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Schiller's Leben

Gustav Schwab: Schiller's Leben - Kapitel 13
Quellenangabe
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authorGustav Schwab
titleSchiller's Leben
publisherVerlag S. G. Liesching
year1859
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Schillers erste Lyrik

1781 ff.

Wären die lyrischen Gedichte Schillers, welche gleichzeitig mit den Räubern entstanden und großentheils unmittelbar nach dem Drucke dieses Stücks ans Licht traten, als selbstständige Werke der Poesie zu betrachten, so könnte die Kunstkritik nur ein verwerfendes Urtheil über sie aussprechen. Dieselben sind zum größten Theile in der »Anthologie« enthalten, welche von dem jungen Dichter in Verbindung mit einigen Freunden im Jahr 1781 veranstaltet worden und im Jahr 1782 »gedruckt in der Buchdruckerei zu Tobolsko,« in Wahrheit bei J. B. Metzler in Stuttgart, erschienen ist. Die Veranlassung gab der verunglückte schwäbische Poet Gotthold Friedrich Stäudlin Geb. zu Stuttg. 1760, Kanzleiadvokat daselbst. Er gab den Schwäbischen Musenalmanach von 1782–1787 heraus. durch seinen Musenalmanach, zu welchem Schiller selbst fürs Jahr 1782 einen Beitrag geliefert hatte. Plötzlich aber entzweiten sich beide, und die Anthologie sollte nun den mittelmäßigen farblosen Musenalmanach »zermalmen.« Der junge Dichter fand jedoch, nach Scharffensteins Versicherung, wenig Anhang. »Seine Fahne hatte etwas Unheimliches, Energisches, das sentimentale, weichliche poetische Rekruten eher abschreckte, als anzog.« Die mit M., O., P., v. R., Wd. und Y unterschriebenen, wahrscheinlich auch einige andere, im Ganzen ungefähr vierzig Gedichte der Anthologie sind von Schiller, das übrige sind ziemlich geistlose Epigramme, Zoten und Oden einiger andern Akademisten. Des Grafen von Zuccato aus Parenzo in Istrien, Ferd. Pfeifer's aus Pfullingen, Petersen's u. A.

Schiller selbst hat die meisten dieser lyrischen Jugend-Produkte verdammt und nur einen Theil derselben in die Sammlung seiner Gedichte, und auch diese nur als »Produkte eines wilden Dilettantismus,« das heißt als solche, die auf Kunstbildung keinen Anspruch machen, aufgenommen. Die meisten werden in Mangel an Geschmack, in aufgedunsenen Redensarten, im Gemengsel heterogener Bilder nur durch die ungemein rohe prosaische Zueignung an den Tod übertroffen; manche haben, vom Brodstudium des Dichters her, einen höchst widerlichen medicinischen Beigeschmack und anatomischen Geruch; in den Liedern an Laura ist viel überwallendes, unreines Blut, und selbst »der Venuswagen,« eine unförmliche Rhapsodie gegen die Wollust, welche nicht in der Anthologie steht, sondern abgesondert schon im Jahr 1781 bei Metzler erschien und einige schöne, selbst rührende Stellen mitten unter Bombast und »Klingklang« enthält, zeigt ebensoviel Spuren von Lüsternheit als Entrüstung.

Welche vollendete Blumen des Liedes hat Göthe's Poesie im gleichen Jugendalter hervorgetrieben, neben welchen diese Auswüchse von einem gebildeten Auge nicht ertragen werden können! Kein Wunder, daß dem Dichter, so bald der gereinigte Schönheitssinn in seinem Geiste zu herrschen anfing, nur acht Jahre später die der Anthologie einverleibte Operette Semele recht in der Seele zuwider war, und er (30. April 1789) an eine Freundin in Weimar schrieb: »daß Sie der Semele erwähnen, hat mich ordentlich erschreckt. Mögen es mir Apoll und seine neun Musen vergeben, daß ich mich so gröblich an ihnen versündigt habe.«

Ueberdies war weder die Form, in welcher die Begeisterung in diesen lyrischen Gedichten auftrat, noch ihre Sprache etwas eigentlich Neues und Originelles. Die Sturm- und Drangsperiode, wie die unordentlichen Ausbrüche eines negativ wirkenden, nationalen Freiheitsgelüstes in der Literatur jener Zeit genannt werden, thut sich auch in diesen ersten Versuchen Schillers kund und erscheint in ihnen als nichts Ursprüngliches, sondern, so weit jene Töne lyrisch seyn wollen, Angelerntes. So zuversichtlich uns von mehreren Seiten versichert wird, daß Schiller keine nähere Verbindungen mit Schubart gehabt, den er nur ein oder einigemal auf der Festung aus Theilnahme an seinem Schicksal besucht habe, ja daß er erst auf seiner Flucht nach Mannheim sich ernstlich mit einem Hefte ungedruckter Gedichte Schubarts beschäftigt, so zeigt doch die auffallende Aehnlichkeit der stürmischen Gedankenbewegung, der erhaschten Gegensätze, der grellen Bilder, der übertriebenen Sprache, welches Vorbild ihm bei vielen derselben vorgeschwebt; und wenn selbst der Styl in den Räubern nicht selten an Schubarts Chronik erinnert, wenn er sein »Gedicht auf die schlimmen Monarchen«, dieses Seitenstück zu Schubarts Fürstengruft, in jenes Blatt einrücken lassen: so ist kaum zu glauben, daß ihm Schubarts Gedichte nicht längst sollten bekannt gewesen seyn und daß er auf der Flucht sich zum erstenmal an ihnen erbaut hätte.

Wenn nun weder die Form dieser lyrischen Jugendgedichte Schiller's classisch, noch ihr Gehalt und Ton neu zu nennen ist, Einer der frischesten Klänge tönt in dem letzten Gedichte »die Winternacht,« in welchem der Friedrich gewordene Fritz spricht, das also wohl (s. oben) von Schiller selbst ist. Mit dem wohlthätigen Bewußtseyn der herrlichsten Erfüllung verweilen wir hier bei der letzten Strophe, mit welcher die ganze Anthologie schließt, wo der Dichter von den zerplatzten Saifenblasen der Jugendpläne redend, ausruft:

»Hauch immer zu, und laß die Blasen springen!
Bleibt nur dieß Herz noch ganz!
Und bleibt mir nur, errungen mit Gesängen,
Zum Lohn ein teutscher Lorbeerkranz.«
und wenn wir so ziemlich dem Kritiker beistimmen müssen, der, was Schiller damals dichtete, für gespannt, unnatürlich und nicht selten voll Ziererei erklärt, und bemerkt, daß er, ohne für sein Eigenthümliches noch die rechten Worte zu haben, gewissermaßen nach allen Seiten hin zu wandeln versuchte, sich aber für's erste mit längst gebahnten Wegen begnügte; Franz Horn's Poesie u. Bereds. d. D. III, 345. so wird unser Urtheil sich doch bedeutend modificiren, sobald wir jene lyrischen Gedichte nicht als selbstständige Organismen, sondern zum Theil gleichsam als die Feilspäne betrachten, welche dem cyklopischen Arbeiter unter Schärfung des geschmiedeten Donnerkeils, unter Dichtung der Räuber, von der schaffenden Hand stäubten. Wir werden dann immer noch das Korn jener, auch unförmlichen, aber genialen Poesie in ihnen erkennen: in den »Phantasien und Liedern an Laura« setzt sich, die Blutwallungen abgerechnet, die ganz der Subjectivität des Dichters gehören, Amaliens Gestalt und Moor's Liebe zu ihr in allerlei Variationen fort, in »Rousseau,« in den »schlimmen Monarchen« concentrirt sich auf's neue die Opposition gegen Vorurtheil und Knechtschaft, die den schnaubenden Athem der Räuber bildet, das »Monument Moor's, des Räubers« ist eine Rekapitulation und Apologie seiner Idee, »Kastraten und Männer« ist ein zweites Räuberlied, und in der »Bataille« hallt die Räuberschlacht wieder. Auch sind diese Jugendgedichte nur im Geleite jenes Drama's unter das Publikum geschlüpft und haben sich bald wieder verloren, so daß die Anthologie, welche sie enthielt, frühzeitig zu den seltenen Büchern zu rechnen war.

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