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Schiffer Worse

Alexander Lange Kielland: Schiffer Worse - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorAlexander Kielland
titleSchiffer Worse
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 20
year1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidce2c8467
created20070108
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Neuntes Kapitel.

Die Firma Garman und Worse hatte einige gute Jahre gehabt. Wie ein frischer Blutstrom rollte Jakob Worses Geld in das dahinsiechende Geschäft, verteilte sich über die Glieder und machte den ganzen Organismus gesund und stark; nach und nach gewann die Firma ihren vollen Glanz in der Heimat wie im Auslande wieder. Das Antlitz des Konsuls ward wieder glatt und unbekümmert und sein Schritt war leicht und jugendlich, wenn er die breite Treppe hinanstieg, um nach den fremden Arbeitern zu sehen, die er aus Kopenhagen hatte kommen lassen, um die Gesellschaftszimmer im ersten Stock zu dekorieren. Zum Frühjahr sollte Christian Friedrich nach Hause kommen; seine Ausbildung im Auslande war vollendet, wenn er jetzt den letzten Winter in Paris zugebracht hatte.

Der Konsul freute sich sehr darauf, daß sein Sohn nach Hause kommen sollte – zumal jetzt, da er ihm zeigen konnte, daß die Firma sich kräftigen Gedeihens erfreue und das Geschäft in voller Blüte stehe. Nur ein unangenehmer Punkt war da, nämlich das Verhältnis zu Worse. Konsul Garman verwünschte in seinem Herzen die Haugianer und alle heiligen Leute mehr als je. Es war eingetroffen, was er befürchtet hatte: seinen braven Schiffer Worse hatten sie ihm verdorben. Derselben Meinung waren auch die beiden alten Fräulein. Wohl kam er in der ersten Zeit nach seiner Heirat öfter nach Sandsgaard und bemühte sich, ganz ebenso zu sein, wie früher. Das wollte aber nicht gelingen, er vermochte den rechten Ton nicht wiederzufinden und auf beiden Seiten konnte man sich des peinlichen Gefühls nicht erwehren, daß die guten alten Tage für immer dahin seien.

Nur ein einziges Mal war Frau Sarah Worse auf Sandsgaard gewesen, als der Konsul eine große Mittagsgesellschaft zu Ehren der Neuvermählten gegeben hatte.

Mit niedergeschlagenen Augen saß sie neben dem Konsul Garman an der strahlenden Tafel, umgeben von all den hohen Herren und Damen, die sie nur auf der Straße oder in der Kirche gesehen hatte. Rund um sie her erklangen Scherze und Gelächter und ein froher Lärm, dergleichen sie in ihrem Leben nie gehört hatte, obgleich die Gäste der Meinung waren, daß sie ihre Munterkeit aus Rücksicht gegen die bekannte Religiosität der jungen Frau bedeutend herabstimmten,

Jakob Worse aber, der an diese Gesellschaften gewöhnt und bei allen gut gelitten war, befand sich äußerst wohl und wollte seiner Frau zunicken. Sie aber erhob kaum die Augen während der ganzen Mahlzeit; und als sie nach Hause kamen – Worse mußte sich darein finden, daß sie fuhren – sagte sie zu ihm, daß sie das Gefühl habe, als sei sie im Vorhofe der Hölle gewesen.

»Ach nein, Sarah, wie kannst du das sagen; es waren wahrhaftig lauter brave, gutmütige Leute!«

»Merktest du denn nicht, daß sie dich nur zum besten hatten,« sagte sie mit scharfem Ton; denn so hatte sie es aufgefaßt, wenn der Bürgermeister oder ein anderer der Gäste sich die Ehre ausgebeten hatte, ein Glas mit dem alten Kapitän und jungen Ehemann zusammen zu trinken.

Sie ging niemals wieder dahin. Einmal war sie verständig genug, einzusehen, daß sie in diesem Kreise niemals festen Fuß fassen würde; dann aber war auch für sie, die von Kindheit an nur ernste und religiöse Reden gehört hatte, etwas wahrhaft Teuflisches an diesen frohen, sorglosen Menschen, die laut lachten, während sie den verderblichen Wein tranken. –

Konsul Garman ließ nicht ab, es seinen Schwägerinnen vorzuwerfen, daß sie ihn nicht früher von Schiffer Worses Liebäugeln mit den Haugianern unterrichtet hatten. Er meinte, daß er ihn kuriert haben würde, hätte er ihn nur behandeln können, ehe die Krankheit überhand genommen.

Worse schien sich aber recht wohl zu befinden und das war doch eigentlich die Hauptsache, wenn es nur von Dauer wäre. Trotzdem vermißte man ihn aufrichtig in Sandsgaard, und als er sich dann sogar ganz von der See zurückzog und sein altes Schiff einem anderen Führer überließ, gab Konsul Garman ihn vollständig auf.

Der Konsul fühlte sich danach noch einsamer als früher und oft wanderte er in trübsinnigen Gedanken auf dem breiten Kiesweg vor dem Gartenpavillon auf und nieder. Der Pavillon lag an einem Teich, um den sich ein hübscher Kranz von Schilf zog. Früher war der Teich wohl größer gewesen; denn der Konsul konnte sich aus seiner Jugend erinnern, daß sich das Wasser damals nach beiden Seiten des Lusthauses hin erstreckte und daß sich eine Zugbrücke dort befand.

Er hatte noch eine dunkle Erinnerung von Damen in einem blau und weiß gestrichenen Boote und von einem hohen Manne in rotseidener Jacke, der vorn im Boot mit einem Ruder stand. Jetzt war der Teich so klein, daß sich kaum ein Boot darauf hatte bewegen können und der Konsul stellte oft Betrachtungen darüber an, wie der Teich hätte so einschrumpfen können. Das Schilf mochte wohl schuld daran sein, und der Gärtner erhielt jedes Jahr die Weisung, mit dem Schilf gut aufzuräumen; das half aber nur wenig. Der Garten war ursprünglich in altfranzösischem Stil angelegt, mit breiten, rechtwinkligen Gängen, dichten hohen Hecken und Alleen oder ganz niedrigen Buchsbaumhecken. In gewissen regelmäßigen Zwischenräumen waren runde Plätze angebracht, auf die je vier Wege einmündeten; hier standen Bänke umher und in der Mitte eine Sonnenuhr oder ein Denkstein oder etwas Aehnliches.

An der Außenseite des Gartens aber war ringsumher, namentlich gegen Nordwesten, ein dichter Gürtel von Bäumen gepflanzt, der sich wie ein breiter Rahmen um die ganze Anlage zog. Es waren gewöhnliche inländische Bäume, welche den feinen französischen Garten mit seinen fremden Blumen und Gewächsen gegen den rauhen Wind von der See beschützen sollten. Der Pavillon mit dem Teich lag westlich vom Hauptgebäude, und obgleich er nicht eben weit davon entfernt war, ward er doch in früherer Zeit als eine Art Trianon betrachtet, wohin man sich begab, um Kaffee zu trinken oder Musik zu hören. Der stattliche Zug schlängelte sich auf vielfachen Umwegen über die Brücke und rund um den Teich dahin, oder man stieg ins Boot und ließ sich mit drei Ruderschlägen unter zahllosen Komplimenten und witzigen Bemerkungen übersetzen. Aller dieser Dinge konnte Morten Garman sich von seiner Jugend her erinnern. Er selbst hatte es versucht, die alten Weisen und Gewohnheiten aufrecht zu erhalten; aber es hatte ihm nicht recht glücken wollen. Die Menschen wurden anders, der Teich wuchs immer mehr zu und selbst der zierliche Garten seines Vaters sollte, wie es schien, demselben Geschick erliegen.

Zu beiden Seiten des breiten Kiesweges, der nach dem Pavillon führte, lief eine Hecke, die so dicht war, daß sich die jungen Damen zum großen Verdruß des Gärtners darauf zu setzen pflegten, und in derselben standen in regelmäßigen Zwischenräumen sechs aus Buchsbaum geschnittene Pyramiden. Hier pflegte der Konsul auf und nieder zu spazieren und hier war noch alles so zierlich und so steif wie in früherer Zeit. Der übrige Teil des Gartens aber hatte nach und nach ein etwas verwildertes Aussehen angenommen. Die einfachen Bäume, die gepflanzt waren, um Schutz zu geben, hatten sich, als sie erst dicke Stämme und kräftige Wurzeln bekamen, auf eigene Rechnung breit gemacht, und da die Windseite sie daran verhinderte, sandten sie lange Zweige in den Garten hinein, über die rechtwinkligen Gänge, und die schnurgeraden winzigen Buchsbaumhecken. Dieser Einbruch in den friedlichen Garten ging zuerst von einer Gruppe junger Buchen aus. Mehrere Jahre hindurch waren sie fast ganz in der Entwickelung stehen geblieben. Der Nordwind fegte ihre Wipfel ab und bog sie und alle anderen Baume nach der anderen Seite hinüber, so daß es aussah, als seien sie mit der Schere schräg abgeschnitten. Als sie aber endlich genügende Kraft nach unten gesammelt hatten, dehnten sie sich aus, wuchsen ineinander und in die anderen Bäume hinein, um jeden Sonnenstrahl kämpfend, und strotzend von Kraft und Gedeihen. Die anderen Bäume folgten ihrem Beispiel und selbst die bescheidenen Hollundersträucher, die an der äußersten Grenze standen, und in den ersten bösen Jahren allen Unbilden des Wetters am meisten ausgesetzt waren, wuchsen kräftig auf und versuchten sich zu den jungen Vogelbeerbäumen und Pappeln, die neben ihnen standen, emporzustrecken. Sowohl der Konsul wie der Gärtner suchten dem Eindringen dieser fremden Elemente Einhalt zu thun, aber ihre Bemühungen waren vergeblich, von allen Seiten brach üppiges Wachstum ein über den steifen, zierlichen Garten. Unter den Bäumen konnten die Hecken nicht mehr gedeihen und verschwanden nach und nach, Gesträuche, die früher durch die Schere in bescheidenem Umfang gehalten waren, nahmen riesige Dimensionen an, und die Wege, auf denen sonst zwei Personen bequem nebeneinander gehen konnten, hatten sich so verengt, daß man kaum mehr hindurchkommen konnte.

So war der Garten allmählich zum Park geworden und nur durch völlige Ausrottung der Eindringlinge hätte man den alten Zustand wieder herbeiführen können. Und das wäre schade gewesen um die schönen Bäume; viele meinten auch, es sähe jetzt weit hübscher aus als früher und nur der Konsul sah mit Bedauern seinen alten Garten von Jahr zu Jahr hinschwinden, bis er nur noch den breiten Kiesweg mit den sechs Pyramiden vor dem Pavillon übrig hatte.

Wenn er hier an den hellen, stillen Sommerabenden auf und ab wandelte, konnte er zwischen den aufrührerischen Bäumen den rotgelben Abendhimmel durchschimmern sehen, wie er seine Farben über die Sandsgaarder Bucht und über das Meer hinauswarf, dessen Fläche aussah wie Glas, das in langen Querstreifen auf und ab wogt. Dann dachte er an die herrliche Aussicht über das Meer, welche man ehemals vom Dache des Gartenpavillons aus hatte. Nun war es damit vorbei. Es ging mit dem Garten wie mit der Stadt; in beiden wucherte so viel Neues empor und überwucherte das Alte, daß es nicht mehr zu kennen war.

An der Hinterseite des Pavillons befand sich eine geheime Thür im Paneel, deren Schlüssel der Konsul stets in der Tasche trug. Manche Erinnerungen kleiner Liebesabenteuer drängten sich ihm auf, wenn er jetzt in seinen alten Tagen selten einmal die kleine Hinterthür öffnete. Eine Wendeltreppe führte nach der Kammer oben. Die Treppe war eng und jetzt ward es ihm schwer genug, hinaufzusteigen – aber in seiner Jugend, wie leicht flog er da hinauf und hinunter!

»Le nez – c'est la mémoire,« sagte er mit einem selbstgemachten Bonmot, indem er die eingeschlossene Luft mit dem Geruch von altem Mahagoniholz einsog; dann wanderte er wieder summend auf und ab in dem kleinen Rest des Gartens seiner Jugend, indem er das wohlgeformte Bein vorsichtig und elegant hinsetzte, und träumte, er habe Schuhe an und weiße, seidene Strümpfe. –

Aber auf dem Wege draußen hielt ein Wandersmann an und blickte über die Bucht hinaus. Es war der bekannte Laienprediger Hans Nielsen Fennefos. Hohen Wuchses, abgemagert, einen scharfen Glanz in den hellen Augen, lehnte er sich in Gedanken versunken an den Pfosten einer im Gartenzaun befindlichen Thür. Auf dem Rücken trug er einen großen Ranzen, der seine Bücher und religiösen Schriften enthielt; er war bestaubt und ermüdet, nachdem er den langen Tag im heißen Sonnenschein gewandert. Drei Jahre lang war er nicht in diesem Teil des Landes gewesen und vieles war in dieser Zeit in ihm vorgegangen. Als er erfuhr, daß Sarah die Frau des Schiffers Worse geworden war, fühlte er einen durchbohrenden Stich in seinem Inneren, einen körperlichen Schmerz, dem er fast erlegen wäre. Er begriff mit einem Male, daß er dennoch von einer Liebe zu diesem Weibe erfüllt sei, gegen welche seine Liebe zu den Brüdern, ja selbst zu Gott nur schwach und für nichts zu rechnen wäre. Er erschrak über sich selbst und warf sich in Reue und Gebet in den Staub. Und da es ihm nun däuchte, daß keine Strafe oder Buße hart genug sei für einen so großen Betrug, für ein so großes Vergehen, so ward er auch streng gegen andere; und er begann mit brennendem Eifer Buße zu predigen und die Sünder mit härteren Worten zu züchtigen, als sie je gehört worden waren.

Drei Jahre lang führte er diesen heftigen unmittelbaren Kampf gegen die Sünde in seinem Inneren und in anderen, und in dieser Zeit gelang es ihm, sein Herz zu beugen und die sündhafte Liebe auszurotten, und er kam zur Erkenntnis, daß sowohl von ihm wie von den Brüdern im Leben und in der Lehre viel zu wenig Strenge bewiesen worden sei. Deshalb folgte er auch dem Ruf und machte sich nach dem Süden auf. Das Gefühl, mit dem er Sarahs Brief las, war Mitleid mit ihr und allen Brüdern in jener Gegend, die mit geschlossenen Augen in ihren Sünden und ihrer Selbstgefälligkeit umhergingen. Als er nun aber aus dem Norden in freundlichere Gegenden kam, zu Leuten, die ihn von früher kannten und die ihn mit liebevoller Bekümmernis aufnahmen, mußte sein Sinn unwillkürlich etwas milder werden. Und als er durch Sandsgaard ging, mußte er unbewußt anhalten, überwältigt von all den Erinnerungen, die bei dem Anblick der freundlichen Bucht und der vor ihm liegenden Stadt in ihm erwachten.

Fennefos durchforschte noch einmal sein Herz, aber er fand nichts anderes, als was darin sein durfte. Sarah war ihm eine Schwester oder ein Bruder: sie war eines anderen Mannes Frau und er wünschte, sie sei glücklich. Ehe er aber weiterging, sah er zufällig über den Zaun und zwischen den Zweigen gewahrte er den Konsul Garman, wie er auf und ab schritt. Fennefos kannte ihn und all die Heftigkeit erwachte wieder beim Anblick dieses alten unbekehrten Mannes, der da drinnen so ruhig in seinen Sünden wandelte, mitten in all seinem Reichtum, von Augenlust und Fleischeslust umgeben – und mit offenen Augen gerade in das Verderben und die Qual der Hölle hineinwanderte. Er ergriff seinen Stab und ging weiter: die drinnen in der Stadt sollten erfahren, daß Hans Nielsen Fennefos zurückgekehrt sei!

Der letzte Schimmer der Abendröte verschwand und der Himmel färbte sich hellgrün am Horizont; ein kalter Luftzug fuhr durch die langen festen Buchenzweige und Konsul Garman ging ins Haus.

Und der Garten lag stille und dicht von Bäumen und Sträuchern und verwilderten Hecken überwuchert. Dichte Kronen wölbten sich weit hinüber, drangen ineinander und kämpften um den Vorrang, die unterliegenden aber verkrüppelten unter dem Schatten der anderen. Und immer stärker dehnten die Zweige sich aus und engten den kleinen Platz um den Pavillon immer mehr ein und der Teich ward kleiner von Jahr zu Jahr. Wenn man aber die Zweige zurückbog und in das verwilderte Gestrüpp hineindrang, konnte man noch die Spuren der rechtwinkligen Wege und die kleinen geschorenen Hecken erblicken. Dort war es dunkel und feucht, der Boden schlüpfrig und morastig und eine dumpfe Luft von verfaultem Buchsbaum,

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