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Schiffer Worse

Alexander Lange Kielland: Schiffer Worse - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorAlexander Kielland
titleSchiffer Worse
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 20
year1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidce2c8467
created20070108
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Zehntes Kapitel.

In Sivert Jespersens niedriger, altmodisch eingerichteter Stube war ein Tisch gedeckt, Tischtuch und Servietten waren aus gutem Damast, aber die Messer waren einfach und die Gabeln von Eisen. Hie und da in großen Zwischenräumen stand eine Flasche Medoc, sonst war nur Wasser, Brot und Salz auf dem Tisch. Trotzdem war der Gastgeber von Besorgnis erfüllt, daß dies für gar zu verschwenderisch angesehen werden könne. Für gewöhnlich war der Tisch nur mit Wachstuch bedeckt, man nahm die Kartoffeln mit den Fingern aus der Schüssel und schälte sie mit dem Taschenmesser. Die Gesellschaft am heutigen Tage wurde zu Ehren des heimgekommenen Fennefos gegeben, und vielleicht waren seine Grundsätze sehr streng geworden.

Die Aeltesten hatten bestimmt, daß Fennefos zuerst zu einem engeren Kreise der vertrautesten und zuverlässigsten Brüder und Schwestern eingeladen werden sollte, damit es an den Tag käme, wie es in seinem Innern aussähe. Man wollte ihn lieber nicht sofort im Versammlungshause reden lassen; denn man fürchtete sich eigentlich vor ihm und keiner hatte ihm gegenüber ein völlig reines Gewissen.

Fennefos war schon einige Tage in der Stadt gewesen, man hatte aber nur wenig von ihm bemerkt. Er hielt sich meistens zu Hause und sprach mit Madame Torvestad. Drüben im Vorderhause bei Worses war er auch gewesen. Als sie sich zum erstenmal sahen, waren sie allein und als Sarah ihre dunklen Augen zu ihm aufschlug, fühlte er seine Stimme erbeben. Allein er überwand diese Schwäche alsbald und er sprach ruhig und ernst weiter, ohne sie viel anzublicken. Sarah sagte fast nichts und lauschte nur seiner Stimme.

Schiffer Worse trat ein und hieß Fennefos herzlich willkommen; der andere aber stutzte, als er sah, wie sehr Worse in diesen Jahren gealtert sei, wie sein Mund schlaff, seine Gesichtsfarbe fahl geworden. Sie sprachen von der Gesellschaft, die am nächsten Tage bei Sivert Jespersen sein solle und Worse ging auf und nieder und strich sich über sein Otternfell; er hatte offenbar etwas auf dem Herzen.

»Hm! hm!« sagte er einige Male, wenn eine Pause in dem Gespräch entstand, das die beiden führten, »morgen ist der 24. Juni, ja, das ist sicher, hm! hm! der Johannisabend – ach, ja wohl!«

»Ist der Johannisabend ein besonders wichtiger Tag für Sie, Herr Worse?« fragte Fennefos, der sich gegen Sarahs Mann gern freundlich zeigen wollte.

»Wichtiger Tag? ja gewiß, das sollt' ich meinen, Hans Rielsen, seit vielen, vielen Jahren! Es ist Randulfs Geburtstag, sehen Sie, und seit wir Knaben waren – ach, ja wohl – doch was sollen mir davon sprechen, die Zeiten sind vorbei.«

»So würden Sie wohl den morgigen Tag lieber mit Schiffer Randulf beisammen sein, als zu Sivert Jespersen gehn?«

»Ich schäme mich fast, es einzugestehen, allein ich würde allerdings lieber bei Randulf sein.«

»Ich glaube nicht, daß jemand es dir verargen würde, wenn du nicht zu Sivert Jespersen kommst,« sagte Sarah; nachdem Fennefos zurückgekehrt war, hatte sie nichts dagegen, daß ihr Mann sie für einen Tag verließ. Jakob Worse ward froh wie ein Kind über die unvermutete Wendung und er eilte schnell zu Randulf, um ihm zu melden, daß er morgen zu ihm kommen dürfe.

Die beiden saßen wieder allein und es entstand eine kleine Pause.

»Befindet sich dein Mann nicht wohl?«

»Nein, er ist krank; ich glaube er hat eine innere Schwäche.«

»Du denkst an den Körper; ich meinte seine Seele. Ist er noch in seinen Sünden?«

»Ich befürchte es, Hans Nielsen, das Wort hat keine Macht in ihm.«

»Hast du versucht, ihm zu helfen, Sarah?«

»Ja wohl, ich habe es versucht aber es hat wenig gefruchtet.«

»Du hast es vielleicht nicht auf die rechte Weise versucht. Er war ein starker Mann und es gehören vielleicht starke Mittel dazu, ihn zu beugen.«

Sie wollte ihn näher darum befragen, als Madame Torvestad eintrat, um Fennefos abzuholen. Sie hatten sich verabredet, zusammen ein Mädchenasyl zu besuchen, welches die Haugianer errichtet hatten. Sarah schloß sich ihnen an, was der Mutter nicht ganz recht war. Sie war von ihrer Tochter in der letzteren Zeit so sehr in den Schatten gestellt worden, daß sie nun aus allen Kräften bestrebt war, Fennefos für sich zu behalten. Aeußerlich aber schien sie sehr erfreut, als sie nun alle drei zusammen fortgingen, Sarah empfand ein eigentümliches Vergnügen, ihn an ihrer Seite zu haben, obgleich er sich fortwährend zur Mutter herüber beugte, die ihm in gedämpftem Tone dies und jenes über die Leute erzählte, denen sie begegneten. Als sie aber wieder nach Hause kamen, verabschiedete Fennefos sich von Madame Torvestad und ging mit Sarah hinein in ihre Wohnung.

Sie sprachen lange miteinander und Sarah erzählte von den Brüdern und berichtete ihm alles, was während seiner Abwesenheit vorgefallen war. Sie bemerkte bald, daß seine Stimmung eine weit finsterere geworden sei und daß er über alles weit strenger urteile als früher; dies führte dazu, daß sie ihrer Darstellung ein schlimmeres Gepräge gab, als sie es sonst wohl gethan hätte. Sie erzählte von der großen Lauheit unter den Brüdern, ihrer häßlichen Begierde nach irdischem Gut; wie sie aus sündhafter Eitelkeit danach trachteten, sich bei den Menschen in Ansehen zu setzen und wie sie sich von den jungen Predigern, die sich in ihre Wohltätigkeitsanstalten und Missionsgesellschaft eindrängen wollten, etwas vorschmeicheln und vorschwatzen ließen. Fennefos hörte sie an und dankte ihr, als sie geendet hatte.

»Aber dir selber, Sarah, wie geht es dir,« fragte er, als er sich zum Fortgehen anschickte.

»Ich danke, Hans Nielsen,« erwiderte Sarah zu ihm aufschauend; »aus mir selbst vermag ich nichts; aber der Herr ist meine Stärke gewesen, so daß ich wohl sagen darf, daß mir's jetzt gut geht.«

Er wandte sich rasch ab und nahm Abschied,

Am Mittagstisch bei Sivert Jespersen am folgenden Tage herrschte eine erwartungsvolle Stille. Alle sahen verstohlen zu Fennefos hinüber, der neben Sarah saß – ernst und schweigsam, wie er es seit seiner Zurückkunft bis jetzt gewesen war.

Vor der Suppe verlas ein alter Mann mit weißem Haar und blauen Händen – er war Färber seines Zeichens – das Tischgebet und darauf ward das Lied: »Singen wir aus Herzens Grund« angestimmt. Nach der Suppe sollte es Lachs geben; im letzten Augenblick aber war der Wirt bedenklich geworden und hatte zum großen Aerger der Kochfrau verboten ihn aufzutragen. Man ging daher sofort zum Braten über, dem die Gäste wacker zusprachen. Die Kochfrau hatte es sich herausgenommen auf eigene Verantwortung Salat zum Braten zu servieren, was für die meisten der Anwesenden etwas ganz Ungewöhnliches war. Einer der Alten sagte darum halb scherzend: »Potztausend! Sollen wir Gras fressen, wie weiland König Nebukadnezar?«

Man lachte etwas darüber und Madame Torvestad ergriff die Gelegenheit, zu erzählen, daß sie, als sie in ihrer Jugend in Gnadau war, fast nichts anderes zu essen bekommen habe, als verschiedene Arten von solchem Grase. Dadurch ward das Gespräch auf verschiedene Einrichtungen in der Brüdergemeinde und auf die Vorsteher derselben geführt, worauf man der alten frommen Lehrer und Prediger gedachte, die im vorigen Jahrhundert ein neues reges Leben unter den Christen in Deutschland angefacht hatten. Fennefos beharrte in seinem Schweigen oder richtete einige halblaute Worte an Sarah. Im übrigen aber ward die Stimmung lebhafter durch dies Gespräch über Dinge, für welche sich alle interessierten und in denen die meisten gut bewandert waren. Am eifrigsten aber war Madame Torvestad, die sich auf diesem Gebiet besonders heimisch fühlte und nie eine Gelegenheit unbenutzt ließ, um von den Männern zu erzählen, über die sie in ihrer Jugend so viel gehört hatte.

»Ja fürwahr,« sagte Sivert Jespersen, »wir besitzen manches segensreiche Wort von Johann Arndt, Spener und Francke. Auch unter den Herrnhutern gab es später viele fromme, gottesfürchtige Männer.«

»Wir können von ihnen lernen und sie können von uns lernen,« sagte der alte Färber.

»Ich las gerade heute in einem kleinen Buche von einer Erscheinung, die ein frommer Mann, ein Freund Franckes hatte. Später erfuhr derselbe, daß Francke in ebenderselben Stunde gestorben sei, wo er die Erscheinung hatte.«

Indem Madame Torvestad dies sagte, zog sie aus ihrer Tasche eines jener Büchlein hervor, die bei ihr eine so große Rolle spielten; und Sivert Jespersen bat sie, ob sie nicht die Stelle von der Erscheinung vorlesen wolle, wenn sie in dem Buche stände.

Madame Torvestad ließ sich dazu bereit finden. Sie sagte, daß sie das Buch mitgenommen habe, weil sie und die Aeltesten zu der Ueberzeugung gekommen seien, daß man versuchen müsse, mit sanften Worten, in milder Weise eine freudigere und zuversichtlichere Stimmung bei dem lieben Freunde und Bruder Hans Nielsen zu erwecken. Man setzte sich zurecht um zuzuhören. Die meisten waren mit der Mahlzeit fertig; nur einige der Männer nahmen sich noch ein Stück Braten und aßen still weiter, während sie las. Die Stimmung unter den Gästen begann sich zu heben, und sie sahen freimütiger zu Fennefos hinüber, der ruhig dasaß und mit Sarah sprach.

Madame Torvestad war eine gute Vorleserin und sie sprach die Fremdwörter richtig aus, was die anderen, die keine so gute Erziehung genossen hatten, nicht vermochten. Sie las:

»Endlich kam die Zeit, wo Elias – damit war Francke gemeint – fortgenommen werden sollte; es war im Jahre 1727. Aus meiner Finsternis erhielt ich einen klaren Blick, um in die Wohnungen der Seligen hineinzuschauen. Ich sah den großen Friedensfürsten, umgeben von einer unzählbaren Schar Erlöster, und mit lächelndem Munde sprechen: ›Gesegnete meines Vaters! Ihr liebet mich und ich liebe euch, wir freuen uns übereinander. Und jetzt haben wir einen neuen Gegenstand unserer Freude. In diesem neuen Jerusalem sollen wir morgen ein frohes Fest feiern. Eine große, höchst begnadigte Seele soll ihre Krone erhalten. Sie legt jetzt ihre irdische Hülle ab.‹

»Sogleich rief der ganze Himmel mit größter Hochachtung: ›Amen, Amen!‹ ›Aber wer ist es?‹ fragte der eine den anderen, ›wer kann dieser neu angekommene und höchst begnadigte Freund sein?‹

»Meine Aufmerksamkeit fiel nun hauptsächlich auf drei; es waren die würdigsten Greise, hochselig geschmückt mit Kronen und reinschimmernder Seide in der Pracht des Oberengels. ›Wer ist der? – der? – der?‹ fragte mein Herz einen Augenblick. Und alsbald erkannte ich sie: es waren Luther, Arndt und Spener.

»›Brüder,‹ sprach Spener, ›glaubt ihr, daß ich raten kann, wer der selige Freund ist, den unser König meint, und den der morgende Tag verklären soll? Sicher wird Francke es sein, der jetzt gekrönt werden soll, denn er hat redlich gekämpft.‹ So sprach der liebe Philipp Jakob; der Erlöser aber, der gerade neben ihm stand, versetzte lächelnd: ›Du sagest es.‹ Der ganze Himmel aber klatschte darüber erfreut in die Hände.

»So kam der selige Tag, nach dem Franckes Seele so lange geseufzt hatte. Eine große Schar der seligen dienstbaren Geister, die schon bereit standen, gespannt darauf, ihres Königs Geheiß auszuführen, erhielten jetzt einen Wink von unserem Erlöser, um Franckes Seele abzuholen. Des Himmels Pforten öffneten sich – der Wagen Israels und seine Reiter in ihrer gewöhnlichen Pracht fuhren nieder, um Elias zu holen. Mit der heiligsten und verschämtesten Vorsicht schritt Francke durch Zions Pforten, und alsbald wandte sich der Erlöser zu seinem Erstgeborenen: ›Sieh,‹ sprach er, ›sieh, mein Francke, sieh wie deine Seele mit ihren großen Gaben und der Pracht ihrer Goldstücke doch am allerseligsten glänzt in der Demut deines ungekünstelten Herzens.‹

»›Komm nun, mein August Hermann,‹ fuhr der König fort, ›komm meine auserkorene Schwester. Nimm deinen Obersitz ein an meiner rechten Seite.‹

»Aber als er jetzt merkte, daß der König selber ihm entgegenkäme, warf Francke sich in demselben Augenblick mit der zierlichsten Ehrerbietung vor seine Füße nieder und küßte sein Gewand. Zions König beeilte sich nun, seine Braut aufzuheben und gab ihr den Friedenskuß.

»Ach, daß ich nicht mehr sehen und hören konnte! Aber jetzt hatte die Erscheinung ein Ende, als der Erlöser seine reine Braut bei der Hand nahm und sie zu seinem Vater führte. Dahin konnten und durften meine schwachen Augen ihnen nicht folgen ...«

Die meisten Gäste an Sivert Jespersens Tisch gaben ihren Beifall durch Lächeln und Kopfnicken zu erkennen; der eine und der andere sah aber doch bedenklich aus und der Wirt bereute, daß er nicht vorher mit der Madame Torvestad genaue Abrede getroffen habe. Wohl war sie eine verständige Frau, der man es schon überlassen konnte, eine Sache zu leiten, selbst wenn sie ihre Schwierigkeiten hatte. Derartige Sachen waren jedoch ihre schwache Seite und Sivert Jespersen wußte nur zu gut, wie sehr Fennefos solche überspannte Entzückungen zuwider waren. Dieser aber saß da mit demselben ruhigen Antlitz; nur sprach er nicht mehr, sondern schien in Gedanken versunken zu sein.

Die anderen gaben sich jetzt nach und nach einer stillen Munterkeit hin. Der saure Medoc ward vorsichtig in kleinen hellroten Partien mit Zucker und Wasser getrunken, einige tranken Dünnbier, die meisten aber bloß Wasser. Die liebevolle und brüderliche Gesinnung aber, welche sie verband, strömte bei vielen über; sie lächelten sich zu, klopften einander auf die Schulter oder die Wange. Nach und nach vergaßen sie den Respekt vor Hans Nielsen, und sie freuten sich jetzt nur darüber, ihn wiederzusehen, wenn er auch so schweigend unter ihnen da saß. Keiner konnte ja wissen, welche Prüfung ihm der Herr geschickt habe; wenn sein krankes Gemüt geheilt sei, würde er auch die Gnadengabe der Freimütigkeit wie früher wieder erhalten.

Da ertönte plötzlich seine Stimme unter ihnen und es ward totenstill. »Herzensgeliebte Geschwister! Berufene und Auserwählte in unseres Herrn Jesu Christi Frieden in Gott, Gerechtigkeit und Heiligkeit mit Weisheit und Sanftmut, von der echten Liebe und Demut, die geläutert ist durch das Feuer des heiligen Geistes oder die Züchtigkeit des Vaters – rufe, erleuchte, überströme, treibe und bereite euch vollkommen zur ewigen Herrlichkeit! Amen!«

Sie kannten die Stimme und viele kannten auch die seltsamen altväterischen Worte wieder; es war ein Gruß von Hauge selber in einem seiner Briefe und manche von den Brüdern dachten: »Jetzt kommt es.«

Anfangs sprach er sachte, fast wehmütig von der »ersten Liebe«; er erinnerte daran, wie selbst Hauge in seinen letzten Jahren bekannt habe, daß die erste Liebe nicht immer bei ihm gebrannt habe, wie in den ersten Tagen der Gnade. Darauf schilderte er die Bedrängnis der Brüder in den bösen Tagen; er pries und lobte Gott, daß er in den Vätern stark gewesen sei, so daß die Flamme nicht erloschen, sondern klar im ganzen Lande leuchtete. Dann aber ging er auf die Bedrängnis der Brüder in den guten Tagen über, und alle beugten das Haupt: »Jetzt kommt es!«

Und es kam über sie wie ein Ungewitter. Schlag auf Schlag fielen seine Worte nieder, bald hier, bald dort, immer auf schwache Punkte. Ein jeder wußte, wer mit jedem Wort gemeint sei, und keiner sah den anderen an. Es ward ihnen keine Zeit gelassen sich zu wundern, wie er dies alles wisse, denn ihre Gedanken konnten in keine andere Richtung gehen, als wohin er sie führte.

»Was ist jetzt geblieben!« rief er, »was ist jetzt von der ersten Liebe unter euch geblieben? Würde er jetzt wohl seine Freunde wiederkennen, wenn er noch im Fleische wandelte, er, der unsere Väter erweckte und den von den Alten sogar noch viele von Angesicht zu Angesicht gesehen haben? Und wird wohl der Erlöser, in dessen Blut ihr zur ersten Liebe gerufen seid, euch am Tage des Gerichts kennen wollen? Wehe, wehe! Der gute Geist ist von euch gewichen und ihr habt einen neuen Geist angenommen, voll weltlicher Bekümmerung, Stolz, Hoffart, Ausschweifung und Wollust, und um euretwillen wird der Name Gottes unter den Heiden bespottet.

»Oder habt ihr den alten Feind vergessen? Oder glaubt ihr thöricht in eurem Herzen, daß die alte Schlange schläft? Wehe über euch! Ihr Schläfer! Euer Erwachen wird sein wie das des reichen Mannes, als er erwachte zu den Qualen der Hölle.«

Mehrere der Frauen weinten, die Männer saßen still und beugten das Haupt jedesmal, wenn ein neuer Schlag kam. Als er geendet hatte, sagte Sivert Jespersen demütig lächelnd: »Jetzt meine ich, müssen wir singen:

Weh' mir, daß ich so manches Mal
Der Wollust mich ergeben!«

Bei der dritten Strophe erschien die Kochfrau mit dem Dessert. Der Wirt machte ihr die heftigsten Gebärden zu und schüttelte mit dem Kopf, aber er leitete den Gesang und mußte darauf acht geben, daß er das Tremulieren nicht verabsäumte.

Die Kochfrau verstand gar wohl die Zeichen des Wirts, allein hatte sie sich darein finden müssen, den Lachs zu überspringen, so schwur sie darauf, daß sie sich das Dessert nicht werde nehmen lassen. Ihr Ruf als Kochfrau wäre in allen guten Häusern verscherzt gewesen, wenn es bekannt geworden wäre, daß sie bei einem Mittag für zweiundzwanzig Personen nur zwei Gerichte serviert habe. Das sollte nicht geschehen! Und mit einem vor innerer Aufregung hochgeröteten Gesicht trug sie selbst eine gewaltige Schüssel voll großer, fetter Spritzkuchen herein, die sie gerade vor Sivert Jespersen hinsetzte.

Dies machte einen ungemein peinlichen Eindruck und dem Wirt war fast die Stimme vergangen, als er die vierte Strophe begann:

»Ich bin erfüllt von Schlechtigkeit
Und groß ist mein Vergehen,«

Keiner rührte das Dessert an; nach dem Gesange sprach der alte Färber ein Schlußgebet, worauf noch zwei Strophen des Liedes:

»Das Mahl wir also schließen nun
Und falten unsere Hände,«

gesungen wurden.

Beim Kaffee herrschte drückende Stille; einige waren ernstlich ergriffen und bekümmert, andere schielten ängstlich nach den Aeltesten. Die Frauen schickten sich zum Aufbruch an, um zum Versammlungshause zu gehen, wo Bibelstunde abgehalten werden sollte. Fennefos und einige der Männer gingen mit. Hinten aber in dem kleinen Comptoir Sivert Jespersens versammelten sich fünf bis sechs von den Aeltesten. Sie zündeten ihre Kreidepfeifen an und rauchten eine Zeitlang stillschweigend. Keiner hatte Lust, das Schweigen zu brechen.

»Weiß einer von euch den Preis des Salzes in Bergen?« fragte Endre Egeland; ihm war es immer am liebsten über unangenehme Dinge schnell hinwegzugehen.

Es schien aber keiner etwas von den Salzpreisen zu wissen; es waren andere Sachen zu besprechen.

»Ja, ja!« seufzte endlich Sivert Jespersen, »es war wohl eigentlich sehr angebracht.«

»O ja, gewiß,« erwiderte ein anderer. »Unsereins hat Fehler genug in sich, die zu züchtigen und zu bessern sind.«

»Du siehst den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken in deinem eigenen bemerkst du nicht,« versetzte Nikolas Egeland sehr passend.

»Weiberrat und Weiberrede vermag nicht immer einen Mann sanft zu stimmen,« sprach der alte Färber leise.

Es entstand eine Pause, bis alle, sogar Nikolas Egeland, den Sinn dieser Worte verstanden hatten. Darauf bemerkte einer: »Wir bedürfen in diesem Jahre vieler Arbeitshilfe auf unserem Hofe, der liebe Gott hat unsere Wiesen und unsere Aecker reich gesegnet.«

Er sprach von dem bei der Stadt liegenden Hofe, den mehrere der Haugianer in Gemeinschaft besaßen.

»Am meisten thäte uns einer not, der sowohl bei der Arbeit mit Hand anlegen, als auch die Diener und Arbeitsleute in den Feierstunden zur Erbauung versammeln könnte,« sagte Sivert Jespersen.

Wieder eine lange Pause; einer sah seinen Nachbar an, dieser blickte zur Seite, nach der Ecke hin, wo der alte Färber saß; mehrere Köpfe drehten sich auch dahin. Wohin der Alte selber schaute, war nicht leicht zu bemerken, er blinzelte mit den Augen in den dichten Tabaksrauch. Endlich aber nickte er mehrere Male; »Ja, ja, wenn das eure Meinung ist, ihr Lieben, so will ich versuchen, es ihm zu sagen.«

Dadurch fühlten sich die anderen sichtlich erleichtert, und jetzt erst begannen sie sehr eifrig von den Salzpreisen zu sprechen. –

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