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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 29
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Rückblick auf Schillers bisheriges Leben und Dichten.

1759 bis 1785.

Auf der ersten Hauptstation eines ernsten Pilgerlaufes nach hohem Ziele angekommen, wenden wir uns um und überblicken den zurückgelegten Weg. Es gibt für die Betrachtung desselben zweierlei Standpunkte. Wer in den Naturbegebenheiten und äußeren Ereignissen eines Menschenlebens nur eine Kette von Nothwendigkeiten sieht, durch welche in der Gestalt eines freien Individuums der Weltgeist sich hindurcharbeitet und einen Vorschritt in seiner Entwicklung macht, wird auch ein Dichterleben anders beurtheilen, als wer, im Verhältnisse der Schicksale zur Freiheit, der Wirksamkeit eines bewußten Urgeistes nachforscht und in der Biographie des Dichters an Fügungen und Vorsehung glaubt. Indessen werden sich beide Ansichten doch darin vereinigen und von einer atomistischen und materialistischen Betrachtungsweise unterscheiden, daß sie in Allem, was dazu diente, den Mann zu dem zu machen, der er geworden ist, und, nach dem Begriffe, den das Bewußtseyn der Geschichte von ihm aufgestellt hat, werden sollte oder mußte, einen Weltplan anerkennen, den der Gang seines Gesammtlebens befolgt hat: denn weder der Pantheist, noch der Christ will ein Dualist seyn, und für keinen von beiden gibt es einen Zufall.

Verzeihe der Leser dem schlichten Lebensbeschreiber diese kurzen Nennungen in die Schulsprache, von der er schnell wieder abzulenken im Begriffe ist. Er hat sich ihr nur überlassen, sofern er das Bedürfniß fühlte, sich über seinen eigenen Standpunkt zu rechtfertigen, und glaublich zu machen, daß wenn er, ohne Zweifel derzeit noch mit den Meisten seiner Leser, die providentielle Ansicht theilt, wenigstens nicht bewußtlos im Reiche der Vorstellung verweilt, wie die Gegner es nennen. –

 

Mit Recht wird die Sitte und Denkart des väterlichen Hauses, in welchem Schiller seine Kindheit verlebte, als wohlthätig für die Gesundheit seiner Seele gerühmt. Der Vater, praktisch und streng, war bestellt, über dem Verstande des Knaben zu wachen, und für die ernste, classische Schulbildung zu sorgen, die feste Grundlage, auf welcher selbst das Genie am dauerhaftesten baut. Zugleich wurde jener durch ihn nachhaltig zur Ehrfurcht und zum Gehorsam gewöhnt, der Muthwille beschränkt, die übermäßige Hingebung des Gemüths an weichliche Eindrücke nicht geduldet und so sein Charakter frühzeitig in sittlichen Gränzen geformt. Die Mutter dagegen, ohne glänzenden Verstand, aber milde, fromm, dichterisch bewegt, und um den Sohn früher beschäftigt als der Vater, mußte, außerdem, was von ihr natürliche Mitgift in der Anlage seines Geistes und Herzens war, auf das Gemüth und die Phantasie des Kindes wirken und zog es mit den Sprüchen und Bildern des Glaubens, mit Mährchen, Geschichten und Gedichten groß. Aus ihrem sanften Auge blickte den Knaben, der nicht zu isthmischer Arbeit, nicht zum Siegerwagen des Kapitols, sondern zum Lorbeer Apollo's bestimmt war, schon in der Wiege Melpomene an. Zugleich wartete sie mit zarter Pflege der Gemüthstugenden ihres Kindes, der Andacht, der Menschenliebe, der Nachsicht, der Aufopferungsfähigkeit.

Der Grund war im Elternhause gelegt; aber was die Vorsehung darauf bauen wollte, konnte nicht hier aufgeschlagen werden. Ein Leben, das den Genius barg, an dem sich so viele Geister und Gemüther aufrichten und erbauen sollten, mußte zur Selbstthätigkeit unter schärferer Zucht reifen, und, durch Widerwärtigkeit zum Widerstande aufgereizt, mitten unter Zweckwidrigkeiten seinen Zweck kennen und erstreben lernen. Eine Pflanze mit so mächtiger Keimkraft mußte schwererem Boden übergeben werden, der sie vor Wind und Witterung von außen schützte, und welchen durchbrechend sie in sich selbst erstarkte. So sehen wir denn Schiller, noch ehe er in's Jünglingsalter trat, der mäßigen Strenge des Vaters, der sanften Mutterpflege entzogen, in die Carlsschule versenkt und eingezwängt. Und in dieser Einsamkeit, unter dieser Zucht, die ihn zu einem Brodstudium zwang, das ihn anfremdete, und von dem Lebenstranke der Poesie, den er eben zu kosten begonnen hatte, mit der Ruthe des Geisterbanners, wie Tiresias Homers Schatten, zurückscheuchte; hier entfaltete sich, von keiner fördernden Erziehung mehr begünstigt, die Urkraft, die Dichterkraft in ihm, und in der Oede seines Kerkers schuf er endlich, von Zorn und Begeisterung bewegt, ein Drama, das eine Welt, wenn auch nicht die wahre und wirkliche, doch eine Welt enthielt. So mußte die Entdeckungslust, die den kleinen Knaben schon im Elternhause peinigte, ihre Befriedigung in den Mauern eines Militärinstituts finden.

Wir haben gezeigt, daß Schillers erste lyrische Gedichte nicht einmal die Vorläufer, daß sie nur der Abfall seiner Poesie waren. Auch die Medicin, mit ihrem Gefolge von physiologischen Kenntnissen, die Geschichte, mit ihren psychologischen Aufschlüssen, die Philosophie mit ihren Zweifeln mußte in dieser ersten Periode nur als Nahrungsmittel seines Dichtergeistes dienen. Mag sich immerhin in jener Zeit schon ein System seines Geistes in Schillers theoretischer Bildung finden, wir bekümmern uns darum nicht. Die Ideen von Humanität und Freiheit waren unserem Schiller mit vielen zeitgenössischen Denkern gemein; sie konstituiren den Dichter noch nicht. Nur was er davon zu einem Lebensbilde in der Dichtung zu vereinigen vermochte; nur was durch ihn in's Fleisch und Blut der Poesie überging, und dadurch so gewaltig auf Zeit und Mitwelt wirkte, geht uns an, die wir vor Allem den großen Poeten in ihm betrachten wollen.

Deßwegen verweilen wir bei einem Rückblicke auf seine Leistungen nicht bei seinen lyrischen, der Selbstständigkeit entbehrenden Versuchen, nicht bei seinen Abhandlungen und Reflexionen, sondern bei dem ersten Werke seines Dichtergenie's, bei den Räubern.

Die Lebensbeschreibung hat zu zeigen versucht, wodurch dieses Stück sein ungeheures Glück bei dem Publikum gemacht hat: denn Keiner, der Schillers spätere Meisterstücke versteht und mit Redlichkeit bewundert, wird den ganzen Eindruck desselben seinem künstlerischen Werthe beimessen. Und doch wäre es nicht möglich gewesen, mit den Zeitelementen allein, durch welche das Drama sich als den Ruf eines Propheten angekündigt hat, solche Wirkungen hervorzubringen, wenn der Seher nicht zugleich auf einen großen Dichter hätte schließen lassen.

Wodurch leistete nun das unförmliche Produkt der rohen Kraft die Bürgschaft für die Poesie des Verfassers? Vor allen Dingen durch die große Energie der Farben, in welchen das ganze Leben des Schauspiels prangt, und durch die ungemeine Lebendigkeit, mit welcher Natur und Unnatur in demselben auftreten. Seit Götz von Berlichingen über die Bühne geschritten war, hatte man in Deutschland dergleichen nichts mehr gesehen. In dem Schiller'schen Stücke ist freilich nicht Alles innere und äußere Wahrheit, Vieles nur Fratze und Carrikatur; aber selbst diese regt und bewegt sich, scheint, schimmert, handelt. Und der Theil des Drama's, welcher prophezeite, schauerliche Wirklichkeit ist, hat die Zukunft, die doch nur vom Genius geahnt und errathen werden kann, wahrhaftig noch getreuer dargestellt, als Göthe im Götz die Vergangenheit, die doch mit Verstand und Fleiß erkundet werden konnte.

Diese seitdem längst vergangene, jedoch erfüllte Zukunft aber ist in demjenigen Theile des Schauspiels enthalten, der noch heute wahr und theilweise natürlich erscheint, und welchem, über alle sentimentale Lüge und Verzerrung hinweg, der gesunde Leser noch jetzt mit Begierde zueilt, – in den Räuberscenen. Carl Moor selbst ist nur in diesen wahr, handelnd und empfindend; als Philosoph, als Moralist ist er uns unerträglich; es sey denn, daß man – wie uns glücklich und mit Geist bewiesen worden ist, daß Schiller Kant's Critik der Urtheilskraft, dessen Theorie des Schönen, in der Seele trug, ehe er dieselbe gelesen – auch auf Carl Moors Monolog gegen den Schluß des vierten Akts einiges Gewicht legen wollte, in welchem selbst der Critik der praktischen Vernunft von Schiller vorgeeilt und für die Unsterblichkeit der Seele Kant's moralischer Beweis geführt worden ist. Ernstlichere Aufmerksamkeit verdienen Worte, die mit erschütternder Wahrheit Zustände schildern, welche im Jahre 1781 jung waren und im Jahre 1840 gewachsen und erstarkt sind, ohne zu veralten. Akt I. Sc. 2

Roller: So unrecht hat der Spiegelberg eben nicht! Ich hab' auch meine Plane schon zusammengemacht, aber sie treffen endlich auf Eins. Wie wär's, dacht' ich, wenn Ihr Euch hinsetztet, und ein Taschenbuch oder einen Almanach, oder so was Aehnliches, zusammensudeltet, und um den lieben Groschen rezensirtet, wie's wirklich (d.h. gegenwärtig Mode ist?

Schufterle: Zum Henker! Ihr rathet nach meinen Projekten. Ich dachte bei mir selbst, wenn du ein Pietist würdest und wöchentlich deine Erbauungsstunden hieltest?

Grimm: Getroffen! Und wenn das nicht, geht, ein ()Fußnote im Buch fehlerhaft. Re

Atheist. Wir könnten die Vier Evangelien auf's Maul schlagen, ließen unser Buch durch den Schinder verbrennen; und so ging's reißend ab. Akt II. Sc. 3.

Spiegelberg: Einen honetten Mann kann man aus jedem Weidenstotzen formen, aber zu einem Spitzbuben will's Grütz' – auch gehört dazu ein eigenes Nationalgenie, ein gewisses, daß ich so sage, Spitzbubenklima.

Razman: Bruder, man hat mir Italien gerühmt.

Spiegelberg: Ja ja! Man muß Niemand sein Recht vorenthalten. Italien weist auch seine Männer auf; und wenn Deutschland so fort macht, wie es bereits auf dem Wege ist, und die Bibel vollends hinaus votirt, wie es die glänzendsten Aspekten hat, so kann mit der Zeit auch noch aus Deutschland was Gutes kommen.

Von Charakteren sind Spuren allerdings auch außerhalb der Räuberscenen zu finden im Daniel, im Pastor Moser (sein Auftritt ist ein psychologisches Meisterstück); bei'm sonst mißlungenen Franz, Den Franz Moor hat nicht nur A. W. Schlegel, sondern Schiller selbst als eine Nachahmung Richards des Dritten bezeichnet und gar übel in seiner Selbstrezension (bei Boas II. 9ff.) mitgenommen. in einzelnen Scenen; aber Männer aus Einem Gusse, welche consequent in Gesinnung und Handlung durch's ganze Gedicht schreiten, sind doch nur Schweizer, Roller, Grimm und Spiegelberg; vor allen aber der erste. Wenn Schiller nichts als diesen Charakter erdacht und ausgeführt hätte, wäre er ein Dramatiker aller Zeiten. Welche Destination in den Worten: » Franz heißt die Kanaille?« welch' genialer Zusammenhang dieser Frage mit Schweizers Handlungsweise am Schlusse des vierten Akts und seinem Selbstmord in der ersten Scene des fünften! Und wie hebt es so natürlich diesen Charakter, daß er keine Rachethat auf die Nemesis geschoben wissen will, daß ihm nichts willkommener ist, als der Auftrag edler Rache.

Diese Räuber sind auch von keinem andern Dichter entlehnt, sie sind in ihrer verwilderten Größe dem Gedanken Schillers und keinem andern entsprungen; ihre originellen lebensvollen Gestalten entschädigen für manche Abgeschmacktheit, die sie begehen, manche kolossale Albernheit, die aus ihrem Munde geht, und die beide weniger wohl damit gerechtfertigt werden können, daß diese Räuber einem andern Geschlechte, als dem unsern, sondern daß sie zur Hälfte einem frühreifen Genius, zur andern einem unreifen Knabengehirn angehören. Denn daß der Räuber Moor als Student in Leipzig vierzigtausend Dukaten Schulden contrahirt, daß auf ein »Bursch heraus« 1700 Studenten sich auf die Beine machen, daß den Brandlärm der von den Räubern angezündeten Stadt vierzig Gebirge brüllend wiederhallen, daß am Leichnam eines Gehenkten nicht nur drei Raben, wie in den altschottischen Balladen, sondern zu dreißigen zehren, daß, worauf auch jüngst aufmerksam gemacht worden ist, Roller eine Flasche Branntwein hinabstürzt, was kein Russe kann, und daß achtzig Räuber gegen siebenzehnhundert Soldaten in offener Feldschlacht kämpfen; das Alles gehörte wohl keinem Geschlechte, keiner Zeit und keiner Natur an!

Doch verlassen wir die Räuber, und heften unsern Rückblick wieder auf das Leben des Dichters. Wir haben gesehen, wie dieser aus der Akademie gerade so viel Ruhm, so viel Unbotmäßigkeit, so viel Anbetung von Seiten eines Kameradengefolges und Selbstgefälligkeit von seiner Seite, so viel Unglauben und Sinnlichkeit mitnahm, um, bei vortrefflichen Eigenschaften des Gemüths und den höchsten des Geistes, auf irgend eine Weise durch Trotz, Eigenliebe, Mißvergnügen oder Rohheit zu verderben. In allen diesen Beziehungen war seine Flucht, so unbesonnen sie schien, als eine Schickung zu betrachten. Sie führte ihn zuerst unter Menschen, lehrte ihn das Leben, aber auch die Noth kennen und ertragen, die vermeinte Freiheit schmecken, das Theater, von seinem Zauber entkleidet, hinter den Coulissen studieren: er findet, daß die Welt dermalen noch weniger an riesigen Verbrechen als an Engherzigkeit und Gemeinheit leidet, seine großen Sünder- und Sündenideale schrumpfen entmuthigt zu Genrebildern zusammen.

Nothwendig muß dieß auf seine Poesie zurückwirken. Sein Fiesko freilich ist davon noch nicht berührt; ist er doch ganz in Stuttgart entstanden, in der Atmosphäre der Akademie und der Räuber, die fühlbar genug ist. Auch in ihm vibrirt noch jene Saite der Prophetenharfe, und hier und da schrillt noch das Sturmglöckchen der Zeit hindurch. Akt V. Sc. XVI.

Fiesko: Sey – mein – Freund.

Verrina: Wirf diesen häßlichen Purpur weg, und ich bin's! – Der erste Fürst war ein Mörder und führte den Purpur ein, die Flecken seiner That in dieser Blutfarbe zu verstecken.
Im Ganzen aber stellen wir den Fiesko ziemlich unter die Räuber; er ist weder ein Werk der unreifen Begeisterung, noch der besonnenen Kunst, er ist ein Facit der Berechnung; aber dem Rechenexempel geht leider die langweilige Probe voran, und man muß durch eine Reihe sinnreicher und spitzfindiger Scenen hindurchgehen, bis uns ein Resultat überrascht, wie der achtzehnte Auftritt des zweiten Aufzugs, wo der Löwe Fiesko den Nobili die Verschwörung entgegenbrüllt. Mit den diplomatischen Finessen stehen dann alte Rohheiten oder Unbeholfenheiten aus der Akademie in seltsamem Kontrast. Welcher Feinfühlende empfindet nicht einigen Widerwillen vor Bertha auf dem Sopha, oder vor Fiesko, wenn er Juliens Toilette macht, und wer muß nicht lächeln, wenn dieser am Palaste des alten Andreas steht und auf sein Schellen der Doge von Genua in Person auf dem Altan erscheint und hinabruft: »Wer zog die Glocke?« Auf diesen letztern Verstoß hat schon Franz Horn aufmerksam gemacht. – Eine schlimme Mißgeburt ist insbesondere der Mohr. Im Ernste können solche Gesinnungen nie geäußert, solche Worte nie gesprochen seyn; die Unnatur ist allzugreifbar. So nehmen ihn denn die Schauspieler zum Voraus als Karrikatur, sie machen aus ihm einen Bouffon, oder lassen ihn Sprünge machen wie einen schwarzen Affen!

So verkünstelt indessen das Ganze ist, so reich ist es an einzelnen großen Zügen, an Scenen, an Gedanken, denen das Siegel des künftigen Meisters aufgedrückt ist. Fiesko's Charakter trägt Spuren einer Liebe und Begeisterung des Dichters, die nicht aus der Berechnung des Ganzen entsprungen sind; und wie in den Räubern Schweizer ein ächtes Dichterprodukt ist, so erscheint uns Verrina als ein solches, wenn auch minder neu und originell. Dieser Charakter beweist, daß Schiller das römische Alterthum aus den letzten Zeiten der Republik mit der Phantasie und dem Herzen eines Poeten studiert hatte, und daß sein eigener Charakter wirklich, wie sein Freund Scharffenstein versichert, etwas von der Stoa an sich trug. Verrina's frühes Wort in der ersten Scene des dritten Aufzugs: » Fiesko muß sterben!« weicht keinem der größten Worte des reifen Schiller. Schweizer in den Räubern und Verrina im Fiesko rechtfertigen noch heutzutage, abgesehen von spätem Erfolgen des Dichters, den Beifall des Publikums bei Schillers erstem Auftreten im Kothurn vollständiger, als Carl Moor und Fiesko selbst. Doch gilt auch von diesen mit allen ihren Uebertreibungen und Mängeln, verglichen mit andern dramatischen Produkten der gelehrten und kritischen Bildung, Göthe's keckes Wort: »Schiller mochte sich stellen wie er wollte, er konnte gar nichts machen, was nicht immer bei weitem größer herauskam, als das Beste dieser Neueren; ja wenn Schiller sich die Nägel beschnitt, war er größer als diese Herren.«

Es gilt dies besonders von der großartigen Weise, mit der er die beiden ersten Hebel der Tragödie, Furcht und Mitleiden, zu handhaben wußte. Obgleich in Kabale und Liebe zum bürgerlichen Trauerspiele herabgestimmt, und in den Scenen der Geigerstube hier fast allein wahrer und großer Dichter, wußte er doch auch in den widernatürlichen Scenen geschraubter und grausamer Empfindsamkeit, ungeheurer Bosheit und teuflischer Spitzbüberei mit jenen Leidenschaften einen solchen Effekt hervorzubringen, daß selbst der besonnenste und durch die Fortentwicklung der ästhetischen Urtheilskraft aufgeklärteste Kritiker, in den 9. Mai des Jahrs 1784 zurück, und auf die Zuschauerbänke des Mannheimer Theaters durch ein Wunder versetzt, sich mit jenen Tausenden erhoben und in den Sturm des Beifalls eingestimmt hätte.

Dieses Stück, in welchem der Dichter Stuttgarter Erfahrungen und Anschauungen benützte und mit großer Wahrheit seine noch immer unwahren Ideale an ihnen emporranken ließ, war auch weit begreiflicher angelegt als der Fiesko, und kehrte in dieser Beziehung, durch die Natürlichkeit der Verwicklung und das Gemeinverständliche der freilich nicht sehr wahrscheinlichen Katastrophe zur Ueberschaulichkeit der Räuber zurück. Die Charaktere des Stadtmusikus und seiner Frau, die einzige ächte Menschennatur im Stücke, und theilweise der Charakter der Favoritin, bilden hier, allerdings auf ganz andere Weise als Schweizer und Verrinn in den früheren Dramen, das Unterpfand des Dichtergenius. Jene zwei erstern sind zwar unzweifelhaft einheimischen Motiven des Württembergers, ja des Stuttgarters, abgesehen, aber schwerlich hätte Schiller sie vollenden können, wenn er nicht am Wandelstocke in die Welt und unter das Volk hinausgezogen wäre und Monate hindurch in der Wirthsstube zu Oggersheim verlebt hätte. –

So wirkte denn beides, Natur und Unnatur, zusammen, diesen Erstlingsgeburten des Dichtergeistes eine unerhörte Aufnahme auf der Bühne und im Zimmer zu verschaffen. Der Leser und Zuschauer fühlte sich von der Leidenschaft des Dichters, wie von einem Fieber, angesteckt, da er mit diesem in derselben Zeitatmosphäre von Irrthümern und Wahrheiten, Erfahrungen und Ahnungen lebte, und das Element, in dem er selbst athmete, mit einemmale zu einem Bilde von Leben und Handlung verkörpert, sich gegenüber gestellt sah. Er fand alles begreiflich; ihn befremdete der Veitstanz der Gefühle und Gedanken nicht, in welchen der Verfasser, oft ohne durch das Pathos seines Stoffes veranlaßt zu seyn, zu gerathen pflegte: er jubelte, wenn die Helden herbei und davon »rannten,« wenn Amalie zu den Räubern »kroch,« um den Tod von ihnen zu erflehen, wenn jetzt Fiesko, jetzt der Präsident von Walter »mit verdrehten Augen« im Kreise herumsuchten. –

Alles, wodurch weiter begreiflich wird, warum so unvollkommene Kunstwerke eine so ungeheure Wirkung machen konnten, hat Hoffmeister in seinem Leben Schillers mit viel Scharfsichtigkeit zusammengestellt, und wir verweisen auf seine ausführliche Darstellung, in welcher die Nachweisung der lyrischen Natur aller Haupthelden Schillers, in denen immer nur er selbst sich spiegelte, uns besonders gelungen scheint. »Schiller legte in das Literarische immer das volle Gewicht seiner bedeutenden Persönlichkeit. Es ist kein vereinzeltes Talent, was sich bei seinem Produciren thätig zeigte, sondern der ganze Mensch eilt uns aus seinen Werten entgegen, und spricht wieder den ganzen Menschen in uns an. Nur ein sittliches Verhältniß zu seinem poetischen Stoffe sowohl, als zu seinen Lesern schien ihm das rechte zu seyn, und alle seine Charaktere, wenigstens in der ersten Periode, sind mit ethischem Griffel gezeichnet. Das Intellektuelle und Aesthetische bewegte sich ihm nur ans dem Boden des Sittlichen.«

Wir mußten, um die drei Erstlingsstücke des Dichters, welche die früheste Hauptperiode seines Dichterlebens umfassen, in der Beurtheilung nicht von einander trennen zu dürfen, seinen Lebensschicksalen vorauseilen, und haben jetzt zu diesen hinter die Aufführung von Fiesko und Kabale und Liebe zurück zu kehren.

Wäre Schiller sogleich nach seiner Flucht ununterbrochen in Mannheim geblieben, so wäre er durch den allzufrühen Beifall des Publikums ohne Zweifel abermals, wie einst durch die Räuber zu Stuttgart, in Gefahr gesetzt worden, auf dem Wege der Kunst ganz zu verirren. Da benutzte das Geschick den Geiz des Intendanten, riß ihn aus dem Theaterleben und dem gehofften Applaus des Mannheimer Publikums hinweg und verpflanzte ihn ins einsame Bauerbach zu edlen, natürlichen, das erstemal auch zu gesellig feingebildeten Menschen, die ihre Bildung nicht auf Kosten des Herzens erhalten hatten. Noch immer versagte ihm das Schicksal, das ihn langsam und selbstständig zur Kunst erziehen wollte, ganz ebenbürtige oder gar überlegene Geister zu Führern und Richtern auf seiner Bahn und bei seinen Arbeiten, aber es gab ihm, was einstweilen genügte, einen gelehrten, besonnenen, redlichen, sittlichen Freund, der, was der Dichter schuf, Scene um Scene liebend in Empfang nahm, und auf seinen Lebensgang mit Fürsorge, auf seinen Charakter durch Wachsamkeit einzuwirken geschäftig war.

Noch mehr: in Bauerbach, wo ihn die erste wahre Liebe heimsuchte, lernte der junge Mann zum erstenmal, seit das Bild seiner Mutter durch die Ferne zurückgetreten war, ächte Frauen in der Nähe kennen, von welchen er, nach jenen drei Stücken zu urtheilen, keinen Begriff gehabt zu haben scheint. Er wußte nicht, wie solche denken und empfinden, am allerwenigsten wie sie sich äußern; er meinte von der Naivetät der Weiblichkeit sey das Hervortreten des Bewußtseyns nicht ausgeschlossen; er hatte keine Ahnung davon, daß reine Jungfrauen und tugendhafte Frauen die Worte Unschuld und Wollust, wie sie aus Amalia's und Louisens Munde sprudeln, auf der Bühne so wenig als im Leben über die Lippen bringen und ihren Abscheu vor der Sünde nur durch die That bewähren dürfen.

Innerlich geläutert, mit sittlichen Erfahrungen, die als ein Saatkorn für künftige Entwicklung in Geist und Herz aufgenommen waren, mit Entwürfen, welche der Schönheit, wenigstens der äußern Form nach, entschiedener zustrebten, wenn auch die wilde Leidenschaftlichkeit, ohne die bei dem Dichter damals keine Begeisterung möglich war, noch immer der ruhigen Würde der Kunst unzugänglich blieb, kehrt er nach Mannheim zurück, und wir sehen ihn dort wirken und arbeiten. Das Theater ist ihm jetzt ungefährlicher geworden. Er wagt es zu beherrschen, er überwirft sich mit Schauspielern, die er jüngst bewundert hatte, die aber seine Erkenntniß jetzt hinter sich gelassen hat; und dieser Schlendrian macht ihm mehr Kummer, als die Liebe und der Beifall der Zuschauer, die ohnedem nicht so weit gehen, ihm eine sorgenvolle Lage zu erleichtern, ihm Freude und Aufmunterung gewährt.

Doch auch hier droht ihm die Liebe des Publikums wieder Gefahr. Sein Don Carlos ist angefangen und wird bewundert: die Großen der Welt beginnen sich um ihn zu bekümmern; die Zuneigung einer schönen und geistreichen Buchhändlerstochter verspricht ihm endlich ein angemessenes Lebensglück.

Aber die Vorsehung genehmigt die Pläne des Zufalls und der Jugendneigung nicht, sie bleibt taub für das Klatschen der jubelnden, leicht entzückten Menge; die Kunst des Dichters ist noch lange nicht sicher genug, den blinden Beifall einer ungebildeten, bald richtig fühlenden, bald irrenden Masse ertragen zu können, sie ist ebensowenig reif, in der Gemächlichkeit des bürgerlichen Lebens fortzugedeihen. Deßwegen müssen die Geschenke und Briefe aus Leipzig erscheinen, das Theater muß dem Dichter zum Ekel werden, und dem Jubel des Publikums wie dem Verdrusse mit den Schauspielern entzogen, wird der Dichter und Mensch auf eine andere Lebensbühne gerufen.

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