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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Siebentes Kapitel.
Mary Leavenworth.

Wer hätte nicht schon die Wirkung des Sonnenlichtes beobachtet, welches hinter einer schweren, schwarzen Wolkenmasse plötzlich über die Erde hereinbricht? So ungefähr war der Eindruck, den die beiden schönen Damen bei ihrem Eintritt in den Saal hervorriefen. Sie hätten in jeder Versammlung die bewundernden Blicke aller Anwesenden auf sich gelenkt; in einem weit höheren Grade mußte dies hier geschehen, inmitten dieser furchtbaren Tragödie und unter Männern solchen Schlages!

Ich führte meine zitternde Gefährtin nach der entlegensten Ecke, die ich auffinden konnte, und sah mich dann nach ihrer Cousine um, – doch Fräulein Eleonore, so schwach sie mir oben in ihrem Zimmer erschienen war, zeigte jetzt weder Zaudern noch Verlegenheit. Auf den Arm des Detektivs gestützt, trat sie vor und betrachtete einen Augenblick die sich vor ihr entfaltende Szene, dann verneigte sie sich vor dem Coroner mit einer Anmut und Herablassung, welche diesen sofort auf denselben Fuß mit einem höflich geduldeten Eindringling in dieses vornehme Haus zu stellen schien, nahm einen Lehnstuhl ein, den ihr die Dienerinnen eilig herbeibrachten, und entwickelte überhaupt eine Unbefangenheit und Würde, welche mehr an die Triumphe einer Dame im Salon als an das Benehmen einer Schuldbewußten vor dem Untersuchungsrichter erinnerten.

Es war dies offenbar ein Theatercoup; aber er verfehlte seine Wirkung nicht. Sofort verstummte das Geflüster, die lästigen Blicke senkten sich, und auf den Gesichtern aller Anwesenden zeigte sich etwas wie ein erzwungener Respekt.

Selbst ich, der ich doch noch den Eindruck ihres vorherigen, gänzlich verschiedenen Benehmens empfand, hatte ein Gefühl der Erleichterung. Desto unangenehmer überraschte es mich, als ich das Auge der neben mir sitzenden Dame mit einem fragenden Ausdruck auf ihre Cousine gerichtet sah, der mich keineswegs ermutigte.

Da ich die Wirkung dieses Blickes auf die Umgebung fürchtete, ergriff ich Mary Leavenworths Hand, die, krampfhaft geballt, über die Lehne des Stuhles hing, und wollte sie eben ermahnen, vorsichtig zu sein, als ihr Name, der vom Coroner ausgesprochen wurde, sie aus ihrer Versunkenheit erweckte. Schnell wandte sie das Auge von ihrer Cousine, erhob den Blick zur Jury, und ich sah denselben so kühn und entrüstet aufleuchten wie bei unserer ersten Begegnung. Doch dieser Blitz erlosch wieder, und mit dem Ausdruck großer Bescheidenheit machte sie sich bereit, der Aufforderung des Coroners nachzukommen und die wenigen einleitenden Fragen zu beantworten.

Niemand vermag sich die Angst, die ich in diesem Moment fühlte, auszumalen. Freilich sah sie jetzt sanft aus; aber ich hatte es erfahren, daß sie eines gewaltigen Zornausbruches fähig war. Würde sie wohl jetzt ihren Verdacht wiederholen? – haßte sie ihre Cousine ebenso sehr, wie sie ihr mißtraute? – würde sie es wagen, in dieser Versammlung und vor der Welt zu behaupten, was sie in der Zurückgezogenheit ihres eigenen Gemaches und vor den Ohren der einzigen Person geäußert hatte, welche es betraf?

Ihr Antlitz verriet mir nichts von ihrer Absicht, und in meiner Angst schaute ich noch einmal nach Eleonore hin. Diese befand sich in einer Furcht und Aufregung, die ich leicht begriff; bei dem ersten Anzeichen, daß ihre Cousine sprechen wollte, war sie entsetzt zurückgewichen, und jetzt saß sie so da, daß man ihr Gesicht nicht erblicken konnte; aber ihre Hände hatten die Blässe des Todes.

Mary Leavenworths Zeugnis war kurz. Nach einigen Fragen, die sich meist auf ihre Stellung im Hause und ihr Verhältnis zu dem Ermordeten bezogen, wurde sie aufgefordert zu erzählen, was sie von dem Morde selbst und seiner Entdeckung durch ihre Cousine und die Dienerschaft wußte.

Indem sie ihre Stirn erhob, die noch kein Schatten einer Sorge oder eines Kummers getrübt zu haben schien, und ihre Stimme ertönen ließ, die, obwohl leise und sanft, dennoch mit Glockenton durch den Saal klang, entgegnete sie: »Sie legen mir da eine Frage vor, meine Herren, die ich aus eigener Anschauung nicht beantworten kann; von dem Morde und seiner Entdeckung weiß ich nichts, als was mir von andern berichtet worden ist.«

Mein Herz hüpfte vor Freude und Erleichterung; ich sah Eleonores Hände von ihrer Stirn niederfallen, während ein Hoffnungsschimmer über ihr Gesicht glitt und wieder erlosch wie ein Sonnenstrahl, der über Marmor flieht.

»So sonderbar es Ihnen erscheinen mag,« fuhr Mary ernst fort, und wieder verdüsterte ein Schatten ihr Antlitz, »ich habe das Zimmer noch nicht betreten, in welchem mein Onkel liegt; mein Gefühl gebot mir, zu meiden, was so entsetzlich und herzzerreißend ist; aber Eleonore ist dort gewesen und kann Ihnen sagen –«

»Wir werden Fräulein Eleonore später verhören,« unterbrach sie der Coroner freundlich; offenbar hatte die Anmut und Eleganz des reizenden Mädchens auch auf ihn ihren Eindruck nicht verfehlt. »Was wir wissen wollen, ist, was Sie gesehen haben. Sie behaupten, daß Sie uns nichts davon erzählen können, was in jenem Zimmer zur Zeit der Entdeckung vorging?«

»Nein, mein Herr!«

»Nur, was sich in der Halle ereignete?«

»In der Halle hat sich nichts ereignet,« bemerkte sie unschuldig.

»Ging nicht die Dienerschaft durch die Halle, und kam Ihre Cousine nicht von dort her, nachdem sie sich von der Ohnmacht, welche sie bei dem ersten Anblick Ihres Onkels überwältigt, erholt hatte?«

Mary Leavenworths Veilchenaugen öffneten sich verwundert. »Gewiß!« sagte sie. »aber dabei ist doch nichts Auffallendes!«

»Aber Sie entsinnen sich noch, wie Ihre Cousine aus dem Zimmer in die Halle trat?«

»Jawohl, mein Herr.«

»Mit einem Papier in der Hand?«

»Papier?« fragte sie, wandte sich dann plötzlich um und schaute ihre Cousine an. »Hattest du ein Papier, Eleonore?«

Es war ein Moment der höchsten Spannung. Eleonore Leavenworth, die bei der ersten Erwähnung des Wortes ›Papier‹ merklich zusammengezuckt war, stand bei dieser naiven Frage auf, öffnete die Lippen und war im Begriff zu sprechen, als der Coroner, der Gerichtsordnung gemäß, mit Entschiedenheit die Hand erhob und sprach: »Wir brauchen Ihre Cousine vorläufig noch nicht zu verhören, aber lassen Sie uns wissen, was Sie selbst beobachtet haben.«

Sofort sank Eleonore Leavenworth auf ihren Sitz zurück; auf jeder ihrer Wangen brannte ein dunkelroter Fleck: durch die Versammlung ging ein leises Murmeln, welches die Enttäuschung derjenigen zeigte, denen mehr an der Befriedigung ihrer Neugier als an der Beobachtung der gerichtlichen Form lag.

Nachdem die Ruhe vollständig wiederhergestellt war, wiederholte der Coroner seine Frage: »Bitte, sagen Sie mir, ob Sie dergleichen in ihrer Hand sahen.«

»Ich – nein. Ich habe nichts gesehen!«

Als sie dann über die Ereignisse der vergangenen Nacht verhört wurde, zeigte sie sich außer stande, irgendwie neues Licht über das Dunkel zu verbreiten. Sie räumte ein, daß ihr Onkel beim Essen vielleicht etwas verschlossen gewesen sei, aber nicht mehr als jemand, der sich nicht ganz wohl fühle, oder den eine alltägliche Sorge drücke. Später hatte sie den Verstorbenen nicht wiedergesehen; die letzte Erinnerung, welche sie von ihm hatte, war die, als er oben am Familientisch saß.

Es lag etwas so Rührendes, so Wehmütiges und doch so Ungezwungenes in ihrem einfachen Bericht, daß sich in den Mienen aller Anwesenden ein Ausdruck der Sympathie zeigte; nur Eleonore blieb regungslos.

»Stand Ihr Onkel mit irgend jemandem auf schlechtem Fuße? Hatte er Wertpapiere oder Geldsummen in seinem Besitz verborgen?«

Auf alle diese Fragen antwortete sie in gleicher Weise verneinend.

»Hat Ihr Onkel in letzter Zeit einen Fremden empfangen oder während der letzten Wochen einen Brief erhalten, der Licht auf dieses Geheimnis werfen könnte?«

Mit einem leichten Zögern in der Stimme entgegnete sie: »Soviel ich weiß, – nein!« Hier warf sie einen verstohlenen Blick auf Eleonores Gesicht, und in demselben mußte sie etwas Beruhigendes gelesen haben; denn sie beeilte sich hinzuzufügen: »Ich glaube sogar, ich kann noch weiter gehen und mit einem bestimmten Nein antworten; mein Oheim pflegte mir zu vertrauen, und ich würde es wissen, wenn ihm etwas von Bedeutung begegnet wäre.«

Nach Hannah gefragt, stellte sie derselben das beste Zeugnis aus; sie hatte keine Ahnung, was jene zu ihrem seltsamen Verschwinden veranlaßt hätte, ebensowenig vermochte sie sich vorzustellen, auf welche Weise das Mädchen mit dem Verbrechen in Verbindung stehen könne. Nach Marys Wissen hatte sie niemals einen Liebhaber besessen, noch Besuche empfangen. Als sie zum Schluß gefragt wurde, wann sie zum letztenmal Herrn Leavenworths Pistol gesehen habe, erwiderte sie, daß es ihr nur einmal zu Gesicht gekommen sei, und zwar an dem Tage, an welchem der Verstorbene es gekauft habe. Uebrigens sei Eleonore und nicht sie mit der Oberaufsicht über die Gemächer des Onkels betraut gewesen.

Bei dieser letzten Behauptung fiel mir auf, daß Eleonore einen scharfen, prüfenden Blick auf die Sprecherin warf.

Jetzt richtete einer der Geschworenen an die junge Dame eine Frage. »Hat Ihr Oheim jemals ein Testament aufgesetzt?«

Sofort horchte jeder der Anwesenden auf, und auch Mary konnte ein leichtes Erröten beleidigten Stolzes nicht unterdrücken. Doch ihre Antwort war fest und ohne ein Zeichen des Gekränktseins. »Ja, mein Herr,« erwiderte sie einfach.

»Mehr als eins?«

»Ich habe stets nur von einem einzigen gehört.«

»Sind Sie mit dem Wortlaut dieser letztwilligen Verfügung bekannt?«

»Er machte aus seinen Absichten gegen niemand ein Geheimnis.«

»Vielleicht können Sie mir dann sagen, wer von seinem Tode den größten Vorteil hat?« forschte der Geschworene, sie durch sein Augenglas betrachtend.

Die Roheit dieser Frage war so verletzend, daß sie nicht ungeahndet bleiben durfte; es war kein Mensch im ganzen Saale, der seine Mißbilligung darüber nicht offen gezeigt hätte.

Doch Mary Leavenworth richtete sich stolz auf, sah dem unverschämten Inquirenten ruhig ins Gesicht und beschränkte sich darauf, zu entgegnen: »Wer am meisten dadurch verliert, das will ich Ihnen sagen: es sind die beiden Kinder, die er aus Hilflosigkeit und Not rettete, die jungen Mädchen, die er mit seiner Liebe und seinem Schutz umgab, so oft ihre Unselbständigkeit der Liebe und des Schutzes bedurfte, und die, selbst als die Kindheit weit hinter ihnen lag, sich stets auf seine Leitung und seinen Rat verließen. Für sie ist sein Tod ein Verlust, mit dem verglichen alle übrigen Verluste unbedeutend sind.«

Es war dies eine edle Antwort auf eine Frage, wie sie nur einer niedrigen Gesinnung entspringen konnte, und der Geschworene zog sich beschämt und gedemütigt zurück.

Jetzt erhob sich ein anderes Mitglied der Jury, das einen ungleich würdigeren Eindruck machte, und fragte mit ernster, eindringlicher Stimme: »Fräulein Leavenworth, der Menschenverstand kann nun einmal nicht umhin, sich Vermutungen zu bilden und Schlüsse zu ziehen. Hegen Sie irgend einen, wenn auch unbestimmten Verdacht bezüglich der Persönlichkeit des Mörders Ihres Oheims?«

Es war ein entsetzlicher Moment nicht nur für mich, sondern auch für eine andere Person. Würde ihr der Mut sinken, würde sie ihrem Entschluß, die Cousine zu schützen, auch trotz der Mahnung von Pflicht und Recht treu bleiben? Ich wagte nicht, es zu hoffen.

Mary Leavenworth erhob sich, schaute dem Richter und der Jury ruhig ins Angesicht und erwiderte mit klarer und scharfer Betonung: »Nein! Ich hege keinen Verdacht, noch habe ich Grund zu einem solchen. Der Mörder meines Onkels ist mir nicht nur gänzlich unbekannt, sondern ich habe auch nicht die leiseste Ahnung davon, wer der Thäter sein mag.«

Es war als ob eine drückende Schwüle aus dem Saal wich. Während alles aufatmete, trat Mary Leavenworth beiseite, und Eleonore wurde auf den Zeugenstand gerufen.

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