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Schicksale formen Menschen

Albert Samain: Schicksale formen Menschen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorAlbert Samain
booktitleSchicksale formen Menschen
titleSchicksale formen Menschen
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H. Berlin
yearo.J.
translatorN. Collin
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
created20140815
modified20150623
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Divine Bontemps

Sie hieß Ludivine Bontemps, und abgekürzt nannte man sie Divine. Mit zwölf Jahren war sie ein kleines Mädchen von nachdenklicher und feiner Anmut, mit klaren, blassen Augen, die das kalte Blau der in Wäldern versteckten Quellen hatten. Das lange, dunkelblonde Haar fiel wie eine leichtgewellte seidene Flut auf ihre zarten Schultern herab. Der hübsche, ernste Mund hatte im Winkel der Oberlippe ein Schönheitsfleckchen. Hinter diesem fast immer geschlossenen Mund, unter dem schweren, gelösten Haar und in den tiefen, blassen Augen ahnte man eine kleine, schöne und scheue Seele.

Besondere Charakterzüge traten bei Divine Bontemps schon hervor, und vor allen Dingen derjenige, der sich bereits ganz erstaunlich kundgab.

Ein fast zu großer Überschwang an Zärtlichkeit war ihr eigen, eine Güte, die sie rückhaltlos Wesen und Dingen zuteil werden ließ und die heiß aus den Tiefen ihrer Seele hervorsprudelte. Wie vor einer Sünde wich sie davor zurück, ihre Gefühle zu offenbaren, sogar solche, die man am wenigsten verbirgt. Nichts war ihr peinlicher, als zu fühlen, daß man wußte, was in ihrem Herzen vorging. Sofort färbte ihre Wangen ein zartes Rot, ihre Blicke senkten sich hartnäckig, und wenn man ungeschickt in sie drang, konnte sich diese Empfindung bis zur Qual bei ihr steigern.

In allem und vor allem war sie eine überschwengliche und verschwiegene Natur. Es geschah häufig, wenn sie allein war, daß sie ihr augenblickliches Lieblingsspielzeug stürmisch an die Brust drückte. Oder sie wandte sich auch mit leidenschaftlichen Gesten an eingebildete Wesen, mit denen sie ihr Schlupfwinkelchen bevölkerte. Zuweilen küßte sie sogar die Blumen. Sicher wären diejenigen, die gewöhnt waren, in ihr eine in jeder Beziehung zurückhaltende und schweigsame kleine Person zu sehen, über dieses Benehmen sehr verwundert gewesen.

Sie war auf die Welt gekommen, als ob sie sich gewissermaßen ihres Gemütes schämte. Die physische Keuschheit und alles, was diese an scheuer Empfindsamkeit in sich barg, schien sich bei ihr auf das Seelische zu übertragen, und die kleinste Erregung, die enthüllt wurde, die geringste Empfindung, bei der man sie überraschte, verursachten ihr ein so unerträgliches Unbehagen, als stände sie nackt vor den Menschen.

Deshalb übte auch Dunkel, Schweigen, Geheimnisvolles einen besonderen Reiz auf sie aus: abgelegene Stellen im Garten, die düstere und liebliche Kirche, die Frische unbewohnter Räume. Da lebte sie auf, da konnte sich ihr Wesen voll entfalten. Gerade dieses gedämpfte Licht, dieser melancholische Ernst, diese verhaltenen Färbungen, dieser Geruch verlassener Räume prägten sich in die zarte Substanz ihrer Seele für das Leben ein.

Wohl machte sie sich klar, was sie bei dieser übermäßigen Empfindsamkeit verlor, und wenn sie sich bewußt wurde, wie sie sich selbst leicht gewonnener Freuden beraubte, konnte sie in Tränen ausbrechen. Sie versuchte nun, gegen diese Empfindsamkeit anzukämpfen, und gelobte, sich ein Beispiel an ihren kleinen Gefährtinnen zu nehmen. Durch die Begeisterung des Spieles fortgerissen, versuchte sie eine Stunde lang, sich zu ändern. Aber dieses Feuer war nur ein künstliches gewesen, das bald nachher verlosch, und zwar so, daß am selben Abend, wenn sie sich nach einer Liebkosung von ihrer Mutter sehnte, sie in dem Augenblick, in dem sie sich ihr in die Arme werfen wollte, zögernd stehenblieb und schließlich schlafen ging, ohne etwas zu sagen.

Diese starke Abneigung, ihre geheimsten Gefühle preiszugeben hatte zur Folge, daß der Verzicht nach und nach eine Gewohnheit bei ihr wurde, und aus dieser Gewohnheit mußte sich eine leidenschaftliche und fast wilde Sucht, Opfer zu bringen, entwickeln, ein seltsames Verlangen nach Resignation, das sie geheimnisvoll zur Traurigkeit zog und das wie eine grausame und raffinierte Wollust wurde ...

Divine wurde älter. Während der kritischen Zeit einer schmerzhaften Pubertät verstärkte sich ihre angeborene Scheu noch mehr. Bei der geringsten Berührung zog sie sich jetzt in sich selbst zurück. Daraus entstand ein gewisses linkisches Wesen, das ihrer Schönheit, die etwas besonders Rührendes hatte, eine gewisse Herbheit verlieh. Ihre in der Mitte gescheitelten dunklen Haare fielen glatt anliegend über die Schläfen, die sie bedeckten, und rahmten mit einem ernsten Bogen ihre reine, leicht gewölbte Stirn ein. Ihre blaßblauen Augen sahen wie alte Edelsteine aus. Der fast immer geschlossene Mund vertiefte sich sichtbar in den Winkeln. Man hielt Divine für kalt, sogar für abweisend. Sie ließ die Leute in dem Glauben, und um diese Meinung noch zu verstärken, gebrauchte sie sogar eine unbewußte Koketterie, weil sie darin eine seelische Barriere erblickte, hinter der sie einen Schutz gegen die Neugierde hatte. Und so lebte sie das ruhige Leben einer reinen Jungfrau, als eine sentimentale Episode einfachster Art ihr Leben umwälzte.

Ein Freund ihrer Kindheit, Maurice Damien, war gekommen, um seine Ferien in der Provinz zu verbringen. Als Divine ihn sah, mit ihm sprach – denn er kam häufig zu ihr, weil die beiden Familien eng befreundet waren – und sie sich aus den mit rotem Sand bestreuten Alleen des großen Gartens die ehemaligen Kindereien ins Gedächtnis zurückriefen, fühlte sie nach und nach ihr Herz unruhig werden. Unbewußte Zärtlichkeiten, die in ihr noch wie Morgennebel wogten, wurden von einem zarten Lichtstrahl erhellt. Einzelheiten, die bis dahin unbedeutend gewesen waren, gewannen in ihren Augen besonderes Interesse. Die monotonen Stunden belebten sich, und gleich einer Offenbarung war sie von Verwirrung und Entzücken erfüllt.

Eines Nachmittags waren die beiden allein in dem großen Salon, der in den Garten führte. Die künstlich belebte Unterhaltung stockte plötzlich, und schweigend standen sie voreinander. Durch das geöffnete Fenster drangen ferne Geräusche aus der gewerbstätigen Stadt. Das Rollen der Wagen, das Hämmern in den Gießereien, das Getöse in den Straßen und das fortwährende Flüstern der Blätter klang harmonisch wie ein Rauschen von Seide. Das Gefühl von irgend etwas Uneingestandenem zwischen ihnen erfüllte sie mit wachsender Erregung. Bei Divine steigerte sich das darüber empfundene Unbehagen bis zur Herzensangst, und ihre Seele bebte unter dem Schleier ihrer langen Augenlider. Um der Angst zu entgehen, setzte sie sich an das geöffnete Klavier und begann zu spielen. Maurice näherte sich ihr. Divines Herz schlug so stark, daß sie die mächtigen, unregelmäßigen und dumpfen Schläge verspürte. Plötzlich fühlte sie zwei brennende, fiebertrockene Lippen auf ihrem Hals. Schon war sie aufgesprungen, bleich wie der Tod. Wie ein jäh aufgerührtes Wasser, waren ihre Augen schwarz geworden. Sie starrte Maurice wie eine Wahnsinnige an, und bevor er noch eine Bewegung machen konnte, stürmte sie aus dem Salon.

Ihr ganzes Wesen war in einer unerklärlichen Verwirrung, und sie brauchte Stunden, um wieder ein wenig Ruhe zu finden. Die empfindsamste Stelle ihrer Seele schmerzte sie, als ob sie eine unerträgliche Brandwunde hätte. Dem ganzen sanften Schatten, in den sie sich einhüllte, war in brutalster Weise Gewalt angetan worden, und sie fühlte, daß es ihr unmöglich sein würde, mit Maurice wieder zusammen zu sein. Übrigens näherte sich das Ende der Ferien, und sie konnte irgendeinen Vorwand gebrauchen. Ihr Herz war erfinderisch, um sich zu quälen, und ihre wollüstige Jungfräulichkeit träumte nur davon, tausend Fäden eines düsteren Schleiers um sich herum zu spinnen, um darin auf das heimlichste das tiefe Erbeben zu verbergen, von dem sie noch ganz erschüttert war.

An dem Tage, an dem Maurice abreiste, war sie schon bei Morgengrauen aufgestanden und harrte lauernd am Fenster, um den jungen Mann vorbeigehen zu sehen. Nur durch die dünne Musselingardine, die in ihren Händen zitterte, waren sie getrennt. Maurice hob den Kopf und verlangsamte seine Schritte. Aber sie blieb unbeweglich, ihre Seele bebte und zitterte. Lange stand sie noch da, und in den Winkeln ihrer Augen hingen große Tränen, die nicht herabfielen ...

Erst nach einigen Jahren kehrte Maurice wieder.

Oh! Diese Rückkehr, wie oft hatte sich Divine die Erregung dieses Augenblicks ausgemalt.

Besonders in der Provinz, in der starren Monotonie des täglichen Einerleis nimmt das Innenleben bei Wesen, die dazu geneigt sind, eine außergewöhnliche Intensität an. Da bilden sich jene einsamen Schicksale; Stein auf Stein und Tag für Tag werden zu der Verherrlichung eines einzigen Gefühls Denkmäler einer schönen oder melancholischen Seele errichtet. Also hatte Divine während der langsam dahingehenden Jahre ihr ganzes Gefühlsleben auf der Erinnerung der mit Maurice verbrachten beiden Monate aufgebaut. Nicht einen einzigen Tag hatte sie aufgehört, daran zu denken. So hatte sie in der Tiefe ihrer Seele eine Art geheimer Kapelle errichtet, in die sie sich lange Stunden einschloß und sich den verzehrenden Freuden der Hoffnung hingab. Niemand mutmaßte dieses Liebesgeheimnis, das sie eifersüchtig hütete, und ihr Herz kostete mehr und mehr die anormale Seligkeit dieses immer mehr sich steigernden Entzückens.

Als sie dem jungen Mann gegenüberstand, fühlte sie bis in die Seele hinein eine lähmende Kälte, und es war eine kleine leblose und totenbleiche Hand, die sie ihm entgegenstreckte. Ach! diese Minute, die sie vorher sooft durchlebt hatte, brachte sie ihr nicht bloß eine entsetzliche Enttäuschung?

Maurice ergriff diese kleine Hand, und in dem freundschaftlichen, gleichgültigen Händedruck ließ er nur zu sehr merken, daß er sich der Vergangenheit nicht mehr erinnerte.

Divine, die zuerst niedergeschmettert war, versuchte in den nächsten Tagen ein wenig Kaltblütigkeit zurückzugewinnen. Schließlich war Maurice doch noch frei, und es stand ihr nichts im Wege, zu erforschen, ob er wirklich nichts mehr für sie übrig hatte. Aber jedesmal wenn sie über diesen Gedanken grübelte, stockte ihr Blut, wenn sie an einem gewissen Punkt angelangt war, und mit erschreckender Klarheit sah sie, daß sie lieber sterben würde, als ein Wort davon über die Lippen zu bringen.

So verbrachte sie Wochen, jede Fiber ihres Herzens bebte vor Spannung, so daß sie abwechselnd die widersprechendsten Entschlüsse faßte. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, stärkte ihn durch gewisse günstige Zeichen, durch ein Wort oder ein Lächeln, in dem sie ein wenig von der ehemaligen Zärtlichkeit wiederfand. Im nächsten Augenblick aber hielt sie entsetzt eine unüberwindliche Angst zurück, durch eine Bewegung den Gedanken, von dem sie ganz erfüllt war, zu verraten.

Unterdessen lud der Vater einer ihrer Freundinnen, Lÿdia Morin, der einige Meilen von der Provinzstadt eine bedeutende Fabrik besaß, Maurice ein, dorthin zu kommen, um einige Verbesserungen zu prüfen. Der junge Mann nahm die Einladung an, blieb drei Monate auf dem Lande, und als er zurückkehrte, war er mit Lÿdia verlobt.

Das war ein entsetzlicher Schlag für Divine. Wie es sooft geschieht, hatte sie alle Möglichkeiten ins Auge gefaßt, nur nicht die schmerzlichste.

Einige Tage darauf, als sie abends in ihrem Zimmer ihr Haar für die Nacht ordnete, verspürte sie plötzlich eine unendliche Mattigkeit in allen Gliedern. Sie ging ans Fenster, lehnte sich hinaus und atmete die nächtliche Kühle tief ein. Es war Frühling. Es hatte in den Abendstunden gewittert, und Pfützen schimmerten noch hier und dort in den Vertiefungen des Pflasters. Ein durchdringender Geruch von feuchtem Staub und erfrischtem Grün stieg von unten herauf. Manchmal spürte sie einen sanften Luftzug, der so weich war, daß sie die Augen schloß. Unbeweglich blieb Divine dort stehen, ihr schweres Haar hing über die eine Schulter herunter, und sie fühlte im Herzen wie auch in den Gliedern eine grenzenlose Niedergedrücktheit. Plötzlich bemerkte sie auf dem breiten Trottoir der Allee gegenüber Lÿdia und Maurice, die von irgendeinem Familienfest zusammen heimkehrten. In dem schleppenden Schritt Verliebter schlenderten sie langsam dahin, und in der Stille der vereinsamten Straße konnte man ihre Stimmen fast vernehmen. Divine hatte sich hinausgelehnt. Mit fassungslosem, starrem Blick folgte sie ihnen, und als sie in dem düsteren Schatten der Bäume untertauchten, ließ sie sich auf die Knie gleiten, jede Fiber ihres Herzens war von einer fürchterlichen Qual wie zerrissen, und ohne einen Schmerzenslaut von sich zu geben, wurde sie ohnmächtig.

*

Nach der Hochzeit Lÿdias, die bald darauf stattfand, lebte Divine maschinenmäßig auf den Ruinen ihres Traumes dahin. Niemand aus ihrer Umgebung wußte etwas von dem Drama, das sie bis in die Seele erschüttert hatte. Ihre Gesichtsfarbe wurde blaß. Die Welle rosa schimmernden Blutes, welche die Hoffnung ihr in die Wangen getrieben hatte, schwand. Ihre Augen blickten wie abwesend, ihr Antlitz wurde noch verschlossener. Heiratsanträge wurden ihr gemacht, sie lehnte alle ab und empfand eine bittere Genugtuung, ihr Leben sich in eine Sackgasse verlieren zu sehen, und da sie kein Wesen der Freude war, so betrat sie endgültig den Pfad der Traurigkeit.

Die Einladungen, die banalen und monotonen Zerstreuungen des Provinzlebens fingen an sie zu bedrücken. Sie zog allem »ihre Einsamkeit« vor, und wie es den Wesen geschieht, deren in sich zurückgezogenes Leben die Phantasie belebt, fand sie in »ihrer Einsamkeit« eine Art verborgenen Garten, einen bepflanzten Garten, unter einem herbstlich matten Himmel, dunkle, wohlriechende Rasenflächen – Efeu und Buchsbaum – wo sie stundenlang mit ihren Gedanken spazierenging.

Fünf Jahre waren verflossen, als plötzlich nach kaum zehntägiger Krankheit Lÿdia von einer schweren Lungenentzündung dahingerafft wurde und Maurice mit einem kleinen vierjährigen Knaben als Witwer zurückblieb. Der Schmerz des armen Mannes war grenzenlos; er liebte seine Frau mit der ganzen Jugendkraft des arbeitenden Mannes, die durch die harten Anfangsjahre aufgespeichert worden war. Von dem egoistischen und unfehlbaren Instinkt geleitet, flüchtete er sich bei dieser Katastrophe dahin, wo er am meisten Trost zu finden glaubte. Er täuschte sich nicht. Divine unterdrückte den heimlichen Groll, der noch in ihr wühlte, und nahm diese neue Rolle auf sich. Sie griff nach dieser Dornenkrone und setzte sie sich auf die Stirn. Dann begann sie nach und nach ihre Unterhaltung zu ändern, sprach von der Toten, als ob sie noch lebte, und mit unendlicher Mühe spann sie ein wunderbares Gewebe von unsagbarer Zartheit, durch das sie es verstand, das Trostlose des Unersetzlichen zu vermindern und in das verzweifelte Herz von Maurice den täglichen Frieden zurückzubringen.

Deshalb und durch die natürliche Entwicklung der Dinge bat er sie anderthalb Jahre später, ihn zu heiraten.

So wurde der Traum ihrer Jugend durch diesen erschütternden Epilog beendet. Ach! gewiß, es war nicht ohne eine schmerzliche Ironie, daß sie mit fast dreißig Jahren das weiße Brautkleid anzog, und in der Kirche machte sie einen so aufopfernden, verzückten Eindruck, daß die Zuschauer der Feier, die sie wenig kannten, ganz betroffen davon waren.

In der neuen Wohnung, wo sie »die Dahingegangene ersetzen« sollte, fand sie, was sie vorausgesehen hatte: eine herzliche Zuneigung, ein melancholisches Heim und die Ruhe.

Jedoch bluteten noch Wunden in ihr. Oft geschah es, daß Maurice den kleinen René – so hieß das Kind – auf den Schoß nahm und ihn wortlos mit Augen, die sich verschleierten, betrachtete. Selbstquälerisch fragte dann Divine: »Wie er Lÿdia ähnlich sieht, nicht wahr, mein Freund?« In diesem Augenblick konnte sie ihre heißen Tränen nicht mehr zurückhalten, die Maurice, ohne sie zu trocknen, auf seinen Bart rinnen ließ. Jedoch ein großes Glück, auf das sie nicht mehr zu hoffen gewagt hatte, geschah ihr: sie fühlte, daß sie Mutter wurde, und dieser Gedanke öffnete wieder die in ihr versiegten Quellen, und in ihr sprudelte und rauschte es ... Es schien, als ob ihr von Zärtlichkeit durchströmter Körper wieder aufzublühen begann. Rosige Wellen stiegen in ihre Wangen und durchglühten ihre Ohrläppchen. Eine wundervoll weiche Linie ging von ihrem Kinn zu ihrem Hals, schwellte ihre Brust, rundete ihre Hüften. Ihr schleppender, wie leicht gestützter Gang enthüllte die Üppigkeit ihrer Formen, und eines Abends sah sie nach einer langen, frohen Plauderei in den Augen von Maurice das, was auch sie die Liebe nannte. Es war ein Staunen, ein Rausch, eine Freude, an die sie kaum zu glauben wagte und in die sie tastend wie geblendet hineinschritt. Eine unruhige Tätigkeit bemächtigte sich ihrer. Es machte ihr Spaß, Spielereien in der Wohnung vorzunehmen, die Möbel umzustellen, die Zimmer hell tapezieren zu lassen. Wie aus sich selbst herausgeschleudert, war sie in einem Rausch von Hoffnung, fühlte sich zum erstenmal in ihrem Leben glücklich. Sie träumte sogar von einer Reise nach südlichen Ländern, zu warmen Meeren zwischen Städten mit melodisch klingenden Namen, wo die Luft den Duft des Honigs hat ...

Plötzlich erkrankte René an Typhus. Der Doktor, der Divines Zustand sah, verbot ihr streng, sich dem Kinde zu nähern. Aber er kannte dieses seltsame Herz nicht. Von der ersten Stunde an – als wollte sie Buße für irgend etwas tun – nahm sie am Krankenlager des Kleinen Platz und lebte trotz der inständigsten Bitten in dem vergifteten Zimmer, sie schlief kaum einige Stunden auf einem Sessel und zog ihre Kleider überhaupt nicht aus. Sie kostete den erhabenen Zauber der Aufopferung aus, und ihre Hingabe hatte etwas Unwiderstehliches und Weltentrücktes. Verklärt durchschritt sie die Feuerprobe des reinen Heroismus.

René war gerettet. Aber sie war zu vielen Erregungen ausgesetzt gewesen. Ihre Gesundheit war zu sehr erschüttert worden, und unter tausend Qualen brachte sie ein Kind zur Welt, das nur einige Tage lebte. So wurde sie vom Leben verfolgt. Man hätte fast denken können, als man sah, wie das Schicksal seine Schläge verdoppelte, daß es sein Werk vollenden und die Harmonie dieses Martyriums eines ausgewählten Geschöpfes bis zu Ende führen wollte, um aus dieser von Schmerz kasteiten Seele seinen köstlichsten Duft zu erpressen. Nach den überstandenen Erschütterungen ihrer Muttergefühle ertrug Divine diese höchste Trauer mit der unfaßbaren Sanftmut der an Resignationen Gewöhnten. Ach! wie oft sehnte sich ihr Herz nach dem endgültigen Frieden der Klöster; hinter ihren tiefen, mit Schweigen wattierten Wänden wäre die Ruhe für ihre ermüdete Seele so süß gewesen, und so manches Mal, wenn sie die ferne Frische der weißen Zellen und der mit Fliesen ausgelegten langen Korridore atmete, streckte sie diesen stillen Zufluchtsorten, welche die Vorzimmer des Todes sind, die Arme entgegen. Aber ihr Leben gehörte ihrem Gatten, obwohl sie nach der entsetzlichen Prüfung nicht mehr die Kraft in sich fühlte, es von neuem zu beginnen; und dann war René da, das Kind, das sie gerettet hatte, und das wie durch eine zweite Taufe, die des Schmerzes gleichsam, das ihre geworden war.

Sie blieb also; wieder zog sie sich in die Tiefe ihres Herzens zurück und schloß sich darin ein und bewahrte äußerlich nichts weiter als eine Maske unauslöschbarer Traurigkeit.

Die geheime Neigung ihrer Gedanken, die innere Spannkraft ihres Lebens trieb sie jetzt zu fortwährender Selbstaufopferung. Alles war ihr ein Vorwand, in den andern aufzugehen, und sie tat es auf eine Weise, daß sie sich sogar der Wohltat der Anerkennung beraubte. Übrigens täuschte sich diese seltsam verschlossene Seele über ihre Handlungsweise nicht. Allmählich, durch eine bewunderungswürdige Umstellung ihrer Persönlichkeit, brachte sie es fertig, ihr Leben in das der anderen zu verwandeln. Eine Freude, die sie selbst anging, berührte sie nicht mehr, sie schien nicht mehr ihr eigenes Leben zu leben, sondern sich ausschließlich von dem Glück der Wesen ihrer Umgebung zu nähren; und ihre immer noch ebenso lebhafte Empfindsamkeit, die in gewisser Beziehung entseelt schien, war ganz vergeistigt geworden. Sie war eine stille und leidenschaftliche Seele, deren beständige Wandlung jeden Tag ihre Prinzipien subtilisierte. Übrigens war sie dieselbe wie früher, und sprach der Abt Pascal, ihr Seelsorger, von der übertriebenen Wollust, die manche Naturen bei den Bitterkeiten des Verzichts empfinden, so errötete sie jäh, denn sie fühlte sich in den geheimsten Falten ihres Herzens durch das wahre Wort des Priesters getroffen.

Jahre und Jahre vergingen; Maurice starb durch einen Unfall, und da er bei dem Tod von Lÿdia, seiner ersten Frau, eine Grabstätte gekauft und einen Denkstein hatte setzen lassen, wurde er neben ihr beerdigt.

René vollendete seine Studien, und bald nachher wurde ihm ein Posten in den Kolonien angeboten, der den Anfang für eine glänzende Karriere bedeutete. Da er wegen Divine, die er wie eine Mutter liebte, zögerte, drang sie in ihn, anzunehmen, und zerriß so das letzte Liebesband ihres Herzens.

Und von neuem packte sie die Einsamkeit.

Divine mietete ein fern von der Stadt gelegenes Häuschen in einer einsamen Straße, wo Moos auf dem Pflaster grünte, und die Mauern eines Spitalgartens grenzen an den ihren.

Den ganzen Tag ging sie lautlos durch die Zimmer mit den antiken Möbeln, die in Halbdunkel getaucht waren und wo alte Photographien verblaßten. Hier konnte sie stundenlang über eine Schublade gebeugt andächtig rührende Reliquien ordnen. Ihre Augen, die wie vom zu langen Warten erschöpft aussahen, waren farblos geworden, und unter ihrem weißen Haar sah ihr Gesicht wächsern aus. Das vom Kummer mitgenommene, durch Tränen geglättete, schmale, verfallene, vergeistigte Antlitz machte den Eindruck eines herzergreifenden und kostbaren Tempels, durch dessen Spalten das reine Licht einer unvergleichlichen Seele durchsickerte.

So lebte sie zwischen ihren Erinnerungen, gleichförmige und stille Tage wie zur Zeit ihrer Kindheit.

Ihre einzigen Ausgänge waren in die nahe Kirche, und dort im Gebet versunken und die Seele schon ganz leicht und frei, fühlte sie das ungeduldige und zarte Beben der Tauben, die davonfliegen wollen.

Doch sich immer selbst getreu, »wagte« Divine nicht, Gott zu bitten, sie sterben zu lassen.

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