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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 17
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Ankunft in Mannheim. Roth. Frankfurt und Oggersheim.

1782

Gegen zwei Uhr Morgens hatten sie die Station Enzweihingen erreicht. Hier war es, daß während der Rast sich die Reisenden an Schubarts handschriftlichen Gedichten ergötzten, und Schiller seinem Freunde »die Fürstengruft« vorlas, die der unglückliche Gefangene mit der Beinkleiderschnalle der nassen Kerkerwand eingegraben hatte. Nach acht Uhr Morgens athmeten die Fliehenden leichter; die pfälzische Gränze war erreicht. Das düstere Gemüth Schillers erheiterte sich. »Sehen Sie,« rief er, zu seinem Begleiter gekehrt, »sehen Sie, wie freundlich die Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen find! Ebenso freundlich ist auch der Geist der Regierung!«

Abends neun Uhr waren die Reisenden in Schwezingen, und da Mannheim, als Festung, ihnen für diesen Tag verschlossen war, wurde hier übernachtet, und am andern Morgen die beste Kleidung aus den Koffern hervorgezogen, um sich durch scheinbaren Wohlstand Achtung zu verschaffen. Ihre Herzen waren voll Hoffnung: die Theaterdirection, die so viel Vortheil von den Räubern gezogen, konnte ihren Dichter nicht entbehren; Fiesko mußte noch in diesem Jahre aufgeführt werden; eine freie Einnahme, oder ein beträchtliches Honorar deckte nun auf lange alle Bedürfnisse.

Aber in Mannheim verbarg der Theaterregisseur Meier sein Staunen nicht, da er den jungen Dichter, den er in Feste und Zerstreuungen versunken, zu Stuttgart in Gesellschaft seiner Frau dachte, als Flüchtling vor sich stehen sah. Der Weltmann widersprach nicht, nur bestärkte er den jungen Freund, dem er mit seinem Begleiter für eine nahe Wohnung sorgte, und den er zu Tische behielt, in dem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung an den Herzog einzusenden, dessen Festlaune benützt werden müsse. Nach dem Essen setzte sich Schiller im Nebenzimmer an den Schreibtisch und entwarf eine Zuschrift au den Herzog Carl, deren unzweifelhaftes Concept wir jetzt besitzen. »Das Unglück eines Unterthanen und eines Sohnes« schrieb er, »kann dem Fürsten und Vater niemals gleichgültig seyn. Ich habe einen schrecklichen Weg gefunden, das Herz meines gnädigsten Herrn zu rühren, da mir die natürlichen bei schwerer Ahndung untersagt worden sind.« Der Briefsteller erinnert nun seinen Herrn an das bekannte Verbot und erklärt, daß die Verzweiflung ihn auf die Flucht getrieben. Er glaubte es »seinen Talenten und der Welt, die sie schätzte, schuldig zu seyn, eine Laufbahn fortzusetzen, auf welcher er kein gewöhnliches Glück zu machen, und seinem durchlauchtigsten Erzieher, der ersten Quelle seiner Bildung, Ehre zu erwerben, die gewisseste Aussicht hatte.«

»Da ich bisher,« fährt er fort, »nach dem Urtheil Anderer mich als den ersten und einzigen Zögling E. H. D. kannte, der die Augen der großen Welt angezogen hatte, so fürchtete ich mich um so weniger, meine Gaben in Ausübung zu bringen, und setzte allen Stolz, alle Kräfte darauf, dasjenige Werk zu seyn, das den Meister lobte. Daß ich eine Laufbahn verlassen soll, welche mir ausserdem, daß sie mein Einkommen um ein Großes vermehrt, den Weg der Ehre öffnet, fiel mir allzuhart, als daß ich nicht das Letzte gewagt haben sollte, das Herz meines durchl. Fürsten und Vaters zu rühren. Ich mußte befürchten, in Strafe zu fallen, wenn ich das Verbot übertreten und E. H. D. schreiben würde, darum bin ich hierher geflüchtet, fest überzeugt, daß nur das Bild meines Unglücks dazu gehört, das Herz E. H. D. zur Gnade zu lenken ...«

Die Hauptgedanken dieses Briefes hatte Schiller einem früheren schon am 1sten September abgefaßten Schreiben entlehnt, das er an seinen Fürsten entworfen, aber wie es scheint, nicht abgeschickt hatte, und dessen Concept uns nun gleichfalls gerettet ist. Aus der Stelle, die seine pecuniären Hoffnungen berührte, ersieht man, in welchen Täuschungen der Dichter sich bei seiner Ankunft in Mannheim noch wiegte.

Dieses Schreiben wurde einem Briefe an seinen Regimentschef, den General Augé, der die Hauptpunkte enthalten mochte, welche Streicher als Inhalt des Schreibens an den Herzog selbst anführt, beigelegt und au diesen abgesendet. Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die mündliche Antwort des Herzogs durch einen Brief des Generals ein, »daß, da Se. Herzogl. Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten jetzt sehr gnädig wären, Schiller nur zurückkommen solle;« eine ziemlich trostlose Aeußerung, die auf spätere Anfragen einfach wiederholt wurde.

Den Tag nach Schillers Eintreffen in Mannheim war auch Madame Meier von Stuttgart zurückgekommen; diese sorgte recht mütterlich für den Dichter. Ihre Angst, daß ihm nachgesetzt oder seine Auslieferung verlangt werden könnte, schlug Schiller mit seiner festen und gerechten Zuversicht auf die Großmuth seines Herzogs nieder. Doch fand man es rathsam, daß der Flüchtling sich nicht öffentlich zeigte, und auf seine Wohnung und das Meiersche Haus beschränkt blieb.

In dem letztem bereitete sich jetzt die Vorlesung des Fiesko vor, und eines Nachmittags versammelten sich gegen vier Uhr ausser Iffland, Beil, Beck, mehrere Schauspieler; man setzte sich um einen großen runden Tisch, der Verfasser schickte eine kurze Erzählung der Geschichte voran und begann zu lesen. Sein treuer Freund Streicher feierte schon im Stillen den Triumph, wie überrascht diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen ansahen, über die vielen schönen Stellen gleich in den ersten Scenen seyn würden; er erwartete den tiefsten Eindruck. Aber der erste Akt, unter größter Stille gelesen, ärntete kein Zeichen des Beifalls; kaum war er zu Ende, als Beil sich entfernte und die Gesellschaft sich über die Historie des Fiesko, oder über Stadtneuigkeiten unterhielt. Auf die gleiche Weise erging es dem zweiten Akt, und weiter gedieh die Vorlesung nicht. Erfrischungen und ein Bolzenschießen, zu dem auf den Vorschlag eines Schauspielers Anstalt getroffen wurde, machten ihr ein Ende. Alles verlief sich und nur Iffland blieb mit den Freunden zurück. Meier aber zog den jungen Freund Schillers, der sich von seiner innerlichen Entrüstung gar nicht erholen konnte, in's Nebenzimmer, und fragte: »Sagen Sie mir jetzt ganz aufrichtig, wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die Räuber geschrieben?« Auf die zwiefache betheuernde Bejahung dieser wiederholten Frage, und eine staunende Gegenfrage antwortete der Schauspieldirektor: »Ich fragte – weil der Fiesko das allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.« Und dabei blieb er. »Wenn Schiller wirklich die Räuber und Fiesko geschrieben, so hat er alle seine Kraft an dem ersten Stück erschöpft, und kann nun nichts mehr als lauter erbärmliches, schwülstiges, unsinniges Zeug hervorbringen.«

Aeusserst verstimmt, nahm Schiller zeitig mit seinem Gefährten Abschied; erst zu Hause lüftete er seinen Aerger, über Neid, Kabale, Unverstand der Schauspieler klagend. Wenn er nicht als Schauspieldichter angestellt, wenn sein Trauerspiel nicht angenommen werde, so erklärte er sich entschlossen, selbst als Schauspieler aufzutreten, indem eigentlich doch Niemand so deklamiren könne, wie er.

Am andern Morgen suchte Streicher Herrn Meier wieder auf, der ihn mit dem Ausruf empfing: »Sie haben Recht! Fiesko ist ein Meisterstück, und weit besser bearbeitet, als die Räuber. Aber wissen Sie auch, was Schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache, und die verwünschte Art, wie er Alles deklamirt! Er sagt Alles in dem nämlichen, hochtrabenden Tone her, ob es heißt: er macht die Thüre zu, oder ob es eine Hauptstelle seines Helden ist!«

Mit der frohen Botschaft, daß das Trauerspiel vor den Ausschuß und bald auf die Bretter kommen werde, eilte, alles andre verschweigend, der Freund zum Freunde. Indessen wurde, da Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte, dem Rathe der Freunde gemäß, die immer noch ein Auslieferungsgesuch von Stuttgart fürchteten, nach wochenlangem Verweilen in Mannheim von den beiden Genossen eine Reise über Darmstadt nach Frankfurt beschlossen und zwar eine Fußreise, da ihr kleines Capital kaum noch für zwölf Tage reichte, und Schiller aus verschiedenen Gründen sich an die Eltern nicht wenden konnte. Streicher aber schrieb an seine Mutter um einen Zuschuß von dreißig Gulden. Das Unentbehrlichste in der Tasche, schlugen die Reisenden nach Tische den Weg über die Rheinbrücke ein und trafen am andern Abend in Darmstadt ein, wo die Reveille um Mitternacht den armen, dem Rollen der Trommel eben erst entflohenen Dichter unangenehm aus seinen Träumen rüttelte. Der heitere Morgen setzte die müden Füße der Freunde wieder in Bewegung: Schiller fühlte sich während des ganzen Marsches unwohl; nicht mehr ferne von Frankfurt mußte er sich, matt und erblaßt, unter Waldgesträuch in's Gras niederlegen. Streicher setzte sich neben ihn auf einen abgehauenen Baumstamm und hütete mit banger Freundessorge den schlummernden Dichter. Zwei Stunden lang störte die Ruhenden Niemand; endlich weckte ein den einsamen Fußsteig gehender Werbeofficier mit höflichem Gruße den Schläfer, der gestärkt erwachte. Beim Austritte aus dem Walde winkte ihnen das alterthümliche Frankfurt, und war in einer Stunde erreicht.

Die Armuth wies den Freunden ihre Wohnung in Sachsenhausen an, wo der Mainbrücke gegenüber Kost und Wohnung mit dem Wirthe Tag für Tag bedungen wurde. Das erste, was Schiller vom Schlafe gestärkt am andern Morgen unternahm, war ein Brief an Dalberg, den er, wie sein Freund Streicher sagt, »mit gepreßtem Gemüth und nicht mit trockenen Augen« schrieb.

»... Sobald ich Ihnen sage,« steht in diesem Brief, »ich bin auf der Flucht, so hab' ich mein ganzes Schicksal geschildert. Aber noch kommt das Schlimmste dazu. Ich habe die nöthigen Hülfsmittel nicht, die mich in den Stand setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten, ... Ich ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamroth machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse thun muß; aber ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich auch an mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, die jedem freien Schwaben Wachsthum und Vollendung abspricht.« Und nun bittet er den Gönner freimüthig um Unterstützung; er kann seinen Fiesko vor drei Wochen nicht theaterfertig liefern, weil sein Herz so lange beklemmt war, weil das Gefühl seines Zustandes ihn gänzlich von dichterischen Träumen zurückriß. Nun verspricht er sein Stück nicht nur fertig, sondern auch würdig auf jenen Termin zu liefern, bittet aber auch um gütigen Vorschuß des Preises, denn er hat noch 200 fl. nach Stuttgart zu bezahlen; das macht ihm mehr Sorge, als wie er sich durch die Welt schleppen soll; er hat so lange keine Ruhe, bis er sich von der Seite gereinigt hat. Am Ende bittet er nur um einen Vorschuß von 100 Gulden. »Schnelle Hülfe ist Alles, was ich jetzt noch denken und wünschen kann.« In seltsamem Vorgefühle der Antwort zeichnete er » mit entschiedener Achtung,« so ziemlich das Wenigste, was man einem vornehmen Herrn geben kann, »als seiner Excellenz wahrster Verehrer Friedrich Schiller

Die schwerste Last war mit diesem Schreiben von seinem Herzen gewälzt. – Sein Auge, erzählt Streicher, wurde feuriger, seine Gespräche wurden belebter, seine Gedanken, bisher immer mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich jetzt auch auf andere Gegenstände. Auf der Mainbrücke übersahen die Freunde mit Lust die abgehenden und ankommenden Schiffe; der heiterste Abendhimmel spiegelte sich im gelben Strom. »Schiller's überströmende Einbildungskraft gab dem geringsten Gegenstand Bedeutung und wußte die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung zu knüpfen.« Mit der Heiterkeit des Gemüths kehrte dem ganz vom Geiste Abhängigen auch die Eßlust wieder; vor allem aber das Bedürfniß zu produciren. Nach einer leichten Abendmahlzeit ließ sich aus seinem Schweigen, aus seinen aufwärts gerichteten Blicken wahrnehmen, daß er über etwas Ungewöhnlichem brüte. Sein Freund betrachtete ihn mit einer heiligen Scheue und verhielt sich so still als möglich. Erst am andern Abend entdeckte ihm Schiller, daß seit der Abreise von Mannheim seinen Geist ein bürgerliches Trauerspiel » Louise Millerin« beschäftige; und schon nach vierzehn Tagen waren ganze Scenen von »Kabale und Liebe« niedergeschrieben. Den Plan zu diesem Stücke hatte er, nach der Versicherung seiner Schwägerin, schon im Militärarreste zu Stuttgart entworfen. Dort sind jedenfalls die Motive des Stücks zu suchen und leicht zu finden.

Am dritten Morgen, bei Besichtigung der Stadt Frankfurt, besuchten die Freunde auch einige Buchläden. In einem derselben fragte Schiller, der die Maske des Dr. Ritter seit der Barriere von Stuttgart nicht abgelegt hatte, nach dem Absatze der Räuber. Die Antwort fiel so günstig aus, daß der Verfasser, in freudiger Ueberraschung, sein Incognito brach, und von dem Buchhändler mit staunenden, zweifelnden Augen gemessen wurde. Getröstet kehrte der Glückliche nach Hause. »Muth und Selbstgefühl,« sagt seine Schwägerin, »waren ihm zurückgekehrt, und die Ahnung, daß sein Name die Bühnen Europa's füllen werde, trug ihn, gleich einer sanft einhüllenden Wolke, über die düstre Gegenwart hinweg.«

Inzwischen war die Post einigemal vergeblich besucht worden, und erst am fünften Tage streckte man ihnen das an Dr. Ritter überschriebene Paket entgegen. Es waren Freundesbriefe aus Stuttgart, die zur größten Vorsicht riethen, begleitet von einem Briefe Meiers. Nur diesen nahm Schiller unerbrochen nach Sachsenhausen zurück und wollte hier allein die angenehme Nachricht, die er erwartete, herauslesen. Zu Ende mit dem Schreiben blickte er gedankenvoll durch das Fenster hinab auf die Mainbrücke, und nur sein verdüstertes Auge, seine veränderte Farbe kündigten die getäuschte Hoffnung an. Endlich sprach er. Dalberg leistete den Vorschuß nicht, weil Fiesko in dieser Gestalt für das Theater unbrauchbar sey; bevor er sich weiter erklären könne, müsse erst die Umarbeitung vorgenommen seyn.

Der Freund bewunderte in diesem kritischen Augenblicke die Mäßigung und den Anstand Schillers über eine solche Versagung. »Er bewies auch hierin sein reines, hohes Gemüth. Er ließ nicht die geringste Klage hören; kein hartes oder heftiges Wort kam über seine Lippen! ja nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort.« Noch immer baute er einige Hoffnung auf seinen Fiesko; um wohlfeiler leben zu können, beschloß er sich Mannheim und den dortigen hülfreichen Freunden wieder zu nähern. Aber die armen Wanderer waren nach Frankfurt gebannt; »denn bei jedem Griff in den Beutel war schon sein Boden erreicht.« Die von Streichers Mutter erbetene Hülfe war auch noch nicht eingetroffen. In der Noth suchte Schiller ein ziemlich langes, bald darauf verloren gegangenes Gedicht »Teufel Amor,« hervor, mit welchem er selbst sehr zufrieden schien und das der Freund schon aus wiederholter Vorlesung kannte. Damit ging Schiller zu einem Buchhändler, vielleicht demselben, der ihn gestern bewundert hatte: – aber er kam ganz mißmuthig zurück, denn er hatte fünfundzwanzig Gulden verlangt und der Krämer nur achtzehn geboten; Schiller aber wollte lieber Noth leiden, als seine Poesie an einen Knicker, der sie nicht schätzte, wegwerfen.

Endlich kamen die dreißig Gulden für Streicher an, als der Reichthum der Verbrüderten nur noch in Scheidemünze bestand. Der aufopfernde Freund verzichtete auf seinen Hamburger Plan; schon am andern Morgen fuhren beide auf dem Marktschiffe nach Mainz, bewunderten am andern Tage als Fußwanderer »den ächt deutschen Eigensinn, mit welchem Rhein und Main auch vereinigt die blaue und gelbe Farbe getrennt halten,« stärkten sich in Nierenstein mit dem Wein der Ritterromane, dessen Ruf sie größer fanden als seinen Geschmack, und dessen Kraft sie als einen wahren »Herzenströster« erst erkannten, als er ihre müden Füße im Freien wieder beflügelte, und kamen endlich, die letzte Station zu Wagen, in Worms an.

Hier beschied sie am andern Morgen ein Brief Meiers nach Oggersheim in die Herberge zum Viehhof, wo sie Nachmittags mit dem Meier'schen Ehepaar und zwei Verehrern des Dichters zusammentrafen. Schiller erhielt von Meier die Versicherung, daß der Fiesko unbezweifelt aufgenommen werde, so bald er um mehrere Scenen abgekürzt, und der fünfte Akt ganz beendigt sey. Sein auf Dalberg gesetztes Vertrauen sah der Getäuschte somit durch neue Ausflüchte vereitelt. Dennoch ließ er keine Spur von Empfindlichkeit blicken. »Mit der freundlichen, männlichen Art, die ihm im Umgange ganz gewöhnlich war,« leitete er das Gespräch auf Bestimmung des Orts, wo er das Stück am ruhigsten ausarbeiten könnte, und Oggersheim selbst, nur eine Stunde von Mannheim gelegen, wurde dazu am tauglichsten befunden. Die von Madame Meier dem Reisenden behändigten Briefe von Stuttgart empfahlen noch immer die möglichste Verborgenheit. Schiller wurde deßwegen sofort auf's Neue umgetauft, vor dem Wirthe mit Doktor Schmidt angeredet und als solcher installirt, indem Kost und Wohnung auch hier auf den Tag bedungen ward.

Der Abend trennte die Gesellschaft. Am andern Morgen kam Koffer und Clavier aus Mannheim. Die nächsten acht Tage verließ Schiller, ganz mit seinem bürgerlichen Trauerspiele beschäftigt, das seinem Dichtergeiste keine Ruhe ließ, nur auf Minuten das Zimmer. Sein Freund versüßte ihm die langen Herbstabende mit Clavierspiel, denn er wußte von Stuttgart her, daß die Musik alle Affekte in ihm in Bewegung zu setzen vermochte. Wie erwünscht war es ihm, »seine Begeisterung unterhalten, und das Zuströmen der Gedanken dem Dichter erleichtern zu können,« Schiller aber richtete schon am Mittagstische mit der bescheidensten Zutraulichkeit die Frage an ihn: »Werden Sie nicht heute Abend wieder Clavier spielen?«

Gleich der Entwurf des neuen Stückes war auf die eigentliche Persönlichkeit der Mannheimer Schauspieler angelegt, und die Freunde freuten sich im Voraus, wie naiv-drollig Herr Beil den Musicus Miller darstellen werde. Inzwischen trat dem Dichter der Plan immer bestimmter hervor, und er ruhte nicht, bis die Gestalt des Ganzen zum Voraus entschieden war. Erst nach Wochen konnte er die gewünschten Veränderungen im Fiesko vornehmen, ohne daß er jedoch über den Schluß mit sich einig zu werden vermochte; denn in der Geschichte ertrinkt der Held durch einen untragischen Zufall. Nur die Nothwendigkeit trieb ihn nach einem Monate zur Vollendung.

 

Der Aufenthalt in Oggersheim hatte wenig Angenehmes für den Dichter; die flache Gegend sagte dem an Gebirge gewöhnten Württemberger nicht zu; sein rauher Wirth quälte Frau und Tochter, die sanft und freundlich waren, mit seiner heftigen Gemüthsart. Nur der Krämer des Orts, Derain mit Namen, besaß einige Bildung; er trieb Politik, Literatur und Aufklärung des Landvolkes zum Nachtheile seines Handels, um den er sich, bei einigem Vermögen, wenig bekümmerte; sein Gemüth war von der edelsten Art, und eine große Bescheidenheit machte seinen Umgang angenehm. Dieser Mann war durch einige Blätter der verworfenen Recension des Fiesko und der Skizzen zur Millerin, welche der Wirthin in die Hände fielen, auf den jungen Fremden aufmerksam geworden, denn die Frau hatte dem Handelsmanne, bei welchem sie durch ein geliehenes Buch manchmal Trost für ihre häuslichen Leiden suchte, die Manuscripte, deren Sprache ihr ganz neu war, mitgetheilt; er aber brachte den Fund zu seinem Freunde, dem Kaufmann Stein in Mannheim, der eine sehr reizende, und in der schönen Literatur bewanderte Tochter hatte. Streicher war an dieses Haus empfohlen und das schöne Mädchen schmeichelte ihm sein Geheimniß ab, in das sofort auch Herr Derain gezogen wurde, der die Bekanntschaft des jungen, und doch schon so berühmten Mannes, unter Gelobung der tiefsten Verschwiegenheit machen zu dürfen bat. Seine Freundschaft war für Schiller in den trüben, nebligen Novemberabenden eine wahre Erquickung, und dauerte auch in den nächstfolgenden Jahren noch fort.

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