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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 15
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
firstpub1840
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1782.

Als Schubart, den wir in mehr als Einer Beziehung den Vorläufer Schiller's nennen dürfen, im Jahr 1774 die ersten Blätter seiner deutschen Chronik in Augsburg zu drucken angefangen, hatte er am Schlusse seiner Anzeige gesagt: »Und nun werf' ich mit jenem Deutschen, als er London verließ, meinen Hut in die Höhe und spreche: o England, von deiner Laune und Freiheit nur diesen Hut voll.« Da erhub sich der damalige Bürgermeister Augsburgs, von Kuhn, im Senate und sprach: »Es hat sich ein Vagabund eingeschlichen, der begehrt für sein heilloses Blatt einen Hut voll englischer Freiheit! Nicht eine Nußschale voll soll er haben!«

Auch unserm Dichter wurde auf die Freiheitspetition, die in seinen Räubern enthalten war, die Nußschale verweigert. Freilich hatte das Stück ein Aufsehen erregt, das für die bürgerliche Gesellschaft beängstigend zu werden anfing. Im Monate der Aufführung selbst waren die achthundert Exemplare der ersten Austage vergriffen, »auf unreife Knaben und Jünglinge hatte das Stück oft wie ein Absud von Tollheit gewirkt, und manchen, welche der Zuchtruthe zu früh entlaufen waren, den leeren Kopf mit phantastischem Räuberspucke angefüllt.« In einer großen Handelsstadt (in Leipzig) war eine Knabenverschwörung entstanden, welche sich die Räuber zu einem Streifzug in den Böhmerwald zum Vorbilde genommen. Räuberdramen und Banditenromane überschwemmten Deutschland. Endlich sah auch die Polizei eine Kriegserklärung gegen die menschliche Gesellschaft in dem Stücke, und nach wiederholter Aufführung des Schauspiels wurde diese untersagt.

Dem Herzog Carl von Württemberg, welcher Aufklärung, Geist und Wissenschaft allerdings, aber nur innerhalb der engsten Gränzen des Staates und unter steter Bevormundung seines Oberhauptes befördert wissen wollte, mußte das ganze Stück ein Gräuel seyn. Gehässige Anspielungen auf den Herzog, seine nächsten Umgebungen und seine Leidenschaften konnten aus den Räubern wenigstens ohne Mühe herausgedeutet werden. Schon einige Gedichte, namentlich eines auf den Tod eines Offiziers, Der Offizier war der in Württembergs Geschichte wohlbekannte Rieger, und das Gedicht findet sich jetzt bei Boas I. 62 f. das ihm verschiedene Seiten der fürstlichen Existenz zu verletzen schien – wie Schillers Schwägerin sich ausdrückt – hatte des Herzogs Mißfallen erregt, während er bisher nicht ohne Lust das emporstrebende Talent des Zöglings seiner Akademie bemerkt hatte, und dessen wachsender Ruhm ihm an und für sich nur schmeicheln konnte; wie er denn nach Schiller's eigener Bemerkung sich sogar in einigen Handschreiben, die sein Verhältniß zum Herzoge veranlaßte, durch die damalige, gedankenstrichreiche Schreibart des jungen Dichters unwillkührlich zur Nachahmung hinreißen ließ.

Nach der Aufführung der Räuber trübte sich in diesem Bezüge der Horizont immer mehr. »Noch hatte,« schreibt Frau v. Wolzogen, »der fürstliche Erzieher seinen Zögling nicht aufgegeben, noch hoffte er sein Talent auf eine vorgeschriebene Bahn zu leiten; er ließ ihn zu sich kommen, warnte ihn auf väterliche Art vor Verstößen gegen den bessern Geschmack, wie er solche häufig in seinen Produkte finde; Der Herzog hatte vollkommen Recht. wobei Schiller nicht ungerührt bleiben konnte. Aber dem Befehle, ihm alle seine poetischen Produkte zu zeigen. Genüge zu leisten, war Schillern unmöglich, und seine Weigerung wurde natürlicher Weise nicht wohl aufgenommen. Kein einsichtiger und wohlwollender Vermittler fand sich, und eine off'ne, freie Discussion war in diesem Verhältnisse nicht leicht möglich.«

Schiller's erste Reise nach Mannheim war glücklicher Weise unentdeckt geblieben. Aber ein anderer Umstand sollte den Herzog plötzlich an die Räuber erinnern. In den beiden Ausgaben des Stückes, in der dritten Scene des zweiten Aktes, fand sich in der Rede Spiegelberg's nach den Worten: »auch gehört dazu noch ein eigenes Nationalgenie, ein gewisses Spitzbubenklima,« die Stelle: »und da rath' ich dir, reis' du in's Graubündtner Land, das ist das Athen der heutigen Gauner.« Schwerlich war dieß ein »damals in Schwaben gebräuchlicher Volksausdruck,« wohl aber waren die Schwaben, Volk und Regierung, auf die Schweizer überhaupt, und umgekehrt, nicht sonderlich gut zu sprechen; die schweizerischen Regierungen lagen mit den württembergischen Censurbehörden beständig im Streite, und die gegen Württemberg gerichteten Schriften wurden dafür in der Schweiz gedruckt. So scheint die Feder des Dichters von einer kleinen Nationalrancune geführt worden zu seyn. Die Graubündtner nahmen dies übel auf, und man beschwerte sich von dort aus im Hamburger Korrespondenten über die Stelle. Nun fand sich in Ludwigsburg ein niedrig denkender Mensch, wie es scheint ein persönlicher Feind Schiller's, der Garteninspektor Walter (Verfasser eines noch jetzt sehr verbreiteten Gartenbuches), welcher sich durch eine Angeberei das Bürgerrecht in Graubündten zu verdienen hoffte. Er setzte sich mit dem Verfasser des Artikels im Correspondenten in briefliche Verbindung und rühmte sich gegen denselben in seiner ungebildeten Sprache, wie folgt: »Ich hatte nicht sobald Ihre Apologie vor Bünden gelesen, so machte ich sogleich Anstalt, daß es auch mein Souverain bekam. Dieser verabscheute das Betragen sehr, ließ solchen vor sich rufen, wäschte solchen über die Maßen, bedeutete ihm bei der größten Ungnade, niemals weder Komödien noch sonst was zu schreiben! sondern allein bei seiner Medicin zu bleiben.«

Walter verdient unter den Verräthern des Geistes so gut seine Stelle, wie jener niederträchtige Beamte, der den unglücklichen Schubart nur fünf Jahre früher von Ulm nach Blaubeuren in die Falle gelockt hatte. Auch fürchtete sich Schiller fortan vor einem ähnlichen Schicksale. Sein Freund, der Tonkünstler Zumsteeg, war der erste, der ihn, durch Verhältnisse und Connexionnen bei mächtigen Familien eingeführt, von der Gefahr unterrichtet hatte, in welcher er schwebe. Nach dem strengen Verweise des Herzogs schrieb er an einen Freund in Mannheim, wahrscheinlich an den Schauspieler Beil: »Ich denke längst in den Angelegenheiten, wobei man mich jetzt unter eine, den Geist fesselnde Kuratel setzen möchte, mündig gewesen zu seyn; das Beste ist, daß man solchen plumpen Fesseln ausweichen kann; mich wenigstens sollen sie nie drücken, und ich eile nächstens, in der gewissen Ueberzeugung, eine Freistatt zu finden, in Ihre Arme.« Noch bestimmter spricht er sich in einem Brief an einen andern, uns unbekannten Freund aus: »Ich muß eilen, daß ich von hier wegkomme; man möchte mir am Ende gar in Hohenasperg, wie dem ehrlichen Schubart, ein Logis anweisen. Man redet von besserer Ausbildung, die ich bedürfen soll. Es kann seyn, daß man mich in Hohenasperg anders bilden würde; aber man lasse mich nur immerhin bei meiner jetzigen Ausbildung, die ich gern im geringeren, aber mir gefälligeren Grade besitzen will; denn so verdanke ich sie doch meinem freien Willen und der – Zwang verachtenden – Freiheit.« Und später noch schreibt Schiller: »Die Räuber kosteten mich Familie und Vaterland. Mitten im Genusse des ersten verführerischen Lobes, das unverhofft und unverdient aus entlegenen Provinzen mir entgegen kam, untersagte man mir in meinem Geburtsorte, bei Strafe der Festung zu schreiben.«

Vergebens hatte sich Schiller mit der Bemerkung vertheidigt, »daß er die den Graubündtnern mißfällige Rede nicht als eine Behauptung aufgestellt, daß er sie dem schlechtesten von allen Räubern in den Mund gelegt«; es blieb bei der Weisung, daß er alles weitere in Druck geben seiner Schriften, wenn es nicht medicinische wären, zu unterlassen und sich aller Verbindung mit dem Auslande zu enthalten, sich blos auf seinen Beruf als Arzt und auf die Stadt, worin er lebe, einschränken sollte.

Dieser harte Befehl traf den Jüngling gerade, und deßwegen um so härter, im Strudel neuer Unternehmungen und Plane. In Rousseau hatte er gelesen, »daß der Charakter des Fiesko einer der merkwürdigsten sey, welche die Geschichte aufzuweisen habe,« und er hatte dieses Charakters schon in seiner medicinischen Probeschrift gedacht. »Entschieden,« sagt Hoffmeister, »wurde die Wahl dieses dramatischen Stoffes hauptsächlich dadurch, daß dieser Gegenstand der Grundidee seiner Räuber so nahe lag.« Er machte zu diesen neuen Stücken, während er gleichzeitig an einer medicinischen Doktorsdissertation arbeitete, gerade die eifrigsten historischen Studien, und wenn es auch nicht möglich ist, was Scharffenstein behauptet, daß er das Schauspiel schon halbfertig aus der Carlsakademie gebracht habe, so zweifelte er doch gegen Dalberg (1. April 1782) nicht, »daß er zu Ende dieses Jahres die Verschwörung von Genua vollendet sehe, woran er schon einen großen Theil vorausgearbeitet habe.« Dieser Stoff verdrängte in seiner Seele den Götz von Berlichingen, an dessen Umarbeitung er sich gerne gewagt hätte, wenn er es hätte können, ohne Göthe zu beleidigen. Neben seiner neuen dramatischen Arbeit hatte Schiller, als das Verbot des Herzogs an ihn erging, sich eben auch mit Professor Abel und seinem Freunde Petersen zur Herausgabe des »württembergischen Repertoriums,« das an die Stelle von Haug's »schwäbischem Magazin« treten sollte, vereinigt, und es erschienen von dieser Zeitschrift drei Hefte, in welchen sich von Schiller selbst, unter verbergenden Chiffern, ein Aufsatz über das gegenwärtige deutsche Theater, ein anderer, der Spaziergang unter den Linden, eine Novelle, die Selbstrezensionen der Räuber aus der Anthologie, sowie einige andere Beurtheilungen befinden. Bei Hoffmeister findet man Ausführlicheres darüber.

Unter diesen Beschäftigungen überraschte ihn das Verbot des Herzogs und bestürmten ihn Unannehmlichkeiten aller Art. Durch den Selbstverlag der Anthologie war die Schuld des Räuberdrucks auf 200 Gulden erhöht worden, sein mäßiger Gehalt als Regimentsmedicus deckte kaum die täglichen Bedürfnisse; von einer wiederholten Reise nach Mannheim zur zweiten Aufführung der Räuber (25. Mai 1782), wohin ihn Freundinnen seiner Muse begleiteten, und wo ihm Bewunderung und Liebe entgegenflog, kam er an der Grippe krank und äußerst verstimmt in seine Vaterstadt zurück, und schrieb, kaum genesen, an seinen Gönner Dalberg (4. Juni 1782), daß durch diese glücklichste Reise seines Lebens »Stuttgart und alle schwäbischen Scenen ihm unerträglich und eckelhaft geworden. Unglücklicher kann bald Niemand seyn, als ich. Ich habe Gefühl genug für meine traurige Situation, vielleicht auch selbst Gefühl genug für das Verdienst eines besseren Schicksals, und für beides nur eine Aussicht. Darf ich mich Ihnen in die Arme werfen, vortrefflicher Mann? Ich weiß, wie schnell sich ihr edelmüthiges Herz entzündet, wann Mitleid und Menschenliebe es auffordern; ich weiß, wie stark Ihr Muth ist, eine schöne That zu übernehmen, und wie warm Ihr Eifer, sie zu vollenden. Meine neuen Freunde in Mannheim, von denen Sie angebetet werden, haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt, aber es war diese Versicherung nicht nöthig, ich habe selbst, da ich das Glück hatte, eine Ihrer Stunden für mich zu nutzen, in Ihrem offenen Anblick weit mehr gelesen. Dieses macht mich nun auch so dreist, mich Ihnen ganz zu geben, mein ganzes Schicksal in Ihre Hände zu liefern, und von Ihnen das Glück meines Lebens zu erwarten. Noch bin ich wenig oder nichts. In diesem Norden des Geschmacks werde ich ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterne und ein griechisches Clima zum wahren Dichter erwärmen würden.« Er hoffte von seinem Gönner Hülfe durch einen oder zwei Briefe an den Herzog; und da Dalberg »weniger Schwierigkeit in der Art ihn zu Mannheim zu employiren, als in dem Mittel, ihn von Stuttgart weg zu bekommen« zu finden scheine, so gab er ihm in einer Beilage drei Gründe an die Hand, durch welche er bei seinem Fürsten »seine Entschwäbung« bewirken sollte, indem diese vor der Hand nur als ein temporärer Aufenthalt beim Mannheimer Nationaltheater dargestellt würde.

Schiller erhielt auf diesen hingebenden Brief eine »gnädige« aber nicht befriedigende Antwort. Am 15. Juli schrieb er dem Freiherrn wieder, und erzählt ihm, daß er wegen seiner letzten Reise nach Mannheim vierzehn Tage in Arrest gesperrt worden, und daß er mit seinem Landesherrn deßwegen eine persönliche Unterredung gehabt. »Wenn E. E. glauben, daß sich meine Aussichten, zu Ihnen zu kommen, möglich machen lassen, so wäre meine einzige Bitte, solche zu beschleunigen. Warum ich dieses jetzt doppelt wünsche, hat eine Ursache, die ich keinem Brief anvertrauen darf ...« Weiter meldet ihm nun Schiller, daß sein Fiesko bis in die Mitte des August fertig werde. Dann folgt die merkwürdige Stelle: »die Geschichte des Spaniers Don Carlos verdient allerdings den Pinsel eines Dramatikers, und ist vielleicht eines von den nächsten Sujets, das ich bearbeiten werde.« Man sieht daraus, daß Schiller seinem kalten und ungetreuen Gönner wenigstens Eins verdankte – die Idee zum Don Carlos. –

Jener Brief scheint unbeantwortet geblieben zu seyn. Inzwischen wurde des Dichters Lage immer drückender und die Ungnade des Herzogs, der ihm vor seinem Arrest den Degen persönlich abzugeben befohlen, immer entschiedener. Sein Dichtergenius, der den Vorschlag, seinen Fürsten durch ein Lobgedicht zu versöhnen, mit Widerwille« von sich wies, konnte es in dieser Lage nicht mehr aushalten.

Aber auch auf Schiller's Charakter wirkte das Mißverhältniß des Geschickes zu seinem Rufe nicht vortheilhaft, und selbst in dieser Beziehung darf von seiner Flucht in die Welt, die sich nun vorbereitete, und von aller Noth, die mit derselben begleitet war, gesagt werden: »Es war ihm zum Heile, es riß ihn nach oben.« Ein unbekannter, bisher wenig beachteter Zeitgenosse schildert die Stimmung unseres Dichters in dieser Periode als eine menschenfeindliche, und wendet auf ihn dessen eigene Worte an: »die schonende Delikatesse des Umgangs machte einem gebieterischen, entscheidenden Tone Platz, der um so empfindlicher schmerzte, weil er nicht auf den äußerlichen Abstand, worüber man sich mit leichter Mühe tröstet, sondern auf eine beleidigende Voraussetzung der persönlichen Erhabenheit gegründet war.« Je gekränkter er sich vom Schicksale fühlte, um so stolzer wurde der junge Dichter; eine Schaar Bewunderer, aus unbedingten Freunden gebildet, umgab ihn, und was nicht in diesen Ton einstimmte, schien ihm, weil es nicht im Augenblicke für ihn war, wider ihn zu seyn. Sein Ruhm, meinte er, sollte alle Hindernisse, selbst die des äußerlichen Fortkommens, auf einmal besiegen. Um dieser Wirkung nachzuhelfen, wurden sogar jene kleinlicheren Mittel, durch welche die Ruhmsucht den eigenen Namen auf die Bahn zu bringen weiß, nicht verschmäht. So interessant, ja so uneigennützig Schiller's anonyme Selbstkritiken in mancher Beziehung erscheinen, so ganz er sich von seinen Werken mochte isoliren können, sobald er sie der Oeffentlichkeit übergeben hatte, so scheinbar kalt und parteilos sein Urtheil über sich selbst, wie das eines fremden Kunstrichters lautete, so wurde dieß ganze Verfahren doch gewiß hauptsächlich von dem Bestreben veranlaßt, von sich, als literarischer Person, reden zu machen, und hinter der Maske der Unparteilichkeit verbarg sich Eigenliebe genug, und Absicht wie Gabe, bei einer Abrechnung von Tadel und Lob, den Ueberschuß des letztern gehörig geltend zu machen. Anonyme Selbstrezension der Anthologie (Bei Boas, II, 322) »Acht (Gedichte) an Laura gerichtet, in einem eigenen Tone, mit brennender Phantasie und tiefem Gefühl geschrieben, unterscheiden sich vorteilhaft von den übrigen. Aber überspannt sind sie alle und verrathen eine allzuunbändige Imagination; hie und da bewerfe ich auch eine schlüpfrige, sinnliche Stelle in platonischen Schwulst verschleiert. Das Gedicht an Rousseau, die Elegie auf einen Jüngling u.s.w. enthalten starke, kühne und wahr poetische Züge. Zärtlich, weich und gefühlvoll sind die Kindsmörderin, der Triumph der Liebe (wahrscheinlich auf ... Veranlassung der Nachfeier der Venus von Bürger geschrieben) an mein Täubchen, an Minna u.s.w. In einigen andern, als z. B. dem Fragment au einen Moralisten, vorzüglich den Kastraten und Männern, der Vergleichung, und einigen Sinngedichten fällt ein schlüpfriger Witz und Petronische Unart auf. Einige darunter sind launig und satirisch ... doch sehr oft ist der Witz auch gezwungen und ungeheuer. Im Ganzen sind fast alle Gedichte zu lang, und der Kern des Gedankens wird von langweiligen Verzierungen überladen und erstickt ... Dessen ungeachtet hat diese Sammlung manche ihrer Schwestern in Schatten gestellt, und zu wünschen wäre es immer, daß Deutschland mit keiner schlechtern heimgesucht würde ... Diese Anthologie scheint sich jedoch, wenn sie die Absicht hätte, jedermänniglich zu gefallen, schlimm betrogen zu finden: denn der darin herrschende Ton ist durchaus zu eigen, zu tief, zu männlich, als daß er unsern zuckersüßen Schwätzern und Schwätzerinnen behagen könnte.«

Ausserdem daß Alles, was hier gesagt ist, besser von einem Andern gesagt worden wäre, sieht man auch in dieser Selbstbeurtheilung, wie in Sachen der Poesie es so etwas ganz andres ist um's Wissen, als um's Können.
Daneben benützte er sein Repertorium, wie gleichzeitig die Anthologie, nicht nur sich selbst hervorzuheben, sondern literarische Feindschaft auf nicht ganz ungehässige Weise zu üben. So scheute er sich z. B. nicht, einen seiner edelsten Lehrer, vielleicht für eine unbedeutende Zurechtweisung Rache nehmend, auf eine hämische und ungutmüthige Weise in einer literarischen Beurtheilung zu verletzen.

Wäre der Dichter lang in dieser geistig gedrückten Lage geblieben, so hätten jene Unarten, welche bald in der hohen Schule der Weltweisheit verwischt wurden, die er in doppeltem Sinne, im praktischen wie im theoretischen durchzumachen sich genöthigt sah und gedrungen fühlte, leicht zu einem Charakterfehler verwachsen können, den er freilich mit vielen Literaten getheilt hätte, welche Uebermuth, Selbstlob und unedle Rache bis zum Ekel üben, ohne daß sie darauf denken, diese Jugendsünden durch unsterbliche Werke in Vergessenheit zu bringen.

Die Vorsehung sorgte durch das erziehende Schicksal dafür, daß an dem großen Geiste keine entstellende Makel haften blieb. In dem Augenblicke, wo, wie er selbst später schrieb, noch der Ausspruch der Menge sein schwankendes Selbstgefühl lenkte, wo das warme Blut des Jünglings durch den freundlichen Sonnenblick des Beifalls munterer floß, wo tausend einschmeichelnde Ahnungen künftiger Größe seine schwindelnde Seele umgaben, und der göttliche Nachruhm in schöner Dämmerung vor ihm lag, hatte sie beschlossen, ihn zu enttäuschen, und reichte ihm anstatt des Taumelkelches der Lust und des Ruhms den Wermuthsbecher der Noth und der Entbehrung.

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