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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 6
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
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Schiller in der Carlsakademie zu Stuttgart.

1773ff

Der Herzog Carl von Württemberg, ein Herr von ausgezeichnetem Geiste, raschem Urtheil, umfassendem Gedächtnisse, lebhafter und unsteter Einbildungskraft, einem starken Willen im Dienste der Leidenschaft und einer lang ungebändigten Sinnlichkeit, hatte, nachdem er Jugend und Mannesalter an Glanz und Genuß aller Art verschwendet, aus großer Liebe zu wissenschaftlicher Bildung, deren Mangel er an sich mit unbestimmter Pein zu empfinden schien, dem Streben seines rastlosen Geistes in reiferen Jahren ein edleres Ziel gesteckt. »Ermüdet von Sinnenlust, Kunstgenüssen des Auslandes, und den phantastischen Einfällen, die eine übertriebene Liebe zum Luxus eingab, suchte er an der Seite einer guten, deutschen Frau (der Gräfin Franzisca von Hohenheim, die er später zu seiner rechtmäßigen Gemahlin erhob) in der Gründung einer idealischen Landwirthschaft, in der Förderung aller Zweige des Wissens, auch durch Errichtung eines Erziehungsinstituts Beschäftigung, die der Innerlichkeit des Lebens, zu der das herannahende Alter drängt, zusagte.« Die Carlsakademie, die aus diesem Triebe nach edlerm Ruhme hervorging, hatte übrigens auf dem Lustschlosse Solitude im Jahr 1770 einen nur geringen Anfang genommen, als militärisches Waisenhaus für vierzehn Soldatenkinder, die im Tanz, Gesang und andern Künsten unterrichtet wurden, um dereinst den Freuden des damals noch üppigen und prachtvollen Hofes zu dienen. Aber schon nach einem Jahr, als die Zahl der Zöglinge sich schnell vermehrt hatte, wurde sie zur »militärischen Pflanzschule« erhoben, und jetzt auch schon den Ausländern geöffnet. Der Kreis der Lehrgegenstände erweiterte sich mit der Begeisterung des Herzogs für sein Werk: Mathematik, Geschichte und Erdkunde, Religion, Latein und Mythologie wurden von einem vermehrten Lehrerpersonal vorgetragen; doch waren die Lehrfächer anfangs noch nicht streng fixirt. Die Zöglinge selbst waren in zwei Klassen oder vielmehr Kasten getheilt: Kavaliers oder Offizierssöhne, und gemeine Eleven, meist Soldatenkinder, doch auch hier und da der »Sohn eines rechtschaffenen Bürgers« aus den Haupt- und Landstädten. Die erste Klasse war vorläufig für das Militär bestimmt, der größte Theil der Eleven den Künsten, der Malerei, Bildhauerei, Architektur, Stukkatur, Musik, Gärtnerei, aber auch den Handwerken gewidmet, denn es gab selbst eine Abtheilung von Schneidern und Schustern. In den Unterrichtsstunden bestanden vier Abtheilungen. Für den Ehrgeiz der Zöglinge wurde durch Preismedaillen und einen, später gedoppelten, Orden, für Zucht und Ordnung durch ein streng militärisches Regiment gesorgt. Die Offizierssöhne trugen hellblaue kommistüchene Westen mit Ermeln, Kragen- und Ermelaufschlag von schwarzem Plüsch, Beinkleider von weißem Tuch, einen kleinen Hut, zwei Pavilloten an jeder Seite, ohne Puder, dazu lange, falsche Zöpfe nach bestimmtem Maße. Der Paradeanzug hatte mehrere Abstufungen und zum größten Putze trug alles Umformen. Der Werth, welcher auf diesen Schmuck vom Herzoge selbst gelegt wurde, wird durch sein Urtheil über einen Zögling bezeichnet, das, freilich nur von einem Spaßvogel dem fürstlichen Gründer in den Mund gelegt, lautete: »Ich sag', der N. N. ist der beste Zögling der Anstalt, sowohl in der Vergette, als in der Conduite. « Oberaufseher und Aufseher, aus der Zahl der Sergeanten, waren, was pedantische Aufsicht betrifft, exemplarische Männer, und der oberste unter ihnen, mit Namen Nies, von Schiller oft genannt, führte das Kommando mit einer Betriebsamkeit und einem Kleinlichkeitsgeiste, daß man in seiner Nähe kaum athmete. Harte Strafen züchtigten Nachläßige und Widerspenstige; und einmal wollten verstockte Zöglinge bei'm Befehle körperlicher Züchtigung das Schreckenswort vernommen haben: »bis Blut kommt!« Von dieser Strenge hörte indessen Vieles auf, als das Institut unter dem Namen »Militärakademie« im J. 1774 eine höhere Richtung erhielt, Offiziere vorgesetzt, Professoren angestellt, Fakultätsfächer und Lehrstunden bestimmt wurden. Einen höheren Schwung nahm vollends die Anstalt, als sie gegen Ende des J. 1775 nach Stuttgart in die schönen Gebäude hinter dem Schlosse verlegt wurde, die noch ihren Namen tragen. Allmählig waren jetzt regelmäßige Kurse in der Rechtswissenschaft und Arzneikunde, dann ein umfassenderer Vortrag in der Religionslehre, und von den Künsten die Kupferstecherkunst mit gründlichem Unterrichte hinzugekommen. Auch wurden Fremde und Einheimische gegen ein Kostgeld aufgenommen, und jetzt wurde die Anstalt nicht nur von Stadtstudierenden zahlreich besucht, sondern auch aus allen Weltgegenden strömten Jünglinge zu ihr, um in der mit Lehrern trefflich besetzten, berühmten Akademie sich zu bilden. Deutsche aller Stämme, Franzosen, Schweizer, Russen, Polen, Engländer, Italiener, Dänen, Schweden, Holländer, West- und Ostindier fanden sich an diesem Heerde der Kultur zusammen. Der Gründer erhielt die Anstalt aus eigenen Mitteln, durch seine Aufsicht, seine täglichen Besuche, seine Theilnahme an den Unterrichtsstunden als Zuhörer und Frager, seine Leutseligkeit und Strenge in Belohnungen und Strafen. Er liebte die Zöglinge so herzlich, daß, nach der Versicherung eines noch lebenden Augenzeugen, die herzogliche Kutsche, in welcher Carl selbst mit seiner Franziska fuhr, sich nicht selten von innen und außen mit Eleven bepackt von der Solitude nach Stuttgart schleppte. Aber die ernste, militärische Zucht dauerte fort. Subordination war das Grundgesetz des Instituts, der Stock, die Degenklinge und die Trommel beinahe die einzigen äußerlichen Aufforderungsmittel zu den Studien. In Parade ward in die Unterrichtsstunden gezogen, in Parade zum Mahl, in Parade zu Bette, zusammen taktmäßig und steif traten die Jünglinge in die Lehrzimmer, das Commandowort: Marsch, halt, links um, schwenkt euch! rief sie zu der Beschäftigung mit den Wissenschaften. Die strengste Verläugnung ihrer Individualität, die Erstickung der hervorstechendsten, wenn nicht zu dem ganz auf's praktische Leben angelegten Erziehungsplane passenden Talente, die Gefangennehmung des eigenen selbstständigen Sinnes und die gänzliche Unterwerfung des Willens unter den des Stifters wurde von den Zöglingen verlangt und im Durchschnitt auch geleistet. »Alles, was wir sind, alles, was wir werden, ist das erhabene Werk euer Herzoglichen Durchlaucht,« sprach, schon in Gegenwart Schillers, am dritten Stiftungstage der militärischen Pflanzschule in öffentlicher Rede ein »junger, gelehrter und liebenswürdiger Kavalier«, der jedoch das, was er seitdem geworben, nicht ganz auf seines Herzogs Rechnung, ohne eigene Imputation, zu schieben hatte.

Wie diese berühmte Anstalt eine Frucht der Begeisterung und Pedanterei in seltsamer Mischung war, so trug sie auch gemischte Früchte. Große Künstler, Gelehrte, Krieger, Geschäftsmänner, ja einige der ersten Köpfe Europa's Außer Schiller: Cuvier und Kielmeyer. wurden in ihr gebildet, aber auch verdorbene Halbgenie's, frivole Freigeister, kleinliche Tyrannen. Gründliche Wissenschaftlichkeit und seichte Aufklärung, edle Thätigkeit und unruhige Gewaltthätigkeit, selbstbewußte Kraft und eitle Selbstüberschätzung verbreiteten sich mit ihren Zöglingen in einem Doppelstrome befruchtend und verderbend über das Land, in dessen Schoße sie entstanden war, und wohl auch über dasselbe hinaus.

Während die Carlsakademie, später von Kaiser Joseph zur hohen Schule erhoben, im Farbenglanze der Uniformen blühte, schlich der verlebte Geist früherer Jahrhunderte in dickem Blute langsam durch die Adern der alten Erziehungsinstitute des Landes, und wie dort der Corporalsstock hinter den Coulissen regierte, so bewegte sich in den Klosterschulen und dem theologischen Stifte zu Tübingen die schwarze Kutte und der geistliche Talar nach der schwerfälligen Mönchsregel. Dennoch war dieser verjährte Zwang nicht so lästig und hemmend für den aufstrebenden Geist, als jener moderne illustrirte Despotismus. In den alten Gelehrtenschulen Württembergs verfolgte er den Jüngling nur in die öffentlichen Gebetsstunden, in die Collegien und etwa zu Tische. Am Arbeitspulte war dieser so ziemlich Herr über seine Gedanken, und der freien Entfaltung seiner Naturanlagen war nicht dieselbe Zwangsjacke angelegt wie dem Körper.

Es ist erlaubt zu fragen, was aus Schiller geworden wäre, was die Welt mit diesem hochbegabten Geist empfangen hätte, wenn er, seiner früheren Neigung entsprechend, nicht in der Carlsakademie, sondern in den württembergischen Klöstern seine erste wissenschaftliche Bildung empfangen hätte. Einer seiner Jugendfreunde zweifelt nicht, daß unser Dichter, wenn er nicht zum Erlernen von Wissenschaften genöthigt worden wäre, für die er entweder gar keinen Sinn hatte, oder denen er nur durch die größte Selbstüberwindung einigen Geschmack abgewinnen konnte, sich zu einem Theologen gebildet haben würde, der durch bildereiche Beredsamkeit, und durch richtige Anwendung einer tiefen Philosophie auf die Religion Epoche gemacht hätte. Wir können so bescheidene Erwartungen, welche den Genius auf die Kanzel und den theologischen Lehrstuhl beschränken wollten, keineswegs theilen. Vielmehr glauben, wir, daß auch in dieser Laufbahn sich Schiller nicht mit der Anpassung seines Geistes ans Gegebene und Positive, oder gar mit der rhetorischen Form begnügt hätte, sondern daß er in der Wissenschaft, wie er es in der Poesie gethan hat, auf ungewohnten Bahnen der höchsten Wahrheit zustrebend, als Denker dasselbe geworden wäre, was er als Dichter geworden ist: der Mitschöpfer einer neuen Periode. Diese seine Ansicht findet der Verf. vorliegender Biographie durch ein Urtheil Fichte's bestätigt, welcher im J. 1795 gegen Wilh. v. Humboldt äußerte, daß wenn Schiller zur Einheit in seinem Systeme käme, was allein von ihm abhinge, von keinem andern Kopf so viel, und schlechterdings eine neue Epoche zu erwarten wäre. – Zweiter Druck, Januar 1840. Gewiß ist, daß er dem Studium der Kantischen Philosophie um ein Jahrzehend früher auf diesem Wege zugeführt worden wäre, und wer weiß, ob nicht sein tiefsinniger Geist, ohne Störung und Versuchung in stillen Klostermauern Jahre lang auf das höchste Objekt des Wissens geheftet, einem Schilling und Hegel, welche dieselbe Laufbahn zehn oder fünfzehn Jahre später betraten, die Palme vorweggenommen hätte.

Aber nicht aufs Erkennen allein, aufs Schaffen war unser großer Landsmann vom Lenker der menschlichen Geschicke angewiesen, und nicht zum Gründer einer philosophischen Schule sollte ihn die einsame Zelle, sondern zum ersten dramatischen Dichter der neuem Zeit eine zwar widerliche und, harte, aber lebendiger Anschauungen volle Schule, und darin Pein, Irrthum, Zweifel, Leidenschaft mit ihren Verirrungen und endlich die Flucht ins Leben hinaus, und ein heißer Kampf mit der Aussenwelt bilden.

Der Herzog Carl von Württemberg, in der Schöpfung seiner militärischen Pflanzschule begriffen, ließ, um die fähigsten jungen Leute kennen zu lernen, von Zeit zu Zeit bei den Lehrern Umfrage halten, und so wurde ihm denn in Ludwigsburg unter andern vorzüglichen Schülern auch der Sohn seines Dieners Schiller genannt. Sogleich erging an den Vater der Antrag des Herzogs, den Knaben in die Pflanzschule aufnehmen und dort auf fürstliche Kosten erziehen lassen zu wollen. In der Schiller'schen Familie verursachte dieses großmüthige Anerbieten die größte Bestürzung, denn Vater und Mutter waren dem Lieblingsplane des Sohnes, sich dem geistlichen Stande zu widmen, keineswegs abhold gewesen, und namentlich hatte die sanftere Mutter sehnlich gewünscht, den geliebten, einzigen Sohn auf dem sittlich gefahrloseren Pfade der vaterländisch theologischen Bildung ruhig fortschreiten zu sehen. Der Vater wagte daher eine freimüthige Vorstellung an den Herzog, des Inhalts, daß der Knabe schon alle Vorbereitungsstudien zum geistlichen Stande gemacht habe, und der Herzog schien zufrieden gestellt: bald aber wiederholte sich sein Begehren zweimal hinter einander, die Wahl des Studiums wurde dem Sohne freigestellt, eine bessere Versorgung, als es im geistlichen Stande möglich wäre, versprochen.

Der Ausspruch des Gebieters, des Wohlthäters der Familie konnte nicht mehr überhört werden, und mit mißmuthigem Herzen wanderte der noch nicht vierzehnjährige Jüngling Mitte Januars 773 mit 43 Kreuzern in der Tasche und »15 Stück unterschiedlichen lateinischen Büchern« im Ranzen, Urkundlich aus dem Vaterhause in die Pflanzschule, und wählte hier das Studium der Rechtswissenschaft, weil es, nach der Meinung der Eltern, die beste Versorgung versprach.

Die erste Nachricht, wie es dem Knaben in den neuen Fesseln behagte, erhalten wir aus seinem eigenen Munde. »Lieber Carl!« so schrieb Schiller ein halbes Jahr nach seiner Aufnahme an seinen Jugendfreund Moser, der damals in Ludwigsburg lebte, am 12. Juli 1773, komm selbst, sieh, prüfe und urtheile! dein Friedrich ist sich nie selbst überlassen! den Einmal festgesetzten Unterricht muß er anhören, prüfen und repetiren, und Briefe an Freunde zu schreiben steht nicht in unserem Schulreglement. Sähest du mich, wie ich neben mir Kirsch's Lexikon liegen habe und vor mir das dir bestimmte Blatt beschreibe, du würdest auf den ersten Blick den ängstlichen Briefsteller entdecken, der für dieses geliebte Blatt eventualiter einen niegesehenen Schlupfwinkel in einem geistesarmen Wörterbuche sucht.« Außerdem berichten uns zwei akademische Jugendgenossen über Schillers Eintritt und anfänglichen Aufenthalt in dieser Anstalt, in welcher er, als nicht Sohn eines aktiven Offiziers, nicht unter den Kavalieren, sondern unter den Eleven seinen Platz nahm. Der eine, der nachmalige Generallieutenant von Scharffenstein, ein geborner Elsäßer, schildert uns die komische Gestalt, welche der neue Ankömmling in der ordonnanzmäßigen Kleidung des Instituts machte: »lang für sein Alter, Beine beinahe ganz mit den Schenkeln von Einem Kaliber, sehr langhalsig, blaß, mit kleinen rothumgrenzten Augen, nicht der reinlichste in seiner Toilette, – ein ungeleckter Kopf voll Papilloten mit einem enormen Zopf« – so wird uns Schiller von dem überrheinischen Kameraden gezeichnet.

Der andere, von Hoven, schon von Ludwigsburg her sein Gespiele, erzählt uns, wie der junge Zögling in den gelehrten Sprachen, in welchen er schon zu Ludwigsburg einen sehr guten Grund gelegt, bedeutende Fortschritte machte; wie denn auch bei der Preisvertheilung am 14. Dezember 1773, welche in Gegenwart des Herzogs vorgenommen wurde, mit dem ersten Preis in der griechischen Sprache »Johann Christoph Friedrich Schiller von Marbach« in den Listen aufgezählt wurde und dort noch zu finden ist. Schillers Gelehrsamkeit im Griechischen erstreckte sich übrigens vom 14ten bis zum 24sten Lebensjahre nicht über das neue Testament, laut seines eigenen Geständnisses (an W. v. Humboldt, vom 26. Okt. 1795). Französische Schriftsteller lernte er bald ohne Schwierigkeit lesen, in der Geographie, Geschichte, Mathematik machte er ebenfalls gute Fortschritte, und das Studium der Philosophie zog ihn gleich anfangs mächtig an. Nur mit der Rechtswissenschaft, die er mit dem Jahr 1774 (also im fünfzehnten Lebensjahre!) zu studieren anfing, wollte es ihm nicht gelingen, er blieb hinter seinen Mitschülern zurück und wurde von den Lehrern für talentlos gehalten. Nur der Scharfblick des Herzogs sah richtiger und urtheilte einst über den im Examen Stockenden: »laßt mir Diesen nur gewähren; aus Dem wird etwas!«

Schiller selbst hatte das Gefühl, daß er auf diesem Wege nicht vorwärts kommen könne. »Daß du eher zum Zweck kommen würdest, als ich,« schrieb er an seinen Freund Moser (18. Oktober 1774), »ahnete ich jetzt erst, als ich durch Erfahrung einsehen lernte, daß dir, einem freien Menschen, ein freies Feld der Wissenschaften geöffnet war. Dem Himmel sey es gedankt, daß in unsern Kriminalgesetzbüchern nicht auch, neben der Strafe des Felddiebstahls, eine Pön auf Diebstahl in entlegenen wissenschaftlichen Feldern gesetzt ist, denn sonst würde ich Armer, der ganz heterogene Wissenschaften treibt und im Garten der Pieriden manche verbotene Frucht naschet, längst mit Pranger und Halseisen belohnt worden seyn.« Je drückender ihm die Sklaverei erschien, desto trotziger gebärdete sich sein jugendlicher Geist. »Du wähnst,« heißt es in einem Briefe an denselben Freund vom 20. Februar 1775, »ich soll mich gefangen geben dem albernen, obgleich im Sinne der Inspektoren ehrwürdigen Schlendriane? So lange, wie mein Geist sich frei erheben kann, wird er sich in keine Fesseln schmiegen. Dem freien Mann ist schon der Anblick der Sklaverei verhaßt – und er sollte die Fesseln duldend betrachten, die man ihm schmiedet? O Carl, wir haben eine ganz andere Welt in unserem Herzen, als die wirkliche ist; – wir kannten nur Ideale, nicht das, was wirklich ist. Empörend kommt es mir oft vor, wenn ich da einer Strafe entgegen gehen soll, wo mein inneres Bewußtseyn für die Rechtlichkeit meiner Handlungen spricht. – Die Lektüre einiger Schriften von Voltaire hat mir gestern noch sehr vielen Verdruß verursacht.« Schon am 10. Januar 1775 hatte der junge Schiller auf der Solitude sich vor dem Herzog Carl und seiner Freundin, der Gräfin Franzisca von Hohenheim, an der letzteren Geburtstag in einer ihm aufgetragenen Festrede einigermaßen über die Lektüre Voltaire's durch die Worte gerechtfertigt: »So hat sich der unvollkommne Geist eines Lamettrie, eines Voltaire auf den Ruinen tausend verunglückter Geister eine Schandsäule errichtet, ihres Frevels unsterbliches Denkmal!« S. »Schillers erste bis jetzt unbekannte Jugendschrift. Amberg. 1839.« S. 17. Der Inhalt dieser so eben von einem Verwandten der Gräfin von Hohenheim, der nachmaligen Herzogin Franziska, dem Freiherrn F. von Böhner, veröffentlichten ächten Festrede Schiller's, des fünfzehnjährigen Knaben, ist höchst merkwürdig. Sie handelt von der »Tugend in ihren Folgen betrachtet« und enthält in einer bald stammelnden, bald männlich beredten und dichterischen Sprache manche Gedanken, die der Dichter als Jüngling und Mann in Liedern ausgeprägt und der Denker in seinem ganzen Leben nie aufgegeben hat. Zweiter Druck. Jan. 1840

Daß die Erzieher und Lehrer Voltaire's Schriften nicht gern in den Händen des sechzehnjährigen Knaben sahen, war nun eben keine Probe von Tyrannei. Andererseits würde diesem Unrecht geschehen seyn, wenn man ihn darum auf dem Wege des Unglaubens und Leichtsinns hätte sehen wollen. Vielmehr war Schiller bis jetzt noch frommen Regungen ganz hingegeben, oft mit Gebet beschäftigt, theilnehmend an Andachtsstunden der Stillen, mit Sehnsucht dem verlassenen Studium der Theologie zugekehrt, und auf sein Inneres mit jenem ernsten Blicke gerichtet, den er im spätern Denken und Dichten auf die ganze Welt warf. In der Selbstschilderung, zu welcher ihm im Jahr 1774 der Herzog Veranlassung gab, als er den Zöglingen Schilderungen von sich und allen Genossen ihrer Abtheilung zur Aufgabe machte, gestand er ein, daß er in manchen Stücken noch fehle, »daß er eigensinnig, hitzig, ungeduldig sey;« er schrieb sich aber auch getrost wiederum »ein aufrichtiges, treues, gutes Herz zu,« und erklärte, »daß er sich weit glücklicher schätzen würde, wenn er dem Vaterlande als Gottesgelehrter dienen könnte.« Ueber Kameraden ließ er sich nur da hart aus, wo er »Ehrerbietung gegen Vorgesetzte an Niederträchtigkeit grenzen« sah. Die bessern von diesen schilderten ihn bei dieser Gelegenheit als »lebhaft, lustig, voll Einbildungskraft und Verstand;« wieder als »bescheiden, schüchtern und mehr in sich vergnügt als äußerlich.« Den einen fiel auf, daß er beständig Gedichte lese, andere ahnen schon, daß seine eigene Neigung auf Poesie und zwar auf tragische gehe. Wieder einer giebt ihm das launige Zeugniß, daß er gewiß »ein guter Christ, aber nicht sehr reinlich sey.«

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