennt, und zu der Handelscompagnie in Calw gehört,« S. Buch II, S. 395 f. eine consultative Stimme im Ausschusse der Societät, welche Schiller im Interesse des Journals selbst für zugestehlich hielt, und auch Göthe einräumte.

Nach vierzehntägiger Conferenz fanden sich die beiden edeln Freunde, Schiller und Göthe, über die Prinzipien einig; die Kreise ihres Empfindens, Denkens und Wirkens coincidirten theils, theils berührten sie sich; »daraus,« schreibt Göthe am 1. Okt., »wird sich für Beide gar mancherlei Gutes ergeben.« Er fuhr fort für die Horen zu denken, und hatte angefangen für sie zu arbeiten; besonders sann er auf Vehikel und Masken, wodurch und unter welchen sie dem Publikum Manches zuschieben könnten. Zum Redakteur en Chef wurde Schiller dadurch erhoben, daß er alle Expeditionen allein zu unterschreiben hatte.

Dennoch hatten Herausgeber und Verleger die Rechnung, wie man sagt, ohne den Wirth gemacht. Schiller wußte nicht, wie viele Vorbereitungen und Vorräthe zur immer gleichen lockenden Ausstattung einer Zeitschrift gehören; häufiger war Ebbe als Fluth; »Was kann heiterer seyn, als die Briefe (zwischen Schiller und Göthe) mit der pompösen Ankündigung der Horen anfangen zu sehen, und bald darauf Redaktion und Theilnehmer ängstlich um Manuskript verlegen.« Göthe an Schultz, bei Hoffm. III, 283. man mußte sich nicht selten zu Lückenbüßern, zu Aufsätzen entschließen, die in den öffentlich verkündigten Plan des Journals nicht ganz paßten. Auch das Publikum zeigte sich weit kaltsinniger und unempfänglicher, als sie sich's gedacht hatten, und bald klagte der Verleger über Mangel an Absatz. So mußten sich die Dichter mit dem Gebrauche von allerlei Mittelchen beflecken, welche zu ihrer sonstigen Würde, insbesondere zu Schillers streng sittlichen Grundsätzen, nicht recht passen wollten. Das folgende aus »Chr. Gottfr. Schütz, Darstellung seines Lebens (?).« II, 419; bei Hoffmeister. Es wurde mit Schütz, dem berühmten Herausgeber der allgemeinen Literaturzeitung, die Abrede getroffen, daß alle drei Monate, und vom ersten Stücke des ersten Jahrganges schon in der ersten Woche des Januars 1795, eine weitläufige Recension der neuen Monatschrift, bezahlt von Cotta und verfaßt von Mitgliedern der Gesellschaft, erscheinen sollte. Die Anzeige sollte, nach Schillers brieflicher Verhandlung, so vortheilhaft, als mit einer strengen Gerechtigkeit bestehen kann, geschehen, und anfangs war es auf zwölf jährliche Beurtheilungen dieser Art abgesehen. Nur sollte – so viel Schamgefühl hatte man noch – der Recensent eines Stückes, an diesem bestimmten Stücke nicht mitgearbeitet haben, und überhaupt sollte ein anständiges Verfahren beobachtet werden.

Der Wunsch, die Zeitschrift emporzubringen, hatte Schillers sonst so gehorsames Gewissen ganz übertäubt. »Cotta wird die Kosten der Recensionen tragen, und die Recensenten werden Mitglieder unserer Societät seyn,« schreibt er, quasi re bene gesta, an Göthe am 6. Dezember; »wir können also so weitläufig seyn als wir wollen, und loben wollen wir uns nicht für die lange Weile, da man dem Publikum doch Alles vormachen muß.« Von einer solchen bestellten Anzeige sagt dann Schiller zu Göthe, der Haruspex zum Kollegen, lachend (28. Jan. 1795): »Endlich habe ich die merkwürdige Recension der Horen von J. im Manuskript gelesen. Für unsern Zweck ist sie ganz gut, und um vieles besser, als für unfern Geschmack ... Gegen mich hatte er einiges auf dem Herzen, was er mir nicht zeigen wollte, um keiner Collusion sich schuldig zu machen. Es soll mir lieb seyn, wenn er dadurch auf eine geschickte Art den Ruf der Unparteilichkeit behauptet.« Bald ging Schiller noch weiter. Nicht nur die entschiedensten Mitarbeiter, wie z. B. der jüngere Schlegel, recensirten die Horen, sondern er selbst arbeitete einiges an der großen Hauptausposaunung, die zu Ende des Jahres 1795 veranstaltet wurde, eine Recension, die er lachend »eine rechte Harlekinsjacke« nannte.

Wenn das Journal nicht, wie gehofft worden war, gedieh und aufgenommen wurde, wenn wir den Seufzer hören müssen, daß die Horen in Berlin kein besonderes Glück machen, so kann man sich bei solchen Umtrieben einigermaßen über das Mißlingen trösten, und man empfindet neben dem Bedauern eine gerechte Schadenfreude, daß auf den fröhlichen »Advent der Horen,« welche am 24. Januar 1795 im ersten gedruckte» Hefte zu Jena einliefen, Schiller an Göthe I, 101. sich bald mehr als Eine Leidenswoche einstellte, und daß Göthe noch dreißig Jahre später seufzte: »Was habe ich mit Schiller an den Horen und Musenalmanachen nicht für Zeit verschwendet! Ich kann nicht ohne Verdruß an jene Unternehmungen zurückdenken, wobei die Welt uns mißbrauchte,« Bei Eckermann I, 172 f. – und wir die Welt, hätte er hinzusetzen dürfen. Die Nemesis stellte sich gar zeitig ein. Anfangs waren so viele Bestellungen gemacht worden, daß Cotta sich einen recht großen Absatz versprach; aber im dritten Jahre hatte er kaum die Kosten wieder, und wollte sie zwar auch noch das Jahr 1798 über vegetiren lassen, Schiller jedoch sah »keine entfernte Möglichkeit,« sie fortzusetzen, weil es ganz und gar an Mitarbeitern fehlte, auf die man sich verlassen konnte. Er hatte, nach seinem eigenen Geständnisse, ohne eigentlichen reellen Geldgewinn ewige Sorge und kleinliche Geschäfte bei dieser Redaktion gehabt, und mußte sich endlich durch einen entschlossenen Schritt davon befreien. »Eben habe ich,« schreibt er daher mit Laune an seinen Freund Göthe am 26. Januar 1798, »das Todesurtheil der drei Göttinnen Gunomia, Dike und Irene förmlich unterschrieben. Weihen Sie diesen edeln Todten eine fromme, christliche Thräne. Die Kondolenz aber wird verbeten.« Die Freunde beschlossen beim Aufhören keinen Eclat zu machen, sondern, da sich die Erscheinung des zwölften Stücks 1797 in langsamem Todeskampfe ohnehin bis in den März verzögerte, die Guten von selbst einschlafen zu lassen. »Sonst hätten wir,« setzt Schiller scherzend bei, »in dieses zwölfte Stück einen tollen politisch-religiösen Aufsatz können setzen lassen, der ein Verbot der Hören veranlaßt hätte; und wenn Sie mir einen solchen wüßten, so ist noch Platz dafür.«

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