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Schicksale formen Menschen

Albert Samain: Schicksale formen Menschen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorAlbert Samain
booktitleSchicksale formen Menschen
titleSchicksale formen Menschen
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H. Berlin
yearo.J.
translatorN. Collin
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
created20140815
modified20150623
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Rovère und Angisèle

Rovère, der Sohn des Herzogs von Spoleto, war eine imposante und ernste Erscheinung. Sein gescheiteltes Haar, das über seine bleichen Wangen fiel, ließ das edle Oval seines Gesichts noch schmaler erscheinen. Er hatte große, tiefschwarze, müde Augen und einen roten Mund, dessen Unterlippe in der Mitte einen Einschnitt hatte wie eine Frucht. Reich und mächtig, hatte er kein anderes Lebensziel, als ein Spiegel der Leidenschaft der Welt zu sein, und er lebte nur dafür, eine Atmosphäre der Wollust um sich herum zu verbreiten. Seine Erziehung, die ausschließlich auf das Ästhetische gerichtet war, hatte seinen angeborenen Hang, sich für das Schöne zu begeistern, noch verstärkt, und deshalb sammelte er unaufhörlich alles um sich, was diese Freude am Schönen in ihm erwecken konnte.

Von gleichaltrigen Adligen umgeben, widmete er seine Tage dem auserlesensten Zeitvertreib. Die Maler, die Bildhauer, die er an seinen Hof gezogen hatte, füllten die Galerien seines Palastes mit Meisterwerken, und er konnte Stunden damit verbringen, sich in ihre Schönheit zu vertiefen, denn seine glühende Phantasie begnügte sich nicht mit einer oberflächlichen Bewunderung. Er wollte das innerste Wesen der Dinge, die er betrachtete, ergründen, und er war nicht eher zufrieden, als bis er sich in eine allmählich zunehmende Begeisterung hineingesteigert hatte und seine Seele losgelöst, von Farben und Linien erfüllt war, die darin vibrierten und wogten, und schließlich selber Farbe und Linie wurde, so daß seine Freude an der Kunst sinnlichen Genüssen glich.

Durch eine angeborene Neigung getrieben, widmete er den antiken Mÿthen, unter deren Herrschaft die auserlesensten Rassen die Schönheit der Welt angebetet hatten, einen glühenden Kultus, dem seine Seele sich rückhaltlos hingab. An den Mauern seines Palastes erzählten eine Reihe von herrlichen oder lieblichen Fresken ...

Diesen erhabenen Verherrlichungen des Lebens neigte sich seine Seele bebend zu, und er fühlte, daß diese Anbetung ihm ein Bedürfnis war.

In dem am Meer gelegenen Palast, den er bewohnte und der durch die Pracht seiner Gärten berühmt war, folgte ein Fest dem anderen. Wenn Rovère nachts bei dem strahlenden Licht der großen Leuchter bei den Festgelagen saß, so atmete er die selige und erregte Atmosphäre in vollen Zügen ein. Die geschäftigen Diener eilten mit Schüsseln und Krügen aneinander vorbei. An dem Hals der Frauen funkelten kostbare Steine. Von den aus Früchten erbauten Pÿramiden fielen einige Früchte auf das Tischtuch zwischen die Goldschmiedearbeiten, und wenn Musik wonnig erschallte und Wohlgerüche die Luft erfüllten, drehte Rovère zwischen seinen Fingern die Tulpe aus Kristall, aus der er goldenen Wein schlürfte und glaubte, schon auf Erden das Leben der Götter zu führen.

Seine so wollüstige Natur strebte dem Weib mit allen Fasern zu, und ganz Italien hallte von seinen stürmischen und unerreichten Liebesabenteuern wider. Die berühmtesten Schönheiten lösten für ihn ihre Haare auf und boten ihren Busen seinen Lippen. Mit harmloser Unbefangenheit hatte er die verschiedensten Liebeshändel und sah nur in den Frauen, die jeweilig der Gegenstand seiner Leidenschaft waren, anbetungswürdige, herrliche Gestalten, die allein den Zweck hatten, ihm jede auf ihre Weise höchste und verschiedenartige Freuden zu verschaffen. Von seinen Geliebten zog ihn die Gräfin Viola Madori am meisten an. Rovères Leidenschaft für sie nahm sofort etwas Düsteres und Zügelloses an. Es schien, als ob aus diesem tragischen Körper Blitze zuckten. Rovères Empfindsamkeit steigerte sich bis zur Tollheit, und es war, als ob sie beide von derselben süßen Qual fortgerissen wurden.

Eines Tages wurden sie von dem Grafen Madori, dem Gemahl der schönen Viola, überrascht. Rovère tötete den Grafen durch einen Dolchstoß ins Herz, und in der Nacht trugen Diener den noch warmen Leichnam aus dem Schloß und legten ihn in ein einsames Gäßchen. Dieses Verbrechen machte gar keinen Eindruck auf Rovère, es steigerte nur noch seine Liebe. Viola gewann immer mehr Macht über seine Sinne, und mit seiner ganzen wie in Feuer getauchten Seele atmete er sie wie eine mit Blut durchtränkte Rose ein.

Ganz oben in seinem Schloß hatte er einen Marmorsaal erbauen lassen, in dem er sich tagelang mit ihr einschloß. Drei Stufen aus schwarzem Porphyr führten zu einem Bassin herunter, aus dem ein feiner Strahl hervorsprudelte, der in einem duftenden Regen herunterfiel. Auf dem Mosaikfußboden lagen seidene Kissen in leuchtenden Stoffen umher, und die vor dem einzigen Fenster drapierten Schleier gaben dem Licht eine seltsame Färbung, und ein glühendes Halbdunkel erfüllte den Raum wie mit einem purpurnen Dunst. Hier ließ Rovère seine Sinne ungezügelt herrschen. Auf den seidenen Stoffen ausgestreckt, entfaltete Viola schweigend die Harmonie ihrer lässigen Bewegungen. Kein Laut drang bis zu ihnen, und sie berauschten sich an der Einsamkeit. Zuweilen erhob sie sich, und ihre schmückenden Hüllen fielen eine nach der anderen auf die Stufen des Springbrunnens herab. Die schweren Brokate, die weichen Gewänder häuften sich ringsherum zu ihren Füßen, und aus dem letzten Gewebe, das langsam von ihrem Körper glitt, stieg sie nackt und herrlich hervor. Rovère kniete unbewegt vor ihr, und seine ganze Seele war nur noch eine Flut der Seligkeit. Oft, wie erschöpft von all der Empfindung, stand er auf, schob die Schleier von dem Fenster zurück, und nachdem er einen Hauch reiner Luft eingeatmet hatte, umfaßte er mit einem langen Blick die Landschaft. Von dieser Höhe konnte er die herrlichen Bauten der Stadt betrachten, den von Schiffen wimmelnden Hafen, die grünen und getreidereichen Felder, die Kanäle, die Weingärten, die Gehöfte und die weiche Rundung der Hügel am Horizont. Als er dann plötzlich seine Blicke auf Viola zurückschweifen ließ, schien er in dieser herrlichen, vor ihm aufgerichteten Gestalt alle Wunder des zu seinen Füßen ausgebreiteten Lebens verkörpert zu sehen, und in der herrlichen Rundung der Brüste, den köstlichen Linien, in den anbetungswürdigen Schattierungen der Haut, die das Blut durchpulste, in der Anmut der Umrisse und der Grazie der Glieder sah er den leuchtenden Triumph jener universellen Kraft, welche die Schöpfung zur Schönheit, ihrer höchsten Vollendung, führt, und die Seele von einem feierlichen Staunen erfüllt, vergötterte er schweigend die Frau.

Eines Abends vereinte er seine Lieblingsfreunde, Domitia, Porphÿre und Teremente zu einem Festessen. In der Mitte des Tisches auf einem von roten Rosen umwundenen goldenen Sockel stand ein kleiner Bacchus aus Marmor. Der Gott hielt eine Weintraube in der Hand, sein Haar war wie das einer Frau geordnet, und nachlässig lehnte er sich gegen einen Baumstamm. Um seine dicken Lippen schwebte ein zweideutiges Lächeln. Seine mandelförmigen Augen, sanft aber doch grausam, waren aus zwei Smaragden gebildet, und die von der Biegung seines erhobenen Armes bis zu den schmalen Fußknöcheln herabgehende Linie war weich wie die sanfte zurückgelassene Spur der Wellen auf dem feinen Sand des Gestades.

Aus den Blumenmassen strömte ein betäubender Duft. Der Glanz der verschwenderisch gespendeten Lichter spiegelte sich in den Augen der Gäste wider und schien sie zu vergrößern. Als der in Strömen fließende seltene Wein die Geister entflammt hatte und man die Seele der einstigen Sonnenglut, welche die Trauben zum Reifen gebracht, in der Luft zu verspüren glaubte, stand Domitio als erster auf, und seinen Becher hebend, sagte er:

»Ich trinke auf dich, Bacchus, Gott der schwellenden Trauben, du, der auf den fröhlichen Weinbergen den Rausch künftiger Festgelage reifen läßt, nachsichtiger und starker Gott, durch den die Menschen von unnützen Sorgen befreit, die Freude mit den goldenen Augen zwingen, einen Augenblick zu ihnen herabzusteigen.« Porphÿre stand als zweiter auf und sagte: »Ich trinke auf dich, Bacchus, der an roten Herbstabenden zwischen Fackeln und Zimbeln unsere feurigen Wünsche überschäumen läßt.« Als dritte erhob sich Teremente und sagte: «Ich trinke auf dich, Bacchus, der du wie ein unermüdlicher Winzer das kochende, schäumende Leben unter deinen blutrot bespritzten Füßen trittst, der Küsse, Umarmungen und höchsten Liebesrausch hervorruft, du, der deine goldene Peitsche über die verschlungenen Geschlechter knallen läßt ...« In diesem Augenblick streckte ein schöner Jüngling mit langem Haar, mit fein gerundetem Hals, zart wie der eines Mädchens, den Arm aus, um einen Becher zu füllen. Xeremente zog ihn zu sich heran und küßte ihn jäh auf den Mund. Rovère war jetzt aufgestanden, seine Stimme war feierlich, seine Geste imposant, und er sprach: »Ich trinke auf dich, Bacchus, du feurige Sonne, du Seele der Welt, du goldene Kaskade, du gütiger, mächtiger, anbetungswürdiger Gott, Vater der göttlichen Wollust. Du bist es, der das ewige Sehnen in das Herz der Schöpfung einflößt, der immer köstlichere Blumen sprießen läßt, immer wohlschmeckendere Früchte, immer schönere Formen gestaltet. Aus deiner Brust, die tief wie das Firmament und mit Sternen besät wie die Nacht ist, sprudelt die unversiegbare und heilige Flut des Lebens hervor, und das Leben ist die Schönheit, und die Schönheit ist die Blüte der Welt!«

Er hielt inne ... Ein leichter und frischer Wind, der durch den Saal strich, kündigte das Nahen des Morgens an, und die Fackeln erblaßten. Jäh zogen die Diener die schweren Portieren zurück, und das Meer bot sich den Blicken dar ...

Am Horizont stieg ein glutroter Schein auf, der von Minute zu Minute größer wurde und fächerförmige, gewaltige Strahlen ausbreitete. Goldgeränderte Wolken stiegen empor, auf den dunklen Stufen schimmerte ein langer hellsilberner Streifen, und der obere Teil der Paläste färbte sich rosig. Im Hafen begann es lebendig zu werden. Männer beluden Kähne, stapelten Obst auf, leerten Körbe mit Fischen, zündeten Feuer auf dem Strand an. Ein verworrener Lärm stieg von der Stadt auf, und auf dem Meere sah man ein großes Schiff mit hohem und geschweiftem Bug, schimmernden Segeln, ganz goldig in die aufgehende Sonne hineinfahren.

Schweigend versenkte sich Rovère in diesen Anblick, seine Augen waren voller Glanz, und als seine Lippen undeutliche Worte murmelten, hätte man glauben können, daß er betete; langsam streckte er dem Meer seinen Becher, in dem der Wein funkelte, entgegen: seine Freunde taten desgleichen, und mit ernster Stimme, wie man einen Choral singt, wiederholten sie: »Gruß dir, Bacchus, Gruß der Schönheit!«

Einige Zeit nach diesem Fest verlor Rovère plötzlich Viola Madori. Der Schmerz, den dieser schnelle Tod ihm verursachte, traf ihn fürchterlich. Seine bis ins Innerste zerrissenen Gefühle weinten gleichsam blutige Tränen, und eine Weile fürchteten seine Freunde sogar, daß er sich etwas antun würde, aber bald, nach einer kurzen Zeit völliger Erstarrung, schien er zu erwachen, nahm allmählich seine Gewohnheiten wieder auf und war selbst erstaunt, daß er wieder Freude am Leben gewann. Mit der unbewußten Intensität phÿsischen Schmerzes war seine Verzweiflung im ersten Augenblick grenzenlos gewesen. Als die Krise vorbei war, merkte er, daß der Kummer ihm nicht bis in die Tiefe seiner Seele gedrungen war und seine einen Augenblick gestörte Lebenskraft mit der zähen Gleichgültigkeit alles Irdischen sich mit erneuter Kraft behauptete. Aber um eine zu nahe Berührung mit noch ganz von Erinnerungen erfüllten Stätten und Dingen zu vermeiden, entschloß er sich, eine große Reise zu unternehmen.

So fuhr er denn ab, besuchte die schönsten Länder und fand für seine durstige, aufnahmefähige Seele bei den immer wechselnden prächtigen Landschaften neuen Grund zur Begeisterung. Dadurch weitete sich auch sein Geist und stärkte sich. Durch die Verschiedenheit der Völker, der Sitten, der Künste, dehnte sich sein geistiger Horizont, und er begann, sich nicht mehr so starr an seine frühere Art zu empfinden, zu halten. Oft stand er nachts verträumt gegen die Reling gelehnt, wenn das Schiff leise durch die Finsternis glitt. Um ihn herum breitete sich das Meer bis ins Unendliche aus. Über seinem Kopf schimmerten die Sterne und zeichneten an dem dunklen Firmament ihre ewigen geometrischen Bilder. Das Schweigen war gewaltig. Er hörte nur das fortwährende Glucksen des Wassers am Kiel. Seine Seele erhob sich. Das Mysterium, das von der Welt in die Ruhe der großen nächtlichen Stunden ausströmte, ergriff ihn gewaltig.

»Großes Meer, tiefer Himmel, wie bewunderungswürdig seid ihr!« rief er aus. »Aber ist diese Seele, die sich bei eurer Betrachtung bewegt fühlt, nicht noch bewunderungswürdiger? Neigen sich nicht ihr allein alle Herrlichkeiten zu, die nur sie begreifen kann? Ja, gerade in solchen Stunden fühle ich es, auch sie trägt eine Welt in sich, eine größere und herrlichere Welt als die eure, die Meere und Sterne enthält, eine, die ihr niemals kennenlernen werdet!« So stiegen seine Worte immer inbrünstiger bebend ins Dunkel; aber der Hauch der atlantischen Nacht strich wie eine Liebkosung über sein Antlitz; er erhob die Arme und ließ die Brise wie laues Wasser zwischen seinen gespreizten Fingern hindurchgleiten und erinnerte sich an Liebesstunden, rief dort Viola Madori und dachte an ihre aufgelösten Haare ...

Schon einen Monat segelte er auf dem Ozean, als sein Schiff von einem schrecklichen Sturm gepackt wurde. Auf berghohen Wellen taumelte es zwei Tage und zwei Nächte dahin. Eine fahle Morgenröte erhob sich über den noch mit schäumendem Gischt gekrönten Wogen, als das Fahrzeug auf einer Sandbank, hohen Felsen gegenüber, zerschellte. In wenigen Minuten war es gesunken, und Rovère als einziger Überlebender klammerte sich verzweifelt an dem Wrack an, kämpfte stundenlang, bis er, von der Flut getragen, an die Küste geschleudert wurde.

Er landete an einem einsamen und verlassenen Strand. Ein Halbkreis von zackigen Felsen, die mit kümmerlichen Pflanzen bedeckt waren, umsäumte den Strand. Vor Kälte zitternd, todesmatt, schleppte Rovère sich hin, kletterte über die von Disteln bedeckten Abhänge, an denen er sich die Füße blutig riß, und entdeckte eine Landstraße. Jetzt gewann er wieder etwas Mut und machte sich von neuem auf den Weg. Rechts und links breiteten sich kahle Ebenen aus; seine Behausung war sichtbar. An dem melancholischen Himmel flogen weiße Vögel dahin, die von Zeit zu Zeit einen kurzen, klagenden Schrei ausstießen. Hier und da ragten große, steinerne Kruzifixe in die Höhe. Rovère fühlte sein Herz wie von eisigen Händen gepackt. An einer Wendung des Weges blieb er plötzlich unbeweglich stehen. Vor ihm breiteten sich unendliche Sümpfe aus, und traurige Tannen, die sie umgaben, verdeckten die Aussicht. Im Hintergrund streckte ein altes Schloß seine gewaltigen und nackten Türme in die Höhe, und das metallisch glänzende Wasser eines Teiches gab diese unheimliche Steinmasse mit der Klarheit eines unheildrohenden und düsteren Spiegels wider. Der Geist der Einsamkeit schwebte über diesem Schilf, über diesen Wäldern und über diesen Steinen. In den Binsen verfaulte eine verlassene Barke ... Der Tag ging zur Neige; hinter den Tannen färbte sich der ganze Himmel rot, und zwischen den Türmen des Schlosses konnte man ihn leuchten sehen, plötzlich ertönte Glockengeläut, aber so leise, so langsam, wie Tränen fallen, und Rovère, von Traurigkeit übermannt, drückte die Hände gegen die Brust und fiel in Ohnmacht.

Er wußte nicht, wie lange er so gelegen hatte, wie im Traume sah er beim Scheine von Pechfackeln verschwommene Gestalten um sich herum. Ein ganz schwarz gekleidetes Mädchen kniete neben ihm und stützte sanft seinen Kopf. Langsam wischte sie ihm mit einem feinen von Essig getränkten Tuch die Stirn, auf der die schweißfeuchten Haare klebten, über seine matten Augen, über seine Lippen, und die Barmherzigkeit in ihren Bewegungen war unsagbar wohltuend. Männer traten jetzt heran, sie trugen eine Bahre, auf die sie Rovère legten, und sie schlugen den Weg nach dem Schloß ein.

Die Finsternis war dichter geworden. In der Ferne fuhr der Wind klagend über den Sümpfen dahin. Hier und da sah man, wie die Blätter in rötlichen Schein getaucht waren, und Nachtvögel flogen mit einem jähen Schlagen ihrer schweren Flügel davon. Rovère hatte die Augen geschlossen, seine Sinne schwanden. Er war kaum wieder erwacht und bemerkte nur die kleine Hand des jungen Mädchens, die federleicht auf der seinen ruhte. Und diese einfache Berührung strömte eine unaussprechliche Frische durch alle seine Glieder bis in die Seele hinein.

Er drückte einen Augenblick ein wenig die zarten Finger und fragte:

»Wer bist du?«

»Ich bin Angisèle, die Tochter des Königs von Kurland«, erwiderte sie mit einer Stimme, die glockenhell klang. »Und du, welches Schicksal hat dich an diese Ufer geworfen?«

Ich bin Rovère, der Sohn des Herzogs von Spoleto. Mein Schiff ist im Sturm auf einer Sandbank zerschellt. Von allen meinen Gefährten bin ich der einzige, der bei dem Schiffbruch nicht umgekommen ist, und ich habe mich bis hierher geschleppt, wo ich gestorben wäre, wenn du dich nicht genaht hättest.«

Langsam senkten sich die Blicke des Mädchens auf ihn. Der Glanz ihrer Augen war sanft wie die Strahlen des Mondes auf den Frühlingswiesen.

Das Echo ihrer Worte hallte in der Tiefe der schweigsamen Herzen der beiden wider.

Sie waren angelangt. Das Schloß mit seinen massiven Mauern erhob sich vor ihnen. Von dem hohen Turm ertönte ein Horn, und langsam starben die Klänge in der stillen Nacht dahin ... Und der Geist der Einsamkeit vereinte das Schicksal der beiden Menschen.

*

Noch nicht völlig genesen, saß Rovère am offenen Fenster in einem hohen Zimmer des Schlosses. Den Kopf auf ein Kissen zurückgelehnt, träumte er. Neben ihm saß Angisèle und stickte. Die leichte Luft; die von draußen hereinkam, wehte auf seine vom Fieber vertrockneten Lippen eine salzige Feuchtigkeit. Tiefes Schweigen herrschte. Am Himmel eilten die Wolken dahin und ließen nur ein schwaches und graues Licht hindurch. In der Ferne erblickte man Nebelschleier auf dem Meere, und unaufhörlich ertönte aus den nahen Wäldern Hörnerklang.

Rovère betrachtete Angisèle. Sie war nicht schön und glich in nichts den Frauen, die er geliebt hatte. Alles an ihr war ausdruckslos und farblos. Sie hatte eine zu hohe und zu gewölbte Stirn, hohle Wangen, hervortretende Backenknochen, und ihr Gesicht war mit Sommersprossen bedeckt. Aber sie war die Sanftmut selbst, und ein unsagbar zarter Reiz ging von ihr aus.

In ihrem schwarzen Kleid, das in geraden Falten bis zu ihren Füßen herabfiel, schien sie körperlos. Ihre Schritte waren so leicht, daß sie die Stille noch zu vermehren schienen, und von ihren Händen ging eine geheimnisvolle Kraft aus.

Rovère und Angisèle schwiegen, und nur hin und wieder tauschten sie ein paar Worte aus. Zuweilen hob Angisèle langsam die Lider, und ihre Augen waren blau und blaß, gleichsam von dem Meere erfüllt, das sie betrachtete, und Rovère fühlte diesen Blick in sich zu unbekannten Tiefen hinabsteigen und dort verlöschen ...

Plötzlich ertönte ein seltsames Lachen, heftig wurde der Vorhang zurückgeschoben, und ein kleines Mädchen trat in das Zimmer. Es trug einen langen Kittel aus rosa Seide und hatte eine Perlenkette um den Hals. Ihren Kopf schmückte ein merkwürdiger und schwerer Kranz von Rosen, und sie hielt einen kleinen Hund auf dem Arm. Die Schönheit ihres Gesichts war ergreifend; Locken fielen an ihren Wangen herab, aber ihre weitaufgerissenen Augen hatten einen wirren Blick, und ihr Lachen klang schaurig.

Als Rovère das Kind erstaunt anblickte, sagte Angisèle:

»Das ist meine jüngste Schwester«, und halblaut fügte sie hinzu: »Sie ist wahnsinnig.«

Das Kind fiel ihr jetzt um den Hals, und während es unzusammenhängende Worte stammelte, liebkoste es die Schwester fortwährend, dann setzte es sich plötzlich auf den Teppich und begann den Hund sanft in den Armen zu wiegen.

»Ich glaubte, daß du allein in diesem Schloß wohntest«, sagte Rovère nach einer Weile.

»Nein, mein Vater lebt noch, aber von Kummer und Krankheit gebrochen, verläßt er den Turm, den du von hier aus an dem anderen äußersten Ende des Schlosses siehst, nicht mehr. An dem Tage, an dem meine zweite Schwester starb, zog er sich dorthin zurück und hat seitdem den Turm nie wieder verlassen.«

»Du hattest also noch eine andere Schwester?«

»Ich hatte noch zwei Schwestern, und beide sind gestorben, und meine Mutter ist ihnen aus Kummer darüber gefolgt. Du darfst nicht erstaunt sein, denn in unserem Land ist der Tod Herrscher. Jederzeit öffnet er die Tür der Häuser und tritt ein, er ist der vertraute Besucher, und die Leute hier sind so gewöhnt, ihn zu sehen, daß sie nicht einmal den Kopf wenden, wenn er sich zeigt. Wir wissen, daß das Leben auch der Schmerz heißt, und unser Leben ist einem Ringe vergleichbar, in dem als Diamant das Leiden eingefügt ist. In unseren Herzen findest du nur diese Worte: Daß Gottes Wille geschehe!«

Angisèle stand auf, hob die Blicke gen Himmel und lächelte mit einem herzzerreißenden, traurigen Lächeln, als böte sie ihre ganze Jungfrauenseele als Opfer in ihren offenen Händen bar.

Rovère betrachtete sie; die außergewöhnliche Anziehungskraft dieses Gesichts tröstete ihn fast gegen seinen Willen.

»Wie hießen deine Schwestern?« fragte er nach einem Weilchen.

»Die erste hieß Veronika, die zweite Crucifixa und die dritte, dieses Kind, das neben uns spielt, heißt Meeresblume. Zuerst starb Veronika. Eines Sonntags, am Fronleichnamsfest, hatte sie sich von den Dienern entfernt, um Blumen zu pflücken, die sie der Prozession auf den Weg werfen wollte. Sie wagte sich zu weit am Teich vor, fiel in das Schilf und ertrank. Am nächsten Morgen wurde sie von Fischern gefunden, sie schwamm ganz weit draußen in der Nähe des Meeres, wohin die Strömung sie getrieben hatte. Von jener Zeit an ließ meine Mutter alle Fenster des Schlosses zumauern, aus denen man den Teich erblicken konnte. Denn wenn sie nur das Wasser sah, zitterte sie an allen Gliedern, als wäre sie von eisiger Kälte ergriffen.«

»Und wie starb deine Schwester Crucifixa?«

»Meine Schwester Crucifixa war gerade fünfzehn Jahre, als sie vom Sumpffieber befallen wurde. Monatelang kämpfte sie mit dem Tode. Mein Vater zog sie uns anderen heimlich vor. Ich kann dir nicht sagen, wie schön sie war, ja, so schön, daß, wenn man sie nur ansah, man Lust zu weinen bekam. Sieh, meine kleine Schwester Meeresblume ähnelt ihr.«

Bei diesen Worten zog Angisèle das Kind an sich, drückte sie einen Augenblick an ihre Brust, küßte sie leidenschaftlich und fuhr dann fort.

»Als mein Vater sah, wie sie täglich mehr dahinschwand, bemächtigten sich seiner die trübsten Gedanken. Von überall ließ er die berühmtesten Ärzte kommen, aber vergebens! Das Übel nahm seinen Lauf ... Als sie sich eines Abends nicht so schwach wie sonst fühlte, wünschte sie in den Garten getragen zu werden. Sie war fast lustig, ihre Wangen schimmerten ein wenig rosig, ihre Augen glänzten, und sie setzte sich auf die Knie meines Vaters und schlang die Arme um seinen Hals. Dann begann sie sehr schnell zu sprechen, sie erzählte Kindheitserinnerungen, gedachte ihrer Spazierritte in den Wäldern und der großen Feste, die einst im Schlosse stattgefunden hatten, und dann, müde vom Plaudern, schlummerte sie ein. Mein Vater lächelte ihr zu. Aber nach einer Weile schien es ihm, als ob die Arme an seinem Hals sehr schwer wurden; er wollte sie loslösen, sie waren kalt und schon steif. Crucifixa war an seinem Herzen gestorben, und ich sehe noch ihren Kopf mit den langen Haaren, der wie der eines toten Vogels hintenüber fiel.«

Angisèles Stimme zitterte bei den letzten Worten. Sie stand noch immer neben Rovère und betrachtete das Meer; die Tränen, die langsam eine nach der anderen über ihre Wangen rollten, trocknete sie nicht.

Rovère hatte den Kopf gesenkt.

Da begann Meeresblume ganz leise in der tiefen Stille zu singen ...

*

Indessen vollzog sich in Rovères Seele eine Wandlung. Das eintönige Licht, das düstere Grün, die schweigsame und tote Atmosphäre, die Glocken im Nebel, die schwarz gekleideten Dienerinnen, die er durch die Korridore huschen sah, diese ganze ihn umgebende Traurigkeit teilte sich ihm mit und nahm seine Gedanken gefangen. Die Erregung, die er bei den Erzählungen Angisèles empfunden hatte, war ihm bis in die innerste Seele gedrungen. Es schien ihm, als ob alle früheren Empfindungen in ihm ausgelöscht waren, ein neuer Himmel tat sich vor ihm auf, unbekannte Worte, die ihn zittern und nachdenken ließen, schwirrten durch die Lust; in den unberührten Tiefen seiner Seele spiegelte sich der gewaltige Schatten eines Kreuzes wider.

Eines Tages zeigte ihm Angisèle die Zimmer ihrer verstorbenen Schwestern. Nichts war darin geändert worden. Allein die Fenster waren geschlossen und ließen nur einen schwachen Strahl des Tageslichtes hindurch. In Crucifixas Zimmer lag noch ein rosa seidenes Kleid mit Silberblumen auf dem Bett. Über dem Fenster sah man eine Stickerei, in der die Nadel noch in einer nicht fertig gestickten Blüte steckte. In Veronikas Gemach lagen neben einem aufgeschlagenen Bilderbuch Puppen auf der Erde. Dann öffnete Angisèle die Tür zu einem anderen Zimmer und fiel dort auf die Knie. Es war das Gemach ihrer Mutter. Hier war es viel dunkler. Nichts schmückte die fahlen Wände, an denen nur ein großes silbernes Kruzifix hing. Zwei Perlenschnüre, so wie sie Meeresblume trug, hingen an den Füßen der Christusgestalt. Als Rovères Blick erstaunt an ihnen haften blieb, erklärte ihm Angisèle:

»Es sind die Ketten meiner Schwestern. Meine Mutter hat sie dort hingehängt, damit ihr Mutterherz zu Füßen desjenigen, dem sie ihre Verzweiflung klagte, noch ein wenig von ihren Kindern wiederfinden konnte.«

Angisèle sagte dies alles mit ihrer sanften, farblosen, abwesenden Stimme, die dem Ausdruck ihres Gesichts glich, und in ihrem ewig schwarzen fließenden Kleid schien sie die Seele dieser Steine selber zu sein, wo nur der Tod wohnte.

Eines Nachts fuhr Rovère aus dem Schlafe auf. Ein seltsamer Gesang klang ganz in seiner Höhe durch die Dunkelheit. Er lauschte und erkannte die Stimme von Meeresblume. In manchen Nächten sang das Kind so.

Die Stimme hatte etwas Überirdisches: sie schien aus Wasser, Kristall und Silber zu sein. Langsam und eintönig erklang sie, unsagbar herzergreifend, und ließ an junge und schöne Verstorbene denken.

Rovère stand auf und verließ sein Zimmer, um besser hören zu können. Er machte einige Schritte. In diesem Augenblick leuchtete am Ende des Korridors eine Lampe auf, und er sah Angisèle auf sich zukommen. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt. Als sie vor Rovère stand, nahm sie wortlos seine Hand.

Draußen war es kalt, große Sterne funkelten am schwarzen Himmel.

Beide lauschten unbeweglich gebannt der kleinen überirdischen Stimme.

Plötzlich erschauerte Angisèle, ein Zittern schüttelte ihre zarten Schultern, und sie wandte ihre von plötzlicher Angst weit aufgerissenen Augen Rovère zu.

»Horch,« sagte sie, »horch, erkennst du diese Stimme nicht? Es ist die meiner Schwester Crucifixa ... Sie ruft mich, ich höre es ... Ich muß auch sterben, Rovère ... sterben.«

Bebend sprach sie diese Worte mit wogender Brust. Dann blieb das Wort »Sterben« wie auf ihren Lippen haften, und gegen ihren Willen kämpfte es dort halb erstickt wie ein Tier, das sich frei machen will. Gleichzeitig prägte sich eine unsagbare Herzensangst auf ihren Zügen aus. Sie warf Rovère einen seltsamen Blick zu, in dem ihre ganze Seele ihm entgegenstrebte, wie eine Flamme aus einer dunklen Höhle springt. Dann kehrte sie taumelnd in ihr Zimmer zurück.

Einen Augenblick blieb sie dort zitternd stehen und fühlte, wie sich aus ihrem Innersten tausend widerstreitende Gefühle lösten. Sie wollte vor ihrem Kruzifix niederknien und lehnte ihre brennende Stirn auf das Elfenbein der göttlichen Füße; jedoch übermannte sie eine entsetzliche Traurigkeit und hüllte sie ganz ein. Völlig gebrochen warf sie sich auf ihr Bett, begrub das Gesicht in den Kissen, schluchzte, bis es Tag wurde, über das uneingestandene Geheimnis ihres Herzens; denn in ihr waren sich der Tod und die Liebe in der gleichen Minute begegnet.

Rovère hatte angefangen, in der Gegend umherzustreifen. Es war ein ödes und trauriges Land; hier und dort lagen an der Küste einige Fischerdörfer verstreut. An Stellen, wo die Felsen flach waren, breiteten sich wenige Felder aus, auf denen armselig und spärlich Getreide wuchs. Tiefer hinein ins Land lagen große Sümpfe, die Brutstätten für Epidemien. Unter einem stets bewölkten Himmel vegetierte dort ein stumpfes und trauriges Volk, das mit dem unbarmherzigen Meer und der steinigen Erde um sein Leben kämpfte, und Rovère wurde zuerst von einer großen Traurigkeit ergriffen, dann bemerkte er allmählich, daß eine innige Harmonie zwischen dem Meer und dem Land bestand, und daß ihnen eine außergewöhnliche Macht, die Menschen zu bewegen, innewohnte. Dieses gewaltige Heideland, dieses wilde Meer, dieser brütende und düstere Himmel, diese einsamen Landstraßen, dieses magere und schweigsame Volk bildeten eine einzige starke und melancholische Seele, und Rovère begann diese Seele zu lieben.

Hier war ein hartes, bitteres und großes Leben. Wie die zähen Pflanzen, die im Granit wurzeln, so versenkten sich die Gefühle dieser Menschen tief in sich selbst, denn der ewige Durst nach der Sonne, der jedes Geschöpf in der Welt dem Lichte zutreibt, war bei ihnen in dieser armseligen, enterbten Natur eine tiefinnerliche und konzentrierte Kraft geworden, die sich in einem religiösen Mystizismus auslöste, und es war eine viel schönere Sonne als die irdische, die sie in ihren Seelen aufgehen sahen über den schimmernden Gewässern der heiligen Eucharistie. Der Glaube war aus dem dortigen kümmerlichen Boden wie eine Rieseneiche emporgewachsen, die mit ihrem Schatten Jahrhunderte bedeckte, deren immer grünende Seele von den Lüften des Paradieses umweht wurde. Außerdem hatte die ständige Nachbarschaft des Unglücks ihre Empfindsamkeit verstärkt, ihr immer vom Tode bedrohtes Leben hatte dessen Größe und Geheimnis angenommen, und das heilige Salz der Tränen bewahrte ihr Fleisch von der Verderbtheit der Sinne. Ihre Seelen waren groß und dunkel wie Kirchen. Sie beteten, wie man atmet, und wie die Heide, wie das Meer und der Himmel waren ihre Herzen einfach und weit.

Überall atmete Rovère dieses religiöse Leben ein, das unter dem unabsehbaren, düsteren Himmel schwebte und allmählich sogar die Natur durchtränkte. Sein bis dahin sorgloses, leicht überfließendes Herz sammelte sich, konzentrierte sich gleichsam, als wollte es geheimnisvolle Kräfte in sich aufspeichern. Diesem Rausch der äußeren Welt, in dem er bis dahin gelebt hatte, folgte jetzt eine bittere, quälende Sorge. Anstatt das Leben untätig zu genießen, mit müßig dahinträumender Seele, im vergoldeten Nichtstun, empfand er jetzt das Bedürfnis, das Leben zu meistern, es herauszufordern, um es zu besiegen. Schritt er durch diese einsamen Weiler, diese kläglichen Felder, diese halbtoten Städte, erblickte er nun in jenem Elend eine Schönheit und fand in dieser Armut einen Sinn. Eine eigenartige Energie wuchs in ihm. Schon sah er in der Ausübung seines Willens, in dem Verschwinden seiner moralischen Kraft die Quelle für erhabenere und strahlendere Freuden, und wie der Athlet, der in der freien Luft seine Muskeln in Aussicht auf den nahen Kampf stählt, so nährte er in sich den dunklen Wunsch, sich gegen das Schicksal zu rüsten. Angisèle war in dieser Evolution die mächtigste treibende Kraft. Alles Schwere auf dieser leidvollen Erde vereinigte sich in ihr und schien sich ihm als Rat in ihren ernsten Gesten und in ihren blassen und tiefen Augen wiederzugeben. Rovère fühlte, daß sie der Mittelpunkt seines Lebens war, und wenn er in manchen Stunden ihren Namen aussprach, so schien sich ihm plötzlich in seinem Innern das Tor zu einer geweihten Stätte zu öffnen, wo vom ersten Schritt an er in eine überirdisch reine Atmosphäre eingehüllt war.

Oft besuchte er gemeinsam mit Angisèle die Armen und Kranken. Schon als Kind hatte Angisèle begonnen, wohltätig zu sein. Ihre Seele schien dafür eine rätselhafte Begabung zu haben, denn geheime Vorahnungen führten sie zu den Stätten des Leides. Ihr plötzliches Erscheinen in den elenden Hütten wirkte wie ein strahlendes Wunder. Jedoch machte das eigenartige Übel, das seit einiger Zeit ihre Gesundheit untergrub, täglich Fortschritte. Sie empfand eine große Schwäche in allen Gliedern, und oft war sie bei ihren Spaziergängen gezwungen, sich auf Rovères Arm zu stützen, um nicht umzusinken. In solchen Augenblicken stieg eine leichte Blutwelle in ihre Wangen, eine seltsame Flamme leuchtete in ihren Augen auf, und dann wurde sie leichenblaß, und wenn Rovère sie so gebrechlich und aufgelöst in seinen Armen sah, fühlte er in seinem Herzen eine ungekannte Seligkeit. Einmal wachten sie die ganze Nacht bei einem Toten. Es war ein armer Fischer, den Angisèle seit Monaten gepflegt hatte, und der jetzt der Krankheit erlegen war. In dem armseligen Zimmer vergrößerte die Flamme der Kerzen den Schatten des starren Profils an der Wand. Am Fuße eines Kruzifixes stand ein Buchsbaumzweig in einem Glase.

Die Nacht war lind und dunkel. Die Sterne schienen durch das geöffnete Fenster in das Zimmer. Tiefer Friede ruhte auf der Ebene, und durch die Finsternis hörte man das Nahen des Meeres.

Rovère hatte den Toten noch nicht betrachtet. Von dem schlichten Gesicht, dem die ewige Ruhe einen feierlichen Ausdruck gegeben hatte, ging etwas Erhabenes aus. Unbeweglich, mit starren Blicken, war Rovère in Gedanken versunken, und nach und nach schien es ihm, als ob er in die tiefsten Tiefen seines Gewissens hinabstieg. Über jene Tiefen, wo kein Lärm der Erde mehr hindringt, sann er nach, und plötzlich waren seine Sinne außerordentlich geschärft, und wie in einer Halluzination, sah er sich selber auf dem Totenbett liegen. Sein ganzes vergangenes Leben schien wie ein tragisches Panorama vor seinen Augen vorbeiziehen, und ein geheimnisvolles Wehen, das von fernen Fluren kam, glitt über das Antlitz seiner Seele.

Plötzlich vernahm er ein leises Geräusch und drehte sich um. Angisèle war ohnmächtig geworden. Er stürmte auf sie zu und kniete nieder, um sie zu stützen. Langsam öffnete sie die Augen, aber als sie den Schatten des Toten an der Wand sah, schauderte sie und wandte den Kopf voll Entsetzen ab. Dann plötzlich, wie in einem seltsamen und unwiderstehlichen Verlangen, umarmte sie Rovère, stumm senkte sie ihre Blicke in die seinen. Ein Gedanke flog wie ein Leuchten über ihr Gesicht, ihr Blick glänzte, ihre ungeordneten Haare flossen über die Schultern, und von ihnen ganz eingehüllt, suchte sie Rovères Lippen, um die ihren in einem endlosen Kuß darauf zu drücken.

*

Sterbend wurde Angisèle ins Schloß zurückgebracht.

Ein heftiger Fieberanfall folgte, bei dem sie Tag und Nacht phantasierte, und man glaubte sie verloren. Rovère wachte bei ihr, und in dem nach Äther riechenden Zimmer, wo die Dienerinnen flüsterten und auf Zehenspitzen einherschlichen, fühlte er beim Anblick dieser todkranken und vom Fieber verzehrten Frau, wie seine Seele in Liebe dahinschmolz.

Nie und in keinem Augenblick hatte je ein Wesen eine so unendliche Zärtlichkeit in ihm erwecken können, und dachte er daran, daß sein Herz in früheren Zeiten nur für den Sinnenreiz empfänglich gewesen war, so bewunderte er nun, aber ohne den Grund zu verstehen, das Erhabene und Göttliche des Mitleids.

Angisèle überstand den Anfall und wurde dem Leben zurückgegeben; aber sie blieb so elend, daß man die Empfindung hatte, das Übel habe ihr nur einen Aufschub gewährt. Je mehr die Lebenskraft in ihren elenden Körper zurückkehrte, desto deutlicher war die überraschende seelische Veränderung, die in ihr vorging. Alle Instinkte, die bis jetzt in dem Dämmerlicht ihrer religiösen Seele friedlich geschlummert hatten, brachen auf einmal hervor, und glücklich und frei überfluteten sie ihr ganzes Wesen. Diese Rückkehr ins Paradies der Kindheit war wie ein Wunder; ihre Reden, ihre Gedanken hatten die naive Ausgelassenheit der Unschuld, und in dem warmen Garten ihrer Rekonvaleszenz lächelte ihre Seele treuherzig, ursprünglich und unverhüllt.

Wenn sie Rovère betrachtete, trat eine glückselige Ruhe in ihre Augen, und wie eine Blume dem Licht entgegenstrebt, so neigte sie sich dieser Liebe zu.

Da es zu Beginn des Sommers war, so gewährte die gütige Vorsehung hin und wieder einen wolkenlosen Himmel.

An solchen Tagen ließ Angisèle ihren Sessel in die Sonne tragen. Ihre durchsichtigen Hände mit den bläulichen Adern lagen auf den Decken, und entzückt atmete sie die warme, würzige Luft der Wälder ein. Die Sonnenstrahlen, die sie überfluteten, schienen ihren Körper zu durchdringen, zuweilen streckte sie mit einer kindlichen Bewegung die Hände in das Licht, öffnete und schloß die Finger, wie um den feenhaften Sonnenstaub festzuhalten, und mit physischem Wohlbehagen schloß sie die Augen und sah durch die durchsichtige Wand ihrer gesenkten Lider alles wie in Gold getaucht.

Wenn aber die untergehende Sonne den Gipfel der Wälder erreichte, um dahinter zu verschwinden, und der Tag zur Neige ging, wurde sie traurig. Eine tiefe Melancholie prägte sich alsdann auf ihren Zügen aus, und es geschah oft, daß sie zu Rovère, der neben ihr saß, sagte:

»Erzähle mir von den schönen Ländern, die ich niemals sehen werde. Deine Worte zeigen mir so herrliche Dinge, daß ich an nichts anderes mehr denke.«

Und Rovère beschrieb die herrlichen Städte, das Leben auf den Kais, die edlen Bauwerke, die Straßen, kühl wie Keller, die glühenden Steine der großen vereinsamten Plätze, die Herrlichkeit der Kirchen, die Festzüge, die Feierlichkeiten, die geschmückten Frauen, die Gärten mit weißen Standbildern, die marmornen Paläste am Ufer der blauen, seidig schimmernden Meere, und vor allem pries er die wunderbare Milde der durchsichtigen Nächte mit ihrem von Edelsteinen besäten Firmament.

Angisèle lauschte leidenschaftlich, sie wiederholte flüsternd die Namen der glücklichen Städte, als ob sie ihre Seele mit ihrem Wohlklang liebkosen wollte.

Als Rovère eines Abends wieder erzählt hatte, sah er, wie sie Tränen in den Augen hatte, die leise über ihre Wangen rannen.

»Was fehlt dir?« fragte er sie sanft, »und durch welche unbedachten Worte habe ich, ohne es zu wollen, dich so traurig gestimmt?«

Zuerst antwortete Angisèle nicht, dann aber, als ob ihr Herz die so lange zurückgehaltenen Gefühle nicht länger bergen könne, rief sie:

»Ach, Rovère, weshalb habe ich in diesem düsteren Land gelebt, während überall sonst Freude und Licht ist! Hier habe ich nur den Tod kennengelernt.«

»Sage nichts Schlechtes gegen dein Land,« erwiderte Rovère, »seiner Melancholie verdankst du die unvergleichliche Schönheit deiner Seele.«

»Schönheit gibt es nur im Leben und im Licht, und meine Seele hat in einer Gruft gelebt.«

»Hat sie nicht, weil sie ganz in sich zurückgezogen war, diese innere Begeisterung, diesen Rausch des Opfers, diese Inbrunst, diese Ekstase, diese völlige Hingabe kennengelernt, die tausendmal schöner ist als jeder Sinnenrausch?«

Angisèle schüttelte den Kopf und antwortete langsam:

»Ich glaubte dich gekannt zu haben, aber ich täuschte mich. Die Liebe übertrifft alles.«

Sie blieben einen Moment schweigsam.

»Höre zu, Angisèle,« fuhr Rovère fort, »ich habe ausgekostet, was die Welt an Schönheit gibt, und ich habe gesehen, daß sie nicht die wahre Nahrung des Herzens ist. In den äußeren Dingen liegt eine gewisse Befriedigung, jedoch genügt sie uns nicht lange, und bald fühlen wir unsere Seele verdorren. Die einfachen Falten deines schwarzen Kleides haben mich mehr beglückt und gelehrt, wie die schönsten Darbietungen des Weltalls es getan haben. Hast du übrigens jemals daran gedacht, daß diese Schönheit, von der du sprichst, gar nichts anderes sein kann als das Ergebnis und der Preis eines Leids? da, alles strebt der Schönheit zu, alles kämpft, alles bemüht sich, alles erschöpft sich, um sie zu verwirklichen; aber da sie unendlich ist, nähern sich ihr am meisten diejenigen, die dem Schmerz am meisten verdanken. Aus dem Schmerz wird alles in der Welt geschaffen. Glaube mir, die tiefste Liebe ist nicht diejenige, die genießt, sondern diejenige, die leidet.«

»Ach Rovère,« rief Angisèle mit trauriger, unwilliger Stimme, »meine Mutter ist tot ... meine Schwester Veronika ist tot ... meine Schwester Crucifixa ist tot ... auch die Tränen brennen schließlich ... Sprich nie mehr vom Leid, hörst du, nie mehr.«

Zitternd schwieg sie.

Während sie so miteinander sprachen, war die Nacht gekommen. Meeresblume war eingeschlafen, ihr Kopf ruhte auf den Knien ihrer Schwester. Da die Abendkühle aufstieg, neigte sich Angisèle sanft herab und legte einen wollenen Schal um den Hals des Kindes. Im Dämmerlicht des Zimmers verschwamm alles, nur ihre Gesichter und ihre Hände leuchteten noch unklar. Da lehnte Angisèle in der Traulichkeit der Dunkelheit ihren Kopf an die Schulter Rovères.

Von ferne hörte man in den Wäldern immer noch die melancholischen Klänge der Hörner.

Und die beiden sagten nichts mehr ...

*

Das Wetter, das eine Weile strahlend und mild gewesen war, verdüsterte sich; der ganze Himmel war mit schweren Wolken bedeckt, und es fing an zu regnen. Langsam, eintönig, unerbittlich senkte sich zwischen Himmel und Erde ein undurchdringlicher, unsagbar traurig stimmender Schleier. Da schwand Angisèles ganze Fröhlichkeit, und wieder gab sie sich den düstersten Gedanken hin.

Tagelang beobachtete sie unbeweglich und trübsinnig, wie der Regen an die Fenster schlug, und in ihren von Fieber hohlen Augen sammelte sich Haß an. Als sie eines Tages noch trauriger als gewöhnlich war, wollte Rovère sie trösten.

»Ach, versuche mich nicht zu trösten,« antwortete sie ihm fast hart, »das gelingt dir nicht. Dieser entsetzliche Himmel tötet mich, ich kann nicht mehr. Ich will fort, du sollst mich weit wegführen, in jene Länder, in den Süden – ich träume von ihnen und verzehre mich vor Sehnsucht nach ihnen.«

Und da Rovère sich mitleidig über sie beugte, fuhr sie fort und umschlang ihn nervös mit ihren mageren Armen: »Nimm mich mit dir ... in dein Land ... denn siehst du nicht ... daß ich hier sterbe ...«

Und sie reisten ab.

*

Zuerst lag sie kraftlos im Bett und verließ die Kabine nicht, die man für sie auf dem Schiff hergerichtet hatte. Dann besserte sich ihr Befinden nach einigen Tagen, und sie wünschte auf die Brücke getragen zu werden.

Je südlicher man fuhr, um so mehr fühlte sie, wie ein instinktiver und süßer Rausch sich ihrer bemächtigte. Den ganzen Tag saß sie auf dem Vorderdeck in Decken eingehüllt und sog tief atmend die laue Luft des Meeres ein. In ihren Augen spiegelte sich das strahlende Licht, und begeistert nahm sie die göttliche Offenbarung des immer blauen Himmels in sich auf.

Zuweilen sagte sie zu Rovère:

»Sieh, ich habe ein so glühendes Verlangen, zu leben, daß meine frühere Seele mich fragt, ob mein Leben jetzt nicht eine Sünde ist.«

Als der fünfzehnte Tag der Reise zu Ende ging, sichtete man Italien. Angisèle zitterte, als sie diesen Namen aussprechen hörte, der ihr Lebenstraum gewesen war, und auf die Reling des Schiffes geneigt, starrte sie fassungslos nach dem Horizont.

Langsam, noch kaum sichtbar und wie in einem Nebel verschwimmend, tauchten die Küsten auf. Dann wurden die Linien deutlicher, nach und nach erkannte Angisèle tiefgrüne Flecken, hier und da verstreute Häusergruppen, und endlich in einem fernen Violett, am Ufer eines sanft abgerundeten Golfes, der von Schiffen und Barken wimmelte, sah sie die herrliche und weiße Stadt, die sich auf den Abhängen wie eine halb aus einem Kästchen herausgezogene Perlenkette ausbreitete.

Da umschlang Angisèle Rovère und zitterte leicht in seinen Armen, während eine tiefe Blässe ihre Wangen überzog.

Vor der Erfüllung ihres Traumes fühlte sie das wehmütige Schwindelgefühl des Glücks.

Rovère führte sie in seinen Palast. Dort, in den herrlichen Galerien, den Marmorsälen, den Säulenhallen, die wie Spiegel glänzten, unter den mit prächtigen Malereien geschmückten Decken, den Terrassen mit den wunderbaren Aussichten, den tiefen und köstlichen Gärten mit den vielen Springbrunnen, verbrachte sie Tage unsagbarer Seligkeit.

Die Erregung, in der sie sich befand, erhitzte ihr Blut. Sie lebte in einem Überschwang von Freude, und es schien ihr, als ob alle Fibern ihres Wesens melodisch vibrierten. Von Sonne und Liebe umgeben, blühte sie herrlich und anmutig auf, und ihre bis dahin so farblosen Züge bekamen einen solchen Ausdruck der Begeisterung, daß sie schön wurde, als ob die Schönheit nur in dieser geheimnisvollen Weltordnung das greifbare Symbol des Glückes sei. Zuweilen blieb sie unterwegs stehen, um zu Rovère, der mit ihr sprach, zu sagen:

»Schweige ... laß mich einen Augenblick empfinden, daß ich lebe!«, und in der Art, wie sie ihren Fuß aufsetzte, lag Wollust.

Als sie eines Abends auf der Terrasse saßen, die zum Meer hinunterführte, sagte Angisèle nach einem langen Schweigen:

»Rovère, könntest du mir erklären, du, der so gut in meinem Herzen zu lesen versteht, weshalb diese Todesgedanken, die mich einst so unglücklich machten, mich jetzt so ruhig lassen? ... ja, ruhig,« fügte sie hinzu, »so seltsam ruhig, wie du dir kaum denken kannst«, und sie ergriff Rovères Hand und legte sie leicht auf die Stelle, wo ihr Herz kaum merklich schlug.

»Und doch,« fuhr sie nach einem Augenblick fort, und ihre Stimme klang so sanft in die feierliche und reine Nacht hinaus ... »und doch ... habe ich den Tod nie so nahe wie heute abend gefühlt ...«

Erschauernd hatte sich Rovère aufgerichtet und sah sie an.

Mit bleichem Gesicht lächelte sie den Sternen zu, und ihre vom Fieber glänzenden Augen weiteten sich.

Ein unermeßliches blaues Dunkel war um sie herum. Die Sterne funkelten wie Diamanten. Von den an der Küste gelegenen Gärten kam ein betäubender Duft von Orangen, Jasmin und Akazien. Das Meer war schwarz und schweigsam, in der Ferne warf die Fackel einer Fischerbarke ihren roten Widerschein von Woge zu Woge.

»Höre, mein Freund,« sagte Angisèle und zwang Rovère sanft, sich neben sie zu setzen, »habe ich dir nicht einmal anvertraut, was ich mir am meisten in der Welt wünsche? Hier hat sich mein Traum verwirklicht, beklage mich also nicht. Ich habe das Glück kennengelernt, und eine hehre und unwiderstehliche Stimme sagt mir, daß darin das Ziel des Lebens besteht, aber diese selbe Stimme versichert mir auch, daß es das Ende des Lebens ist. Alles, was dieses Ziel erreicht hat, schwindet dahin, wenn es seine Bestimmung erfüllt hat, und so wird es mit mir geschehen, denn meine Seele hat dieses Gesetz hier viel klarer begriffen als in unserem düsteren Lande der Trauer und des Elends, wo der Gedanke an den Tod so grausam ist, weil man von Tag zu Tag auf das Leben wartet ... Ja, heute abend, in der Liebkosung dieser unendlichen Dunkelheit werde ich ohne Kampf, ohne Widerstand dahinschwinden, wie die Frucht fällt, wie der Duft verweht, wie das Wasser verrinnt. Sieh, die Erde hier ist so süß, daß ich ohne Furcht daraus einschlafen werde, wie einst Meeresblume auf meinem Schoß einschlief ...«

Rovère hatte sie umschlungen; ihre Lippen vereinten sich, ihre Augen schlossen sich, und schweigsam verharrten sie vor dem mit Sternen besäten Meer.

*

Bei Sonnenaufgang fand man sie in dem hohen Zimmer des Palastes, wo sie nebeneinander auf einem üppig geschmückten Bett ruhten.

Sie waren nackt und hatten Rosen in den Händen.

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