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Schiffer Worse

Alexander Lange Kielland: Schiffer Worse - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorAlexander Kielland
titleSchiffer Worse
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 20
year1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidce2c8467
created20070108
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Erstes Kapitel

»Lauritz, du Galgenstrick, hinauf in den Mast und mach den Wimpel zurecht.« Der Schiffer Worse stand auf dem Hinterdeck bei der Kajüte. Ein frischer Nordwind strich über die Bucht und die alte Brigg glitt langsam hinein vor wenigen Segeln.

Der Strom kam aus der Bucht heraus und trieb die Wellen jenseits der Landzunge, hinter welcher die Bucht von Sandsgaard sich hinein zog, unregelmäßig empor, und als »Der Familie Hoffnung« nun um die Spitze bog, schien das gute Schiff sich in dem alten bekannten Hafen sicher und heimisch zu fühlen.

Schiffer Worse aber sagte, dem Mann am Rade zublinzelnd: »Das Ding merkt wahrhaftig, daß es nach Hause geht, seit wir in die Bucht kamen.«

Denn »Der Familie Hoffnung« war nicht wie andere Schiffe. Es konnte vielleicht Fahrzeuge geben, die etwas leichter und feiner aussahen, ja es mochten sogar unter den neumodischen englischen Schiffen eins oder zwei zu finden sein – Worse hatte es freilich nie gesehen, aber ganz unmöglich war es darum nicht – die ein bißchen schneller segelten.

Weiter aber gingen die Einräumungen nicht. Etwas Stärkeres, etwas Festeres, etwas Vollkommeneres als »Der Familie Hoffnung« schwamm nicht auf dem Meere und würde auch niemals darauf schwimmen.

Und die Sonne schien so festlich über die Häuser von Sandsgaard, über die Gärten und die Werft, über die ganze freundliche Bucht, wo die blauen sommerlichen Wogen scharenweise ans Land eilten, um Jakob Worses Ankunft zu melden.

Aber vor dem an der See gelegenen hohen Speicher hatte man das Schiff schon gesehen und der Packhausknecht Zacharias hatte die Meldung ins Comptoir gebracht, »Ist Er seiner Sache auch ganz sicher?« sagte Konsul Garman mit scharfem Ton.

»Wir haben das Schiff im Fernrohr observiert, Herr Konsul, es ist so gewiß ›Der Familie Hoffnung‹, wie ich hier stehe, ein Sünder vor Gott. Es segelt gerade in die Sandsgaarder Bucht hinein.«

Morten W. Garman erhob sich vom Armstuhl. Er war von hohem, kräftigem Wuchs, das weiße Haar war stark gekräuselt und die Unterlippe trat etwas vor. Als er Hut und Stock nahm, zitterten ihm die Hände ein wenig, denn »Der Familie Hoffnung« war sehr lange unterwegs gewesen.

Draußen, im äußeren Comptoir, stand der Buchhalter am kleinen Aussichtsfenster. Der Konsul nahm ihm das Fernrohr aus der Hand, sah über die Bucht hinaus, schob das Glas wieder zusammen und sprach: »Es ist in der That so, Jakob Worse ist ein zuverlässiger Mann.«

Noch nie zuvor war aus dieser Gegend ein Schiff in Rio de Janeiro gewesen, und hauptsächlich der Ehrgeiz des Schiffers Worse hatte es dahin gebracht, daß man sich dieses Mal auf das gewagte Unternehmen eingelassen. Als er nun aber so lange wegblieb, hatte der Konsul allmählich »Der Familie Hoffnung« aufgegeben, wie er so vieles andere in den letzten Jahren aufgegeben hatte.

Wohl war er jetzt froh, daß sein Schiff und sein alter Kapitän Worse wiederkehrten, aber dennoch waren seine Schritte schwer und sie klangen so hohl und traurig, als er aus dem Comptoir durch den großen Gang ging, aus dem eine breite Treppe ins zweite Stockwerk führte.

Denn es bedurfte mehr als einer glücklichen Reise, um den bekümmerten Kaufmann zu beruhigen, und dazu kam noch, daß Sandsgaard öde und verlassen war, daß es dort keine Gesellschaften, keine jungen Leute mehr gab; nur alte Erinnerungen von zierlichen Kavalieren und von Damen mit freimütig ausgeschnittenen Kleidern hatten in den Winkeln einen Duft hinterlassen, welcher sein Herz höher schlagen ließ.

Seit dem Tode der Frau Garman im vorigen Sommer standen alle Gesellschaftszimmer im zweiten Stock verschlossen. Die beiden Söhne waren im Auslande, Christian Friedrich in London und Richard in Stockholm, und es konnte dem Konsul Garman, der sein ganzes Leben lang an heiteren, sorglosen Umgang gewöhnt war, nicht gerade zu besonderer Ermunterung gereichen, daß er nur zwei alte Fräulein um sich hatte, Schwestern seiner verstorbenen Gattin, die sich darum stritten, seinen Hausstand zu führen.

Als Jakob Worse von seinem guten Schiffe gewahrte, wie alles auf der Werft und rund umher in der Bucht voll Bewegung ward, schwoll ihm das Herz vor Stolz. Was an Böten vorhanden war, kam ihm entgegen gerudert. Verwandte der Mannschaft, Mütter und Bräute schwenkten mit Tüchern, während sie vor Bewegung weinten – die meisten hatten längst »Der Familie Hoffnung« aufgegeben.

Zum Schiffer Worse kamen keine Verwandten; er war Witwer und sein Sohn war auf der Handelsschule in Lübeck. Aber er freute sich darauf, den anderen Schiffern im Klub von Rio de Janeiro zu erzählen, wo keiner von ihnen gewesen war; mit größtem Behagen aber dachte er an alle die Geschichten, die er dem Schiffer Randulf zum besten geben wollte.

Was war nun Randulfs weitberühmte und oft erzählte Reise nach Taganrog gegen die Fahrt nach Rio! Worse nahm sich vor, sie nach besten Kräften herauszustreichen.

In seinen jungen Jahren war Jakob Worse ein toller Bursche gewesen und er war noch trotz seiner fünfzig Jahre ein munterer Gesell.

Er war von gedrungener untersetzter Gestalt, seine Züge waren die eines echten Schiffergesichts mit roten vollen Wangen, treuherzig und lustig.

Waren seine Haare gezählt, so mußte das eine hübsche Zahl abgeben; denn sie saßen so dicht wie auf einem Otternfell und sie wuchsen auf eine ganz eigentümliche Weise.

Es sah aus, als ob ein Orkan ihm einmal auf den Hinterkopf geweht, ihm zuerst einen kleinen spiralförmigen Haarwirbel oben auf den Scheitel gelegt und dann alles übrige abwärts nach den Seiten hin und vornüber gestrichen hätte. Und so lag nun sein Haar ein für allemal und ließ sich von keinem späteren Winde stören; nach vorn aber, an den Ohren vorbei, hatte der Orkan kleine wellenförmige Schichten gelegt, wie sie der feine Flugsand nach einem Sturm bildet.

Schiffer Worse bemerkte, daß man an der Schiffbrücke das »Frauenboot« zum Auslaufen fertig machte; er rieb sich die Hände, das war eine große Auszeichnung. Als er nun aber den Konsul selbst ins Boot steigen sah, machte er auf dem Deck ein paar lustige Sprünge, wie ein junger Bursch. Denn daß der Konsul sich selbst an Bord begab, um das Schiff zu bewillkommnen, war etwas ganz Außergewöhnliches. Sonst ward meistens einer der Comptoirbeamten hinausgeschickt, wenn nicht gerade die jungen Söhne zu Hause waren, denn weder Christian Friedrich noch Richard ließ es sich nehmen, den ankommenden Schiffen weit in die Bucht hinaus entgegen zu rudern, um mit hinein zu segeln und in der Kajüte Marsala zu trinken.

Als die Brigg sich vor Anker legte, war das »Frauenboot« noch nicht herangekommen. Jakob Worse aber konnte nicht länger an sich halten, er erfaßte das Wandtau, schwang sich auf die Schiffsseite hinauf und den Hut schwenkend rief er, daß es über ganz Sandsgaard schallte: »Wir kommen spät, Herr Kunsel, aber wir kommen gut!«

Konsul Garman lächelte und erwiderte den Gruß, während er heimlich seine Ringe an der rechten Hand abnahm, denn er kannte Jakob Worses Händedruck, wenn dieser von der Reise kam.

Auf dem Deck stand der Kapitän ehrerbietig und glückselig mit dem Hut in der Hand, als der Konsul vorsichtig und etwas steif das Fallreep emporkletterte.

»Ich heiße Sie willkommen, Jakob Worse!«

»Besten Dank, Herr Kunsel!«

Und der Konsul überließ ihm seine Hand zum Pressen.

Die Mannschaft stand in einem ehrerbietigen Kreise um die beiden. Sie hatten sich schon gereinigt und geputzt und zum Verlassen des Schiffes fertig gemacht; denn es waren so viele Freunde und Verwandte an Bord gekommen während des Einsegelns, daß die Leute selbst sich mit dem Ankern und Festmachen nicht zu befassen brauchten.

Der Konsul begrüßte sie freundlich. Die sonneverbrannten Gesichter nahmen sich keck und fremdartig aus zu Hause in dem kühlen Vorsommer; hie und da trug einer ein feuerrotes Hemd oder eine violette wollene Mütze, die aus dem wunderbaren Rio mitgebracht waren. Und all den lächelnden Gesichtern konnte man es ansehen, welch verwetterte Kerle zu sein sie sich bewußt waren und wie sich jeder danach sehnte, ans Land zu kommen, um sich zu zeigen und zu erzählen.

»Hier ist ein toller Bursch,« sagte Schiffer Worse; »er ging mit als Kajütenjunge, aber wir haben ihn unterwegs zum Jungmann gemacht. Es starben uns nämlich drüben in Rio ein paar Leute, Herr Kunsel, böses Klima dort! Nun, Lauritz, komm' nur hervor!«

Ein junger Bursch von sechzehn bis siebzehn Jahren ward endlich aus der Gruppe hervorgedrängt, verlegen und unbeholfen; sein rundes Gesicht schimmerte glänzend rot wie ein Apfel, der tüchtig gewaschen ist.

»Wie heißt Er?« fragte der Konsul.

»Lauritz Seehus,« antwortete der Bursch.

»Lauritz Boldeman Seehus,« ergänzte der Kapitän.

»Wir haben stets guten Grund und Anlaß gehabt, ein besonderes Gewicht auf Kapitän Worses Rekommandationen zu legen, und wenn der junge Mann in die Fußstapfen eines so tüchtigen Seemannes« – hier verbeugte sich der Konsul vor dem Kapitän – »treten will, so wird die Firma ihn nach Verdienst befördern. Im übrigen wird die ganze Mannschaft proportionaliter bei der Abrechnung aus Anlaß der langen und gefahrvollen Reise eine Gratifikation erhalten. Die Firma dankt jedem einzelnen für gute und treue Arbeit.«

Der Konsul grüßte nochmals im Kreise umher und ging dann in Begleitung des Kapitäns in die Kajüte hinunter.

Die Mannschaft war höchlich erfreut, sowohl wegen der in Aussicht gestellten Gratifikation, als auch über das ganz ungewöhnliche Ereignis, daß ein Reeder in Person an Bord kam und gemeinen Seeleuten seinen Dank darbrachte.

Es war nun freilich auch nicht Konsul Garmans Gewohnheit, sich viel mit seinen Leuten abzugeben. Nicht daß er ein harter Herr gewesen wäre – im Gegenteil; er grüßte stets freundlich und sagte wohl auch hin und wieder ein paar Worte im Vorbeigehen. Aber er war und blieb doch so unendlich fern und erhaben, daß die geringste Freundlichkeit seinerseits zu einer Herablassung ward, die mit Dank und Bewunderung angenommen wurde.

Als er nun nach Verlauf einer halben Stunde wieder ins Boot stieg, um ans Land zu gehen, ward ihm ein Hurrah vom Schiffe nachgerufen. Der Konsul erhob sich im Boote und nahm den Hut ab. Er war sehr bewegt und es that ihm not, nach Hause ins Comptoir zu kommen und allein zu sein.

Er hatte die Schiffspapiere und einen Beutel voll guter Sovereigns mit ans Land genommen. Das Haus K. F. Garman – dies war die alte Firma – hatte seit langer Zeit kein so großes Geschäft gemacht; das war sehr erfreulich, aber es war nicht genügend.

In all den Jahren, wo Morten Garman nach des Vaters Tode gearbeitet hatte, war es ihm niemals gelungen, das große weitläufige Geschäft zu rechtem Gedeihen zu bringen.

Das Haus hatte in den Kriegsjahren und durch die Münzreduktion so schwere Verluste erlitten, daß seine Kräfte auf viele Jahre hinaus gelähmt waren – ja es schien fast, als sollte es sie nie verwinden. Das Haus hatte mit dem großen Uebelstand zu kämpfen, daß es mit gar zu vielen Grundstücken behaftet war, die in keinem rechten Verhältnis zu dem verminderten beweglichen Kapital standen; dann waren auch drückende Schulden da.

Und die Verhältnisse wollten sich nicht bessern; Morten Garman, ein ungewöhnlich tüchtiger Handelsmann, mußte seine ganze Kraft und all seinen Fleiß aufbieten, um das Haus in dem alten Glanz und Ansehen zu erhalten.

Solange er noch jung war, ging es leidlich, aber jetzt, da er sich den Fünfzigen näherte, da ihm die Gattin gestorben und es auf Sandsgaard so öde und leer war, da lastete es doppelt schwer auf ihm, daß dieses Geschäft, seine Freude und sein Stolz, das er in voller Größe und Blüte zu sehen gehofft hatte, nach ihm ohne Lebenskraft daniederliegen, vielleicht sogar als unsolide seiner Auflösung entgegengehen sollte. Die Haushaltung auf Sandsgaard war stets sehr kostspielig gewesen. Die lebhafte hübsche Frau Garman hatte eine große Vorliebe für Gesellschaften, Maskeraden und alle derartigen Vergnügungen und ihr Mann teilte diesen ihren Geschmack vollkommen.

Die freieren Ideen vom Anfange des Jahrhunderts und seine Stellung als einziger Sohn in einem großen Handelshause hatten seiner Lebensanschauung einen etwas übermütigen Schwung gegeben. In der Stadt aber spottete man wohl seiner Eitelkeit, ärgerte sich aber noch mehr darüber.

Davon wußte er aber selber nichts.

Von seinem Jugendleben im Auslande und von häufigen Reisen hatte er eine eigene Luft mit heimgebracht, in der er lebte – Anschauungen und Ideen, die weit verschieden waren von denen, die in der kleinen einfachen Stadt herrschten, wo gerade eine doppelte Gärung, veranlaßt durch ökonomischen Aufschwung und eine starke religiöse Bewegung zum Durchbruch kam.

Draußen auf Sandsgaard aber lebte man noch in der alten Perückenzeit. Die hochmütigen Beamten und Offiziere, die ihren Aufenthalt in der Stadt hatten, fanden ihre Traditionen wieder bei den Festen da draußen, wo an langen Tischen gut und lange gespeist und getrunken wurde und wo die Gesellschaft so fein und selbstbewußt war, daß das Gespräch nicht ängstlich abgewogen zu sein brauchte, wo ein kühnes Wort oder ein verstohlener Händedruck nicht zum Verbrechen gestempelt wurde, wo ein Flüstern hinter dem Fächer wohl in einen Kuß auf das Ohrläppchen ausarten konnte, wo hundert feine Fäden – zu leicht, um leichtfertig zu sein – vom einen zum anderen gingen und die ganze Gesellschaft in ein feines glänzendes Seidengewebe einspannen, hinter dem die Frivolität ihren eigentlichen Charakter verlor und sich elegant, zierlich, anständig ausnahm wie ein Menuett. Und in diesem Leben bewegte sich der Konsul Garman so sicher und behende, wie der Fisch im Wasser.

Wenn er an einem der großen Gesellschaftstage vormittags im Comptoir saß, flog seine Feder über das Papier und er schrieb dann seine besten Briefe. Seine Gedanken waren so klar, sein Sinn so ruhig und unbekümmert, daß alles, das Größte wie das Kleinste, in bester Ordnung auf den rechten Platz kam. In demselben Briefe, in dem er eine Ladung Kaffee bestellte, vergaß er die zwölf Pakete Lack und zwei Körbe holländischer Kreidepfeifen, die für das Detailgeschäft bestimmt waren, nicht, und von der Erteilung von Instruktionen an einen Kapitän, der Seeschaden erlitten hatte, konnte er ohne weiteres auf die genaueste Beschreibung einer Einrichtung an Ofenröhren übergehen, die er in London gesehen hatte und die er nun im städtischen Krankenhause eingeführt haben wollte. Wenn dann aber die Post expediert war und die Tischzeit für die großen Gesellschaften heranrückte, wenn der Konsul sich sorgfältig rasiert und aus zahlreichen Kruken und Flaschen parfümiert und gesalbt hatte, dann stieg er die breite Treppe hinauf im blauen Leibrock mit blanken Knöpfen, langen Schößen und Puffärmeln, eingeschnürter Weste und Hemdkrause mit Diamantnadel, das hübsche ins Graue fallende Haar, als sei es leicht gepudert, lockig geordnet. Und da konnte es wohl vorkommen, daß er einen ausgelassenen französischen Refrain trällerte, indem er seiner lustigen Abenteuer gedachte und zierlich und taktfest das wohlgeformte Bein hinsetzte; er wünschte sich so oft die Zeit der Kniehosen zurück!

Konsul Garman war ein musterhafter Ehemann nach den Forderungen jener Zeit gewesen, und als seine Gattin starb, betrauerte er sie aufrichtig und ließ viele Gedenksteine mit liebreichen Inschriften auf ihren Lieblingsplätzen im Garten errichten. Mit dem Tode der Frau Garman hörten die vielen Gesellschaften auf, so daß dieser Ausgabeposten bedeutend vermindert ward; gleichzeitig aber gingen ein paar andere Posten ziemlich stark in die Höhe. Es waren dies die Conti der beiden jungen Söhne, namentlich Richards.

Die Natur des Konsuls Garman hatte sich gleichsam in diesen beiden Söhnen gespalten. Richard war sein Stolz und seine Schwäche. Sein hübsches Aeußere und leichter Sinn waren wie ein Widerschein der eigenen Jugend des Konsuls; und wenn Richard das hübscheste Reitgeschirr auf das beste Pferd legen ließ und des Konsuls Reitpeitsche nahm, die sonst niemand anrühren durfte, so schlich sich der Vater von Fenster zu Fenster, solange er ihn mit den Augen verfolgen konnte, und hatte seine helle Freude daran, wie der Junge so gut zu Pferde saß und wie alles so gut für ihn paßte.

Strenger aber war der Konsul gegen seinen ältesten Sohn Christian Friedrich.

An Richard konnte er, wenn dessen Verschwendung gar zu arg gewesen war, wohl einmal schreiben: »Ich kann es ganz gut verstehen, daß die Carriere, welche Du mit Einwilligung Deiner Eltern gewählt hast, verschiedene Ausgaben veranlaßt, die, wenn auch scheinbar überflüssig, bei unserer Betrachtung der Umstände und Verhältnisse dennoch, wenn auch nicht für absolut notwendig, so doch bis zu einem gewissen Grade als durch dieselben obenerwähnten Verhältnisse hervorgerufen und in ihnen begründet angesehen werden mögen; andererseits aber will ich Dir doch zu bedenken geben, ob Du nicht selbst mit bedeutend eingeschränkten Ausgaben für Deine Zukunft auf der diplomatischen Laufbahn dasselbe Resultat zu erreichen solltest erwarten können. Vornehmlich aber will ich Dich admonieret haben, eine reguläre Rechnung zu führen; nicht gerade aus dem Grunde, als ob ich Deine Ausgaben sollte kontrollieren wollen, sondern weil die Erfahrung mich gelehrt hat, daß wir durch eine reguläre Rechnungsführung uns selbst am besten kontrollieren.«

Rechnung führen aber war nicht Richards Sache, geschweige denn eine reguläre: hin und wieder nahm er einen Anlauf, der aber bald in Scherz und lustige Schwänke ausartete, die den Alten so ergötzten, daß er das Geld verschmerzte. Christian Friedrich dahingegen sandte monatlich Auszüge aus seinem Kassenbuch ein, von dem Zeitpunkt an, wo er ins Institut zu Christiania eingetreten war, und diese Auszüge wurden vom Konsul in der unbarmherzigsten Weise durchmustert.

Fand sich eine fehlerhafte Postierung, wohl gar ein Rechenfehler, oder auch nur ein Ausgabeposten vor, der etwas groß oder ungewöhnlich erscheinen mochte, so erhielt der Sohn sicher einen derben Bescheid darüber, wie absolut verwerflich unordentliche Buchführung oder Verschwendung für einen Kaufmann sei.

Dadurch ward Christian Friedrich in einem ängstlichen Respekt vor dem Vater gehalten und bisweilen fühlte er sich sogar gekränkt. Es würde ihn daher sehr beruhigt haben, wenn er gesehen hätte, mit welchem Wohlgefallen der Konsul diese zierlichen Extrakte durchging und mit welcher Sorgfalt sie numeriert und in einer bestimmten Schublade verwahrt wurden.

Ueberdies war Christian Friedrich der einzige, dem der Konsul Vertraulichkeit erwies, und in den ausführlichen Briefen, die er mindestens einmal im Monat absandte, erhielt er den Sohn in allen wichtigeren Teilen des Geschäfts auf dem Laufenden. Es konnte sogar vorkommen, daß der Konsul ihn über eine Sache um seine Meinung befragte.

Was die Aufmerksamkeit des Konsuls Garman in hohem Grade beschäftigte und ihn zum Teil auch beunruhigte, war der Aufschwung, dessen die Stadt sich in den letzten Jahren erfreute. Ganz neue Leute tauchten auf mit bedeutenden Mitteln, legten sich auf den Einkauf und die Einsalzung von Heringen und verschifften im Frühjahr tausende von Tonnen. Anhänger der neuen religiösen Sekte, welche Bibelsprüche in ihre Handelskorrespondenz einmischten und keine Ahnung von ordentlicher Buchhaltung hatten, verdienten große Kapitalien.

Es herrschte ein neues Leben und eine Geschäftigkeit und dabei eine religiöse Erbauung mit Gesängen in der Stadt, daß der Konsul sich nicht genug darüber wundern konnte. Und alle diese neuen Menschen hatten Geld.

Das verursachte dem Konsul ernstliche Bekümmernis, aber diese behielt er für sich. Nicht einmal Christian Friedrich durfte wissen, wie schwierig seine Lage manchmal war.

»Der Familie Hoffnung« lag wohlbefestigt, mit Flagge und Wimpel an den Masten. Die Mannschaft ging ans Land, während aus der Stadt und aus Sandsgaard ein ununterbrochener Strom von Besuchern zum Schiff wallfahrtete. Das weißangestrichene Gig des Kapitäns ward bemannt. Jakob Worse setzte sich aufs Hinterbrett auf eine ausgebreitete Flagge, deren Spitzen ins Wasser herabhingen, und hinter ihm kauerte Lauritz Seehus mit den Steuertauen in der Hand, es sollte gerade so aussehen wie bei einem Kriegsschiff. Sechs Mann ruderten mit langen Zügen und schnellten die Wasserfläche in die Höhe.

So hatte der Schiffer Worse sich stets seine Rückkehr von der Reise nach Rio vorgestellt, und deshalb schwoll ihm das Herz vor Freude, als er in die Bucht, an der die Stadt lag, hineinfuhr.

Es wäre weit einfacher gewesen, nach Sandsgaard hinüberzufahren und dann in die Stadt zu gehen. Dies hätte dem Schiffer aber nicht im Traume einfallen können. Er betrachtete Sandsgaard wie eine Insel, und er ließ sich stets, das Wetter mochte sein wie es wollte, von da nach der Stadt hin und wieder zurückrudern. Er konnte sehen, daß man auf seinem Speicher an der Schiffbrücke eine Flagge aufgehißt hatte. Worse besaß ein altes großes Haus am Markt, das ein weitläufiges Viereck bildete und nach der Brücke zu in ein hohes Packhaus endete; er war nämlich ein vermögender Mann und durch glückliche Spekulationen war das Geld, das er sich auf seinen langen Seereisen verdient hatte, zu einem ansehnlichen Kapital angewachsen.

Wenn er im Winter zu Hause war, widmete er sich eifrigst der Fischerei und machte dabei auf eigene Rechnung großen Umsatz.

Das Haus Christian Friedrich Garman befaßte sich dahingegen nicht so viel mit dem Fischfang, sondern es trieb vorzugsweise Spekulations- und Kommissionshandel mit Salz und Korn, sowie außerdem Bank- und Wechselgeschäfte.

Diesmal hatte Worses Abwesenheit von Hause weit länger gedauert als gewöhnlich und er war daher sehr gespannt darauf, zu erfahren, wie es mit dem Geschäft in der langen Zeit gegangen und was seine Leute daraus gemacht hätten. Nichts aber lag ihm mehr am Herzen, als mit dem Schiffer Randulf zusammenzutreffen, und so oft ihm der Gedanke daran aufstieg, schlug er sich aufs Knie und lachte laut.

Drinnen in der Bucht lagen nur wenige Schiffe, da es um die Sommerzeit war; aber hie und da kam doch eine Flagge zum Vorschein, als man Jakob Worses Boot gewahrte. Von den Brücken und den Packhäusern an beiden Seiten des Hafens riefen ihm Bekannte zu, er erwiderte den Gruß und lachte – stolz und erfreut. »Zu wem begibst du dich, Lauritz?« fragte er den jungen Matrosen, als sie sich der Landungsbrücke näherten. Lauritz hatte nämlich keine Verwandten in der Stadt.

»Ich hatte mir gedacht, wieder zu Madame Torvestad zu gehen, wo ich immer gewohnt habe,« erwiderte der junge Mensch.

»Ach was,« sagte Jakob Worse, »jetzt bist du kein Junge mehr, du kannst doch nicht immer bei der alten scheinheiligen Postille wohnen bleiben.«

Als er aber sah, wie die anderen Leute im Boot das Gesicht verzogen, ging ihm ein Licht auf und er rief: »Ach du Mordskerl! Die Frauenzimmer sind es also, die dich zu Madame Torvestad ziehen! Nimm dich aber in acht, denn du weißt doch, daß ich auch dort das Kommando führe!«

Das war ein Witz von Jakob Worse, denn Madame Torvestad wohnte in seinem Hause, im Hintergebäude, zur Miete.

An der Landungsbrücke aber wartete seiner eine bittere Täuschung: Schiffer Randulf war nicht zu Hause, er war auf einer Fahrt nach der Ostsee. –

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