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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 54
Quellenangabe
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typebiography
authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
firstpub1840
correctorreuters@abc.de
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Eindruck und Antwort.

1791.

Dieser Brief, der für die Empfindung des Lesenden nicht altert, der, wieder und immer wieder gelesen, jedesmal wie eine frische, überraschende That der lautersten Liebe an unserem Herzen anklopft – mit welchem Gefühle muß er von Schiller genossen worden seyn! Er kam am 9. Nov. 1731 bei Reinhold in Jena an. Ein chronol. Irrthum der Fr. v. Wolz. ist von Hoffmeister berichtigt worden II, 276, Note. »In der ersten Wärme des Dankgefühls,« meldet uns die vortreffliche Frau, der wir vor zehen Jahren die erste Mittheilung dieses kostbaren Aktenstückes aus dem Archive der Menschheit verdankten, – in der ersten Aufwallung »glaubte sich Schiller stark genug, eine Reise nach Dänemark unternehmen zu können und versprechen zu dürfen.« Der Herzog antwortete: »... Ihr Betragen in dieser Angelegenheit ist ganz Ihrer würdig und vermehrt die Hochachtung, welche ich schon bisher für Sie hegte. Nichts kommt jetzt meiner Sehnsucht bei, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, und ich sehe dem Augenblick mit verdoppelter Ungeduld entgegen, in welchem ich Sie als Mitbürger meines Vaterlandes werde begrüßen können.«

Der Gesundheitszustand Schillers, für den Moment selbst durch die Rührung verschlimmert, erlaubte diese Versetzung, oder auch nur eine Reise in das nördliche Clima nicht. Der Prinz von Holstein wurde der Welt im kräftigsten Mannesalter entrissen; aber »vom Grabe edler Verstorbenen geht ein lebendiger Hauch aus für die Nachwelt.« Worte der Fr. v. Wolz. II, 96. Schiller hatte ihm in den Horen seine »Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« widmen dürfen. Ernst Heinrich Graf v. Schimmelmann, der Sohn eines vom pommer'schen Krämer zum Großhändler, dann in Dänemark zum Diplomaten emporgestiegenen und nach Struensees Tode in den Grafenstand erhobenen Vaters, geboren zu Dresden 1747 und als Minister des Auswärtigen ein Jahr nach der Veröffentlichung dieses Briefes (1831) im 84sten Lebensjahr gestorben, hat vierzig Jahre lang das Bewußtseyn auch dieser guten That auf Erden genossen. Unter anderm Vortrefflichen ist die Emancipation der Sclaven in den dänischen Colonien und die Abschaffung des Negerhandels das Werk dieses Staatsmannes, »der keinen andern Stolz kannte, als den ein Mensch zu seyn.« S. über ihn Convers.-Lexicon der neuesten Zeit Bd. IV, S. 161. f. Ein fortgesetzter Briefwechsel mit der Gräfin Schimmelmann, in dem sich die herrliche Seele dieser ausgezeichneten Frau, so wie die ihres Gemahls darstellt, erhielt zwischen Schiller und seinen Wohlthätern eine geistige Verbindung. Fr. v. Wolz. II, 95. Ist nichts davon der Oeffentlichkeit übergeben? Hoffentlich geschieht es in dem von den Schiller'schen Erben angekündigten Nachlasse des Dichters.

Die Antwort Schillers auf jenes großmüthige Anerbieten, an Baggesen aus Jena vom 16. Dec. 1791 datirt, welche wir dem Briefwechsel Baggesens mit Reinhold verdanken, muß dort oder bei Hoffmeister gesucht werden, Bagges. Th. I, S. 423 ff. Hoffm. II, 279-281. denn sie füllt bei dem letztern fünf große und enge Octavseiten. Der Dichter schreibt »überrascht und betäubt,« nicht mit dem kranken Kopf, sondern ganz mit dem Herzen. »Ja, mein Freund,« sagt er, »ich nehme das Anerbieten mit dankbarem Herzen an, nicht weil die schöne Art, womit es gethan wird, alle Nebenrücksichten bei mir überwindet, sondern darum, weil eine Verbindlichkeit, die über jede mögliche Rücksicht erhaben ist, es mir gebietet. Dasjenige zu leisten, was ich nach dem mir gefallenen Maß von Kräften leisten und seyn kann, ist mir die höchste und unerläßlichste aller Pflichten ... Der großmüthige Beistand Ihrer erhabenen Freunde setzt mich auf einmal in die Lage, so viel aus mir zu entwickeln, als in mir liegt.«

»Von der Wiege meines Geistes an,« fährt er später fort, »bis jetzt, da ich dieses schreibe, habe ich mit dem Schicksal gekämpft, und seitdem ich Freiheit des Geistes zu schätzen weiß, war ich dazu verurtheilt, sie zu entbehren. Ein rascher Schritt vor zehn Jahren schnitt mir auf immer die Mittel ab, durch etwas anderes als schriftstellerische Wirksamkeit zu existiren. Ich hatte mir diesen Beruf gegeben, ehe ich seine Forderungen geprüft, seine Schwierigkeiten übersehen hatte. Die Nothwendigkeit, ihn zu treiben, überfiel mich, ehe ich ihm durch Kenntnisse und Reife des Geistes gewachsen war. Daß ich dieses fühlte, daß ich meinen Idealen von schriftstellerischen Pflichten nicht diejenigen engen Gränzen setzte, in welche ich selbst eingeschlossen war, erkenne ich für eine Gunst des Himmels, der mir dadurch die Möglichkeit des höhern Fortschritts offen hielt; aber in meinen Umständen vermehrte sie nur mein Unglück. Unreif und tief unter dem Ideale, das in mir lebendig war, sah ich jetzt alles, was ich zur Welt brachte; bei aller geahneten möglichen Vollkommenheit mußte ich mit der unzeitigen Frucht vor die Augen des Publikums eilen, der Lehre selbst so bedürftig, mich wider meinen Willen zum Lehrer der Menschen aufwerfen. Jedes unter so ungünstigen Umständen nur leidlich gelungene Produkt ließ mich nur desto empfindlicher fühlen, wie viele Keime das Schicksal in mir unterdrückte. Traurig machten mich die Meisterstücke anderer Schriftsteller, weil ich die Hoffnung aufgab, ihrer glücklichen Muße theilhaftig zu werden, an der allein die Werke des Genius reifen. Was hatte ich nicht um zwei oder drei stille Jahre gegeben, die ich frei von schriftstellerischer Arbeit blos allein dem Studiren, blos der Ausbildung meiner Begriffe, der Zeitigung meiner Ideale hätte widmen können! Zugleich die strengen Forderungen der Kunst zu befriedigen und seinem schriftstellerischen Fleiß auch nur die nothwendige Unterstützung zu verschaffen, ist in unserer deutschen literarischen Welt, wie ich endlich weiß, unvereinbar. Zehn Jahre habe ich mich angestrengt, beides zu vereinigen; aber es nur einigermaßen möglich zu machen, kostete mir meine Gesundheit. Das Interesse an meiner Wirksamkeit, einige schöne Blüthen des Lebens, die das Schicksal mir in den Weg streute, verbargen mir diesen Verlust, bis ich zu Anfang dieses Jahres – Sie wissen wie? – aus meinem Traume geweckt wurde. Zu einer Zeit, wo das Leben anfing, mir seinen ganzen Werth zu zeigen, wo ich nahe dabei war, zwischen Vernunft und Phantasie in mir ein zartes und ewiges Band zu knüpfen, wo ich mich zu einem neuen Unternehmen im Gebiete der Kunst gürtete, nahte sich mir der Tod. Diese Gefahr ging zwar vorüber, aber ich erwachte nur zum andern Leben, um mit geschwächten Kräften und verminderten Hoffnungen den Kampf mit dem Schicksal zu erneuern. So fanden mich die Briefe, die ich aus Dänemark erhielt.«

Durch den edelmüthigen Antrag der beiden Männer erlangte er endlich »die so lange und heiß gewünschte Freiheit des Geistes und die vollkommen freie Wahl seiner Wirksamkeit.« Wenn er auch die verlorene Gesundheit nicht wieder gewänne, »so wird künftig Trübsinn des Geistes seiner Krankheit nicht mehr neue Nahrung geben.« »Ich sehe,« schreibt er, »heiter in die Zukunft – und, gesetzt es zeigte sich auch, daß meine Erwartungen von mir selbst nur liebliche Täuschungen waren, wodurch sich mein gedrückter Stolz an dem Schicksal rächte, so soll es wenigstens an meiner Beharrlichkeit nicht fehlen, die Hoffnungen zu rechtfertigen, die zwei vortreffliche Bürger unsers Jahrhunderts auf mich gegründet haben.«

Dann folgt der Reiseplan, und die Schilderung des Eindrucks, den der Vorgang von Hellebeck, welchen der Dichter erfahren, als er kaum anfing, sich wieder zu erholen, auf ihn hervorgebracht. »Es waren nektarische Blumen, die ein himmlischer Genius dem kaum Erstandenen vorhielt.« Nie, so lang er ist, will er Baggesen den freundlichen, wichtigen Dienst, den ihm dieser, » wiewohl ohne Absicht,« bei seinem Wiedereintritt ins Leben geleistet habe, vergessen. Daß jener reelle Dienst unmittelbar von Baggesen herrührte, scheint Schiller, bei der achtungswerthen Selbstverläugnung des erstern, nie erfahren zu haben.

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