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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 5
Quellenangabe
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Schiller bei den Eltern.

1759ff.

Johann Christoph Friedrich Schiller ward nicht den 10., wie bis heute einstimmig gesagt wird, sondern den 11. November Marbacher Taufbuch. 1759 zu Marbach geboren. Die Mutter hatte, nach einem sehr glaubwürdigen Zeugnisse, ihren Gatten, der damals Lieutenant im Infanterieregimente des Generalmajors Romann war, in dem Lager besucht, wo er bei den gewöhnlichen Herbstübungen des württembergischen Militärs sich aufhalten mußte, und in seinem Zelte fühlte sie die ersten Anzeichen ihrer nahen Entbindung. So hätte beinahe Schiller das Licht der Welt zuerst in einem Lager erblickt; doch gelang es der Mutter noch, in ihr elterliches Haus, Damals noch nicht das Thorwartshaus, sondern das jetzt vom Bäcker Fischer bewohnte Haus, bei einem großen Brunnen auf der Straße nach Murr von wo aus sie den Gatten besucht hatte, nach Marbach zurückzukehren, wo sie eines Knaben genaß, den der Vater »dem Wesen aller Wesen« empfahl, »daß es demselben an Geistesstärke zulegen möchte, was Er aus Mangel an Unterricht nicht erreichen konnte.«

Eine uralte Sage läßt an der Stelle dieser Stadt, wo jetzt die lustigen Rebenhügel prangen, im wilden Walde der Urzeit einen Riesen hausen, welcher ein leibhaftiger Heidengott – Mars oder Bacchus – gewesen, und von ihm leitet sie den Namen der Stadt ab. Ein geistiger Riese war es auch jetzt, der in der Riesenstadt geboren ward, und die Poesie hat sich dieser sinnbildlichen Beziehung bemächtigt. Schiller kam als unscheinbares und schwächliches Kind zur Welt. Die Mutter war krank und konnte ihn nicht stillen, daher ihre Schwester, Margaretha Stolpp, welche dem Vater Schiller zum Besitze seiner Gattin geholfen hatte, den Knaben aus Pietät an die Brust nahm. Schiller erkannte dieß mit dankbarem Gemüthe, und als er im Jahr 1793 im Vaterlande war, besuchte er von Ludwigsburg aus die gute Tante, zu der er sich auch in seinen Kinderjahren vor der Strenge des Vaters manches Mal geflüchtet hatte, zu wiederholten malen. Alles neue mündliche Notiz des Sohnes der Margaretha, des noch lebenden 83jährigen Christian Stolpp zu Marbach, vormaligen k. österr. Proviantmeisters. Indessen erwuchs das Kind, anfangs ferne von der Aufsicht eines strengen Vaters, auf dem Arm einer zarten Mutter, langhalsig, sommerfleckig, rothlockig, wie diese, und entfaltete sich unter heitern und harmonischen Eindrücken. Schiller selbst zählte die späteren Besuche in dem großelterlichen Hause zu seinen freundlichsten Jugenderinnerungen.

1763 ff.

Es dauerte gegen vier Jahre, bis der Vater mit dem Hubertsburger Frieden (1763) aus dem siebenjährigen Kriege heimgekehrt, seinen bleibenden Wohnsitz wieder im Vaterlande nahm. So lange blieb der Knabe Fritz im Hause der genügsamen Großeltern unter der ausschließlichen Pflege der Mutter. Die Erziehung des zärtlichen, von den Kinderkrankheiten schwer heimgesuchten Kindes wurde mit größter Liebe und Aufmerksamkeit besorgt, und krampfhafte Zufälle, an welchen das Kind wiederholt litt, überwand glücklich seine gute Natur.

An der geistigen Ausbildung des Sohnes soll auch außer dem heimgekehrten Vater ein mütterlicher Oheim des Dichters, und ein Arzt und Hausfreund Antheil genommen, jener dem kleinen Fritz den ersten Unterricht im Schreiben, in der Naturgeschichte und der Geographie ertheilt, dieser ihn spielend über den Bau der Welt und des menschlichen Körpers belehrt haben. Schon im vierten oder fünften Jahre war der Kleine auf Alles aufmerksam, was der Vater im Familienkreise vorlas, eilte von seinen liebsten Spielen zu Bibelandacht und Gebet herbei, und war mit den blauen, gen Himmel gerichteten Augen, den hochblonden Locken um die helle Stirne, und den gefalteten Händchen, wie ein Engelskopf anzuschauen. So schilderte ihn die ältere Schwester. Auch später unter Kameraden, ging Schiller nie ohne Nachtgebet zur Ruhe; doch konnte er das laute Beten seiner Schlafgenossen nicht recht leiden: »es bedarf keines solchen Geplärres,« sprach er. Mündliche Nachricht. Folgsamkeit, sittlicher Zartsinn, Nachsicht gegen Geschwister und Gespielen zeichneten schon den Knaben aus. Den ununterbrochensten Einfluß auf Gemüth und Geist übte bei ihm die Mutter. An Sonntagsnachmittagen, wenn sie mit den beiden Kindern aus dem Hause, das seit des Vaters Rückkehr die Eltern für sich bewohnten, nach der nahen Großelternhütte wandelte, pflegte sie ihnen das kirchliche Evangelium des Tages auszulegen, und rührte einst am Ostermontage durch die Erzählung von Christus und den zwei nach Emmaus wandernden Jüngern die beiden Geschwister zu heißen Thränen. Zu anderer Zeit unterhielt sie die Kinder mit Zaubermähren und Feengeschichten, und später, so wie die Fassungskraft des Knaben es erlaubte, führte sie ihn auch in die Hallen der deutschen Dichtkunst ein, so weit ihr selbst diese zugänglich waren. Klopstocks Messiade, Opitzens Gedichte, Gerhards herrliche, geistliche Lieder, denen sich das Dichtergemüth des Sohnes mit Vorliebe zuwandte, Gellerts fromme Gesänge, die dem Knaben auch bald sehr theuer waren, wurden gelesen: nur als der üppige Auswuchs der schlesischen Schule, Hofmannswaldau, an die Reihe kam, und der Knabe in einem Sonett die Geliebte dieses Dichters »den Brustlatz kalter Herzen, der Liebe Feuerzeug, den Blasebalg der Seufzer, das Löschpapier der Thränen, die Sandbüchse der Pein, das Schlafstühlchen der Ruhe, und der Phantasie Klystier« mußte nennen hören, wandte er sich mit lächelndem Widerwillen von dem Buche ab und rief: »ich will kein Klystier!« und wenn die gewöhnlichen Neujahrsgratulanten der Landstädte und Dörfer mit ihren Verschen anrückten, so sagte er wohl: »Mutter! es ist ein Hofmannswaldau draußen!«

1765 ff.

Der Schauplatz des hier zuletzt Erzählten ist nicht mehr Marbach. Denn im Jahr 1765 wurde Schillers Vater, jetzt Hauptmann im Generalmajor von Stein'schen Infanterieregimente, von seinem Herzog als Werbeoffizier nach der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd geschickt, und durfte seinen Aufenthalt im Dorf und Kloster Lorch, als nächstem württembergischem Gränzorte, nehmen. Dadurch wurde der Knabe im sechsten Jahre aus dem lachenden Neckarthale Er scheint schon vorher von Marbach nach Cannstadt gebracht worden zu seyn. in die ernste Stille eines von Nadelhölzern umstellten Wiesengrundes versetzt. Das Dorf Lorch liegt am Fuße des Hügels, den, schon auf der Staffel eines Tannengebirges, die Klostergebäude krönen, vor deren Mauern auf einem Vorsprung eine uralte Linde Wache hält: der Hohenstaufen mit einem Gefolge von Bergen blickt nach dem Kloster herüber, das zahlreiche Gräber jenes erlauchten Geschlechtes umschließt; in der Tiefe schlängelt sich der Remsfluß freundlicheren Gegenden und segensreichen Nebenpflanzungen zu.

In dieser Einsamkeit, an der das Herz des Dichters noch in späten Jahren hing, wurde jetzt Schillers Erziehung in Gemeinschaft mit einem Freunde des Hauses, dem Ortspfarrer Moser, Philipp Ulrich Moser, geb. zu Sindelfingen den 3. Jul. 1720, Pfarrer zu Hausen an der Würm 1750, zu Lorch 1757-1767, zu Dettingen und Heuchlingen 1767. Er lebte noch im J. 1790. Steinalte Leute zu Lorch, welche von ihm confirmirt wurden, wissen (1840) noch zu erzählen, »daß er ein strenger Mann gewesen, der den jungen Leuten scharf nachgesehen, und sie nach Befund auf dem Rathhause habe wissen lassen, wie viel ein Pfund Heller koste,« d. h. diese übliche Strafsumme ihnen nicht selten auferlegt. »Davon habe er viel Verdruß und wenig Dank gehabt und sey weiter gezogen.«

Gefällige Mittheilung des Pfarramtes zu Lorch.
einem wackern Manne, besorgt, der nur wenig Jahre älter war, als Schiller der Vater. Von ihm erhielt der kleine Fritz den ersten Unterricht in der lateinischen und griechischen Sprache, und Schiller hat seinem Lehrer durch den Charakter des Pastors Moser in den Räubern ein dankbares Denkmal gesetzt. Mit dem Sohne dieses würdigen Geistlichen, Carl Moser, schloß der Knabe die erste Jugendfreundschaft, deren Spuren sich noch im reifen Alter des Dichters vorfinden. Auch seine lang in der Seele fortglimmende Neigung zum Studium der Theologie scheint aus den Eindrücken zu stammen, die er im Pfarrhause zu Lorch aufgenommen hatte. Oft sah man ihn mit einer schwarzen Schürze statt des Kirchenrocks umbunden, ein Käppchen auf dem Kopfe, von einem Stuhle herab der Mutter und Schwester sehr ernsthaft predigen, und seine kindischen aus Bibelsprüchen zusammengereihten Vorträge zeigten schon eine Spur logischen Zusammenhangs.

Schillers gründlichster Biograph findet in diesem Spiele schon die tiefste Bestimmung der Natur träumend errathen. »Schiller ist wirklich dem Wesen nach ein Prediger geworden, aber nicht von der Kanzel, sondern von der Schaubühne herab, nicht vor einer confessionellen Gemeinde, sondern ein Prediger vor der großen Menschenfamilie.« Hoffmeisters Leben Schillers. 1. Bd. S. 10.

Von der Entwicklung seines sittlichen Charakters wird schon aus dieser frühesten Periode nur Gutes gemeldet. Er ging gerne in Kirche und Schule, und nur die Natur konnte ihn zuweilen zu kleinen Diebstählen an der Schulzeit verführen, die dem strengen Vater verborgen bleiben mußten; aber auch auf die Spaziergänge begleitete ihn sein gutes Gemüth und seine Menschenliebe, und mit gränzenloser Freigebigkeit verschenkte er an Arme, was er besaß. Versunken in Naturgenuß stand einst der achtjährige Knabe mit seinem Jugendfreund im Walde und rief: »O Karl, wie schön ist es hier! Alles, alles was ich habe, könnte ich hingeben, nur diese Freude möchte ich nicht missen!« Er wurde beim Wort genommen: unter der Last eines Reisigbündels schlich ein Kind in Lumpen durch den Wald. »Das arme Kind!« rief der kleine Schiller voll Mitleiden, kehrte seine Taschen um, und gab, was er hatte: zehen Kreuzer, und eine alte silberne Schaumünze, ein Geburtstagsgeschenk seines Vaters, von der er sich recht ungern trennen mochte. Ein andermal stellte er sich dem Vater ohne Schnallen an den Schuhen dar, und gestand, daß er dieselben einem armen Jungen zum Sonntagsschmucke gegeben, weil er sich selbst mit seinen Sonntagsschnallen begnügen könne. Und an Kameraden verschenkte er nicht nur Dinge, über die er frei verfügen konnte, sondern, wenn ihre Armuth sein Mitleiden recht rege machte, Bücher, ja Kleidungsstücke und Bettlaken, so daß selbst der Vater mit fühlbaren Züchtigungen einschreiten mußte, deren Vollziehung jedoch zuweilen die sanftere Mutter sich erbat. Im Uebrigen waren Gehorsam und Folgsamkeit Grundzüge seines Charakters.

Die Natur war der Lieblingsaufenthalt des Knaben; oft wünschte er in der schönen Gegend der Sonne mit lautem Gesang, der überhaupt seine jugendlichen Schritte im Freien fast immer melodisch begleitete, eine gute Nacht, und wenn er sich der herrlichen Farbenmischung an den Wolken erfreute, rief er wohl gar Stuttgarts Maler laut auf, es zu versuchen und diese Farben auch so aufzutragen. Einer seiner Lieblingsspaziergänge war der Kalvarienberg der katholischen Nachbarstadt Gmünd, in welche Stadt der Vater beinahe täglich wanderte, um seinem unglücklichen Werberberuf nachzugehen; und nicht selten weilte er in den dunkeln Hallen der uralten, schmucklosen, düstern Kirche Lorchs bei den Gräbern der Hohenstaufen. »Diese religiösen und geschichtlichen Eindrücke in des Kindes Gemüth aufgenommen, waren vielleicht die ersten Fäden des magischen Gewebes der tragischen Darstellung, die der Genius in seiner Seele anlegte.« Der Vater erklärte ihm dazu die Geschichtsdenkmale der Gegend; der Sohn durfte ihn in die Uebungslager, zu den Förstern im Walde und reisend auf das schöne Lustschloß Hohenheim begleiten. Auf solche Weise nährten wechselnde Lebensbilder seine Phantasie, und ein einfaches Hausleben kräftigte dabei sein Inneres. Denn »schlichte Sitte, Ehrgefühl und zarte Schonung der Frauen im Familienkreise waren die Lebenselemente, in denen der Knabe aufwuchs.« Selbst der rauhe Vater zeigte der Mutter und den Töchtern gegenüber jenes Zartgefühl, das die edle Berichterstatterin, von der wir diese Worte entlehnt haben, als eine ursprüngliche Stimmung der Organisation betrachtet, als eine der Eigenschaften, der man am ersten Erblichkeit zuschreiben kann. So war denn dieses Zartgefühl, verbunden mit Wahrheitsliebe und Gewissenhaftigkeit, auch bei Schiller ein elterliches Erbtheil.

Aber jene feinere Behandlung des Knaben und das Beispiel zarter Familienliebe wirkte bei diesem weder leibliche noch geistige Verzärtelung. Sein kühner Geist wagte es schon frühe, über die Gränzen des Elternhauses hinauszuschweifen, und es regte sich bei Zeiten in ihm jener Weltbürgersinn, der ihn als dramatischen Dichter so edel, frei und stolz machte. Die Tagebücher des neunjährigen Knaben ergingen sich in der Länderbeschreibung und Geschichte Persiens und den Thaten Alexanders, und wenn er von Schiffern und Reisenden erzählen hörte, konnte er oft begeistert ausrufen: » Vater, ich muß in die Welt! Auf einem Punkte der Welt bin ich; die Welt selbst kenne ich noch nicht.« Und der Mutter, die ihn ermahnte, im Vaterlande zu bleiben und sich redlich zu nähren, erwiederte er mit glühenden Wangen: »Vaterland, Vaterland! haben wir denn ein anderes als die ganze Welt? Wo es Menschen gibt, da ist das Vaterland. Und verlasse ich dann meine Eltern und Freunde, wenn ich zum Beispiel in Ispahan bin, mich dankbar ihrer erinnere, und alles das, was ich mein Glück nenne, mit ihnen theile?« In dieser Sehnsucht verschlang er die Reisen des Columbus, die Eroberungen des Kortes, die Weltumseglung Dampierre's. Sein Geist schien zu ahnen, zu welchen Wanderungen durch das Ideengebiet der Menschheit er selbst aufbewahrt sey.

Auch in einigen Handlungen kühner Furchtlosigkeit bildete sich der kecke Unternehmungsgeist vor, der den Mann als Dichter und Denker beseelte.

Bei einem Besuche in Hohenheim wurde der kleine Friederich sehr lange gesucht. Er war in dem Hause, in welchem der Vater abgestiegen war und das einen Theil der fürstlichen Gebäude ausmachte, die das Schloß umgaben, aus einem Salonfenster gestiegen und hatte eine Entdeckungsreise über die Dächer unternommen. Eben war er im Begriffe, den Löwenkopf, in welchen eine der Dachrinnen auslief, näher zu besichtigen, als der erschrockene Vater ihn entdeckte und ihm laut zurief. Der Knabe aber blieb so lange regungslos auf dem Dache, bis der Zorn des Vaters sich gelegt hatte und ihm Straflosigkeit zugesichert war.

Ein andermal – noch mochte Schiller nicht über sieben Jahre zählen – fehlte der Kleine um das Abendessen, als eben ein finsteres Gewitter am Himmel stand und die Blitze schon die Lust durchkreuzten. Im ganzen Hause wurde er vergebens gesucht, und mit jedem Donnerschlage vermehrte sich die Angst der Eltern. Endlich fand man ihn nicht weit vom väterlichen Hause im Wipfel der höchsten Linde, die er unter dem Krachen des ganz nahen Donners jetzt erst zu verlassen Miene machte. »Um Gottes willen, wo bist du gewesen,« rief ihm der geängstete Vater entgegen. »Ich mußte doch wissen, woher das viele Feuer am Himmel kam!« entgegnete der muthige Knabe. – Ist es nicht, als hätte er sich schon am frühen Lebensmorgen im Arsenal der Schöpfung umsehen wollen, um dereinst von ihr jene Flammenblitze zu entlehnen, mit welchen er im Reich der Geister die lang entweihte Bühne und von der Bühne aus die Welt der Freiheit und Sittlichkeit zu reinigen unternahm?

In seinen Arbeiten zeigte Schiller von früher Jugend auf unermüdliche Beharrlichkeit, und ein Geschäft, das einmal von ihm vorgenommen war, mußte, trotz der nicht seltenen Vorwürfe des Vaters, oft heimlich, mit Unterbrechung des Schlafes, selbst bei Lampenschein beendet werden. In diesen Ernst mischte sich indessen wohl auch einmal der Humor. Unter den kleinen Kunstschätzen, die der Vater, vielleicht als Familiengut der muthmaßlich aus Sachsen abstammenden Gattin besaß, war auch ein Oelgemälde, das die Eroberung Magdeburgs durch Tilly vorstellte, das größte und beste in der Sammlung. Der Eroberer war darauf abgebildet, wie er, den rechten Arm in die Seite gestützt, durch die Straßen reitet und mit blutgierigem Blicke den Schauplatz der Zerstörung mustert. Gruppen wehklagender Frauen, fliehender Greise und Kinder, wüthender Mordbrenner, umgeben von brennenden und einstürzenden Häusern, faßten das den Feldherrn darstellende Mittel des Bildes ein. Der kleine, sechsjährige Schiller nahm sich dieses Gemälde, dessen viele ausdrucksvolle Gesichter seine Aufmerksamkeit anzogen, aufs Korn und übte an ihm das erstemal in seinem Leben die Kunst freier, poetischer Umgestaltung. Es ward von ihm in eben so viele kleine Theile zerschnitten und zerstückelt, als es Gegenstände enthielt. Tilly selbst erhielt zu verdienter Strafe seiner Grausamkeit ein geschwärztes Mohren-, oder Teufelsgesicht, und führte, auf Papier geklebt, einen Reihen von Rossen und Soldaten an. Die Einwohner Magdeburgs, Männer, Weiber und Kinder bildeten einen zweiten Reihen und füllten ein anderes Papier, Greise und alte Mütter beschloßen den Zug; aber auf einem dritten Bogen waren die einzelnen Theile der Personen muthwillig unter einander geworfen: Kinderköpfe saßen auf dem Rumpfe eines alten Mannes, auf dem Leib eines den Säbel ziehenden Kroaten ein verschämter Mädchenkopf; ein schmucker Offizier endete in das Haupt eines sich bäumenden Rosses. Diese Umgestaltung eines theuer gehaltenen Bildes in hogarthische Carricaturen wurde übrigens dem jungen Dichter vom strengen Vater wenig verdankt.

 

Im Jahr 1768 verließ die Schiller'sche Familie Lorch, (wo der Vater in ziemlich beschränkten Umständen gelebt hatte, da er hier während drei ganzer Jahre nicht den mindesten Sold Dieser Gehalt bestand überhaupt nur aus 19 monatlichen Gulden. Die Schiller'schen mußten daher damals von der Unterstützung einiger Verwandten in Ludwigsburg leben. Mündliche Notiz. empfing, sondern von seinem Vermögen zehren mußte. Auf eine nachdrückliche Vorstellung bei dem Herzoge ward er endlich von seinem Posten als Werbeoffizier abgerufen und der Garnison Ludwigsburg einverleibt, wo er den rückständigen Sold in Terminen ausbezahlt erhielt. Der neunjährige Fritz Schiller wurde nun in die lateinische Schule Ludwigsburgs geschickt, und neben dem Latein auch im Griechischen und Hebräischen, als den unerläßlichen Erfordernissen des künftigen Theologen – denn diesen Beruf hatte der Knabe nun gewählt – jedoch in diesen beiden Fächern ziemlich spärlich unterrichtet, aber im Griechischen durch eigenen Fleiß vorwärts gebracht. Sein Lehrer, Magister Johann Friedrich Jahn, ein noch vielen Württemberg wohlbekannter Schulmann, denn er regierte die Ludwigsburger Schule bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts, wird mit zu viel Strenge als ein kalter, rauher, murrsinniger Polterer geschildert; er war es nicht mehr und nicht weniger, als die meisten Präceptoren jener Zeit, – ein fermer Lateiner, und nichts weiter. So trocken denn auch Ovid, Virgil und Horaz behandelt werden mochten, im Latein machte Schiller doch gute Fortschritte, und im Landexamen, jener noch bestehenden allgemeinen Schreckensprüfung In Schillers Anthologie singt, im Liede »die Winternacht« höchstwahrscheinlich er selbst (S. 270):

»Wie ungestüm dem grimmen Landexamen
Des Buben Herz geklopft;
Wie ihm, sprach itzt der Rektor seinen Namen,
Der helle Schweiß aufs Buch getropft!«
der unmündigen Candidaten der Theologie im Württemberger Lande, die damals vier bis fünf Jahre hintereinander auf dem Stuttgarter Gymnasium vorgenommen wurde, erhielt er (1769 – 1772) das Zeugniß eines hoffnungsvollen Knaben und seine Fortschritte wurden mir das letztemal als etwas langsamer bezeichnet, wo ohne Zweifel Kränklichkeit seinen Fleiß hemmte.

1768 ff.

Von einem Jugendfreunde – dem erst im jüngsten Jahrzehend verstorbenen königl. bayerischen Medizinalrathe von Hoven – wird Schiller in dieser Periode als ein, der Einschränkung ungeachtet, in welcher er vom Vater gehalten wurde, sehr lebhafter, ja beinahe muthwilliger Knabe geschildert. Die jüngern Gesellen fürchteten den Tongeber bei ihren Spielen und selbst den ältern und stärkern imponirte seine Furchtlosigkeit, die sich neckend, aber immer gutmüthig, sogar an Erwachsene wagte, wenn sie ihm zuwider waren. An wenigen vertrauten Freunden hing er fest und mit Aufopferung. In der Klasse einer der besten Schüler, ward er doch hauptsächlich durch große Ehrfurcht vor dem Vater, dem er nie genug thun konnte, zum Fleiß angetrieben.

1770 ff.

Schillers Charakter erhielt etwas Aengstliches, als er im Jahr 1770 bei dem Abzuge des Vaters auf Solitude dem strengen Jahn in Wohnung und Kost übergeben wurde, und Vater und Lehrer schüchterten ihn mit steten Ermahnungen, und wegen seines linkischen Benehmens wohl auch mit Püffen und Ohrfeigen ein. Am wenigsten verfing bei ihm in dieser Zeit der Religionsunterricht. »Der Knabe hat noch gar keinen Sinn für Religion!« klagte der mürrische Pädagog von Zeit zu Zeit den betrübten Eltern. Aber auf welchem Weg und in welcher Gestalt wurde ihm auch diese beigebracht! Schiller hatte Frömmigkeit mit der Muttermilch eingesogen, Gellerts Lieder wußte er auswendig, an Luthers und Paul Gerhards Liedern hatte er sich mit Lust erquickt. »Ein feste Burg ist unser Gott –« von Jenem, von Diesem das durch des großen Friedrichs Spott geächtete » Nun ruhen alle Wälder – « und »Befiehl du deine Wege« – waren Lieblingslieder Schillers geworden. Nun sollte er auf einmal das kauderwälsche Lied » In dulci jubilo, nun singet und seyd froh –« auswendig lernen, und der Katechismus wurde ihm selbst vom Geistlichen unter der drohenden Peitsche eingetrieben. Während so die Lehrer ihn mit einer leblosen Dogmatik plagten, las der Knabe unter dem Tische seine alten frommen Lieder, und zu Hause sah man ihn oft die Bibel auf dem Schooße; die Psalmen hatte er mehrmal durchgelesen, ein Freund überraschte ihn, als er ein Kapitel aus dem Propheten Jesaias perorirte, und in den Räubern finden sich Spuren, daß der Prophet Ezechiel mit seinen erhabenen Gesichten seiner Seele tief eingeprägt war. Unter anderm scheint die Unbeholfenheit der Lehrer selbst das Hohelied als Lehrmittel gebraucht zu haben und sie wurden durch die vorlaute Frage des Knaben, »ob denn dieses Lied wirklich der Kirche gesungen sey,« überrascht und geärgert. Die Antwort wurde dem Vater hinterbracht, und der kleine Ketzer, zur Rede gestellt, fragte: »hat denn die Kirche Zähne von Elfenbein?« da regte sich auch im Vater der versteckte Oppositionsgeist der Aufklärung. Lachend mußte er sich umkehren, und murmelte vor sich hin: »Mitunter hat sie Wolfszähne!«

1768.

In Ludwigsburg sah der neunjährige Knabe zum erstenmal ein Theater, glänzend, wie die Regierung eines prachtliebenden Herzogs es erwarten ließ. Die Wirkung, die es auf ihn hervorbrachte, wird als mächtig geschildert. Alle seine jugendlichen Spiele kehrten sich dieser neuen Welt zu; bis in sein vierzehntes Jahr führte er dramatische Scenen mit ausgeschnittenen Puppen auf, und Plane zu Trauerspielen fingen seine junge Seele zu beschäftigen an. Auch die Geschichte, die damals in den Geist der Jugend durch die Lesung der alten Autoren gleichsam nur eingeschwärzt wurde, führte ihm große und warm empfangene Gestalten zu: Solon, Diogenes, Sokrates, Plato, Archimedes, Seneca von den Weisen und Gelehrten; nicht Cäsar, sondern Brutus von den großen Männern; Cyrus, Alexander, Hamilcar und Hannibal unter den Feldherrn spielten in seinen Gedanken und Gesprächen eine Rolle; und nie las er die Geschichte vom Sturze des Karthagers Hanno ohne den zürnenden Ausruf: »man hätte dem biedern alten Manne folgen sollen!«

1769.

Zum ersten Versuch in der Reimkunst begeisterte den zehnjährigen Schiller der Lohn von zwei Kreuzern, den er, unter Androhung der Peitsche, für sein rüstiges Katechismussprechen in der Kirche vom Geistlichen sich verdient hatte. Mit einem Freunde, der die gleiche Belohnung erhalten hatte, pilgerte er auf's Land und erhielt die saure Milch, die er auf dem alten, benachbarten Schlößchen Harteneck vergebens gesucht hatte, nach langem Fragen im nächsten Dorfe Neckarweihingen, in reinlicher Schüssel mit silbernen Löffeln, und für die kleine Baarschaft noch Johannistrauben dazu. Auf dem Heimwege kehrte sich Schiller auf der Anhöhe, die den Ueberblick über beide Orte gestattete, um, und seine Lippen ergoßen sich in einen gereimten pathetischen Fluch über den Ort, der sie hungrig entlassen, und in einen Segen über den andern, der sie so milde gespeist hatte.

1772.

Die Ablegung seines Glaubensbekenntnisses, die in Württemberg gewöhnlich gegen das vierzehnte Jahr bei der evangelischen Jugend stattfindet, fiel bei Schiller gewiß nicht in das Jahr 1770 oder gar früher, sondern nicht eher, als er (im Jahr 1772) seinen Kurs in der lateinischen Schule zu Ludwigsburg geendet hatte, und die Eltern können dieser Feierlichkeit sehr wohl von der Solitude aus, wo der Vater schon über die herzogliche Baumschule gesetzt war, beigewohnt haben, denn eine schnurgerade Kunststraße führte damals von dem Lustschlosse in 2–3 Stunden nach jener Residenz. Vielleicht war die Mutter auch in Ludwigsburg wohnen geblieben. Sie, die noch immer still und unbemerkt über der Seele ihres Sohnes wachte, soll diesen den Tag vor der Confirmation auf der Straße herumschlendernd bemerkt und ihm über seine Gleichgültigkeit gegen die wichtige Handlung des folgenden Tages Vorwürfe gemacht haben. Gerührt zog sich der Knabe zurück und überreichte nach wenigen Stunden, der einen Sage zu Folge, der Mutter ein deutsches, der andern zu Folge dem Vater ein lateinisches Gedicht, das seine religiösen Empfindungen in Worte kleidete.

Schillers Neigung war noch immer dem Studium der Theologie zugewandt und er stand nun im Begriffe, in eine der vier niedern Klosterschulen des Landes einzutreten, und hier in mönchischer Kleidung und Zucht, welche diesen Bildungsanstalten noch aus der katholischen Zeit geblieben waren, Horen singend und Vesper lesend, vier Jahre lang sich auf das Universitätsstudium unter strengem Unterrichte vorzubereiten. Aber es war im Rathe der Vorsehung anders mit ihm und seinem Dichtergenius beschlossen.

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