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Schicksale formen Menschen

Albert Samain: Schicksale formen Menschen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorAlbert Samain
booktitleSchicksale formen Menschen
titleSchicksale formen Menschen
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H. Berlin
yearo.J.
translatorN. Collin
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
created20140815
modified20150623
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Xanthis oder die gefühlvolle Vitrine

... Et in pulverem reverteris.
(Gen. III. 19.)

Die Amme. – Woran denkst du denn, mein Kind?
(Euripides, Phädra, Sz. II.)

 

Jedesmal, wenn ich lange vor Etageren oder Vitrinen stehe und diese kleinen Asyle kostbaren Holzes und Kristalls betrachte, die alte Düfte durchgehen, und in denen ein zu Herzen gehender Staub ehemaliger Zeiten umherfliegt, oder in denen die vornehme, melancholische Seele des Luxus schweigend vibriert, habe ich immer geglaubt, daß ein besonderes Leben sich hinter den großen, tiefen Gardinen abspielen müsse, weit von der Berührung und den Banalitäten der wirklichen Existenz. Dort finden sich in der Tat in einem verführerischen Ganzen alle Elemente eines besonderen innerlichen Lebens vereinigt, und es scheint mir, daß hier zartbesaitete Seelen sich wirklich wie in den Elysäischen Feldern befinden, weit von allem Nützlichen entfernt und endgültig in überflüssigen Dingen schwelgend.

Solcherart Betrachtungen verdanke ich die interessantesten Beziehungen, und unter anderm machte ich auch die Bekanntschaft einer alten silbernen Tabakdose, in die überall Figuren aus dem Triumphzug Alexanders des Großen über Pyrrhus, den König der Indier, hineingeschnitten waren. Neulich abend in einem gemütlichen Dämmerstündchen hat mir diese liebenswürdige Ahnmutter eine so rührende und dramatische Geschichte von so belehrender Moral erzählt, daß ich dem Wunsch nicht widerstehen kann, sie allen, die für Träume empfänglich sind, zu berichten, und die mir das Geschehene gern glauben werden.

Zu Zeiten Ludwigs des Fünfzehnten stand einmal in einer Vitrine ein Tanagrafigürchen von unvergleichlicher Schönheit. Auf den blonden Haaren lag ein Veilchenkranz, in den Ohren trug die Statuette Opalringe, schimmernde Perlenreihen hingen ihr bis zu der Brust herab, und ein großer, tausendfältiger Schleier hüllte sie vollständig ein, unter dem ihr junger, feiner, geschmeidiger Körper bald sichtbar, bald unsichtbar war und sich wie in einem Mysterium nicht greifbarer Nacktheiten zu verflüchtigen schien.

Griechische Buchstaben, die auf dem Sockel eingraviert waren, nannten die Figur Xanthis, und sie stammte aus dem weinreichen, von brandenden Wogen umgebenen Crissa.

Xanthis war der Sonnenschein der Vitrine.

Öfters geschah es, daß sie von ihrem Sockel herabstieg und inmitten einer Schar von Anbetern die Tänze wiederholte, die sie einst in den Säulenhallen des Tempels der Artemis getanzt hatte. Ihre mit goldenen Ringen geschmückten Füßchen kreuzten sich zu komplizierten Schritten, und sie wußte herrliche rhythmische Gebilde mit vollendeter Grazie zu schaffen. Unbewußt drückte sie die verschiedensten und tiefsten Dinge aus, und wenn sie sich am Schlusse des Tanzes nach hinten gebeugt aufrichtete, feierlich die Arme über dem Kopf erhoben, den Schleier unbeweglich auf den Knospen ihres jungen Busens ausgebreitet, so strahlte sie eine so geheimnisvolle, ernste Schönheit aus, daß man von einem heiligen Schauer gepackt wurde. Eines Tages, als sie noch herrlicher als sonst getanzt hatte, empfing sie den Besuch eines vornehmen Herrn aus der Nachbarschaft. Es war ein Marquis aus altsächsischem Porzellan von entzückender Eleganz, der trotz einiger Mattigkeit in den Zügen noch immer schön und von unvergleichlicher Höflichkeit war. Er hatte durch den Krieg etwas gelitten. Sein Kopf und sein linker Fuß waren wieder angekittet worden.

Doch so wie er war, gefiel er Xanthis unendlich; gerade die Müdigkeit, die aus seiner immer etwas verschleierten Stimme klang, verführte sie mehr als der schönste Glanz strahlender Jugend.

Lange und mit unendlichem Reiz plauderte der Marquis über tausend Dinge. Und wunderbar! als sie ihm zuhörte, kehrten ihr Gespräche ins Gedächtnis zurück, die sie einst in ihrer Heimat gehört hatte, und sie sah die weisen Männer mit den klugen, feinen Augen wieder vor sich, die in der rosig goldigen Dämmerung am Meeresufer neben ihr geplaudert hatten ...

Als der vornehme Herr sich zurückzog, drückte er sanft seine Lippen auf Xanthis' Hand, und diese, die eine lange Zeit ein sehr unglückliches Leben bei einem Trödler zwischen widerlichen, entsetzlich gewöhnlichen Burschen von vergoldetem Zinn geführt hatte, empfand es voll Behagen, in ihrer Umgebung einen Mann zu finden, dessen Vornehmheit sich in so zarten Kundgebungen äußerte.

Schnell wurde der begonnene Verkehr rege.

Der Marquis, der, wie alle seiner Epoche, die Schönheit des Lebens liebte, verstand es trefflich, Vergnügungen zu organisieren.

Jeden Tag wußte er etwas Neues zu bieten, und nie verminderte sich seine Geschicklichkeit, Abwechslung zu schaffen.

Häufig erschien er schon morgens, um Xanthis, gleich wenn sie aufgestanden war, in seiner von Rosen bekränzen Porzellankarosse abzuholen.

Schnell zog sie sich an und wählte die Toilette, die am besten zu der Farbe des Himmels oder dem Rhythmus ihrer Gedanken paßte; einmal einen hellen Rock à la Pompadour mit puffigen Fächern, leicht und blühend wie ein Frühlingsmorgen, oder ein langes seidenes Watteaugewand in melancholischen Weidenfarben, oder zart reseda, mit einer großen gezogenen Rückenfalte. Ein anderes Mal eine mit goldenen Blättchen verzierte Tunika à la Récamier, die von einem mattgelben Gürtel unter den Armen gehalten wurde.

Den ganzen Tag promenierten sie durch das herrliche Tal der Fächer, durch den großen Park mit dem verblaßten grünen Rasen und den Springbrunnen oder an mit prächtigen Skulpturen geschmückten Gärten vorbei, durch Bosketts, in denen versteckt Liebestempel lagen.

Manchmal nahm man die Mahlzeiten im Grünen oder in einem hübschen Jagdpavillon ein und schlenderte dann langsam durch das Dorf heim, von geputzten Schäfern und Schäferinnen ehrfurchtsvoll begrüßt.

Es war das entzückendste Leben, das man sich denken konnte.

Übrigens hatte der Marquis in seinem lila samtfarbenen Frack, dem Spitzenjabot, dem schrägen Degen, den schneeweiß gepuderten Haaren und den dünnen Lippen, um die der lebhafte französische Geist spielte, ein äußerst vornehmes Aussehen. Seine verblassenden Liebesgefühle wußte er in reizende Galanterien zu kleiden.

Xanthis fand nichts, was sich mit seinen weißen, zarten Händen vergleichen ließ, und ein nicht definierbares Ambraparfüm, das ihn umgab, schien ihr wohl der richtige Ausdruck des zarten Reizes seiner nie versagenden Courtoisie.

*

Einige Zeit darauf führte er sie einer Marmorbüste, einem Musiker, zu, dessen Bekanntschaft er jetzt gemacht hatte, und der, wie er versicherte, herrlich spielte. Gleich im ersten Augenblick begriff Xanthis, daß sie einen tiefen Eindruck auf den Musiker gemacht hatte. Während man allerlei Gleichgültiges plauderte, blickte er sie eigentümlich und durchdringend an; absichtlich senkte sie die Lider, seine heißen, starren Blicke entfachten ein unerklärliches Gefühl schwüler Glut in ihr.

Von dem Marquis aufgefordert, begann der Musiker zu spielen, und Xanthis hatte die starke Empfindung, als ob eine unsichtbare Hand sich auf ihre Locken senkte, um sie in eine Welt durcheinanderwirbelnder Eindrücke zu geleiten.

Der Marquis lobte flüsternd manche Passagen und neigte sich zu ihr, um seine Gedanken zu äußern; aber schweigend und hingerissen hörte sie nicht ein Wort von dem, was er sagte, die Augen des Musikers offenbarten ihr seine Empfindungen, und durch diese Augen lernte sie das erstemal kennen, welcher Rausch in der Trauer liegen kann.

Kaum hatte sie der Musiker verlassen, als sie eine Migräne vorschützte und den Marquis ziemlich kurz verabschiedete. Es drängte sie, auf ihren Sockel zurückzukehren.

Unbekannte Dinge bewegten sie. Und um die gefühlvollen Erregungen, diese süßen Blüten der Seele zu bewahren, ist nur frisches Wasser und vollständige Einsamkeit gut.

So ganz allein, ließ sie in ihrem Herzen das Bild des Musikers auferstehen, und in der Dunkelheit schwebte ihr das schöne Gesicht mit der hohen, blassen Stirn vor, diese tiefen Augen, geheimnisvollen Höhlen gleich, aus denen manchmal Flammen aufschlugen, der breite, heiße, tragische Mund, die von Schluchzen geschwellte, sich stürmisch hebende Brust, die halbnackt aus dem Kragen hervorblickte ...

Am nächsten Morgen fiel sie dem Marquis um den Hals, um ihm zu danken, daß er ihr die Bekanntschaft eines so bedeutenden Mannes verschafft hatte, und von nun an schien ihr das Leben unendlich viel interessanter. Den Tag bewilligte sie dem Marquis für Besuche und Spaziergänge, wenn aber der Abend herankam, eilte sie zu dem Musiker. Nach den Oberflächlichkeiten des Tages, dem ermüdenden Versegeklingel der Madrigale und Epigramme, welch ein herrlicher Kontrast, einem köstlichen Bade gleich, war ihr die Gesellschaft dieses Freundes!

Sanft beugte er ihren Kopf zurück, um ihr tief in die Augen zu schauen; lange und schweigend küßte er sie auf den Mund, während er zärtlich ihren Busen drückte, der von dem raschen Gehen noch flog, zitternden Vögeln gleich ...

Ja, nach der Stimmung des Tages war dieser Kuß bald wie Feuer, bald wie Schnee, der aus seiner Seele emporstieg.

Langsam senkte der Abend seine Fittiche auf sie herab. Dort unten hüllten die großen Gardinen alles in Schatten. Unmerklich verschwanden die Dinge in der Finsternis. Es herrschte so tiefes Schweigen, daß man die Rosenblätter auf die Marmorkonsolen herabfallen hörte. Xanthis setzte sich ganz nahe neben ihren Freund, und der Töne Zauber begann ...

Ach! wie gut drückte diese Musik die leidenschaftlichen Modulationen seiner Seele aus! Zuerst waren es große, schaukelnde Wellen, die nach und nach in Klagen, Schluchzen, Schreie übergingen wie in ein durcheinander wilder Umarmungen, und zuletzt löst sich alles plötzlich in unsagbare Weichheit, in Zärtlichkeit auf, um die dahinschwebende Seele zu den Höhen eines Himmels zu führen, der über dem Schweigen schwebte! Wie in einer Ekstase flohen die Stunden schnell dahin ...

»Stelle dir vor,« sagte Xanthis manchmal (denn nach der zweiten Begegnung hatten sie sich geduzt), »stelle dir vor, manchmal, wenn ich dir zuhöre, scheint es mir, als wenn ich immer so gelebt hätte; es ist mir unmöglich, mir eine andere Existenz vorzustellen.«

»Weil du in die Ewigkeit, die ewige Sphäre, eintrittst.«

»Ja, das ist es«, sagte sie.

Eigentlich begriff sie nicht, was er meinte, aber da die ewige Sphäre doch zu den Mysterien gehörte, wußte sie genau soviel wie ihr Freund. »Ewigkeit!« »Ewige Sphäre!« Sie wiederholte diese Worte, und als sie ihr über die Lippen glitten, hatte sie die bestimmte Vorstellung, das Unerklärliche richtig damit ausgedrückt zu haben.

Es ereignete sich, daß sie diese Redensarten auch vor anderen brauchte, beispielsweise vor dem Marquis, sie bewirkten ein unmerkliches ironisches Zusammenziehen seiner Lippen, aber im Grunde seines Herzens empfand er einen uneingestandenen Ärger darüber.

An manchen Abenden erzählte ihr der blasse Musiker von seinem Leben; es war ein Dasein voller Kämpfe und Enttäuschungen gewesen. Durch die ganze Welt war er elend umhergeworfen worden, und erschöpfende Anstrengungen hatten ihn zur Bahn der Schönheit geleitet.

Dann konnte er, von schmerzlichen Erinnerungen überwältigt, nicht weitersprechen, schluchzend zog er die kleine Tänzerin an sich, schmiegte seinen Kopf an ihren nackten Busen und murmelte mit kindlicher Stimme seltsame Dinge: »Kleines, liebes Sonnenscheinchen, kleines, göttliches Geschöpfchen, kleine, windige Sphinx ...«

Sie wußte nicht, was sie zu diesen Worten sagen sollte, aber sie begriff die Zärtlichkeit, mit der sie ausgesprochen wurden, und sie fühlte, daß es Schmeicheleien waren, die, ganz verschieden von denen des Marquis, zweifellos eine tiefere Bedeutung hatten.

So zogen die Stunden köstlich ausgeschmückt dahin ...

Der Mond blickte durch die Gardinen, und sein silberner Finger berührte alles; die Musik wurde durchgeistigter, ätherischer, die Noten hatten das Flimmern ferner Sterne, und die von Säulen getragene Standuhr mußte langsam mit dem dünnen Stimmchen einer alten Großmutter die zwölf Schläge um Mitternacht erklingen lassen, ehe Xanthis sich entschloß, fortzugehen.

Schnell warf sie sich ihren großen duftenden Mantel über die Schultern und floh in der köstlichen Melancholie eines letzten Kusses.

Sie war sich immer selbst böse, so lange zu bleiben, denn um auf ihren weißen Sockel zurückzukehren, mußte sie einen Seitenweg einschlagen, an dem ein abscheulicher Chinese saß. Einen Glockenhut auf dem Kopfe, die Beine unter dem dicken Bauch gekreuzt, nickte er, wenn sie vorbeiging, und steckte dazu seine rote Zunge lang heraus, während er ein leises, niederträchtiges Kichern ertönen ließ. Dieses Gekicher war ihr unerträglich, jedoch erschien ihr seine Fratze manchmal so komisch, daß sie sich die größte Mühe geben mußte, nicht zu lachen.

*

Gegen Mitte des Sommers erhielt die Vitrine einen neuen Bewohner. Es war ein kleiner Faun aus Bronze. Seine Ankunft verursachte große Erregung und lieferte reichlichen Gesprächsstoff.

»Er sieht sehr brutal aus«, riefen die zarten Porzellane und zogen sich mit einer Geste instinktiven Mißtrauens zurück.

»Mein Gott, ich kann ihn nicht so schlimm finden«, flötete die Zuckerstimme einer rosa Bonbonniere, die sich im Gegenteil leise an ihn heranschlich. Eine Nymphe Clodiens sprach sehr kühn und ohne Zurückhaltung ihre Bewunderung über diese Athletengestalt aus.

»Pfui,« unterbrach sie hochmütig ein Schildpattlorgnettenstiel mit einem Brillantenwappen, »wie kann man sich erlauben, einen so gewöhnlichen Geschmack zu äußern? Sehen Sie doch diese schandbaren Gliedmaßen an ... diese Hände ... diese Füße ...«

»Ach! Wenn Sie wüßten, meine Damen! ...« Mit geheimnisvoller Miene beugte sich ein boshaftes altes Schloßfräulein aus Biskuit plötzlich herab und lachte in ihr Taschentuch.

Alle eilten herbei, um von dem Skandal etwas zu erhaschen; zuerst machte das alte Schloßfräulein nur halbe Andeutungen, aber dann flüsterte sie der nächsten Nachbarin einige Worte zu, welche diese weiterberichtete, und während die Köcher sich eine Weile erschreckt bewegten, fuhr man fort zu wispern.

Man muß feststellen, daß der Faun im ganzen kein freundliches Entgegenkommen fand, doch als er sich mit einer trivialen Bewegung kräftig auf die Lenden schlug, schien dieses schöne, sonore Geräusch die Miniaturen träumerisch zu stimmen; aber die Männer, die in ihren Reden gemäßigter, doch innerlich viel überzeugter waren, hegten eine dumpfe Feindseligkeit gegen ihn, der wie ein Eindringling betrachtet wurde.

In dieser vornehmen Atmosphäre erklang das große, bestialische Lachen des Fauns wie eine Dissonanz, und seine freien Manieren berührten unangenehm.

Aber die Bewohner der Vitrine wurden sich alle darüber einig, daß, wenn sie sich einmal über ihn zu beklagen hätten, es in indirekter, verschleierter Form geschehen sollte, die von den ordinären Manieren des Fauns ganz verschieden sein würde.

Aber die übertriebene Diskretion dient nur dazu, gewöhnliche Charaktere zu ermutigen, und ein solch schlecht angebrachtes Zartgefühl kann manchmal die beklagenswertesten Folgen nach sich ziehen.

So geschah es auch hier, und man kann diesen Zartfühlenden den Vorwurf nicht ersparen, daß, wenn sie von Anfang an ihre wahre Würde gezeigt hätten, anstatt nur die äußere oberflächliche Form zu wahren, ein nicht gutzumachendes Unglück vermieden worden wäre.

Als der Faun das erstemal Xanthis erblickte, richtete er ein siegerhaftes und erstauntes Lächeln an sie, und während er die Enden seines kurzen Bartes zwirbelte, blickte er sie mit der Vertrautheit eines Bauern an, der seine Bäuerin wiedergefunden hat. Xanthis war keineswegs beleidigt und zeigte ihm das ziemlich liebenswürdig.

Der Marquis befand sich just neben ihr.

»Wie ist es möglich, meine Schöne, daß Sie einem solchen Bauern gegenüber soviel Nachsicht über seine unverschämte Aufmerksamkeit bezeigen?«

»Ach! Bauer!« meinte Xanthis leicht pikiert, und mit einem schnellen Blick sah sie den Marquis von oben bis unten an, wie um einen boshaften Vergleich zu ziehen, aber schnell nahm sie wieder den gewohnten kindlichen Ton an: »Ach, was, mit so einem!«

Sie raffte ihren mit Blumen gestickten Rock zusammen, und leichtfüßig schwang sie sich auf den Tritt der Karosse.

In den darauffolgenden Tagen war ihre sonst gleichmäßige Gemütsstimmung bedeutenden Schwankungen unterworfen, sie wurde launenhaft. Der Marquis geruhte dem keine Wichtigkeit beizulegen, seine lange Erfahrung des weiblichen Geschlechts hatte ihn gelehrt, in diesem Punkt so vollkommene Nachsicht zu üben, daß man ohne große Mühe die Form einer geheimen Verachtung darin erblicken tonnte.

Eines Abends kam sie sehr erregt zu ihrem Freund, dem Musiker, und als er sie nach der Ursache ihrer Verstimmung fragte, antwortete sie ihm ziemlich kurz, daß ihre Geheimnisse ihr allein gehörten. Vollkommen berechtigt, sich über diese Unhöflichkeit zu ärgern, war seine Erwiderung darauf in grobem Tone gehalten, und selbstverständlich gab es eine Auseinandersetzung zwischen beiden. Wie ein Himmel, der zu lange blau gewesen war, hatte sich übrigens schon seit längerer Zeit die Atmosphäre ihrer Zärtlichkeit mit Elektrizität geladen. Deshalb ereignete sich dieses ärgerliche Phänomen und wurde wie gewöhnlich von heftigen Worten, wütenden Vorwürfen, Schreien, Schluchzen und einem reichlichen Tränenregen begleitet.

»Ach! wie wenig großmütig bist Du doch, lieber Freund. Wie grausam ist es von dir, mich so zu verkennen.«

Xanthis sprach diese Worte mit tränenerstickter Stimme und blitzenden Augen, während ihr Busen sich noch von leichter Erregung hob, und wie nach einem beendeten Gewitter strömte ihre ganze Person feuchte, sehnsüchtige Wollust aus.

Der Musiker bat sie um Entschuldigung, tröstete sie, wie man ein Kind zu trösten pflegt, flehte sie an, seine Äußerungen zu vergessen, und sie küßten sich zärtlich.

Dann, als er ein feuriges Appassionato anstimmte, erklärte sie plötzlich, daß sie sich zu leidend fühlte. Zweifellos infolge der heftigen Erregungen, und trotz der dringenden Bitten ihres Freundes zog sie sich weit vor der gewohnten Stunde zurück. –

*

Erst am nächsten Morgen stieg sie wieder auf ihren Sockel.

Von da ab war sie vollkommen glücklich.

Nichts ist bewunderungswürdiger, als wenn wir unser Leben harmonisch zusammenzustellen wissen und die Verschiedenheiten unserer Natur geschickt auszugleichen verstehen, denn gerade die täglichen Schwierigkeiten unserer Existenz durch eine entfaltete Geschicklichkeit zu besiegen, heißt ihr eine unvergleichliche Würze verleihen, und noch nie hatte Xanthis dieses Gefühl des Lebenskampfes köstlicher empfunden. Mit allen Poren atmete sie das süße Tageslicht ein, das die Dichter ihrer Heimat besingen, nie war ihr Gesicht leuchtender, nie ihr Haar goldiger, nie ihre Formen reiner gewesen.

»Sie ist entzückend«, sagte der Marquis.

»Einzig«, meinte der Musiker.

»Göttlich.«

»Ideal.«

Beide erhitzten sich durch ihre gegenseitige Begeisterung, während der bewegungslose Faun, an einen nahen Leuchter gelehnt, sie abwechselnd betrachtete und die Spitzen seines kurzen Bartes zwirbelte.

Kehrte Xanthis abends heim und löste sich die Zöpfe für die Nacht, so überlegte sie noch einmal die Zerstreuungen, die ihr der Tag geboten hatte, und sie empfand ein Gefühl des Stolzes, wenn sie, einer Gewohnheit folgend, ihr Gebet an die gute Artemis, die Schutzpatronin der geheiligten Kurtisanen, gerichtet hatte, und den hübschen Kopf auf dem gekreuzten Arm schlief sie ein, nachdem noch ein zarter Dankesseufzer für die Götter ihren Lippen entschwebt war.

Ach! teure Xanthis, du wußtest diese außergewöhnliche Gunst, die sie dir bewiesen, nicht in seiner ganzen Größe zu schätzen. Gewiß, du hattest vor deinen Siegeswagen den Beschützer, den du am meisten auszeichnetest, den Marquis, gespannt, ferner besaßest du die herrliche Seele des Musikers, und zuletzt gehörte dir der Faun, der robuste Kraftmensch. Deine Existenz war so gut eingeteilt, daß diese verschiedenen Beziehungen wie die Teile eines von einem vorzüglichen Handwerker gefertigten kostbaren Möbels sich genau ineinanderfügten. Aber gerade soviel Glück hätte dir offenbaren müssen, daß du auf dem Gipfel der Vergänglichkeit angelangt warst und durch eine einzige Abweichung, ein einziges unkluges Wort, eine einzige Bewegung alles zusammenstürzen konnte. Fehlte es dir an Takt, Xanthis? Nein, im Gegenteil. Obgleich du nur eine einfache, kleine griechische Tänzerin warst, die in den leichten Sitten des Ägäischen Meeres erzogen worden war, verstandest du es so schnell, dich mit den neuen an dich gestellten Forderungen abzufinden. Wenn es sich darum handelte, den geschraubten, gedrechselten Phrasen zuzuhören, oder sich bebend dem reißenden Strom romantischer Leidenschaft hinzugeben, fanden die verschiedensten gefühlvollen Pantomimen in dir eine geschickte Interpretin.

Nein, ich will sagen, was dich zugrunde richtete! Der Geist der Perversität war es, der den Herzen der Frauen die unerwartetsten Launen zuraunt und in seltsamen Stunden ihrer Tugend die beunruhigendsten Paradoxen vorschlägt.

Manchmal kann selbst der Mangel an Logik dieser Fehler (die fast immer geschmacklos sind) die Unglücklichen, die sich deren schuldig machen, retten. Denn die Schnelligkeit, mit der sie gemacht werden, gleicht nur der, mit der sie vergessen werden.

Doch leider, leider! So ungestraft dahinzuleben, war dir nicht beschieden, Xanthis, und deine frivole Lebensauffassung, die deinen eigenen Fall verursachte, führte deine unglücklichen Freunde zu Katastrophen, die sie wahrlich nicht verdienten ...

Eines Nachts wartete der Faun wieder auf Xanthis und wunderte sich, als sie zur gewohnten Stunde nicht erschien. Er harrte ein Weilchen geduldig, aber es schlug halb eins, und noch immer war sie nicht da. Ein anderer hätte für diese Abwesenheit eine für seine Zärtlichkeit oder für seinen Stolz erklärende und beruhigende Entschuldigung gefunden und wäre so leicht über die unangenehmen Minuten hinweggekommen. Aber dem Faun war es kaum möglich, Vermutungen aufzustellen, für ihn existierten nur Tatsachen, er ließ nur eine fallen, um sofort sich an eine andere zu klammern.

Er war mit seiner Geduld zu Ende und machte sich auf die Suche nach Xanthis.

Kaum hatte er zwanzig Schritte getan und war an dem Rosenkoffer, der die Ecken der Vitrine bildete, vorbeigegangen, als er die Verlorene bemerkte. O weh! sie saß auf den Knien des widerlichen Chinesen. Sie schüttelte sich vor Lachen, und der abscheuliche Kerl, der mehr denn je kicherte, kraute mit seinen knotigen Fingern in dem himmelblauen Peplum, dessen schöne Falten darunter zu leiden schienen. Aber es dauerte nicht lange. Ein Brüllen ertönte, daß die Scheiben zitterten, der Faun erhob seine bronzene Faust, und puff ... lag die kleine Tänzerin aus Tanagra, ohne auch nur einen Schrei auszustoßen, in tausend Scherben.

So endete Xanthis mit den mit Veilchenkränzen geschmückten Haaren, das blonde Kind aus dem weinreichen, vom brandenden Meere umgebenen Crissa. So wurde ein Augenblick des Vergessens von dem mitleidlosen Schicksal bestraft.

So wurde mit einem einzigen Schlage das so hübsche, galante, leidenschaftliche, glückliche Leben vernichtet.

Von morgens an trugen die kleinen Amoretten der Vitrine als Trauerabzeichen eine schwarze Schärpe, die halbgeschlossenen Fächer hatten eine Kreppbinde, die Kirmes von Van Istade wurde unterbrochen.

Alle kostbaren Steine der Ringe, Agraffen und Halsketten hörten auf zu glänzen. Die geschliffenen Flakons, die seltene Essenzen enthielten, öffneten sich, um der kleinen antiken Seele ihre kostbaren Gerüche als Huldigung zu weihen, und selbst der Schrein des heiligen Trophinus, der die Basilika von Arles barg, wurde durch die allgemeine Trauer gerührt und ließ ein schwaches Trauergeläut erklingen.

Die verhängnisvolle Nachricht hatte sich blitzschnell verbreitet. Als der Marquis sie erfuhr, rief er: »Ach, teures, unglückliches Wesen, du allein hast meinem Leben Inhalt gegeben. Durch deine liebenswürdige Gesellschaft gelang es mir, mich über die Langeweile der Stunden hinwegzutäuschen. Wie soll ich jetzt meine Tage hinbringen? Wie soll ich meinem Lebenswinter Wärme bringen, da ich nichts mehr habe, um mich daran zu entzünden. Xanthis, dein von seinen Ketten befreiter Sklave kann nur über seine Freiheit weinen.«

Die ganze Nacht durchzogen ihn die schmerzlichsten Gedanken. Die Tränen, die er vergebens zurückzuhalten suchte, flossen ihm über sein Gesicht, er fühlte nach und nach seine alten Wunden sich öffnen; fürchterliche rheumatische Schmerzen durchzogen seinen linken Fuß, und gegen Morgen löste sich plötzlich sein Kopf, dieser fein gepuderte Kopf, los ...

Fast in derselben Stunde hoben zwei gute, gemütvolle und vierschrötige Holländer aus Fayence neben dem Malachitschreibzeug die Büste des Musikers auf, der durch die Todesnachricht seiner süßen Freundin völlig fassungslos von seinem Sockel stürzte. Unglücklicherweise war er mit dem Schädel auf die Ecke des Schreibzeuges gefallen, und sein Kopf war geborsten.

»Der arme junge Mann,« sagten die barmherzigen Fayencen, »jetzt hat er für immer einen Schaden weg! ...«

Vor der zertrümmerten Xanthis war der Faun mit vor Staunen geöffnetem Munde stehengeblieben. Als er das Geschehene begriff, warf er sich auf die Knie, stieß ein schreckliches Geheul aus und gab sich der wildesten Verzweiflung hin. Aber die Entrüstung gegen ihn in der Vitrine war jetzt auf den Höhepunkt gestiegen, und alles verlangte eine Strafe für das so abscheuliche Verbrechen. Sie ließ nicht lange auf sich warten. Einige Tage später trat ein großer, alter Herr, der dem Marquis sehr glich, an die Vitrine heran, um sich seine Kostbarkeiten anzusehen, und als er die Katastrophe bemerkte, geriet er in heftige Wut. Es war nicht schwer, den Schuldigen zu erraten, der elende Zustand des Fauns offenbarte alles. Ohne zu zögern, nahm der Besitzer ihn aus der Vitrine und gab ihn noch am selben Tage für einen Spottpreis fort.

Jetzt begann für den unglücklichen Faun ein Leben bemitleidenswerter Erniedrigungen. Er lernte das zynische Feilschen auf öffentlichen Verkäufen kennen, das staubige Exil in dunklen Winkeln, die Unannehmlichkeiten der Spinnengewebe. Übrigens war er unerkennbar geworden. Er war nur noch eine wertlose Sache, und er endete auf der Straße zwischen dem gemeinen Durcheinander von angestoßenen Fayencen, altem Eisen und Familienbildern.

Gewiß, eine solche Anhäufung von Unglück kann scharfsinnigen Moralisten reichen Stoff liefern. Seit den urältesten Zeiten schon haben sich die Nationen hartnäckig darauf versteift, die verschiedenen Geschehnisse ganz genau zu zerlegen, um einen Extrakt von Weisheit daraus zu ziehen, und noch nie hat es an Stoff gefehlt. Aber mir ist eine solche Tätigkeit zuwider, denn ich habe immer gefunden, daß Aphorismen, besonders wenn sie eine verblüffende Wahrheit enthalten, dem Unglück mit wirklich überflüssiger Grausamkeit gegenüberstehen.

So kann denn jeder nach seinem eigenen Geschmack und für eigene Rechnung nach dieser Geschichte die ihm eigenen Maximen über Gerechtigkeit feststellen. Ich ziehe vor, mich andächtig zu sammeln und aus der Tiefe meines Herzens langsam ein Gebet für das traurige und verschleierte Elend zu murmeln.

Vor der in Trauer gehüllten Vitrine, wo gestern noch Xanthis, die Schöne, erstrahlte, hielt mich eine mysteriöse Zärtlichkeit zurück, und gern stellte ich mir vor, daß nicht nur zufällig meine Finger eine alte Musikdose berührten, aus der zitternde, ferne Klänge hervorgingen, die wie Träume der Figürchen erklangen. Es war ein süßes, rührendes Lied aus vergangenen Zeiten, das ganz dazu angetan schien, durch seine Traurigkeit die Hohlheit flüchtiger Liebe auszudrücken und die Melancholie zerbrechlicher Geschicke.

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