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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 22
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Zweiter Aufenthalt in Mannheim.

1783.

Wenn es eine Sirenenstimme war, die den Dichter nach Mannheim rief, so folgte er ihr wenigstens widerstrebend. Er sah seine Entfernung nur als eine Reise an, die nicht länger dauern sollte, als es die Aufführung seiner Dramen nöthig machte, und Frau von Wolzogen begünstigte diese Ansicht. Auch gab er sein Ehrenwort, »sich in Mannheim nicht selbst anzubieten, und in keinem Falle den ersten Schritt zu einem festen Engagement zu thun.«

Von seiner Wohlthäterin schied er nach siebenmonatlichem Aufenthalte wie von einer leiblichen Mutter, von der geliebten Lotte, die an demselben Tage Bauerbach verlassen zu haben scheint, wie von einer Schwester. Die Reise ward in der Mitte Juli's angetreten. Daß sein halbes Leben in Bauerbach zurück blieb, beweisen die Briefe, die er auf der Reise und in Mannheim als Seufzer zurückschickte. Der Verdacht, daß er seine mütterliche Freundin auf immer verlassen könnte, erschien ihm als eine Gotteslästerung; je tiefer er die Welt kennen lernt, je mehr er unter Menschen geht, desto tiefer gräbt sie sich ihm in sein Herz; in diesem trägt er sie, wie er sich selbst in der Hand Gottes getragen wünscht; zu Frankfurt, unter dem schrecklichen Gewühl von Menschen fällt ihm die Hütte im Garten zu Bauerbach ein – o daß er wieder dort wäre! Herzlich grüßt er auf der Wanderung »die liebe, gute Lotte.«

Endlich, am 28. Juli kommt er matt und erschöpft in Mannheim an, wo Meier Kost und Logis, gut und wohlfeil, neben dem Schloßplatz ein Zimmer mit vortrefflicher Aussicht, für ihn ausgemacht hatte; aber er findet die Sachen bei seiner Ankunft nicht gar zum Besten. Dalberg war von einer Reise nach Holland noch nicht zurück; Iffland sollte erst in einigen Tagen von Hannover heimkommen; seine erstaunten Freunde lassen es sich klar merken, daß nach ihrer Meinung Schiller nichts als sein Vergnügen bei seinem Mannheimer Aufenthalte zur Absicht habe. Alles erschien ihm leer und verdächtig; was hier vorkam und noch vorkommen konnte, verlor »entsetzlich« bei Vergleichung mit seinem stillen glücklichen Leben in Bauerbach. Hätte er es möglich machen können, daß er sechshundert Gulden jährlich zöge, so hätte man ihn in Bauerbach begraben dürfen. »Die liebe gute Lotte,« schloß sein Brief an die Pflegemutter, »küssen Sie in meinem Namen (wenns erlaubt ist).«

So sprach aus dem Dichter die erste, reine Jugendliebe. Auch die Freundschaft trat vor dieser zurück und er bemerkte wohl kaum die Ueberraschung, die seinem treuen Freunde Streicher, der von allen Unterhandlungen mit Dalberg nichts wußte, bereitet ward, als er, zur gewöhnlichen Stunde bei Herrn Meier eintreffend, seinen Augen kaum trauen konnte, daß es der in weiter Entfernung gemeinte Schiller sey, der mit der heitersten Miene und dem blühendsten Aussehen – der Frucht schuldlosen Familienlebens – ihm entgegentrat.

Noch am Tage seiner Ankunft in Mannheim schrieb er auch an seine Eltern und an seinen Freund Wilhelm von Wolzogen in Ludwigsburg, dem er eine Zusammenkunft in Heilbronn vorschlug. Die vierzehn ersten Tage waren beinahe ganz fruchtlos für ihn; Dalberg noch immer fort, einige Schauspieler in Urlaub, die mehrsten Familien auf's Land ausgeflogen, aller Lebensgenuß durch eine unerträgliche trockene Hitze verdorben. Die Anwesenheit der Churfürstin und des Herzogs von Zweibrücken machte, daß auf dem Theater nur Alltagskomödien vorkamen, wovon diese Liebhaber waren. Zerstreuung und Hitze erlaubten dem Dichter auch nicht zu arbeiten.

Dalbergs Ankunft endlich, die am 10. August erfolgte, schien sehr viel für ihn verändern zu wollen. Schiller traf ihn auf dem Theater, wo der Baron, schon von seiner Ankunft unterrichtet, ihm auf die verbindlichste Art zuvorkam, und ihn mit großer Achtung behandelte. Er wollte von seiner Zurückreise nichts wissen, und ließ sich noch sonst allerlei gegen den Dichter merken, wofür dieser keine Ohren zu haben sich beredete. Denn »der Mann ist ganz Feuer,« versicherte er seine Freundin, »das plötzlich losgeht, aber eben so schnell wieder verpufft.« Die Aufführung des Fiesko wurde ihm schon jetzt zugesagt: seine »Louise Millerin,« welche Schiller bis jetzt nur dem Buchhändler Schwan vorgelesen hatte, an den er sich am meisten angeschlossen, wurde am Mittwoch den 13. August in großer Gesellschaft, wobei Dalberg den Vorsitz führte, gelesen; auch wollte letzterer ihm zu Gefallen die Räuber und einige große Stücke spielen lassen, um die Stärke der Schauspieler darnach zu beurtheilen. »Meine Räuber sollen mich freuen!« schrieb Schiller.

Allmählig heiterte sich sein Lebenshimmel wieder auf; bei Schwan fand er Briefe von Wieland, die, wie Schiller sagt, bewiesen, daß dieser »warm für ihn fühlte und groß von ihm urtheilte.« Bald prophezeite Wieland auch öffentlich: »Sobald Schiller nur eine feste Richtung hat und in sich selbst zu einer gewissen Ruhe gekommen seyn wird, wird er unfehlbar einer der ersten Männer seiner Zeit seyn.« In Oggersheim empfingen ihn seine alten Wirthsleute auf eine Art, die ihn sehr rührte. »Es ist etwas Freudiges, von fremden Leuten nicht vergessen zu werden.« Endlich machte ihm sein Vater brieflich Hoffnung, ein Stelldichein in Breiten, wo er es gewünscht hatte, zu veranstalten.

Und nun kam ihm Dalberg selbst mit dem Antrag entgegen, daß er in Mannheim bleiben sollte, indem er ihm frei stellte, auf wie lange Schiller mit dem Theater akkordiren und was er für seine Verwendung bei demselben fordern wollte. Dieser hatte seine Freundin in Bauerbach schon darauf vorbereitet, daß er wohl den Winter über in Mannheim bleiben könnte, dennoch »zweifelte er heftig bei sich selber, und schon behielt ein allmächtiger Hang zu dem stillen, herrlichen Leben in Bauerbach bei ihm die Oberhand,« als ein Brief seiner Freundin ihm die unerträgliche Nachricht brachte, daß Y* (der frühere Bewerber Lottens) zwei Monate dort zubringen würde. »Sie wissen, meine Beste!« sagt er darüber zu Frau von Wolzogen am 11. September, »daß mich die Ankunft dieses Herrn selbst aus Bauerbach vertrieben haben würde, wenn ich noch dort gewesen wäre; wie vielmehr mußte sie mich jetzt von meiner Reise zurückhalten? Ich entschied also für die Anerbietungen Dalbergs, und vor ungefähr drei Wochen, wo ich bei ihm an der Tafel war, wurden wir richtig.«

In Folge dieser Uebereinkunft machte sich Schiller anheischig, vom 1. September 1783 bis zum letzten August 1784 in Diensten des Theaters zu bleiben, mit der Erlaubniß, die heißeste Sommerszeit anderswo zuzubringen. Das Theater sollte von ihm in dieser Zeit drei neue Stücke bekommen, den Fiesko, die Louise Millerin, und ein drittes, das er innerhalb dieser Vertragszeit zu fertigen versprach. Dafür erhielt er eine fixe Besoldung von 300 fl., wovon ihm 100 fl. auf der Stelle ausbezahlt wurden; außerdem sollte er von jedem Stücke, das er auf die Bühne brachte, die ganze Einnahme der Vorstellung erhalten, und dennoch das Stück nach Gefallen verkaufen oder drucken lassen können. Darauf verzichtete er später und erhielt dafür ein Fixum von 500 fl. in Allem. So glaubte er endlich die unfehlbare Aussicht zu haben, einen beträchtlichen Theil seiner Einnahme auf Tilgung seiner Schulden verwenden, sich aus der Verwirrung reißen und »der ehrliche Mann bleiben« zu können.

Diese freudigen Hoffnungen lähmte jedoch, noch ehe der Kontrakt ganz abgeschlossen war, ein kaltes Fieber, das ihn drei Wochen lang mit täglichen Anfällen aufs Krankenlager warf, und das ihm lange eine peinliche Mattigkeit und Schwäche des Kopfes zurück ließ. Während dieser Unpäßlichkeit raubte ihm ein Gallenfieber, das seit den acht Wochen seines Aufenthalts in Mannheim wüthete, so daß von den 20,000 Einwohner 600 erkrankten, den Theaterregisseur Meier, einen Freund, dem er viel schuldig zu seyn dankbar bekannte. Schiller war noch Arzt genug, um die schlimmen Folgen der Mittel, welche der Theaterarzt verordnet hatte, voraus zu sagen. Er selbst befand sich in den besten Händen, wurde in seiner Mietwohnung wie ein Kind des Hauses gepflegt, und, weil sein Kopf sehr angegriffen war, einem andern Arzt übergeben.

Mitten in der Krankheit war er mit treuem Eifer für Dalberg thätig. Er fand die Anmerkungen desselben über seinen Fiesko, besonders den Tadel seiner Frauencharaktere sehr wahr; er bekennt, daß er an den zwei ersten Scenen des zweiten Aktes mit einer Art von Widerwillen gearbeitet, und in der Umarbeitung fallen dieselben weg. »Die blühende Sprache ist auf der Bühne mehr als auffallend – sie ist lächerlich, und solche lange Monologe ermüden. Der fünfte Akt wird eine Hauptveränderung leiden.«

Sein Gönner benützte nun auch den Dichter auf alle Weise. »Aus krankem Gehirne« mußte er Urtheile und Kritiken über Theaterstücke »herauszimmern«. Bei Gelegenheit einer solchen Beurtheilung sprach er ein Wort, das sich alle jungen Kritiker merken sollten: »Immer däucht es mich eine Freiheit zu seyn, wenn ein jugendlicher Kopf die Arbeiten des reifern Mannes – auch sogar bei gleichen Fähigkeiten – richten soll.«

Während sein Körper von den immer sich wiederholenden Fieberanfällen, die erst um die Mitte Septembers ausblieben, um im Oktober wiederholt zu erscheinen, so geschwächt war, daß er einmal vierzehn Tage lang fast nur von Wassersuppe lebte, hatte Schiller eine Fluth von Geschäften vor sich, und nahm sich muthig vor, mit aller Anstrengung fleißig zu seyn und sich in mehreren Fächern zugleich zu versuchen.

Zeichen der Liebe und Anerkennung hielten in dieser traurigen Zeit seine »von Gram gedrückte Seele« Worte Schiller's an Reinwald. aufrecht. Am 11. Sept. kamen freundliche Briefe von seiner Familie; die guten Eltern freuten sich, ihn einigermaßen versorgt zu sehen und so nahe bei sich zu haben; auch von einer Frau, die er nicht nennt, und der er seine Silhouette durch einen Landsmann geschickt hatte, – wir dürfen an Laura denken – erwartete er wohlwollende Antwort: zu seinem Geburstage hatte ihm ein Freund sechs Bouteillen Burgunder geschickt, den er um seiner Gesundheit willen mit herrlichem Erfolge mäßig genoß, denn aus dem Wein machte er sich damals äusserst wenig, und trank, schon in der Akademie, mit mehr Vergnügen Bier. Das Schwan'sche und Dalberg'sche Haus waren ihm zum Umgange die liebsten; die Frauenzimmer in Mannheim erschienen ihm unbedeutend, Schwan's Tochter, die er am 15ten Nov. in einem Brief an Frau von Wolzogen zum Erstenmale mit Auszeichnung nennt, und eine Schauspielerin, ausgenommen; doch sind ihm die Wittwe Meier und ihre Schwester, »ein hübsches Mädchen, beide Stuttgarterinnen, besonders in seiner Krankheit, wo jene ihm sein Krankenessen auf's billigste kochte, sehr lieb geworden.« Ein katholischer Geistlicher, Namens Trunk, »ein lebendig herumgehender Beweis, wie viel Böses die Pfaffen zu stiften im Stande sind,« besuchte den Kranken auch öfters. Zu früh für seine Gesundheit, zu Anfang Oktobers führte ihn Schwan nach Speyer, zur Staatsräthin de la Roche, in der er fand, was der Ruf von ihr ausbreitete, die sanfte, gute, geistvolle Frau, die zwischen fünfzig und sechszig alt ist, und das Herz eines neunzehnjährigen Mädchens hat. Das zweitemal, wo er eine Abendstunde lang ganz in Gesellschaft eines Landsmannes ihres einsamen Umgangs genoß, »ging er mit Bezauberung von ihr.« »Ich weiß und bin stolz darauf, daß sie mit mir zufrieden war.« Am 13ten Nov. endlich, während er an seine Freundin in Bauerbach schrieb, pochte es an sein Zimmer und mit einem andern Bekannten trat »zu seinem fröhlichen Schrecken,« gestiefelt und gespornt, sein lieber Lehrer und Freund Abel herein, der auf der Reise nach Frankfurt einen vollen Tag bei ihm blieb. »Wie herrlich mir in den Armen meiner Landsleute und einiger Freunde die Zeit floß! Wir konnten vor lauter Erzählungen und Fragen kaum zu Athem kommen. Sie haben bei mir zu Mittag und zu Abend gegessen (sehen Sie, ich bin schon ein Kerl, der Tafel hält), und bei dieser Gelegenheit waren meine Burgunderbouteillen wie vom Himmel gefallen. Um sie herumzuführen, bin ich heute und gestern wieder ausgegangen. Schadet nichts, wenn ich jetzt auch später gesund werde, habe ich ja doch ein unbeschreiblich Vergnügen gehabt.«

Dieß schadete auch nicht. Gefährlicher war für die Gesundheit seines Geistes, wie seines Leibes, der Verkehr mit den Schauspielern, dem er sich nicht ganz entziehen konnte, obwohl er damals nur mit Böck, »dem Besten an Kopf und Herzen, und einem wirklich soliden Manne,« recht vertraulich umging. Diese lustigen Leute rißen den jungen Freund in manche Vergnügungen hinein; Verlockung und Reue blieben nicht aus, und das Andenken an gewisse Verirrungen »schlug seinem Herzen Wunden, deren Schmerz noch in den Narben« zückte. Aber die Erinnerungen von Bauerbach schützten und retteten ihn, und er bekannte seiner Freundin, »daß sie viel, unendlich viel an seinem Herzen gebessert und denjenigen zu einem guten Menschen gemacht, der, wenn er schlecht wäre, Gelegenheit hätte, Tausende zu verderben.« In der Stunde der Versuchung schrieb er: »Flehen Sie Gott um Schutz für mein Herz und meine Jugend. Ihre Freundschaft soll mein allmächtiges Gegengift gegen alle Versuchung seyn.«

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