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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 34
Quellenangabe
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
firstpub1840
correctorreuters@abc.de
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Beginn der zweiten Lyrik Schillers.

1787

Dieß Gedicht beweist, wie edel und rein, von Seiten Schillers selbst, jenes Verhältniß immer war und geblieben ist. Sonst rühren aus dieser Periode, außer einigen minder bedeutenden Reliquien, nur drei lyrische Gedichte her, das schon besprochene Lied an die Freude, die Freigeisterei der Leidenschaft, und die Resignation. Von allen drei zusammen urtheilt eine Stimme, die wir achten, »daß sie zu dem Mächtigsten, Ergreifendsten gehören, was Schiller gedichtet hat, und daß die Gedichte der dritten Periode gegen diese immer grünen Zweige der unmittelbaren wahrsten Empfindung meistens minder frisch und blätterreich seyen; daß in ihnen Denken und Fühlen in eins aufgehe.« Mit dieser Ansicht ist der Verfasser gegenwärtiger Lebensbeschreibung, was insbesondere das zweite Gedicht betrifft, keineswegs einverstanden, und auf seiner Seite steht hier Schiller selbst, dessen Kunsturtheil der spätern Periode doch gewiß angeschlagen werden darf. Wie hätte dieser die Freigeisterei der Leidenschaft um wenigstens neun rednerische Strophen verkürzen und in dem »Kampf« überschriebenen Gedichte seiner Sammlung auf sechse reduciren können, wenn der Gedanke in diesem Liede wirklich ganz ins Gefühl aufgegangen gewesen wäre? Der Ton desselben ist in der That von dem in den Liedern der Anthologie herrschenden wenig verschieden, und wenn Schiller in seiner Sammlung nicht selbst das Jahr 1786, in welchem es im Druck erschienen ist, beigesetzt hätte, so müßte man die fingirte Zeit, »als Laura vermählt war 1782,« zugleich für die wahre Entstehungszeit halten. Die eigentliche Veranlassung des Gedichtes kennt man nicht, und denkt daher bald an das Verhältniß mit Margarethe Schwan, bald an die Leidenschaft zu dem sächsischen Fräulein. Wohl mit Unrecht; Hoffmeister II, 56 Note. Aber nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt, eine Poetische Opposition gegen die Ehe, führen viel mehr auf eine frühere Denk- und Empfindungsweise des Dichters zurück, und in die von einem Kritiker aufgestellte Parallele mit der Liebe des Don Carlos können wir uns auch nicht ganz finden. Schiller selbst leitete dieß Gedicht und die »Resignation« mit folgenden Worten im zweiten Hefte der rheinischen Thalia ein, in welcher sie, so wie das Lied an die Freude, mit der anthologischen Chiffer Y unterzeichnet, Hoffmeister I, 281. erschienen; »Ich habe um so weniger Anstand genommen, die zwei folgenden Gedichte hier aufzunehmen, da ich von jedem Leser erwarten kann, er werde so billig seyn, eine Aufwallung der Leidenschaft nicht für ein philosophisches System und die Verzweiflung eines erdichteten Liebhabers nicht für das Glaubensbekenntniß des Dichters anzusehen.«

Wir beruhigen uns bei diesen Worten und glauben nicht, daß sie dießmal ihm von der Behutsamkeit und seiner bürgerlichen Stellung als herzoglich Weimar'scher Rath eingegeben seyn können. Als er zwischen den Jahren 1800 und 1804 seine Gedichte sammelte, hatte er ja keine solche Rücksichten mehr zu nehmen und doch wurde die Freigeisterei der Leidenschaft fast um zwei Drittel verkürzt. Auch in Beziehung auf die Resignation messen wir daher der Versicherung Schillers, daß sie kein Glaubensbekenntnis des Dichters, also nicht die Gesammterfahrung eines bedrängten Lebens sey, sondern selbst auch um eine Aufwallung der Leidenschaft, gerne vollen Glauben bei. Daß diese beiden Gedichte noch vor dem Druck in hundert Abschriften in Deutschland umhergingen, und man bald weder Abschrift noch Druck bedurfte, weil sie sich so tief in das Herz und Gedächtniß der deutschen Jugend geprägt hatten, daß man sie nicht mehr auf dem Papier zu suchen brauchte, und daß die bald scheltende, bald seufzende Kritik nichts gegen die Flammen der Jünglinge vermochte, die alle für Schiller glühten, Blätter für lit. Unterh. 1836. S. 1198 ff. beweist für die absolute Vortrefflichkeit jener Lieder so wenig, als die gränzenlose Bewunderung und der jubelnde Beifall, welcher die Erscheinung der Räuber auf dem Theater von Seiten der Jugend begleitete, für ein Urtheil der Kunst gelten konnte. Es giebt keinen durch die moderne Zeit gebildeten und vor ihr nicht gewaltsam abgeschlossenen Menschengeist, dem nicht einmal in der Jugend der Streit der physischen Weltordnung mit der moralischen als ein unaufgelöstes, ja unlösbares Räthsel vorgeschwebt hätte. Diesen unausweislichen Zweifeln hat Schiller in dem Gedichte »Resignation« das Wort geredet, und darum erhält es bis auf den heutigen Tag fast von jedem Menschenleben unter den Gebildeten in einer gewissen Periode eine mehr oder minder feierliche und begeisterte Beitrittserklärung. Die Beweggründe dieses Beifalls sind aber doch in der That der Poesie selbst ziemlich fremd. Die noch so allgemeine Zustimmung der Jugend möchte eben so wenig für die poetische Mächtigkeit dieses Gedichtes beweisen, als der Abscheu, den hier und da das reifere Alter, mit eben so dogmatischer Zuversicht, gegen dasselbe äußert. Noch erinnere ich mich lebendig einer Unterredung, die in den ländlichen Alleen des Schloßgartens von Fontenay aux roses, unweit Paris, im April 1827 ein angesehener, geistreicher Mann der Restauration mit mir über die Bildung der deutschen Jugend anknüpfte, und in welcher dieser mit dem Ausdrucke einer nicht erkünstelten Entrüstung von dem Gedichte Schillers la resignation, noch mehr aber von der Gewohnheit sprach, dieses und ähnliche Blasphemien der Jugend Deutschlands in die Hände zu geben. Ich war mit ihm gekommen, und fuhr mit ihm in seinem Wagen nach Paris zurück; aufgereizt durch meine Apologie, nicht der Grundsätze, sondern des Gedichtes und Dichters, rief er auf einem Schauplatze revolutionärer Greuel, dem wir vorüberfuhren, nachdem wir seit jenem Gespräche wenig Worte mit einander gewechselt – plötzlich aus: Discite justitiam moniti et non temnere Divos! Diesem redlichen Eiferer war der Dichter der Resignation als ein Gottesläugner erschienen. S. Ein wahrer Fortschritt dichterischen Lebens ist doch nur in dem Lied an die Freude wahrzunehmen, das in so fern allein den entschiedenen Namen des Liedes verdient, als es von allen bisherigen Gedichten Schillers, mit Ausnahme des Räuberlieds, das einzige ist, das wahrhaft sangbar befunden, und mehrfach, unter andern von Zelter und Zumsteeg, komponirt worden ist. Was der letztere sonst von frühern Gedichten Schillers als Jüngling in Musik zu sezen versuchte, darüber hat die Zeit den Stab gebrochen.

Mit diesem Liede hat Schiller viele böse Angewöhnungen der Reflexion und Rhetorik abgelegt, ohne jedoch seine Lyrik jenen außerpoetischen Mächten ganz zu entziehen: denn mit Recht wird auch diesem Gedichte vorgeworfen, daß es mit Ideen und abspringenden Bildern überladen sey, auch die ganze Moral des Dichters, ja noch mehr als diese, umfasse. Aber doch herrscht eine Begeisterung in demselben, die kein polemischer Hader mit eignen oder fremden Vorurtheilen lähmt und zerstört, und die sich jedem Singenden, er mag so kritisch gestimmt seyn als er will, zu Zeiten schon mitgetheilt hat.

Und so ist denn nicht zu bezweifeln, daß Schiller in der lyrischen, so gut wie in der dramatischen Poesie einen bedeutenden Fortschritt an den neuen Heerd seiner Dichterbildung mitgenommen habe.

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