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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 55
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
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Aesthetische Studien und Schriften.

1792 bis 1796.

Von der Ueberraschung geheilt, wurde Schiller sichtlich heiterer und gesunder; nur Erkältung bei einer Schlittenfahrt verursachte ihm abermals Unterleibskrämpfe. Das Geheimniß der Pension seinen Eltern, seinem Körner und dem Herzoge von Weimar zu verbergen, war ihm unmöglich. So verbreitete es sich, selbst durch die Zeitungen, was ihm, der Bescheidenheit seiner großmüthigen Freunde wegen, leid that.

Mit dieser Zeit beginnt Schillers neue geniale Thätigkeit, vorerst in selbstständiger Bearbeitung Kantischer Ideen und deren Anwendung auf Kunsttheorie, ja sogar auf politisches und geselliges Leben, sichtbar. Durch die Schriften dieses Faches ist er, obwohl mehr mittelbar, als unmittelbar, hauptsächlich ein Lehrer seiner Nation und der Menschheit geworden.

Dennoch glaubte er selbst, da sein Geist ihn schon jetzt zur Ausführung des Wallenstein drängte, sich mehr zur Schöpfung als zur Forschung berufen. »Eigentlich ist es doch nur die Kunst selbst, wo ich meine Kräfte fühle,« schreibt er an Körner im Laufe des Jahres 1792; »in der Theorie muß ich mich immer mit Principien plagen; da bin ich blos Dilettant. Aber um der Ausübung selbst willen philosophire ich gern über Theorie. Die Kritik muß mir jetzt selbst den Schaden ersetzen, den sie mir zugefügt hat. Und geschadet hat sie mir in der That; denn die Kühnheit, die lebendige Gluth, die ich hatte, ehe mir noch eine Regel bekannt war, vermisse ich schon seit mehreren Jahren. Ich sehe mich jetzt erschaffen und bilden, ich beobachte das Spiel der Begeisterung, und meine Einbildungskraft verträgt sich mit minderer Freiheit, seitdem sie sich nicht mehr ohne Zeugen weiß. Bin ich aber erst so weit, daß mir Kunstmäßigkeit zur Natur wird, wie einem wohlgesitteten Menschen die Erziehung, so erhält auch die Phantasie ihre vorige Freiheit wieder zurück, und setzt sich keine andere, als freiwillige Schranken.«

Schon im März 1792 hatte er, wie ein Brief an Körner bezeugt, mit diesem den Plan zu den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen verabredet, in der Art, daß sie wirklich einen Briefwechsel zwischen beiden bilden, daß beide auf denselben Zweck hinarbeiten und eine gleichförmige Sprache führen sollten. Im Frühjahr 1792, als er seinen Freund, von Professor Fischenich begleitet, in Dresden besuchte, eine Freude, die auch wieder durch Krankheitsanfälle getrübt wurde, besprach er mit diesem ohne Zweifel die Materie des breitern: im Oktober hoffte er bald den Anfang machen und ihn mit seinen Untersuchungen und Entdeckungen unterhalten zu können, und wollte die verabredete Correspondenz einleiten. Wir dürfen also wohl annehmen, daß die Ideen zu diesen Briefen eben jetzt in Schillers Geiste verarbeitet wurden.

Jenen fünfjährigen philosophischen Studien Schillers verdanken wir alle jene tiefsinnigen Aufsätze, welche theils in der neuen Thalia, theils später in den Horen zuerst bekannt gemacht wurden und der Sammlung seiner Schriften großentheils einverleibt sind. Döring, älteres Leben S. 140 f. Hoffmeister II, 292 ff. III, 2l ff. 55 ff. 98 ff. Wir werden sie im dritten Buch aufzählen.

Schiller selbst urtheilte in späterer Zeit sehr streng über diese Produkte der »metaphysisch kritischen Zeitperiode, welche besonders in Jena herrschte und auch ihn damals ergriffen habe;« er dürfe und wolle diesen Versuchen keinen höhern Werth geben, als daß sie eine Stufe seines Nachdenkens und Forschens bezeichnen und eine vielleicht nothwendige Entladung der metaphysischen Materie, die wie das Blatterngift in uns allen steckt und heraus muß. Schiller an Rochlitz.

Er war bei diesem Urtheile vielleicht von Göthe influenzirt. Dieser versichert wenigstens in seiner Morphologie, daß sie sich über jene Materie immer, wiewohl streitend, unterhielten. »Schiller predigte das Evangelium der Freiheit, ich wollte die Rechte der Natur nicht verkürzt wissen. Aus freundschaftlicher Neigung gegen mich, vielleicht mehr als aus eigener Ueberzeugung, behandelte er in den ästhetischen Briefen die gute Mutter nicht mit jenen harten Ausdrücken, die mir den Aufsatz über Anmuth und Würde so verhaßt gemacht hatten. Weil ich aber, von meiner Seite hartnäckig und eigensinnig, die Vorzüge der griechischen Dichtungsart, der darauf gegründeten und von dort herkömmlichen Poesie nicht allein hervorhob, sondern sogar ausschließlich diese Weise für die einzig rechte und wünschenswerthe gelten ließ, so ward er zu schärferm Nachdenken genöthigt, und eben diesem Conflikt verdanken wir die Aufsätze über naive und sentimentale Poesie. Beide Dichtungsweisen sollten sich bequemen, einander gegenüber stehend, sich wechselsweise gleichen Raum zu vergönnen. – Schiller legte hiedurch den ersten Grund zur ganzen neuen Aesthetik. Denn hellenisch und romantisch, und was sonst noch für Synonymen möchten aufgefunden werden, lassen sich alle dorthin zurückführen, wo vom Übergewicht reeller oder ideeller Behandlung die Rede war. Bei Döring a. a. O. S. 142. f.

Der Tadel Göthes endet in ein Lob, das die Höhe dieser Untersuchungen Schillers, mögen sie noch so viele Phasen durchlaufen haben, hinlänglich bezeichnet.

Auch sind diese Schriften für die Welt eine Fundgrube der tiefsinnigsten Theoreme im Gebiete der Aesthetik, und der reichsten Gedanken in dem des übrigen wissenschaftlichen und selbst des socialen Lebens geworden. Eine Andeutung davon, im Auszuge seines Auszuges, hat der Verfasser am 8. Mai unter Schillers Statue versucht, und da der Raum jede weitere Analyse verbietet und dieselbe durch Hoffmeisters erschöpfende Auszüge und geistreiche Beurtheilungen überflüssig wird, so mögen jene Worte hier deren Stelle vertreten.

»Dieses tiefe und doch heitere Auge,« sprach der Redner im Angesichte der enthüllten Statue, »sah nur, und verlangte darum auch unerbittlich die Schönheit, die lebende Gestalt; die Form, aber die Form, bei der auch der Inhalt zählt; es sah in der Schönheit jene Freiheit, die eine Harmonie von Gesetzen ist; deßwegen lehrte auch sein Wink die Stürmischen, daß man nur durch die Schönheit zur Freiheit wandle, daß das Gemeine durch Sittlichkeit ausgelöscht, und durch Schönheit veredelt werden muß; denn er erblickte das Schöne nur im Zusammenhange mit dem moralischen Adel unseres Wesens. Die Natur erschien diesem aufgeschlossenen Blicke als »eine beständige Göttererscheinung, die uns erquickend umgibt,« der Mensch in seiner mannigfaltigen Verkehrung als eine gewesene Natur, die auf dem Wege der Vernunft und Freiheit durch ächte Gesittung zur Natur zurückgeführt werden soll. –

Und o ihr beredten Lippen, welche Fülle von Wahrheiten, in ewiger Frische jeder Gegenwart Nahrung und Heilkraft bietend, senkte sich auf euch von dieser Denkerstirne, aus diesem Dichterauge! Welche Scheu zügelte euch, auch wenn ihr die Lehre mit der Dichtung vertauschtet, durch den Mißbrauch schulgerechter Formen euch am guten Geschmacke zu versündigen! In wie klaren Worten rechtetet ihr mit dem Jahrhundert, ohne seinem Bedürfniß und seinen Neigungen die Stimme streitig zu machen, ja mitten im Kampfe bekennend, daß, der durch euch spreche, nicht gerne in einem andern Jahrhundert leben, und für ein anderes gearbeitet haben möchte. Dieser Mund ermuthigte eine Jugend, die seitdem zum Theil in öffentlichen Geschäften ergraut ist, ihr Zeitbürgerthum über dem Staatsbürgerthum nicht zu vergessen, und wiederum verlangte er von dem Menschen in der Zeit, sich zum Menschen in der Idee zu veredeln, vom Individuum, sich zur Gattung zu steigern, vom Staate aber, den zeitlichen Menschen zu seinen Idealen emporzubilden. Er warnte eine tobende Mitwelt, die physische Möglichkeit der Freiheit zu verschmähen, wo die moralische fehlte. – Ein Seufzer, der noch nicht verhallen darf, ward ihm durch die Zeit abgepreßt, in der die Kunst, die Tochter der Freiheit, von der Nothdurft der Materie ihr Gesetz empfangen soll, von dem herrschenden Bedürfniß, das die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch beugt, von dem Nutzen, dem Idol der Zeit, dem alle Kräfte frohnen und alle Talente huldigen sollen.

Aber wenn auch der Gesang dieses Mundes uns in's Reich des Ideales flüchten hieß, so wollte doch sein Wort nicht dulden, daß der denkende Geist, indem er im Ideenreich nach unverlierbaren Besitzungen strebe, ein Fremdling in der Sinnenwelt werde, und über der Form die Materie verliere. Das unvertilgbare Gefühl sollte neben dem unbestechlichen Bewußtseyn gelten; vom alles trennenden Verstand tief er zurück zur alles vereinenden Natur. Zu dem jungen Freunde der Wahrheit und Schönheit, der, das edle Streben in seiner Brust, gegen den Widerstand der Zeit ringen will, spricht er: »»Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sey nicht sein Geschöpf; leiste deinen Zeitgenossen, was sie bedürfen, nicht was sie loben; gib der Welt, auf die du wirkst, die Richtung zum Guten: so wird der ruhige Rhythmus der Zeit die Entwicklung bringen. Diese Richtung hast du ihr gegeben, wenn du, lehrend, ihre Gedanken zum Nothwendigen und Ewigen erhebst, wenn du, handelnd oder bildend, das Nothwendige und Ewige in einen Gegenstand deiner Triebe verwandelst.« Ein edler Gast bei dem Feste vom 8. Mai. der sich selbst scherzweise einen Wallonen aus Wallensteins Lager heißt, der gelehrte Belgier Baron v. Reiffenberg, nennt in seinen freimüthigen Souvenirs d'un pélerinage en l'honneur de Schiller (Brüssel und Leipzig bei Muquardt 1839) diese Rede einen discours très-éloquent, malgré un peu d'emphase (S. 447). Da nun der Kern derselben nicht nur aus Schillers Gedanken, sondern, und zwar recht absichtlich, aus seinen eigensten Worten besteht, so muß der Redner das Lob seines Vortrags dem großen Helden jenes schönen Tages, mit sammt dem Tadel, zu Füßen legen.

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