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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 39
Quellenangabe
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Aufenthalt in Volkstädt.

1788.

Nach diesen schwierigen, doch für den poetischen Lebenslauf des Dichters unentbehrlichen Untersuchungen, begleitet der Leser gewiß von dem Ambos der Dichtung hinweg, die kein so leichtes und anmuthiges Geschäft ist, als die Wirkungen ihrer schönsten Resultate glauben machen, den Poeten gern in die Zurückgezogenheit des ländlichen Thales, wo seine Neigung wohnt.

Eine halbe Stunde von Rudolstadt, frei vor dem Dorfe Volkstädt gelegen, steht das kleine Haus, in welchem Schiller im Maimonat 1788 seine Frühlingswohnung bezog. Aus seinem Zimmer, so lautet die Beschreibung der Schwägerin, Fr. v. Wolzogen I, 262 ff., für den ganzen Abschnitt. übersah er die Ufer der Saale, die sich in einem sanften Bogen durch die Wiesen krümmt und im Schatten uralter Bäume dahinfließt. Die gegenüber am jenseitigen Ufer des Flusses sich erhebenden waldigen Berge, an deren Fuß freundliche Dörfer liegen, und das hoch und schön gelegene Schloß von Rudolstadt an der andern Seite geben diesem Platze den Reiz der Mannigfaltigkeit, zugleich einer Einsamkeit, aus der man nur anmuthige Gegenstände überschaut. Auf einer kleinen Anhöhe, dem Hause gegenüber, die ein Wäldchen krönt, hat ein kunstliebender Verehrer Schillers Geheimer Kammerrath Werlich von Rudolstadt. Vgl. »die Büste Schillers auf Schillershöhe.« Rudolstadt 1833. ein Monument für ihn errichtet, wozu Dannecker seine kolossale Büste zu einem Bronzeabguß verehrte. Hier, wo das ehemals Unbehaun'sche Wohnhaus, Schillers einstige Miethwohnung, steht, erkaufte jener von den Besitzern der am Fuße des Berges gelegenen schönen Porcellanfabrik im Juli 1828 ein Stück Berglandes und arrondirte es durch weitere Käufe; bald entstanden Wege zwischen Felsen, Erhöhungen, Einebnungen; schöne Gesträuche, Rosen und andre Blumen erblühten, ein Schilfhaus ward errichtet. Ruheplätzchen erhoben sich; in die schöne Felsengruppe wurde die Inschrift, »Schiller 1788,« eingehauen, und in einer natürlichen, nur wenig erweiterten Nische des Gesteins am 9. Mai 1830, Schillers vielbegangenem Todestage, die Bronzebüste des Dichters beim Gesange der Rudolstädter Liedertafel im Angesichte von mehr als 2000 Zuschauern aus der Stadt und Umgegend aufgestellt und enthüllt. Das Gestein ist mit Gesträuchen und Grasblumen bewachsen, und neuangepflanzte, in die Felsenriffe und in die Nische hineingezogene Epheuranken geben dem Ganzen einen Anstrich, als wenn die Natur selbst diesen Platz zu dem bestimmten Zwecke vorbereitet hätte. Ueber der Nische zieht sich ein Felssturz von sechs Fuß Höhe mit ebener Stirne hin, an welcher eine goldene Lyra, aus Sternen gebildet, weit in die Gegend hinaus leuchtet.

»Oft wird dieser schöne Platz Daß Schiller hier seinen »Spaziergang« gedichtet, ist irrig. Er entstand 1795 in Jena, im Okt., s. Schiller an Humboldt (Brfw. S. 227). denen, die Schillern noch persönlich gekannt, und den jüngern, seinem Geiste befreundeten Bewohnern zum Vereinigungsplatze dienen, und Göthes sinnvolle Worte bewähren:

Die Stelle, die ein guter Mensch betrat,
Sie bleibt geweiht für alle Zeiten.«

Wir müssen für die vorliegende Periode Schillers meist die treue Beobachterin seines neuen Glückes sprechen lassen: »In unserem Hause,« fährt Frau von Wolzogen fort, »begann für Schillern ein neues Leben. Lange hatte er den Reiz eines freien freundschaftlichen Umganges entbehrt; uns fand er immer empfänglich für die Gedanken, die eben seine Seele erfüllten. Er wollte auf uns wirken, uns von Poesie, Kunst und philosophischen Ansichten das mittheilen, was uns frommen könnte, und dies Bestreben gab ihm selbst eine milde, harmonische Gemüthsstimmung. Sein Gespräch floß über in heitrer Laune. – Ein Waldbach, der sich in die Saale ergießt, und über den eine schmale Brücke führt, war das Ziel, wo wir ihn erwarteten. Wenn wir ihn im Schimmer der Abendröthe auf uns zukommend erblickten, da erschloß sich ein heiteres ideales Leben unserem innern Sinne. Hoher Ernst und anmuthige geistreiche Leichtigkeit des offenen, reinen Gemüths, waren in Schillers Umgang immer lebendig, man wandelte wie zwischen den unwandelbaren Sternen des Himmels und den Blumen der Erde in seinen Gesprächen.« ...

»Auf diesem milden Lichtpfade geistiger Freundschaft« sollte Schiller das Herz Charlottens gewinnen. Die ältere Schwester, damals Gattin des Herrn von Beulwitz, Er starb als Rudolstädt'scher Geheimer-Rath. begegnete mit ihrem immerwährenden Bedürfnisse eines Lebens in Ideen der ganzen Stimmung des Dichters. Die nächsten Umgebungen förderten diese Neigung, ihr Gemahl hatte viele Kenntnisse und wissenschaftliche Ausbildung. Zu ihrer beinahe täglichen Gesellschaft gehörte der Baron Gleichen mit seiner Braut, nach Karolinens Zeugniß einer der edelsten und liebenswürdigsten Menschen. Sein Sohn ist Gatte von Schillers jüngstem Kind, Emilie. »Ausbildung des Geistes war sein innigstes Bedürfniß, und die reinste wohlwollendste Gesinnung stellte sich in seinem ganzen Leben wie in seiner ausgezeichnet schönen Gestalt dar. Er hatte viel Sinn für bildende Kunst; wir zeichneten und malten zusammen... Sein ganzes Wesen war Religion, Achtung vor dem Gewissen, Abweisung alles Unrechts und zarte Schonung jedes Verhältnisses. Dennoch konnte dieser treffliche Mensch nicht zur Einigkeit mit sich selbst kommen. Er studirte alle philosophische Systeme, um über die ewigen Fragen der Menschheit Antwort zu finden. Sein Glaube wurde von seinem Scharfsinne gestört; er lebte immer im Zweifel. Unsere Gespräche betrafen meistens Gegenstände der Metaphysik, ich wünschte Ueberzeugung für meinen Freund.« So wurde Schiller von der bei ihm sich eben jetzt recht festsetzenden Spekulation, selbst wider Willen, im Athem gehalten; er mußte sich ergeben, so oft er auch, im Augenblicke nach andern Richtungen strebend, bat, die Metaphysik nur einige Tage ruhen zu lassen.

Gleichen fand in der Kant'schen Philosophie späterhin, wie Schiller selbst, Beruhigung, und die Erziehung der Söhne seines Freundes, des Fürsten von Rudolstadt, entzog ihn seinem überwiegenden Hange zur Spekulation.

Der Fürst und sein Bruder, Prinz Carl, lebten, als liebenswürdige Jünglinge, viel im Lengefeld'schen Kreise, und bewahrten immer eine herzliche Freundschaft für Schiller. Ob der Dichter selbst je dem großen und in Deutschland in seiner Art einzigen Volksfeste, dem sogenannten Rudolstadter Vogelschießen, beigewohnt, auf des Fürsten Veranstaltung daselbst Schütze wurde, und als er den ihm dargereichten, mit altem Rheinwein gefüllten Becher, der Sitte gemäß, leerte, und Kanonenschüsse zu Ehren des neuen Schützen fielen, zum Fürsten gewandt, die Worte sprach: »Gnädigster Herr! Ich wünsche Ihnen alle Kronen der Erde, denn ich sehe, Ihre Unterthanen sind sehr glücklich!« – diese ganze Erzählung muß beruhen bleiben, da die Nachricht an chronologischen Widersprüchen Die jedoch vielleicht zu lösen wären, wenn die Begebenheit in einen Vakanzaufenthalt Schillers von Jena aus fiel. Februar 1840. leidet, und Schillers Lebensbeschreiberin derselben nicht erwähnt.

Glaublicher ist, was weiter gemeldet wird, daß Schiller die Natur der Umgegend liebend genossen, und das Stammhaus der Grafen zu Schwarzburg, wie die benachbarte hohe byzantinische Ruine des Klosters Paulinzelle wiederholt besucht habe, In der dritten Sektion von Georg Wigands »malerischem und romantischem Deutschland,« welche Thüringen umfaßt, findet man mit Ludw. Bechsteins blühendem und belehrendem Texte außer den Abbildungen von Meiningen (Text S. 22 - 34), Weimar (S. 189 - 196) und Jena (S. 146 - 151) auch Rudolstadt (S. 134 - 140), Paulinzelle (S. 121 - 124), Schloß Schwarzburg (S. 128 ff.) und das Schwarzathal (S. 124 - 134) und er soll Jedem, der in jenen Gegenden reiste, noch in Weimar den Rath gegeben haben: »die Natur auf Schwarzburgs hohen Bergen zu belauschen!« Der Weg dahin ist, wie alle Wege durch das Saalethal, auch von Rudolstadt aus sehr malerisch; ein enges düsteres Thal windet sich, nachdem man an Stadt und Ruine Blankenburg Bei Wigand abgebildet und beschrieben S. 116 - 120. vorüber ist, in Kreisformen durch das Gebirge; in seiner Mitte rauscht tosend die Schwarza, bald über hellen kiesigen Boden, bald über Felsenmassen und Erdschollen hinweg, die sich wie ein verfallenes Menschenwerk in ihrem kleinen Bette emporthürmen. Düstre Fichten und Tannen, nackte, Einsturz drohende Felsen, Schlünde und Haiden beschäftigen vier Stunden lang das Auge. Nicht fern vom Eingange des Thals erhebt sich eine Felsenpyramide, von der Schiller gesagt haben soll, »daß sie ein Denkmal abgeben könne und er auch hier den Fürsten verewigt wissen möchte.« Die Schwarzburg liegt »wie eine Königin in sich faltenden Gewändern von verschiedenem Grün« auf einem hohen Berg am Ende des Thales, an der forellenreichen Schwarza. Von diesem Standpunkte gesehen erscheint reizend und einladend in der Uebersicht, was im Einzelnen finster und abschreckend aussah. Nicht weit vom Schlosse findet sich der Gasthof, in dessen Fremdenbuch Schiller die berühmten Worte schrieb:

»Auf diesen Höhen sah auch ich
Dich, freundliche Natur – ja dich!«

Von diesem Ausfluge kehren wir nach Volkstädt zurück, in das Studierzimmer des Dichters. Dieser arbeitete dort an seiner Geschichte des Abfalls der Niederlande, und las den Schwestern die einzelnen Abschnitte vor, wie sie vollendet waren. Zu jenem Gegenstande hatten ihn die Studien über den Don Carlos geführt. Auch der Geisterseher beschäftigte ihn, und das philosophische Gespräch in diesem Romane, das Schiller später unterdrückte, und in welchem als Grundgedanke erscheint, daß Zweck und Mittel nur Begriffe menschlicher Thätigkeit und Bestrebungen seyen, daß alle Teleologie der Natur ein täuschendes Spiel unserer Einbildungskraft, und deßwegen der Mensch durch die theoretische Beschränktheit seiner Vernunft, sowie durch die Unzuverlässigkeit des Glückes, ganz theils auf das Wirken im Augenblicke, theils auf das Genießen desselben hingewiesen sey Vergl. Hoffmeister II. 45 ff. »Schiller ordnete also, wie alle Edelsten unseres Geschlechts, das Handeln dem Erkennen über – dieses ganz in Kant'sche Ideen getauchte Gespräch hält Karoline v. Wolzogen »vielleicht für einen Nachklang ihrer spekulativen Unterhaltungen.«

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