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Schiffer Worse

Alexander Lange Kielland: Schiffer Worse - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
authorAlexander Kielland
titleSchiffer Worse
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 20
year1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidce2c8467
created20070108
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Fünfzehntes Kapitel.

Man kann einen Sturm, selbst wenn er ziemlich heftig ist, aushalten, sobald man sich auf dem festen Lande befindet. Wenn aber der Wind wochenlang Tag für Tag und Nacht für Nacht mit gleicher Stärke wütet und niemand mehr ausfinden kann, wo ein Sturm begonnen und der andere aufhörte, dann gibt es nur wenige, die eine beklemmende nervöse Beängstigung unterdrücken können, wenn sie in einer kleinen aus Holz gebauten Stadt an einer offenen Meeresbucht wohnen und die brüllende See unmittelbar zu ihren Füßen haben. Dann senkt der Himmel sich so tief, daß die Wolken längs der Erde schleppen und der Regen und der Gischt von der See weit ins Land hinein geschleudert werden. Der Tag ist hellgrau mit dem brandgelben Schimmern des Unwetters untermischt, und die Nacht so dicht und schwarz wie das Grab.

Am schlimmsten ist es dann, hilflos im Bette zu liegen, wenn der Sturm sich in die kleinen winkeligen Straßen hineinpreßt, an den Dachrinnen rüttelt und die Dachziegel herabschleudert. Wenn man dann mehrere Nächte hindurch nicht hat schlafen können und den Tag damit zugebracht hat, vom Barometer hinauf in den grauen zerrissenen Himmel zu blicken, oder auf die öde Straße zu sehen, wo hier und da neben den Pfützen ein roter Fleck von einem zerschmetterten Dachziegel ist; wenn man die Erzählungen hört von all den Schäden, die in der Stadt an Fenstern und Dächern und im Hafen angerichtet sind, oder wie nahe es daran gewesen, daß nachts eine Feuersbrunst ausgebrochen wäre – Feuer bei einem solchen Sturm! – da kann wohl der eine oder der andere dazu kommen, daß er daran zweifelt, ob es auch mit rechten Dingen zugehe, ob die Welt nicht in Unordnung geraten sei, ob nicht alles in Stücke zerrissen und zusammen geworfen werden und das Meer sich über die flachen Klippen hereinbrechen und Häuser und Kirchen und alles übrige wie dürre Reiser in die Bucht hinabspülen werde.

»Gottes Zorn ist über dem Lande,« sagten die Haugianer und hielten ihre Hüte fest, wenn sie zur Versammlung gingen; am Eingange wirbelte der Wind den Zipfel der Tücher, welche die Frauen um den Kopf gebunden hatten, ihnen ins Gesicht, so daß sie ganz verstört, in den niedrigen, halb erleuchteten Versammlungssaal hinkamen. Drinnen drängte man sich dicht aneinander, während der Vorleser seine Stimme verstärken oder auch ganz schweigen mußte, wenn der Sturm mit Riesenkraft die Eschen draußen erfaßte und an Fenstern und Thüren rüttelte. Wenn dann der Windstoß vorüber war, begann der Vorleser wieder; aber die Stimme klang schwach, ohne Innigkeit und Ueberzeugung. Und der eine sah den anderen an, aber nirgends zeigte sich Freimütigkeit. Die Frauen fuhren bei jedem neuen Ausbruch des Sturmes zusammen, und die Männer hatten an gar vieles zu denken.

Mehrere den Haugianern gehörige Schiffe waren auf der Heimreise von der Ostsee und von St. Uebes. Man erwartete sie mit immer mehr steigender Angst; aber kein Schiff kam und der Sturm nahm immer noch zu, von Südwesten sprang er um nach Nordwesten und verdoppelte seine Kraft; hatten die Schiffe nicht beizeiten einen Nothafen an der Ostküste gesucht, so sei Gott Schiff und Reeder gnädig. Selbst Sivert Jespersen saß da ohne Lächeln und bohrte seine Hände in die Rockärmel, bis sie die Ellbogen berührten; dann preßte er still die Arme an sich, als wolle er etwas festhalten.

Madame Torvestad saß streng und mit gebietender Miene auf ihrem Platz. Viele sahen nach ihr hin; wenn kein anderer, so war wenigstens sie ruhig. Aber der, an dem sie die beste Stütze gehabt hätten, war nicht unter ihnen. Schon vor acht Tagen hatte Fennefos in aller Stille von den Freunden Abschied genommen; er wollte jetzt nach England mit einem holländischen Schiffe, das im Hafen seinen erlittenen Seeschaden ausgebessert hatte; von da wollte er nach Indien gehen. Er hatte aber noch nicht das Land verlassen, denn der Holländer hatte des Sturmes halber Zuflucht im Außenhafen gesucht und Fennefos lag also, durch das Wetter festgebannt, draußen im Smörvig, eine halbe Meile vor der Stadt; er war sogar Geschäfte halber vor einigen Tagen dort gewesen.

Gegen Mittag hatte der Sturm etwas nachgelassen; in der Dämmerung aber sprang er nach Nordwesten um und wütete ärger als je. Große Wogenmassen kamen über die Bucht her, warfen die Fahrzeuge und die schweren Lastbote in die Höhe, brausten gegen die Steinmauern unter den Packhäusern, und spülten, weil das Wasser so hoch war, bisweilen sogar über den Fußboden hin. In den Masten der großen Schiffe pfiff es wie von hundert Instrumenten und es knirschte und knackte in den Vorlegestücken und den Tauen, wenn die Schiffe festgelegt waren.

Ueber den Gang um Jakob Worses Packhaus lief eine schmächtige, weiße Gestalt, tappte die Treppe hinunter und stand nun im Erdgeschoß, wo die Diele förmlich schaukelte, wenn die Wogen sich unter das Haus hinwälzten.

Mit Aufbietung aller ihrer Kräfte gelang es ihr, die Packhausthür so weit aufzuschieben, daß sie sich durch die Oeffnung hindurchzwängen konnte; mit der einen Hand hielt sie sich fest und, über das schwarze Wasser gebeugt, wiederholte sie noch einmal ihren Eid: »Ich gelobe und schwöre, dich treu im Leben und im Tode zu lieben und mich nie an einen anderen zu geben, Lauritz, mein geliebter Lauritz!«

Darauf ließ sie sich los und die schwere Woge zog sie hinab unter ein Lastboot, das vor dem Packhause lag und sie kam nicht wieder herauf. Erst später am Abend fanden einige Seeleute, die auf einem Fahrzeuge nach den Befestigungstauen gesehen hatten, einen weißen Gegenstand, der an der steinernen Treppe der Schiffbrücke von den Wellen auf und nieder geschwemmt ward.

Von der Schiffbrücke lief das Gerücht durch die ganze Stadt noch schneller als sonst die Gerüchte zu laufen pflegten; denn alles war durch das lang anhaltende unheimliche Wetter so aufgescheucht und erregt, daß die Nachricht von der aufgefundenen Leiche, durchaus zur Stimmung passend, sich mit dem Sturm vermischte und in fünf Minuten durch die Stadt fuhr.

Die kleinen Kinder, die eben zu Bett gebracht wurden, hörten, wie die Mädchen draußen in der Küche die Hände zusammenschlugen und »Gott bewahre mich!« riefen; wenn die Kinder aber die Mutter fragten, was es denn gäbe, bekamen sie keine andere Antwort, als daß kleine Kinder dergleichen nicht wissen dürften; und so glaubten sie, es sei etwas ganz Entsetzliches und krochen zitternd unter die Bettdecke.

Das Gerücht aber nahm die vielfachsten Gestaltungen an. Einige sagten, daß Henriette im Fieberwahn aus ihrem Bette, wo sie krank daniederlag, gesprungen sei, als Madame Torvestad und das Mädchen nicht zu Hause waren. Andere murmelten bloß etwas und schüttelten den Kopf. Und das thaten bald die meisten; hier ward es, ihrer Meinung nach, wiederum offenbar, was bei den »Heiligen« vorgehe.

Henriette Torvestad hatte sich das Leben genommen, soviel stand fest; sie sollte eine Liebschaft gehabt haben oder die Mutter sie habe zwingen wollen, Erich Pontoppidan zu nehmen – ja die Mutter, die herrische Madame Torvestad war schuld daran, sie und die Haugianer, die finsteren neidischen Haugianer, die weder sich noch anderen eine Freude gönnten; die hatten das arme Mädchen getötet, die brachten Unheil über die Stadt; darum war es hier so schauerlich und unheimlich, als ruhe ein Fluch auf dem Ort, Leichen trieben in der Bucht umher und ein Sturm folgte heulend dem anderen ohne Unterlaß, als ob der jüngste Tag nahe sei.

Viele liefen auf die Straße hinaus, wie große Ueberwindung es sie auch kostete, um einen genauen Bescheid zu erhalten; sie trafen einen Haufen Menschen an, die sich um ein paar aufgescheuchte Laternen auf dem Markte versammelt hatten.

Die Haugianer erhielten die Nachricht, als sie eben aus der Versammlung heimgekommen waren. Sivert Jespersen zog den alten Mantel wieder an, schlug den Kragen in die Höhe und eilte durch die finsteren Straßen zu Madame Torvestad. Es wagten sich aber mehrere von den Haugianern hinaus, Männer und Frauen. Als sie die Neuigkeit gehört, die gleichsam ein böses Gewissen bei ihnen wachrief, überfiel sie eine solche Beängstigung, daß sie es zu Hause nicht aushalten konnten. Sie wollten Gewißheit haben und hören, wie die Aeltesten die Sache auffaßten. In den Straßen am Markt trafen sie mit anderen zusammen; an der Ecke aber, vor Madame Torvestads Wohnung, hatte sich schon eine Menge Menschen mit Laternen angesammelt.

Wenn einer von den Haugianern an ihnen vorbei kam, leuchtete man ihm ins Gesicht und rief seinen Namen mit höhnenden Worten. Sie mußten Umwege machen, um durchzukommen; und an der Hausthür standen einige von den Freunden, welche öffneten, wenn sie eine bekannte Stimme hörten und dann sogleich wieder zuschlossen. Da drinnen fühlten sie sich sicherer, denn Worses Haus bildete ein Viereck mit einem Hofraum in der Mitte wie eine Festung. Schrecken und Verwirrung herrschten aber auch hier. Es hieß, Madame Torvestad habe den Verstand verloren; sie saß steif am Bette und sah das herabrieselnde Wasser an, niemand durfte die Leiche anrühren. Nur der alte Färber war bei ihr; andere wollte sie nicht sehen.

Und im Hauptgebäude lag Jakob Worse und kämpfte seinen letzten Kampf mit dem bösen Feind. Er lag in einer Stube nach dem Hofe hinaus; nach der Straße zu wagte man es nicht, Licht zu zeigen, um die Menge draußen, welche immerfort zunahm und bisweilen in ein drohendes Murmeln ausbrach, nicht noch mehr zu reizen.

Die meisten der bedeutenderen Männer und Frauen des haugianischen Kreises waren versammelt. Sie gingen bleich in den Zimmern umher, alle waren ängstlich und verwirrt; sie hatten kein leitendes Haupt und inzwischen wuchs der Sturm, so daß das Haus erzitterte.

Jakob Worse lag im Bett, das Gesicht gelb und verzerrt. Mehrere Tage hindurch hatte er heftige Schmerzen gelitten, jetzt ward er nach und nach matter und der Arzt hatte erklärt, daß er die Nacht nicht überleben werde. Sein innerer Kampf aber war noch nicht beendet. Das konnte man an seinen Augen sehen, die unruhig umhersuchten, wenn Sarah nicht zugegen war. Bisweilen schien es, als überfalle ihn eine große Angst; er warf sich hin und her, murmelte unverständliche Worte und rang die Hände.

»Er ist besessen,« sagte eine der Frauen. Mehrere stimmten dieser Meinung bei. Man beeilte sich, im Gesangbuch oder in der Bibel oder in den kleinen religiösen Büchern solche Gebete und Lieder aufzusuchen, die bei einer derartigen Gelegenheit anzuwenden wären. Die meisten aber waren zu sehr mit dem schrecklichen Vorfall beschäftigt oder sie beobachteten die unruhig wogende Menschenmasse draußen vor dem Hause.

Sarah ging umher mit gänzlich verstörtem Gesicht, das wohl den Anschein haben konnte, als sei es vor Kummer versteinert; aber Kummer war es nicht. Die Trennung von Fennefos und Henriettes Tod vereinigten sich zu einem lähmenden Schlage; es legte sich dadurch nur eine noch härtere, eisigere Rinde um ihr Herz. Ihr sterbender Mann, der drinnen im Bette lag, all die erschreckten Männer und Frauen, der Lärm draußen auf der Straße – wie gleichgültig war ihr dies alles; sie hätte sich mitten in die Stube hinsetzen und sie auslachen können.

Draußen aber wurde es immer ärger. Einige junge Menschen polterten gegen die Holzwand des Hauses, andere näherten sich den Fenstern, hoben sich empor und drückten das Gesicht gegen die Scheiben. Die Haugianer versteckten sich in die Winkel, Sivert Jespersen suchte Schutz unter dem Tische.

»Einer muß hinausgehen und vernünftig mit ihnen reden,« schlug eine der älteren Frauen vor. Dies konnte kein anderer sein als Sivert Jespersen; er war der älteste von den Anwesenden, aber er weigerte sich. Er wisse, wie er sagte, nur zu gut, daß es die Sache nur verschlimmern würde, wenn er sich sehen ließe. Der alte Färber säße drinnen bei Madame Torvestad, man sollte es lieber mit ihm versuchen.

Es fiel keinem ein, sich an die Polizei zu wenden. Die Bewohner der Stadt und namentlich die Haugianer waren es nicht gewöhnt, irgend eine Hilfe von dort zu erwarten. Die erregte Menge aber füllte jetzt die ganze enge Straße und einen großen Teil des Marktes vor Schiffer Worses Hausthür. Es mußten auch bessere Leute darunter sein, denn unter den Laternen sah man einige kostbare Laternen aus blankpoliertem Messing mit sechseckigem Glase.

Während man sich noch beriet, ob man den alten Färber holen solle oder nicht, ward es plötzlich ganz still unter der Menge draußen; man hörte nur die schnellen Schritte derer, die aus der Straße auf den Markt eilten. Hier drängte man sich um einen Gegenstand; alle Laternen wurden gegen diesen Mittelpunkt gehalten, so daß er hell hervortrat, und die Haugianer erkannten Fennefos, wie er dort über die Häupter der meisten emporragte.

Er sprach zum Volk; die Worte konnten sie in dem rasenden Sturm nicht verstehen; sie wußten aber, daß wenn er wollte, so mußten alle Herzen sich vor ihm beugen. Alle strömten ans Fenster, dankten Gott für diese Rettung und beglückwünschten einander, als sei ihr Leben in Gefahr gewesen. Sarah aber blieb allein im Krankenzimmer sitzen. Sie war ganz von dem einen Gedanken beherrscht, daß sie Fennefos wiedersehen sollte; ihr graute davor, sie zitterte fast und es war ihr, als könne sie so viel nicht ertragen.

Worse sah sie an, aber in ihrem verstörten Gesicht fand er keinen Trost; er schloß seine Augen und schien in eine Betäubung zu fallen.

Fennefos trat von der Straße herein und ward in dem dunklen Gang von zahlreichen Händen und mit liebevollen Worten bewillkommt. Sein erstes Wort, als er in die Stube eintrat, war: »Weshalb sitzet ihr hier im Finstern? Habt ihr etwas vom Licht zu fürchten?«

Allen kam er vor, daß er gar zu laut rede, da sie selbst die ganze Zeit hindurch nur geflüstert hatten; einige von den Frauen aber eilten nach Licht und die Rouleaus wurden herabgerollt.

»Du kamst zur rechten Zeit, Fennefos,« sagte Sivert Jespersen, ihm auf die Schulter klopfend.

»Wie schön sind die Füße derer, die Frieden bringen, die gute Botschaft verkünden,« wußte Nikolai Egeland passend anzubringen.

»Ich bin eigentlich gekommen, um euch etwas sehr Niederschlagendes zu melden,« sagte Fennefos mit ernstem Ausdruck, »obwohl ich sehe, daß hier des Jammers genug ist in diesem Hause. Wir erhielten heute im Smörvig die Nachricht, daß euer Schiff »Ebenezer« südlich von Bratvoold gestrandet ist, kein einziger Mann ist gerettet worden. Deshalb bin ich hergekommen, damit ihr euch vorbereiten und euch der Witwen und Waisen annehmen könnt.«

»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobet,« versetzte Nikolai Egeland.

Sivert Jespersen wandte sich ab und ging allein in das andere Zimmer; er sah aus, als ob er nachrechne.

Die Leute auf der Straße fingen an sich zu zerstreuen. Fennefos war bekannt und stand in einem gewissen Ansehen; es verfehlte auch seine Wirkung nicht, daß er, von dem alle glaubten, er sei nach Indien abgereist, um Missionär zu werden, jetzt plötzlich mitten unter ihnen stand. Außerdem hatte er das an sich, daß ihn alle anhören mußten, wenn er etwas sagte. Er sprach einige ernste Worte zu ihnen, wie unschicklich es sei für einen jeden von ihnen, die Bürde noch zu vergrößern, wenn die Hand des Herrn sich schwer auf das Haus des Nächsten gelegt habe.

Die feinen Laternen verschwanden, andere folgten nach; dann war's auch so ungemütlich in dem tosenden Sturm mitten auf dem Markt und nach und nach verlief sich die Menge gänzlich; hin und wieder schlug noch einer gegen die Wand, wenn er an Madame Torvestads Ecke vorbei kam.

Fennefos hatte sich mitten unter den Haugianern im Krankenzimmer hingesetzt und er sprach noch einmal zu ihnen. Henriettes Tod hatte ihn tief ergriffen, und jedes Wort aus seinem Munde bebte vor Schmerz und Mitleiden und drang ihnen allen in ihrer Qual zu Herzen. Sie hörten ihm gespannt zu und einige weinten still; nur Sarah saß da mit halb abgewendetem Antlitz, ohne eine Miene zu verziehen. Bisweilen wandte sie sich zu ihm hin und er sah sie an, wie er die anderen ansah – klar und offen. Aber ihre tiefen starken Augen bohrten sich hinein in die seinen, wie eine Klage, wie ein Schrei in der äußersten Not: gerade jetzt, wo sie frei werden sollte, war jetzt alles zu spät, verscherzt, verloren? Und er, wollte er ihr nicht helfen?

Er wollte nicht, wie sie wollte. Er sprach, als wäre er schon längst fort; als ob sie die geliebte Stimme aus weiter Ferne ihr Worte des Trostes zurufen hörte.

Dann erhob er sich und nahm Abschied von ihnen. Das war für sie alle eine große und schmerzliche Ueberraschung: wollte er sie nun wieder verlassen? Wollte er den Frieden, den er eben gebracht, wieder mit fortnehmen? Sie drängten sich um ihn mit Bitten und freundlichen Worten, sprachen auch von dem Sturm und dem bösen Wetter und daß er in der tiefen Finsternis den Weg nicht finden könne. Er aber antwortete still mit dem Vers, den er von der Mutter gelernt hatte:

»Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann!«

An der Thür wandte er sich noch einmal um und sah sie alle liebevoll an. Dann trat er zu Sarah, die dicht bei ihm stand; er reichte ihr zum letztenmal die Hand zum Abschied und in seinem Blick spiegelte sich mit ganzer Macht die alte unschuldige Liebe ihrer Jugend wider – warm und offen, aber voll Wehmut und voll des tiefsten Mitleides.

Als die anderen ihn zum Gang hinausgeleiteten, nahm Sarah ein Licht und ging zum Boden hinauf, um etwas Leinenzeug zu holen. Vor dem Schrank aber sank sie zusammen und brach in Weinen aus. Zuerst weinte sie heftig und trotzig, aber nach und nach schmolz ihr Inneres ganz und sie weinte über die arme Henriette, über sich selbst, über ihr ganzes unsäglich trauriges Los. Da trat ihr sein heller, reiner Blick vor die Seele, und in diesem Blick lösten die Thränen die harte Rinde von ihrem Herzen, und milde fromme Gedanken kamen wieder von jener Zeit, wo sie und Fennefos zu den Versammlungen gingen und gut und unschuldig miteinander sprachen. So trafen einige Frauen sie weinend auf dem Boden liegen und die eine sagte zur anderen: »Seht, wie sie ihn geliebt hat.«

Sie erhob sich verwirrt, aber sie beruhigte sich sogleich wieder, da sie begriff, daß sie ihren Mann meinten.

Einige Mütter, die kleine Kinder zu Hause hatten, gingen jetzt heim, da die Straße frei war. Die meisten aber blieben die ganze Nacht, um zu wachen und für den armen Schiffer Worse zu beten und bei der Hand zu sein, wenn im Hinterhause etwas vorfallen sollte. Von Zeit zu Zeit ging jemand hinüber, um an der Thür zu lauschen. Man hörte die Stimme des alten Färbers und man freute sich darüber, denn das war ein Zeichen, daß Madame Torvestad wieder zu sich gekommen sein müsse.

Gegen Mitternacht ward Kaffee ins Wohnzimmer gebracht und abwechselnd gingen sie hinein und tranken eine Tasse, um sich wach zu erhalten. Im Krankenzimmer aber las man in heiligen Büchern oder sprach ein Gebet für den Sterbenden, daß Gott ihn bald erlösen und ihm seine letzte Stunde sanft und leicht machen möge.

Worse hatte einige Stunden ganz still gelegen, wie es schien, ohne Bewußtsein. Sarah setzte sich ans Bett und nahm seine Hand; es war dies wohl zum erstenmal, daß sie ihm etwas erzeigte, was einer freiwilligen Liebkosung gleichen konnte. Aber es war zu spät, er merkte es nicht mehr.

Je weiter die Nacht fortschritt, desto schwächer wurde der Sturm und das Vorlesen und die Gebete nahmen auch ab. Nach der starken Gemütsbewegung machte sich bei allen Ermattung geltend, da der Sturm jetzt nicht mehr so wild tobte und der Kranke still und friedlich dalag. Mehrere fielen nacheinander in einen leisen Schlummer; auch Sivert Jespersen schloß die Augen, aber er schlief nicht, er rechnete noch immer. Endlich hörte das Lesen ganz auf und es ward still unter ihnen.

Plötzlich aber fuhren sie alle in die Höhe, denn von seinem Bette aus rief Worse: »Lauritz, du Galgenstrick, hinauf in den Mast und mach den Wimpel zurecht!«

Sie stürzten ans Bett und nahmen die Lichter mit, bleich und verstört starrten sie den Sterbenden an; sie glaubten, es sei der Böse selbst, der aus ihm spräche. Sarah warf sich neben dem Bett nieder und betete.

Mit Worse war eine völlige Veränderung vorgegangen; seine Augen waren halb geschlossen und schienen nicht zu sehen, aber der gequälte Ausdruck war aus seinem Gesicht gewichen, und es waren fast die alten verschmitzten Züge des Schiffers Worse wieder, das dichte schneeweiße Haar lag hübsch geordnet in seinen unveränderlichen Schichten und die Hände streckte er still über die Decke aus, als sei er mit etwas fertig geworden. Denn im letzten Augenblicke ließ ihn der Böse los, und indem die Krankheit zum letztenmal an dem starken Körper rüttelte und das Gehirn die letzten Zuckungen machte, trat in dem Wirrwarr unklarer Erinnerungen und verwilderter Gedanken, die vorbeirauschten, noch ein Bild in der letzten Sekunde dem geplagten Mann klar vor Augen.

Das war die berühmte Heimkehr von Rio de Janeiro – sein stolzester Tag.

Der Schiffer Worse stand wieder am Bord seines Schiffes »Der Familie Hoffnung«; es wehte ein frischer Nordwind über die Bucht und die alte Brigg glitt langsam hinein vor wenigen Segeln.

Er öffnete seine Augen; aber die bleichen Gesichter um ihn her sah er nicht.

Er sah, wie die Sonne über die Sandsgaarder Bucht schien, wie die blauen sommerlichen Wellen scharenweise an den Strand liefen, um zu melden, daß Jakob Worse angekommen sei.

Er versuchte das Haupt zu erheben, um besser zu sehen; aber er sank in die Kissen zurück und mit innig vergnügtem Lächeln murmelte er: »Wir kommen spät, Herr Kunsel, aber wir kommen gut!«

So segelte der alte Schiffer Worse aus dem Leben.

Ende.

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