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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 49
Quellenangabe
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Kritik der Urteilskraft. Entschiedener Kantianismus.

1791 bis 1794.

Genauere Zeitangaben fehlen uns über diese Krankheit. Schon vor seiner Erkrankung hatte sich Schiller von der Geschichte als einem Ziele seiner Thätigkeit verabschiedet, und philosophisch-ästhetischen Betrachtungen zugewendet, wie denn aus seinen Vorlesungen über den Oedipus auf Kolonos die beiden 1792 gedruckten Aufsätze »über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen,« und »über die tragische Kunst« hervorgegangen sind, das erste, was er über philosophische Aesthetik bekannt machte. Auffallend war es, daß er den Freund, der ihn zuerst zu Jena durch seine Gespräche näher an das Heiligthum des Königsberger Weisen hingeführt, seitdem durch schmerzende Kälte zurückstieß, worüber Reinhold in vertraulichen Briefen sich bitter beklagte, An Baggesen, die uns leider nicht zur Hand sind. Wir halten uns, was diese Quelle betrifft, ganz an Hoffmeister II, 253-256. ja endlich sich selber (28. März 1792) sagen mußte: »Ich weiß nun, daß mich Schiller zwar nicht haßt, aber auch nicht lieben kann; zwar nicht verachtet, aber auch nicht schätzt. Seine Einsilbigkeit und Kälte hat mir zu wehe gethan, als daß ich mich derselben länger hätte aussetzen können, und ich komme nun seit einigen Monaten nicht mehr zu ihm.« Und so blieb das Verhältniß, bis Reinhold 1794 nach Kiel abging. Wir grübeln umsonst über die Ursache dieser Abstoßung, die nicht allein in Reinholds Mangel an ästhetischer Bildung liegen kann. Konnte Schiller schon gegen einen alten und, wie wir bald sehen werden, hoch um ihn verdienten Freund so seyn, so war er gegen Unbekannte und Fremde, besonders in späterer Zeit, wenn sie ihn nicht interessirten, ganz verschlossen, und Personen, die er gering schätzte, behandelte er sogar mit einer schneidenden Kälte. Niemand darf ihm solches verargen, wer einem berühmten Manne, der noch dazu kränkelt, nicht zumuthen will, sich von der Liebe und Verehrung Anderer umbringen zu lassen.

Jene Krankheit schreibt Wieland der anhaltenden Winterarbeit an der Fortsetzung des dreißigjährigen Krieges zu. Hoffm. II, 239. Genesen beschäftigte Schiller sich hauptsächlich mit der Uebersetzung aus Virgils Aeneide, und als er sich erstarkt fühlte, warf er sich mit unermüdlichem Eifer auf das Studium Kants, und zwar auf die erst vor Jahresfrist (1790) erschienene Kritik der Urtheilskraft. »Du erräthst wohl nicht, was ich jetzt lese und studire?« schreibt er am 3. März 1791 an seinen Körner. »Nichts schlechteres – als Kant. Seine Kritik der Urteilskraft, die ich mir selbst angeschafft habe, reißt mich hin durch ihren neuen, lichtvollen, geistreichen Inhalt, und hat mir das größte Verlangen beigebracht, mich nach und nach in seine Philosophie hineinzuarbeiten. Bei meiner wenigen Bekanntschaft mit philosophischen Systemen würde mir die Kritik der Vernunft und selbst einige Reinhold'sche Schriften für jetzt noch zu schwer seyn und zu viel Zeit wegnehmen. Weil ich aber über Aesthetik schon selbst viel gedacht habe, und empirisch noch mehr darin bewandert bin, so komme ich in der Kritik der Urtheilskraft weit leichter fort und lerne gelegenheitlich viele Kant'sche Vorstellungsarten kennen, weil er sich in diesem Werke darauf bezieht und viele Ideen aus der Kritik der Vernunft in der Kritik der Urtheilskraft anwendet. Kurz ich ahne, daß Kant für mich kein so unübersteiglicher Berg ist, und ich werde mich gewiß noch genauer mit ihm einlassen.« Dieser Brief beweist freilich, daß Schiller bis dahin noch nichts von Kant gelesen hatte. Daß er aber genug von ihm gehört, zuerst von Körner, der offenbar selbst Kantianer war, dann von Reinhold, darf als erwiesen betrachtet werden. Wollte er doch seine Theodicee »nach Kantschen Prinzipien« dichten!

Und am 1. Januar 1792 war sein Entschluß unwiderruflich gefaßt, die Kantsche Philosophie nicht eher zu verlassen, bis er sie ergründet habe, wenn ihn dieß auch drei Jahre kosten könnte. »Uebrigens habe ich mir schon sehr vieles daraus genommen und in mein Eigenthum verwandelt. Nur möchte ich zu gleicher Zeit gerne Locke, Hume und Leibnitz studiren.« Noch am 15. Okt. 1792 »steckte er bis über die Ohren« in Kants Kritik der Urtheilskraft. »Ich werde nicht ruhen, bis ich diese Materie durchdrungen habe, und sie unter meinen Händen etwas geworden ist.«

Wäre Schiller kein geborner Dichter gewesen, so hätte dieser Eifer die Poesie auf immer bei ihm verdrängen müssen; nun aber förderte er sie zuletzt nur, wenn ihr gleich die Philosophie eine starke Legirung, jedoch eben dadurch den rechten Kurs bei der Nation gab.

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