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Schiffer Worse

Alexander Lange Kielland: Schiffer Worse - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
authorAlexander Kielland
titleSchiffer Worse
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 20
year1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidce2c8467
created20070108
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Dreizehntes Kapitel.

Der Hof, den mehrere der reichsten Haugianer in Gemeinschaft besaßen, war von nicht unbedeutendem Umfange und es befanden sich dort auch verschiedene Fabrikanlagen. Es gab also Arbeit genug für den, der das Ganze leiten sollte, und Fennefos gab sich mit einem Eifer und einer Kraft, wie sie sogar für ihn ungewöhnlich waren, seiner neuen Thätigkeit hin. Dahingegen vermochte er in den ersten Wochen nicht, die Andachtsübungen der großen Menge von Arbeitern zu leiten, die sich nach haugianischer Sitte in einem großen Saale an einem langen gemeinsamen Tische zur Mahlzeit und zur Hausandacht versammelten. Hans Nielsen war stets der erste bei der Arbeit; aber in den Erbauungsstunden war er schweigsam und in gedrückter Stimmung. Als jedoch einige Monate auf diese Weise vergangen waren, hob er allmählich das Haupt wieder höher und schlug die hellen grauen Augen wieder auf. Durch die strenge körperliche Arbeit und durch die große Verantwortung, die auf ihn, den Aufseher über das ganze Gewese gelegt war, kam seine starke gesunde Natur nach und nach wieder ins Gleichgewicht.

Wohl bereute er immer noch jenen Augenblick der Schwäche und schämte sich desselben; aber zugleich drängte sich ihm doch die Ueberzeugung auf, daß auch der beste in eine solche Lage kommen könne, und er dankte Gott, daß er im letzten Augenblick ihm zu Hilfe gekommen war. Wie diese Begebenheit aber seine eigene Schwäche offenbart und sein Selbstvertrauen stark erschüttert hatte, so erweckte sie in ihm auch Zweifel darüber, ob es recht sei, von den Menschen so viel zu fordern, wie er es gethan. Wenn er der armen bekümmerten Seelen gedachte, die er im Norden zurückgelassen hatte, kam es ihm vor, als habe er sich an ihnen versündigt, als er so schwere Forderungen an sie stellte, und wenn er an die wohlhabenden, vertrauensseligen Haugianer hier dachte, so erschien es ihm als eine Schande, unter ihnen zu leben. Bisweilen überfiel ihn gänzliche Hoffnungslosigkeit, so daß er alles unerträglich fand und sich nach ganz neuen Verhältnissen sehnte. In solchen Stunden konnte er sich der Erwägung nicht verschließen, wie er sein Leben in Zukunft einrichten solle. Er konnte nicht daran denken, hier zu bleiben. Er war nicht eigentlich besorgt um seiner selbst willen, wenn er auch nicht ganz sicher auf sich bauen zu können glaubte; aber ihrethalben mußte er fort. Es durchströmte ihn noch immer wie Feuer, sobald er an die Augen dachte, in die er eine Sekunde lang geblickt hatte, als sie in seinen Armen lag; und wenn sie sich in der Versammlung trafen, fühlte er etwas von demselben Feuer, selbst wenn ihre Blicke sich nicht begegnet hatten.

Trennen mußten sie sich also; das war unumgänglich notwendig, und dennoch ging er nicht fort. Auf dem Hofe war vollauf zu thun bis in den Herbst hinein – und wohin sollte er auch ziehen? Wenn er diese Stelle verließ, so gab es auf dem weiten Erdkreise keinen Fleck, von dem er sich angezogen fühlte – weder die Heimat, noch die Freunde überall im Lande; am liebsten hätte er gewünscht, niemanden mehr zu sehen und ganz allein zu leben. Seinem Herzen war eine tiefe Wunde geschlagen, und er dachte in dieser Zeit so oft an Henriette. Auch er war für Leben und Tod verbunden in einer Liebe, die kein unreiner Gedanke beflecken sollte. Für Sarah wollte er beten.

Die Aeltesten aber blickten voll Bekümmernis auf Fennefos. Seine Ansprache in Sivert Jespersens Hause hatte großen Schaden angerichtet. Man erzählte sich in der Stadt, daß zwischen den Haugianern ein Zwist ausgebrochen sei und daß Fennefos sich von ihnen getrennt habe. Unter den Brüdern selber herrschte Unruhe. Die, welche nicht zugegen gewesen waren, wünschten zu erfahren, was er gesagt habe; die anderen aber antworteten ausweichend. So wuchs bei Feinden und Freunden die Neugier oder das Verlangen, in Erfahrung zu bringen, ob sich ein so bekannter und geachteter Mann wie Fennefos wirklich etwas habe zu schulden kommen lassen. Dazu kam nun sein verändertes Wesen nach jener Rede, das doch irgendwie einen Grund haben mußte, und es wurden die verschiedensten Vermutungen darüber angestellt.

»Ich denke,« sagte Sivert Jespersen, und sah sich um in dem kleinen Kreise der Aeltesten, die sich zur Beratung über diese Sache versammelt hatten, »wir sind alle darüber einig, daß Frauenzimmer mit dabei im Spiele sind.«

»Ich habe mir erzählen lassen,« sagte Endre Egeland, »daß er sich mit Madame Torvestads Tochter Henriette viel zu schaffen gemacht hat.«

»Mit Henriette?« sagte Sivert Jespersen gedehnt, in zweifelndem Tone.

Alle waren durch jene Bemerkung überrascht und es entstand eine Pause.

»Nein, nein,« sprach der alte Färber, »wir dürfen solche bösen Dinge nicht glauben.«

»Jedenfalls, ihr Lieben,« sagte Sivert Jespersen sanft, »müssen wir uns jetzt darüber verständigen, wie wir unserem Bruder in all seiner Not und Anfechtung beistehen können. Ich habe mir gedacht, daß wir, wenn es euch recht ist, am Sonnabend nachmittag droben auf dem Hofe zusammentreffen könnten. Nach geschehener Rechnungsablage würden wir dann mit ihm reden.«

»Laßt uns nur vorsichtig zu Werke gehen,« sagte der Alte, »denn wir wissen doch eigentlich gar nichts.«

»Nein, Lieber, ich meinte auch nicht, daß wir unverständig –«

»Ich weiß, daß du vorsichtig bist, Sivert Jespersen, wir müssen aber bedenken, daß er der stärkste von uns ist und daß wir ihn nicht verlieren dürfen.«

Der Sonnabend, an dem sie sich der Abrede gemäß auf dem Hofe versammelten, fiel auf den ersten September. Es war von ihnen daher der Rechnungsabschluß für den ganzen Monat nicht allein für den Hof, sondern auch für die Färberei, die Stampfmühle und sämtliche übrigen Anlagen durchzunehmen. Man fand alles in Ordnung und in gutem Stande, und die Aeltesten drückten Fennefos ihren wärmsten Dank aus. Als dann aber die Bücher zugemacht und die Verabredungen für den weiteren Betrieb getroffen waren, blieben alle auf ihren Plätzen an den Wänden ringsum in der Stube sitzen. Fennefos, der in der Mitte an einem Tische saß, auf welchem die Bücher ausgelegt waren, erhob jetzt das Haupt und sah ruhig von dem einen zum anderen. Keinem entging es, daß sein Gesicht den alten Ausdruck wieder erhalten hatte; der niedergeschlagene, unsichere Blick, den man eine Zeitlang an ihm bemerkt hatte, war ganz verschwunden, und wie er, sonnenverbrannt und gesunden Aussehens unter den bleichen Stadtleuten dasaß, erschien er ihnen stärker als je zuvor. Deshalb machte der Färber Sivert Jespersen ein Zeichen und rührte sich auf seinem Platz, als ob er fortgehen wolle. Jener hatte es sich aber nun einmal in den Kopf gesetzt, daß er das Geheimnis des jungen so gebietend auftretenden Mannes erfahren oder doch wenigstens sich selbst und den Aeltesten Ueberlegenheit über ihn verschaffen wolle.

»Wir haben,« begann er, »wir haben unter uns über dich gesprochen, lieber Hans Nielsen; wir sind alle der Meinung, daß du damals in meinem Hause – du erinnerst dich wohl noch – starke Worte gebraucht hast.«

»Ich sprach aus reinem Eifer; und fielen meine Worte zu hart, so bitte ich euch, daß ihr mir vergebt; ich glaubte, es sei notwendig, aber es war keine Lieblosigkeit in meinem Herzen.«

»Das hat auch keiner von uns geglaubt, Hans Nielsen,« sagte der alte Färber.

»O nein, gewiß nicht,« fuhr Sivert Jespersen fort; »aber unsere Sorge ist wach gerufen worden durch die niedergeschlagene Stimmung, in der wir dich seitdem gesehen haben. Du bist noch jung, Fennefos, und wir sind alt, oder doch jedenfalls älter als du. Und wir wissen sehr wohl, welchen Versuchungen vorzugsweise das junge Blut ausgesetzt ist – und hast du eine Niederlage durch den Feind in deinem eigenen Fleisch erlitten, so wollten wir dir gern die Hand reichen, um dich wieder aufzurichten.«

Fennefos sah mit seinen klaren Augen bald den einen, bald den anderen an, und es schien allen, als ob sie peinlich lange auf Endre Egeland ruhten.

»Ich danke euch,« sprach er endlich, »allein, Gott ist mir gnädig gewesen und ich bedarf eurer Hilfe nicht.«

»Es thut uns herzlich wohl, dies zu hören,« versetzte Sivert Jespersen mit Wärme; »aber zürne mir nicht, lieber Freund, wenn ich dich daran erinnere, daß, wenn wir auch äußerlich vor dem Fall bewahrt sind, wir uns darum nicht minder ängstlich vor Gedanken, Worten und Begierden zu hüten haben.«

»Will einer von euch den ersten Stein auf mich werfen?« fragte Fennefos, sich ruhig im Kreise umschauend.

Keiner antwortete, und der, welcher Sivert Jespersen zunächst saß, trat ihm auf den Fuß, um ihm zu verstehen zu geben, er möge es genug sein lassen. Es war aber zu spät; denn Fennefos erhob sich rasch und sprach zu ihnen: »Lieben Brüder und Freunde! Ja, fürwahr, ich bediente mich harter Worte, als ich mich damals an euch wandte. Ich kam vom Elend und fand Wohlstand; ich kam von bekümmerten Herzen und traf Selbstgefälligkeit; ich kam von Hunger und Not und setzte mich an den Tisch des reichen Mannes. Deshalb fiel mir das ein, was Hauge uns als Richtschnur hinterlassen hat: Die Aeltesten müssen keinem ihrer Genossen bei einem Laster durch die Finger sehen, sondern sowohl ihn wie jeden anderen gebührend strafen. Gegen diejenigen aber, welche sich die Achtung der Gläubigen erworben haben und gute Christen sein wollen, muß man wohl auf der Hut sein, daß sie nicht durch Schmeichelei und Nachgiebigkeit verwöhnt werden, sondern selbst scharfe Zurechtweisungen und harte Kost vertragen können. Deshalb sprach ich, wie die Pflicht es mir gebot. Seit jenem Tage aber hat mich die Hand des Herrn schwer getroffen und in meiner schweren Sünde vermeinte ich, daß ich niemals wieder herantreten und ein Wort der Zucht zu jemandem reden dürfe. In jener Zeit habt ihr mich niedergebeugt und verzagt unter euch wandeln sehen. Aber gelobt sei Gott, der mich wieder durch seine Gnade emporgerichtet hat; noch darf ich hoffen, daß der Herr mich nicht ganz wie ein unwürdiges Werkzeug verwerfen werde. Aber, lieben Freunde, unter euch kann ich nicht länger weilen.«

Alle sahen ihn unruhig an.

»Du willst dich doch nicht von den Brüdern trennen?« fragte der Alte.

»Nein, das will ich nicht, aber ich muß fort von hier, sowohl um meiner eigenen Schwäche willen, als weil ich fürchte, daß ich in Zukunft nicht streng genug würde euch züchtigen und warnen können. Denn, lieben Freunde, ich glaube, daß ihr in manchen Dingen sehr bedauerlich auf Abwege geraten seid.«

»Willst du wieder nach dem Norden ziehen?« fragte einer.

»Oder hat vielleicht der Herr dein Herz den armen Heiden in Afrika zugewendet?« fragte ein anderer.

Fennofos sah ihn an und sprach: »Ich danke dir für diesen Rat; ich will darüber nachdenken und den Geist bitten, mich über den rechten Weg aufzuklären.«

Dadurch fühlten sich alle erleichtert. Die Missionssache war ihre eigene, war von den Herrnhutern und Hauges Freunden ins Werk gesetzt worden. Wenn Fennefos in den Dienst der Mission trat, so verblieb er bei ihnen und sie verloren ihn nicht. Erst jetzt kamen sie zur Erkenntnis, welche Stütze er ihnen allen sei. Sivert Jespersen ergriff denn auch sofort das Wort, um es ihm ans Herz zu legen, er solle sich nach den heidnischen Ländern aussenden lassen. Mochte es nun jener Ausdruck des Aussendens sein oder war Fennefos überhaupt mißgestimmt gegen Sivert Jespersen – genug, er antwortete in ziemlich scharfem Ton: »Wenn ich gehe, so gibt es nur einen, der mich aussendet und das ist Gott, der Herr.«

Er war jetzt von dem alten Feuer erfüllt. Die Aeltesten sahen einander mit Betrübnis an, daß sie einen solchen Bruder verlieren sollten, und einer sprach: »Wenn du aber nicht unser Sendbote sein willst, wohin willst du dann gehen?«

»Ich meine, daß ich schon Heiden finden werde,« erwiderte Fennefos; »aber laßt uns für heute Abschied nehmen; und möge der Gott, der unsere Väter erweckte, in uns allen sein mit der Kraft der ersten Liebe, auf daß wir sein Werk zu seinem Wohlgefallen vollbringen können.« Darauf reichte er ihnen allen die Hand, dem einen nach dem anderen, dann gingen sie fort.

Es war ein stiller beklommener Herbstnachmittag. Die Freunde gingen miteinander über die Felder nach der Stadt zu. Der Haugianerhof – wie er im Volksmunde hieß – nahm sich mit seinen soliden, gut unterhaltenen Gebäuden freundlich in der Abendsonne aus. Der Boden war nur mager, aber gut bewirtschaftet und hinter den stattlichen Steinwällen sah man hie und da kleine Holzanpflanzungen. Als sie zur Ausgangspforte aus der Feldmark kamen, von wo der Weg gerade hinab zur Stadt führt, hielt der alte Färber an und brach in Thränen aus. Die anderen stellten sich um ihn her.

»Hier stand ich,« hob er an, »im Frühling 1804 mit meinem Vater und Hans Nielsen Hauge. Damals war hier überall nur Heide oder unwirtbarer Klippenboden. Mein Vater und Hauge hatten davon gesprochen, daß man das ganze Terrain mit seinen flachen und moorigen Strecken ankaufen solle, und dies geschah auch. Hauge gab dann seinen Rat und seine Anweisung, wie das Ganze eingerichtet und betrieben werden müsse, wie man dies später ungefähr auch gemacht hat. Als wir dann diese Stelle verließen, um nach Hause zu gehen, sagte mein Vater: »Möge denn Gott seinen Segen dazu geben!« Er mochte wohl zunächst an das Aeußere denken, denn es war ein gewagtes Unternehmen und viel Geld hatten Hauges Freunde damals nicht in Händen. Hauge aber lächelte und antwortete gar freimütig: »Ach, lieber Ingebret, wenn du von dem Zeitlichen sprachst, so ist mir gar nicht bange; ich möchte vielmehr Gott bitten, daß er die, welche nach uns kommen, vor allzu großem Glück und Gedeihen im weltlichen Handel bewahre. Und dessen mögest du dich erinnern – damit wandte er sich an mich – du, der du jetzt jung bist, daß starke Schultern dazu gehören, um gute Tage ertragen zu können.« Ich sehe ihn jetzt ganz leibhaftig hier auf dieser Stelle vor mir stehen. Er war selber noch ein junger Mann und nicht bedeutend viel älter als ich. Aber dennoch war es mir, als stände ich vor etwas höchst Ehrwürdigem und Erhabenem, vor dem ich mich tief beugen müsse. Und etwas Aehnliches fühlte ich heute, als der junge Fennefos zu uns sprach. Es wäre vergeblich, wenn wir leugnen wollten, daß er recht habe und daß wir in der ersten Liebe lau geworden seien.«

Der Alte schüttelte wehmütig das Haupt und ging zur Stadt hinab; die anderen folgten schweigend. –

Madame Torvestad alterte vor all den Aergernissen, die ihr in dieser Zeit bereitet wurden. Die Brüder hatten ihr Fennefos weggenommen und handelten auch weiter hinter ihrem Rücken, die Gnadauer Methode aber erwies sich als ganz und gar fruchtlos.

Wohl ward Henriette bleich und hager von dem vielen Fasten und der langen Einsperrung; aber dafür trat eine trotzige Glut in ihr Auge und eines Tages hörte die Mutter sie singen:

»Das blaue Meer, so stolz und weit,
Das liebt die Seemansbraut
Mit feur'gem Sinn, es ist ihr wie
Ein Brautgemach so traut,«

Da riß der Madame Torvestad die Geduld, und ohne sich zu bedenken, wie sie es sonst zu thun pflegte, stürzte sie zu Henriette ins Zimmer, versetzte ihr einen heftigen Schlag auf jede Wange und sagte, als sie wieder hinausging: »Ich werde dich bald ein anderes Lied lehren! Wart nur!«

Henriette saß wie versteinert. Sie hatte die Mutter früher oft erzürnt gesehen und im Heranwachsen Schläge genug bekommen. So aufgebracht wie heute aber war die Mutter noch nie gewesen. Henriette ahnte nichts Gutes und dennoch hatte sie sich nicht vorgestellt, daß es so schrecklich werden würde, wie es nun wirklich kam.

Eine Stunde nachher ward Henriette in die Wohnstube gerufen und hier war Madame Egeland. Die feiste gelbliche Dame küßte sie, und es ergab sich, daß sie in dieser Stunde mit Erich Pontoppidan Egeland verlobt worden war – das Schlimmste, was ihr auf der Welt hätte begegnen können. Als Sarah von dieser Verlobung hörte, ging sie ins Hinterhaus hinüber, um mit ihrer Mutter zu sprechen. Sie schlossen sich ein, aber die Unterredung war nur kurz. Die Madame wies ihre Tochter gleich zurück, und Sarah hatte, als sie der Mutter in der alten Stube gegenüber saß, den Mut nicht, einen entscheidenden Kampf zu wagen. Was hatte sie auch sagen sollen? Sollte sie ihren eigenen Jammer und ihre Schande offenbaren?

Sarah ging zu Henriette hinein. Diese erwiderte auf alles, was Sarah sagte, nur: »Ich will nicht, ich will nicht, ich habe geschworen.« Sie war ganz außer sich und ihr Blut fieberte. Sarah nahm ihr die Kleider ab und legte die Schwester ins Bett; die Mutter wollte sie aber selbst pflegen, und Sarah mußte wieder gehen, niedergedrückter und unglücklicher als je zuvor.

Je weiter es in den Herbst hineinging, verhärtete sich ihr Herz immer mehr. Fennefos hatte seinen reinen klaren Blick wieder erhalten; er sah über sie hin, als sei sie weit entfernt.

Eines Tages war die Rede davon, er wolle Missionär werden. Sarah hörte es, und es ward immer düsterer in ihrem Inneren. Sie haßte ihre Mutter und verabscheute ihren Mann; sie behielt es aber für sich und niemand ahnte, welche Gedanken in ihr wogten.

Inzwischen ward es auch in Schiffer Worses Gemüt immer finsterer. Er glaubte zuletzt, daß der böse Feind überall sein Spiel treibe, sowohl in seiner Umgebung als auch in ihm, in seinem innersten Herzen. Und da kämpften sie – der Böse und Schiffer Worse von Morgen bis Abend, und sogar des Nachts in seinen Träumen.

Gewöhnlich unterlag Worse im Kampf. Ein seltenes Mal aber gelang es ihm, den schlauen Feind zu überlisten, wenn er beizeiten seine tückischen Anschläge entdeckte.

So ging es eines Tages mit dem Schiffer Randulf. Dieser hatte Worse zu einem Spaziergang in die Stadt überredet und wußte ihn unter fortwährendem Sprechen immer weiter nach den Schiffswerften zu locken; aber plötzlich merkte Worse Unrat. Er hörte, wie einige Jungen, die vorbeiliefen, sagten, daß ein Schiff vom Stapel gelassen werden solle und nun durchschaute er sofort die Schlinge des Bösen. Denn Worse wußte, daß es einer seiner Schliche sei, die Gedanken seines Opfers durch allerlei Vorstellungen von der See und von Schiffen in die ganze Sündhaftigkeit seines früheren Lebens zurückzuziehen. Deshalb hatte er auch schon vor langer Zeit das halbfertige Modell von »Der Familie Hoffnung« auf den Boden gestellt, und als er jetzt merkte, daß die Versuchung durch Thomas Randulf an ihn heranträte, drehte er plötzlich um und eilte nach Hause zu Sarah.

Randulf aber that es leid um seinen Freund, und er sagte, als er am Abend in den Klub kam: »Nun ist es bald aus mit Jakob Worse, sage ich euch, er macht es nicht lange mehr; das konnte ich ihm heute ansehen.«

»Ach, das glaube ich nicht,« sagte ein anderer, »er sieht wohl etwas gelb und angegriffen aus, aber –«

»Ich sah es an seinen Beinkleidern,« versetzte Randulf.

»Was schwatzest du da, Randulf,« rief der Lotsen-Aeltermann Sundt vom Spieltisch her.

»Schwatzest?« rief Randulf, »dein Wort in Ehren, aber nimm es mir nicht übel, recht habe ich doch. Wenn der Tod einen Mann gezeichnet hat, so schrumpft er ganz merkwürdig ein in seinen Beinkleidern,«

Alle lachten und einer meinte, das käme davon, daß kranke Leute mager würden,

»Nein, nein,« rief Randulf ganz erregt, »das, was ich meine, ist durchaus eigentümlich. Die Beinkleider werden so leer und schwer und lang, als wollten sie ganz herabfallen und über den Fuß hin legen sich drei große dicke Falten, Wenn ich das sehe, so weiß ich, daß der Mann nicht mehr lange zu leben hat. Darauf könnt ihr euch verlassen, das ist eine feste, unumstößliche Wahrheit.« –

Als das Wetter sich im Oktober verschlechterte, ging Jakob Worse noch seltener aus; es fröstelte ihn draußen und er blieb am liebsten im warmen Zimmer. In den kleinen religiösen Büchern las er, so gut er es vermochte; aber das wollte ihm nicht zu der Freimütigkeit des Geistes, nach der er sich so sehr sehnte, verhelfen.

In der Versammlung zwischen all den ruhigen, andächtigen Gesichtern nahm der alte bekümmerte Mann mit dem dichten weißen Haar und dem schlaffen, runzeligen Antlitz sich seltsam genug aus, wie er die Augen forschend bald auf den einen, bald auf den anderen richtete und begierig dem, was gesprochen wurde, zuhörte, ob doch nie das Wort kommen würde, das seiner Seele den Frieden schenken sollte. Der böse Feind aber hatte sich von früher her zu stark bei ihm eingenistet; er legte Schwüre auf seine Zunge und böse Gedanken in sein Herz. Wenn Sivert Jespersen in der Versammlung aus der Postille vorlas, schleppte der Teufel die zweihundert Tonnen Salz herbei oder er spiegelte ihm vor, daß Endre Egeland mit seinen kleinen grünen Augen die jungen Mädchen anstarre.

Nachts, wenn der Wind unten in der Gasse heulte, führte der Teufel ihn auf die stürmische See an Bord seines alten Schiffes, so daß er eine sündhafte Freude daran hatte, sich vorzustellen, wie er mit »Der Familie Hoffnung« manövrierte und wie wacker es sich in dem schweren Seegang aufführte. Oder der Böse versuchte ihn zum Hochmut, wenn Garman & Worse große Geschäfte machten, oder zu Heftigkeit und Ungeduld, wenn Romarino kam und vom Vater Geld oder seine Unterschrift verlangte.

Im Hause hatte er sich immer noch am besten befunden, besonders wenn Sarah da war. Nun aber verschlimmerte sich sein Zustand so sehr, daß er sogar den Appetit verlor. Nur Erbsen und Speck, sein Lieblingsgericht auf der See, aß er noch immer gern und er freute sich stets, wenn ihm am Vormittage der Duft davon aus der Küche entgegenstieg.

Aber da fiel es ihm eines Tages ein, ob nicht auch dies eine der tückischen Schlingen des Bösen sei, um seine Gedanken von dem einen, was not thue, abzuziehen und zu der großen Sündhaftigkeit seines früheren Lebens hinzulenken?

Und als er zu Tisch kam, konnte er das Essen kaum anrühren.

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