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Schiffer Worse

Alexander Lange Kielland: Schiffer Worse - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorAlexander Kielland
titleSchiffer Worse
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 20
year1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidce2c8467
created20070108
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Zweites Kapitel.

»Sarah! Du gehst heute nachmittag zur Versammlung,« sagte Madame Torvestad zu ihrer ältesten Tochter.

»Ja, Mutter.«

»Schiffer Worse ist heimgekommen; ich will zu ihm hinübergehen, um ihn zu begrüßen. Der arme Mann wandelt wohl noch in seinen Sünden, ohne das Bedürfnis, des Zutritts zum Gnadenstuhl mit den Brüdern teilhaftig zu werden. Denk dir, Sarah! wenn eine von uns ein Werkzeug in der Hand des Herrn zur Rettung dieses Irrenden werden könnte!«

Madame Torvestad blickte ihre Tochter fest an; Sarah aber, welche am Küchentisch stand und das Mittagsgeschirr aufwusch, erhob ihre Augen nicht, die großen dunkeln Augen mit den langen Wimpern und den starken schwarzen Augenbrauen.

»Du könntest wohl unter den Brüdern anfragen, ob nicht der eine oder der andere den Drang fühlen möchte, zu uns herüberzukommen, um das, was in der Versammlung gesagt wurde, zu besprechen, und so einander gegenseitig in der Gemeinschaft der Gnade zu stärken und zu befestigen,«

»Ja, Mutter.«

Madame Torvestad ging in die Wohnstube zurück, die etwas finster war, weil sie nach dem Hinterhof hinaus lag. Das Zimmer war hübsch und solide möbliert und es sah sauber und ordentlich, aber etwas ungemütlich darin aus.

Sie war die Witwe des Vorstehers der Herrnhuter Brüdergemeinde und diese hatte nach dem Tode desselben keinen neuen Vorsteher erhalten. Denn die Zahl der eigentlichen Herrnhuter war nicht groß in der Stadt und sie vermehrte sich auch nicht, weil die religiöse Bewegung zumeist der Haugianischen Richtung folgte. Es war in der Lehre auch so viel innere Übereinstimmung und im Leben so viel äußere Gleichheit, daß die Herrnhuter und Haugianer nicht bloß im allgemeinen von denen, die außerhalb der »Erweckung« standen, für eins und dasselbe angesehen wurden, sondern daß auch wirklich nach und nach eine Verschmelzung zwischen den beiden Richtungen stattfand.

Ursprünglich standen die herrnhutischen Brüder und die Anhänger Hauges in ihrer allgemeinen Bildung auf einer wesentlich verschiedenen Stufe. Hauge fand seine erste und treueste Stütze unter den Bauern. Die Brüdergemeinde dahingegen bestand zum großen Teil aus wohlhabenden Stadtleuten, die sich überdies vermöge ihrer deutschen Vorsteher und durch häufige Besuche in Christiansfeldt und anderen herrnhutischen Ortschaften eine größere äußere und innere Kultur erwarben.

Später aber, als die durch Hans Nielsen Hauge angeregte Bewegung sich über das ganze Land verbreitet, durch unzählige Bedrängnisse sich hindurchgekämpft hatte und namentlich als nach Hauges langjähriger Einsperrung und nach seinem Tode das ganze Volk davon Kunde erhielt, welch schmähliches Unrecht der Beamtenstand unschuldigen und gottesfürchtigen Menschen angethan, da gewann die Bewegung auch viele Anhänger in denjenigen Klassen der Bevölkerung, wo man bisher mit Verachtung und Abscheu auf die bäuerlichen Schwärmer und Fanatiker herabgesehen hatte.

Auch dies trug zur Verschmelzung bei. Außerdem waren die Haugianer stets bereit zu Verträglichkeit und zu freundlichem Entgegenkommen, wo sie auf wirklichen Christensinn stießen. Jedenfalls aber waren die Herrnhuter nicht mächtig und zahlreich genug, um eine Sonderstellung behaupten zu können, selbst wenn sie es gewollt hätten.

Madame Torvestad trug deshalb kein Bedenken, ihre Tochter zum neuen Versammlungssaal der Haugianer zu senden und andererseits kamen zu den bei ihr abgehaltenen Erbauungsstunden ohne Unterschied Angehörige beider Richtungen. Sie selbst gebrauchte oft Worte und Wendungen, die an ihren langen Aufenthalt in Christiansfeldt erinnerten und sie hatte eine besondere Vorliebe dafür, kleine pietistische Traktate vorzulesen, die sie zum Teil selbst aus dem Deutschen übersetzt hatte. Aus der Wohnstube ging Madame Torvestad ins Nebenzimmer, wo das Dienstmädchen den Webstuhl fleißig und taktfest handhabte. Hier standen Spinnräder und Garnwinden, auf dem Tisch am Fenster lag verschiedenes Nähzeug und die ganze Einrichtung trug überhaupt das Gepräge, daß man sich hier in einem Hause befände, wo Gebet und Gesang mit strenger nützlicher Arbeit abwechselten.

»Wo ist Henriette?« fragte Madame Torvestad. »Sie ging hinaus, um zu hören, weshalb im Hafen geflaggt würde,« erwiderte das Mädchen.

»Ach ja, Martha, wie lange hängt doch das junge Herz an der Thorheit dieser Welt! Laß mich nun sehen, wie weit du gekommen bist.«

Inzwischen setzte Sarah ihre Arbeit fort, indem sie einen Gesang leise vor sich hinsummte. Sie hatte die Woche in der Küche, welche Arbeit sie und das Dienstmädchen abwechselnd verrichteten. Henriette war noch zu jung dazu.

Sarah war sechsundzwanzig Jahre alt. Obgleich ein arbeitsames gesundes Leben ihren Körper voll und kräftig entwickelt hatte, war sie doch sehr bleich, denn sie ging selten aus und sie hatte von der Welt eigentlich nicht viel mehr gesehen, als die Kirche und das Versammlungshaus.

Das hübsche Oval ihres Gesichts ging unten in ein volles Kinn über, das etwas an den gebietenden Ausdruck in den Zügen der Mutter erinnerte. Das Haar war ganz glattgestrichen und die Flechten in einem einfachen Ring auf dem Hinterkopf vereinigt.

Das Anmutige in Sarahs Gesicht und in ihrer ganzen Erscheinung war nicht von jener leicht vergänglichen Art, die man das eine Jahr bemerkt und im anderen nicht wiederfinden kann. Es war im Gegenteil etwas Solides über sie ausgebreitet; die abgerundeten weichen Züge, die matte weiße Haut und die stark beschatteten Augen verliehen ihr eine stille, anziehende Schönheit, die lange Dauer versprach. Während sie am Küchentisch stand und, ihren Gesang summend, mit Tassen und Tellern klirrte, hörte sie nicht, wie ein Mann die Küchentreppe heraufkam. Erst als die Thür aufging, drehte sie sich um, errötete ein wenig und schlug die Augen nieder.

Der Mann in der Thür, eine hohe, breitschulterige Gestalt, schlug auch seine Augen nieder und sagte: »Hier, Sarah, bringe ich dir ›Das Leben im Tode‹, wovon wir gesprochen haben. Mögest du wahre Freude daran haben!«

»Vielen Dank, Hans Nielsen!« erwiderte Sarah ohne aufzusehen; sie konnte das Buch nicht in die Hand nehmen, weil diese naß war; er legte es daher auf den Tisch und ging wieder.

Sie lauschte seinem Gange, während er die Treppe weiter nach dem Boden emporstieg, Hans Nielsen Fennefos wohnte nämlich bei Madame Torvestad zur Miete. Dann trocknete sie rasch ihre Hände, nahm das Buch und las hin und wieder ein Stück in demselben voll Eifer und Freude. War es doch ein Buch von Hauge selber, von dem Manne, den Fennefos stets im Munde führte, den die Mutter aber nicht so sehr zu schätzen schien; wenigstens besaß sie keins seiner Bücher.

Sarah hatte jedoch anderes zu thun, als zu lesen. Sie legte das liebe kleine Buch, das Hans Nielsen selber eingebunden hatte, vor sich hin ins Fenster und begann ihre Arbeit und ihren Gesang wieder, nur etwas kräftiger als vorher. Bisweilen beugte sie sich vornüber, legte den Kopf auf die Seite und blickte zu dem schmalen Streifen blauer Sommerluft hinauf, den sie über der schmalen Gasse schimmern sehen konnte, und ihre dunklen Augen erhielten einen unschuldigen entzückten Glanz, als ob sie in den offenen Himmel gerade hinein schauten. Jetzt ertönten neue Tritte auf der Treppe unten und dieses Mal hörte Sarah sie gut; es war Henriette, das konnte keinem Zweifel unterliegen. Zuerst hörte man einige hastige überstürzte Tritte, dann einen Fall mit etwas Gepolter, darauf wieder einige Tritte, ganz so wie die jungen Mädchen die Treppen hinauf zu poltern pflegen, wenn sie zuerst lange Kleider bekommen haben.

Henriette kam herein, atemlos, mit gerötetem, strahlendem Antlitz und flatterndem Haar und begann hastig: »Ach Sarah, das solltest du gesehen haben! – – Welche Ueberraschung! Du solltest nur wissen – weißt du, wer wiedergekommen ist?«

»Stille doch, Henriette,« schalt die Schwester, »wenn die Mutter käme und dich so sähe!«

Sogleich machte Henriette sich daran, das widerspenstige Haar zu glätten; aber schweigen konnte sie nicht und sie flüsterte ungeheuer eifrig: »Ich war auf dem Markt – ganz nach der Brücke hinunter – sag es der Mutter nicht; und so kam Schiffer Worse angerudert – Schiffer Worse ist aus Rio zurückgekommen, – wußtest du das? – mit sechs Mann und Flaggen – und hinten saß Lauritz – ich kannte ihn nicht, ehe er ans Land sprang – so groß war er« – sie zeigte gerade hinauf in die Luft – »er sah mich, ich glaube, er ist mir gefolgt.«

»Aber ich bitte dich, Henriette!« begann Sarah streng und runzelte die Augenbrauen. Allein die gottlose Henriette machte eine höhnische Gebärde und schlüpfte in den Gang hinaus, von wo sie unbemerkt in die Webstube zu gelangen hoffte.

Sarahs Antlitz nahm einen bekümmerten, fast strengen Ausdruck an. Das wilde Wesen der Schwester war ihr unbegreiflich, so war sie selber nie gewesen und sie wußte, daß ein solcher weltlicher Sinn streng unter die Zucht des Herrn gebeugt werden müsse.

Dennoch fuhr ihr bisweilen ein Stich durchs Herz, wenn Henriette voll Jugendlust sprudelte und sich etwas in ihr rührte, das fast dem Verlangen glich, mit dabei zu sein. Das war der alte Adam in ihrem Fleisch, der täglich getötet und ertränkt werden soll, und das that sie auch mit Gebet und Gesang und fleißigem Umgang mit der Schrift, und dennoch – dennoch – –

Noch einmal ward Sarah in ihrer Beschäftigung gestört, indem sich ein rundes, sonnenverbranntes, lächelndes Gesicht in der Küchenthür zeigte.

Das Lächeln verschwand aber und Lauritz trat verlegen und unbeholfen ein, er hatte offenbar darauf gerechnet, eine andere Person zu treffen, als Sarah.

»Ich heiße dich willkommen, Lauritz,« sagte Sarah freundlich.

»Besten Dank,« erwiderte Lauritz im tiefsten Baß, den er hervorbringen konnte, er blieb stehen und scheuerte sich an der Thür.

»Willst du mit der Mutter sprechen?«

»Ja, ich wollte sie fragen, ob ich hier wohnen könnte.«

»Die Mutter ist in der Wohnstube.«

Lauritz Seehus war für Sarah fast wie ein jüngerer Bruder, da er bei Madame Torvestad in der Kost gewesen war, solange er die Schule besucht hatte. Das elterliche Haus in Flekkefjord war kein erfreulicher Aufenthalt für ihn gewesen, er hatte eine Menge Geschwister und der Vater war dem Trunk ergeben.

Nach einer Weile trat Lauritz wieder aus der Wohnstube – sehr kleinlaut und niedergeschlagen.

»Nun, Lauritz,« sagte Sarah, »willst du schon wieder gehen?«

»Ja,« erwiderte er, indem er hastig hinaustrat, »deine Mutter wollte es nicht zugeben.«

Als er aber die alte wohlbekannte Küchentreppe hinabging, dünkte es ihm, er sei der unglücklichste Mensch auf der Welt, ja er weinte sogar – zum erstenmal als junger Matrose.

Auf der ganzen langen Reise hatte er sich darauf gefreut, sein altes Dachstübchen wieder zu beziehen, jeden Tag mit Henriette zusammen zu sein, ihr all die merkwürdigen Sachen, die er in seiner Kiste hatte, zu schenken, sich mit ihr davon zu schleichen und auszurudern, wenn die Madame zur Versammlung gegangen war, oder an Winterabenden im Mondschein im Schlitten zu fahren – alle diese strahlenden Hoffnungen, die so ganz fertig vor ihm lagen, hundertmal durchträumt und bis in die kleinsten Einzelheiten ausgemalt, wenn er in den langen einsamen Nachtstunden auf dem Deck auf und ab schritt.

Nun kam es ihm vor, es sei keine Hoffnung und keine Freude mehr für ihn in dieser Welt und kaum in der anderen.

Sarah hatte eigentlich Mitleid mit ihm. Eine Weile darauf aber kam die Mutter heraus und sagte: »Du sahst wohl Lauritz, Sarah?«

»Ja, Mutter.«

»Sprachst du mit ihm?«

»Nein, ich begrüßte ihn nur.«

»Glaubst du, daß er bekehrt ist?«

Sarah wußte nicht, was sie antworten sollte; die Mutter aber sagte streng: »Sag nur nein, mein Kind! So sieht der bekehrte und reuevolle Sünder nicht aus. Wohl gehört das Gericht dem Herrn, aber wir müssen wahrlich auch unsere Augen und unseren Verstand gebrauchen, auf daß nicht ein räudiges Schaf sich eindränge und die ganze Herde anstecke.«

Sarah mußte in ihrem Herzen der Mutter recht geben; sie sah ein, daß Henriette und Lauritz jetzt erwachsen waren und daß ihr vertrauliches Verhältnis in sündhafte Liebe übergehen könne.

Sie hatte auch, während er in der Stube war, daran gedacht, daß es gewiß ihre Pflicht sei, der Mutter zu sagen, was sie darüber meine. Nun war das nicht mehr nötig, und sie war davon überzeugt, daß es für die jungen Leute so am besten sei. Trotzdem aber mußte sie daran denken, wie kläglich er aussah, als er aus der Küchenthür herauswankte, und welche Enttäuschung es für Henriette sein würde – hatte er doch stets hier gewohnt. Freilich war es gut für sie beide, daß die Versuchung von ihrem Wege fortgenommen war, und doch – und doch – –

Schon um sieben Uhr war Jakob Worse aus dem Klub fortgegangen; er konnte es nicht länger aushalten.

Die eine Enttäuschung über die andere war ihm bereitet worden, nichts war so gekommen, wie er es erwartet hatte, seit er den Fuß ans Land gesetzt.

Im Klub hatte er ein paar finnische Kapitäne angetroffen, die wegen erlittener Seeschäden im Hafen lagen, ganz junge Leute, die von Amerika gekommen waren. Der eine von ihnen – ein junger Laffe mit englischem Bart und goldener Kette – war auch in Rio de Janeiro gewesen – sogar zweimal. Und Randulf! Warum war Randulf doch nach der Ostsee gesegelt!

Es ging dem Schiffer Worse, wie es allen zu gehen pflegt, die einen leichten Sinn haben. Die geringste Freude konnte ihn in eine vorzügliche Stimmung setzen und ihm über die größten Unannehmlichkeiten hinweg helfen; wenn aber umgekehrt eine kleine Verdrießlichkeit ihm den Kopf verrückt hatte, so war alles verkehrt, eine Kette von Unglücksfällen stürzte über ihn her und es kam ihm vor, als ob niemand vom Schicksal so verfolgt und gemißhandelt sei wie er – das heißt auf einen Tag; denn gemeiniglich schlief er seinen Sinn wieder ins Gleichgewicht. Heute aber war es gerade solch ein Unglückstag von dem Augenblick an, wo er hörte, daß Randulf abwesend sei; und deshalb hatte er nichts gefunden, worüber er sich hätte freuen können, weder im Klub noch im Comptoir, noch in dem Kaufladen oder im Packhause, obgleich das Geschäft in der That während seiner Abwesenheit gut geführt worden war; und seine Leute hätten größeres Lob verdient, als ihnen zu teil wurde.

Verzagt und verdrießlich ging er in seinen hübschen, geräumigen Stuben auf und nieder. Die Sonne stand niedrig im Nordwesten, und über der Landzunge, welche den Hafen von der Sandsgaardbucht trennte, konnte er mitten in dem goldglänzenden Abendhimmel die Raaen seines Schiffes sehen.

Auch dies konnte ihn nicht ermuntern. Und nun fiel ihm noch dazu ein, daß der alte Hafenvogt Snell im Klub ihn beiseite genommen und mit dem Finger auf der langen roten Nase ihm zugeflüstert hatte: »He, he, Jakob, es wäre wohl an der Zeit, daß du dem Alten einige Schillinge brächtest. Sie sagen – he, he – er könne es wohl nötig haben.«

»Was, zum Henker, meinte er damit?« rief Schiffer Worse grimmig, als er sich daran erinnerte; »will das alte Nashorn mir einbilden, daß die Firma C.H. Garman in Geldverlegenheit sei? Pah! – Was willst denn du, Lauritz?« rief er plötzlich, als er den jungen Matrosen in der Thür stehen sah.

»Nichts, Herr Kapitän!« erwiderte Lauritz leise und wollte wieder fortgehen.

Aber Worse fuhr ihm nach, ereilte ihn im Gange und zog ihn in die Stube zurück. Es war so, wie Lauritz gesagt hatte; er wollte eigentlich nichts; als er aber in seinem Kummer und seiner großen Verlassenheit seinen Kapitän, der stets so gut gegen ihn gewesen war, an den Fenstern auf und nieder gehen sah, wagte er es, zu ihm hineinzutreten in der unbestimmten Hoffnung, möglicherweise irgend einen Trost zu finden.

Worse hielt ihn an der Schulter fest und sah ihn an: »Hm, hm, hier ist wohl noch einer, der keine fröhliche Heimkehr gehabt hat. Komm, mein Junge, wir wollen ein Glas miteinander trinken, dann kannst du mir hernach erzählen, was man dir angethan hat.«

Der Schiffer Worse öffnete die Thür eines Wandschranks, nahm zwei runde holländische Gläser hervor und füllte das eine für Lauritz mit Kirschenliqueur und das andere für sich mit altem Jamaika-Rum.

»So, mein Junge!« sagte Worse, nachdem sie ausgetrunken hatten, »laß mich nun deine Sorgen und Betrübnisse hören.«

Statt aber zu antworten, stellte Lauritz sein Glas blitzschnell in den Schrank, machte es ebenso mit dem des Kapitäns, schlug die Thür zu und setzte sich auf einen Stuhl an der Stubenthür.

Worse glaubte, der junge Mensch sei toll geworden; ehe er aber dazu kam, ihn anzufahren, ward angeklopft und Madame Torvestad trat ein.

Lauritz hatte sie unter dem Fenster vorübergehen sehen und der Respekt vor der Madame war ihm so sehr zur anderen Natur geworden, daß er bei ihrem Anblick nur den einen Gedanken hatte: zu verhüten, daß sie sähe, sie hätten etwas getrunken. Auch Worse wäre es nicht lieb gewesen, wenn die Madame ihn mit Lauritz zusammen beim Glase getroffen hätte, und da er nun das Betragen des jungen Menschen begriff, blinzelte er ihm freundlich mit dem einen Auge zu, während er die Madame Torvestad zum Sofa führte.

Sie trug einen schwarzseidenen Ueberwurf und einen dunkelgrauen Hut mit weit vorstehendem Rande und breiten Atlasbändern. Ihre Tracht und ihre ganze Erscheinung machten den Eindruck soliden Wohlstandes und würdigen Ernstes. Das etwas große Doppelkinn und die Haltung des Kopfes gaben ihr einen gebietenden Ausdruck. Dadurch unterschied sie sich von den anderen »Erweckten«. Denn diese bestrebten sich in ihrem Aeußeren und ganzen Wesen, eine gewisse Demut an den Tag zu legen, gleichwie es auch bei Hauges Anhängern im Westlande Sitte geworden war, in einem kläglich süßlichen Tone zu reden.

Madame Torvestad hatte nicht vergessen, daß sie die Witwe des Vorstehers der Brüdergemeinde sei, und ihr Bestreben war stets darauf gerichtet, sich und ihr Haus zum Mittelpunkt der religiösen Bewegung zu machen; deshalb legte sie großen Wert auf die kleinen Versammlungen, die bei ihr, halb zur Erbauung, halb zur Gesellschaft stattfanden, und aus demselben Grunde nahm sie Mieter in ihrem Hause auf, was sie um des Verdienstes willen nicht nötig gehabt hätte.

Lauritz bildete in dieser Beziehung eine Ausnahme; ihn hatte sie auf die inständige Bitte einiger Freunde in Flekkefjord bei sich aufgenommen, während diejenigen, die sonst bei ihr wohnten, junge Männer von religiöser Gesinnung waren – vorzugsweise umherreisende Laienprediger, welche gingen und kamen, und sich einige Tage bei den Freunden aufhielten, um sich mit ihnen zu besprechen und gegenseitig zu erbauen.

Dadurch erreichte Madame Torvestad, daß ihr Haus einer der Sammelplätze für die Erweckten in der Stadt und sie selbst eine der einflußreichsten Frauen ward, welche die Aeltesten oftmals mit zur Beratung zogen.

Dem Schiffer Worse gegenüber war Madame Torvestad stets etwas weniger streng und ernst, als gegen alle anderen; mochte dies nun seinen Grund darin haben, daß sie seit so vielen Jahren bei ihm zur Miete gewohnt hatte, oder daß sie glaubte, seine Seele könne auf diese Weise am besten für die Berufung zur Gnade gewonnen werden, oder mochte irgend ein anderer Grund vorhanden sein. Auffallend war es jedenfalls, wie wenig sie Gottes Wort und fromme Sentenzen bei ihren Gesprächen mit ihm anwendete; sie konnte selbst einmal hin und wieder über die witzigen Bemerkungen des munteren Kapitäns lächeln, wenn sie vollkommen harmlos waren.

Nachdem Madame Torvestad den Kapitän begrüßt und über einiges, das während seiner Abwesenheit vorgefallen war, gesprochen hatte, fragte sie ihn zuletzt, ob er nicht, da er doch so allein sei, Lust haben könne, zu ihr hinüber zu kommen und ihr Abendbrot zu teilen. Das würde ihren Töchtern lieb sein. –

»Kommt sonst niemand?« fragte Jakob Worse vorsichtig.

»Es ist wohl möglich, daß einige von den Freunden zu uns hinüberkommen, wenn die Versammlung zu Ende ist.«

»Nun, dann muß ich mich bedanken, Madame Torvestad,« murmelte Jakob Worse halb ärgerlich. »Sie wissen doch selbst, daß ich nicht zu der Gesellschaft passe.«

»Sagen Sie das nicht, Kapitän Worse! Lassen Sie uns lieber wünschen und beten, das Sie dazu gelangen mögen, gerade recht gut zu der Gesellschaft zu passen, wo Gottes Wort gehört wird zur Erbauung im Herrn.« Dies sagte sie mit großer Innigkeit und sah ihn mit ihren klugen Augen fest an.

Worse war etwas verlegen und machte einen Spaziergang durch die Stube. Es war nicht leicht, darauf eine geziemende Antwort zu geben; er wollte um keinen Preis in die Versammlung, aber wollte doch gern mit guter Manier sich davon los machen. In diesem Moment stand Lauritz von seinem Stuhl an der Thür auf und schickte sich an fortzugehen.

»Nein, nein, Lauritz,« rief der Kapitän, »du darfst nicht weggehen; ich habe mit dir zu reden. Wohin wolltest du?«

»Ich muß mich in der Stadt nach einem Nachtquartier umsehen,« versetzte Lauritz düster, aber etwas trotzig, nach dem genossenen Liqueur.

»Wie so? Du sollst doch wohl bei der Madame Torvestad wohnen, nicht wahr, Madame?«

»Nein,« erwiderte diese trocken, »wie Sie wissen, sind die Leute, die bei mir wohnen, meistens geistliche Personen. Seeleute nehme ich nicht auf.«

»Aber Lauritz hat doch immer bei Ihnen gewohnt, Madame! Es ist doch gar zu hart für den armen Jungen, zurückzukommen und vor die Thür gesetzt zu werden.«

Worse begriff nun, daß hier die Ursache des Kummers für seinen jungen Matrosen läge, und in seiner Gutmütigkeit wollte er ihm gern beistehen.

Madame Torvestad aber antwortete nicht darauf, sie schlug ihren Ueberwurf um sich und schickte sich zum Fortgehen an.

»Nun adieu denn, Kapitän Worse,« sagte sie; »Sie sollen mir herzlich willkommen sein. In einer halben Stunde erwarte ich Sarah und vielleicht ein paar andere aus der Versammlung. Wir speisen dann zu Abend miteinander und vielleicht spricht einer von uns ein kleines Gebet. Könnten Sie sich nicht gedrungen fühlen, im Verein mit anderen Gläubigen sich mit Dank an den zu wenden, der Sie aus dem Sturm gerettet und Sie unversehrt über die wilden Wogen geführt hat?«

»Ganz gewiß, Madame, – sehen Sie, aber –« Worse wußte nicht recht, was er sagen sollte.

»Kommen Sie nur, stemmen Sie sich nicht gegen die Berufung!« Sie streckte die Hand gegen ihn aus und sah ihn freundlich an.

Aber Worse zog seine Hand zurück und sagte halb im Scherz: »Eigensinnig will ich ungern sein. Mir scheint aber, daß Sie, Madame Torvestad, ziemlich eigensinnig sind, da Sie den armen Lauritz nicht unter Ihr Dach nehmen wollen. Sollen wir einen Vergleich schließen? Ich komme zu Ihnen zur Erbauung, wenn Lauritz bei Ihnen wohnen darf. Schlagen Sie ein, Madame Torvestad?«

»Ich würde mehr als das thun, Kapitän Worse, wenn es dazu beitragen könnte, das Werk der Gnade in Ihnen zu fördern,« sprach sie sanft und reichte ihm ihre Hand. Darauf sagte sie in ihrem gewöhnlichen Ton zu Lauritz: »Du hörst, daß ich es um des Kapitäns willen thue. Laß mich nun sehen, daß du dich so aufführst, daß ich es nicht zu bereuen habe. Du kannst in dein altes Dachstübchen einziehen, es steht bereit.« Damit ging sie fort.

Der Kapitän aber und der junge Matrose nahmen sich noch eine Herzstärkung aus dem Wandschrank. Worse ward dadurch in bessere Laune versetzt, und als er sah, wie seelenvergnügt Lauritz nach dem Packhause hinabstürzte, um seine Kiste zu holen mit all den merkwürdigen Gegenständen, vergaß er für einen Augenblick, wie teuer er die kleine Dachstube seines Matrosen bezahlt habe. –

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