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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Sechstes Kapitel.
Streiflichter.

Ich stieg die erste Treppe empor und schauderte beim Anblick der Wand des Bibliothekzimmers, die mir über und über mit rätselhaften Zeichen beschrieben schien; dann ging ich langsam weiter hinauf und dachte während dessen über so manches nach, ganz besonders über eine Warnung meiner Mutter, die sie mir vor langer Zeit gegeben hatte: »Mein Sohn, denke daran, daß eine Frau mit einem Geheimnis auf dem Herzen wohl ein sehr anziehendes Studium sein mag; aber eine getreue, eine befriedigende Lebensgefährtin kann sie niemals werden.«

Ohne Zweifel war dies ein sehr weiser Ausspruch, paßte jedoch gar nicht auf die augenblicklichen Verhältnisse; denn ich hegte ganz gewiß nicht die Absicht, mich für eine jener beiden Frauen zu interessieren. Aber trotz aller Anstrengung, den Gedanken an die mütterliche Warnung zu verscheuchen, verfolgte mich dieselbe, bis ich vor der Thüre stand, die mir bezeichnet worden war.

Ich blieb auf der Außenschwelle nur so lange stehen, bis ich mich für das Bevorstehende gesammelt hatte. Eben erhob ich die Hand, um die Klinke niederzudrücken, als ich von innen eine volle, klare Stimme vernahm, und die unheilkündenden Worte deutlich an mein Ohr schlugen: »Ich klage deine Hand nicht an, obwohl ich keine andere weiß, die dies gewollt oder gethan haben kann; aber dein Herz, deinen Kopf, deinen Willen, – die klage ich an, muß ich im geheimen wenigstens anklagen, und es ist gut, daß du es weißt.«

Wie vom Schlage getroffen, stolperte ich zurück. Guter Gott, welche Abgründe des Entsetzens und der Verderbtheit sollten sich da vor mir aufthun! Zusammenschauernd zögerte ich, als ich plötzlich eine Berührung meines Armes fühlte und, mich umwendend, Gryce erblickte, der, den Finger auf der Lippe, dicht neben mir stand, während nur noch ein Schatten von Erregung über sein ruhiges, fast mitleidiges Antlitz flog.

»Kommen Sie! – kommen Sie!« flüsterte er, »ich sehe, Sie fangen an zu begreifen, in was für eine Welt Sie eintreten wollen. Fassen Sie sich, und denken Sie daran, daß man unten wartet.«

»Aber wer ist es? Wer war es, der dort sprach?«

»Das werden wir bald erfahren,« antwortete er kurz, und ohne meinen bittenden Blick zu beachten, stieß er die Thüre weit auf.

Sogleich verbreitete sich der Zauber einer wundervollen Farbenpracht über mich; blaue Vorhänge, blaue Teppiche, blaue Tapeten, – es war, als schaue der azurne Himmel urplötzlich hinein in die Tiefen eines düsteren Kerkers.

Fast geblendet von dem unerwarteten Glanze, trat ich ungestüm vor, blieb aber sofort stehen, überwältigt von dem sich mir darbietenden Anblick.

In einem Armstuhl von reich gesticktem Atlas, von ihrer ruhenden Lage sich halb erhebend, erschien mir ein wundersames Frauenbild. Nach ihrer Haltung mußte sie es sein, die soeben eine furchtbare Beschuldigung ausgesprochen hatte, – schön, bleich, stolz, zart, sah sie wie eine Lilie aus, in ihrem gelbweißen Morgenüberwurf, der um die herrlich gebaute Gestalt in plastischem Faltenwurf flutete. Die reine Stirn war griechisch geschnitten und von blonden Flechten gekrönt; die eine bebende Hand hielt die Lehne des Stuhles umklammert, die andere war ausgestreckt und wies auf einen entfernteren Gegenstand im Zimmer, – die ganze Erscheinung war so prachtvoll, so überraschend, so außerordentlich, daß ich erstaunt den Atem anhielt und in jenem Moment wirklich zweifelte, ob ich ein lebendes Wesen erblickte oder eine jener berühmten Prophetinnen des Altertums, die in einer furchtbaren Gebärde die äußerste Entrüstung empörter Weiblichkeit ausdrückt.

»Fräulein Mary Leavenworth,« flüsterte die allgegenwärtige Stimme über meine Schulter.

»Ah – Mary Leavenworth!« wiederholte ich in Gedanken, und ein plötzliches Gefühl der Erleichterung überkam mich. Dieses herrliche Geschöpf war also nicht Eleonore, die ein Pistol laden, zielen und abfeuern konnte!

Ich wandte den Kopf um und folgte der Richtung jener emporgehobenen Hand, die jetzt wie zu Stein erstarrt war vor Schrecken darüber, sich mitten in einer entsetzlichen verhängnisvollen Enthüllung plötzlich unterbrochen zu sehen; ich erblickte –

Aber nein! Hier entsinkt mir die Feder. Eleonore muß von einer anderen Hand geschildert werden als von der meinigen. Ich könnte den halben Tag sitzen und über die feine Anmut, die bleiche Pracht, die Vollendung der Gestalt und der Züge schreiben, die Mary Leavenworth zum Wunder für alle diejenigen erheben, welche sie betrachten; aber Eleonore –! Berückend, schrecklich, großartig, leidenschaftlich that sich diese überirdische Erscheinung vor mir auf; sofort schwand die mondbeglänzte Lieblichkeit ihrer Cousine aus meinem Gedächtnis, und ich sah nur Eleonore, – nur Eleonore, jetzt und immerdar!

Als mein erster Blick auf sie fiel, stand sie neben einem kleinen Tisch, das Antlitz ihrer Cousine zugekehrt, die eine Hand gegen die Brust gepreßt, die andere auf den Tisch gestützt, in der Haltung einer kampfbereiten Gegnerin. Bevor jedoch das Angstgefühl, welches mich beim Anblick ihrer Schönheit durchzuckte, gewichen war, wandte sie das Haupt, und ihr Auge traf das meinige. Das ganze Entsetzen ihrer Lage hatte sie erfaßt, und anstatt eines stolzen Weibes, das bereit ist, die gräßliche Anschuldigung zurückzuweisen, sah ich – ach! ein zitterndes, geängstigtes Menschengeschöpf, welches sich bewußt war, daß ein Schwert über seinem Haupte hing, und das kein Wort der Verteidigung besaß, den Streich aufzuhalten.

Es war eine traurige Veränderung, eine herzzerreißende Offenbarung, und ich kehrte mich davon ab wie von einem Geständnis.

Da aber trat ihre Cousine, die zuerst ihre Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte, auf mich zu, streckte mir die Hand entgegen und fragte: »Nicht wahr, Sie sind Herr Raymond? – Wie gütig von Ihnen, zu kommen. Und Sie,« wandte sie sich an Gryce, »wollen uns gewiß ankündigen, daß man uns unten erwartet?«

Es war die Stimme, welche ich durch die Thüre gehört hatte, nur zu einem milden, anmutenden, fast schmeichelnden Ton moduliert.

Als ich schnell nach Gryce hinschaute, um mich zu vergewissern, welchen Eindruck die Szene auf ihn gemacht hatte, verbeugte er sich, leicht grüßend, vor der jungen Dame, und das Lächeln, mit welchem er ihrem Blick begegnete, war zugleich abbittend und beruhigend. Ihre Cousine sah er nicht an, obwohl ihre schuldbewußten Augen sich mit einer Frage auf ihn hefteten, die angstvoller erschien, als es ein Aufschrei gewesen wäre.

Da ich Gryce kannte, so fühlte ich, daß nichts schlimmer und bezeichnender war als jene durchsichtige Nichtbeachtung einer Person, welche das Gemach mit ihrer Angst und Pein anzufüllen schien. Von Mitleid ergriffen, vergaß ich, daß Mary Leavenworth gesprochen hatte, vergaß sogar ihre Anwesenheit, und indem ich mich umwandte, trat ich einen Schritt auf ihre Cousine zu.

Da fiel Gryces Hand auf meinen Arm und gebot ein Halt. »Fräulein Leavenworth spricht mit Ihnen,« sagte er.

Das brachte mich zur Besinnung. Ich wandte derjenigen, die mich so interessiert hatte, obwohl sie mich abstieß, den Rücken, stotterte der Schönen vor mir eine Entschuldigung, bot ihr meinen Arm und geleitete sie zur Thüre.

Sogleich milderte sich der Ausdruck in dem blassen, stolzen Antlitz Mary Leavenworths fast bis zu einem Lächeln, – und ich habe niemals ein Weib gesehen, das so lächeln konnte und gelächelt hat wie Mary Leavenworth. Sie schaute mich mit offener, rührender Bitte an und murmelte: »Sie sind sehr gütig; ich fühle das Bedürfnis einer Stütze, der Anlaß ist gar zu schrecklich, und meine Cousine dort,« – dabei sprach eine innere Unruhe aus ihren Augen – »ist heute so seltsam.«

»Wo,« dachte ich bei mir, »ist die gewaltige, entrüstete Prophetin mit dem unbeschreiblichen Zorn und der stolzen Drohung in Miene und Haltung, wie ich sie beim ersten Betreten ihres Zimmers erblickte? Versucht sie jetzt etwa, uns von unserem Argwohn abzuleiten, oder ist es möglich, daß sie sich so sehr selbst täuscht, um zu glauben, die furchtbare Anklage, die wir in jenem kritischen Moment hörten, habe keinen Eindruck auf uns gemacht?«

Bald aber nahm Eleonore Leavenworth, die sich auf den Arm des Detektivs lehnte, meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Auch sie hatte mittlerweile ihre Selbstbeherrschung wiedererlangt, wenn auch nicht so vollständig wie ihre Cousine; ihr Fuß wankte, als sie zu gehen versuchte, und die auf Gryces Arm ruhende Hand zitterte wie Espenlaub.

»Wollte Gott, ich hätte dieses Haus nie betreten!« sagte ich zu mir, und doch war ich merkwürdigerweise auch wieder dankbar, daß gerade ich und kein anderer in dieses Geheimnis eingedrungen war und jene schwerwiegende Aeußerung gehört hatte. Nicht etwa, daß meine Seele die geringste Nachsicht gegen jene Schuld empfunden hätte; niemals war mir das Verbrechen so schwarz entgegengetreten, niemals waren mir Rache, Selbstsucht, Haß, Habgier abscheulicher erschienen, und doch, – aber wer vermag es, seine Gefühle in solchen Momenten zu zergliedern?

Genug, indem ich die schwankenden Schritte des einen Mädchens stützte, während mein Interesse sich zu dem andern hingezogen fühlte, stieg ich die Treppe des Leavenworthschen Hauses hinab und betrat wieder den Saal, in welchem die gefürchteten Inquisitoren des Gesetzes ungeduldig unseres Erscheinens harrten.

Als ich die Schwelle überschritt und die gespannten Gesichter derer erblickte, die ich vor kurzer Zeit verlassen hatte, kam es mir vor, als seien Jahre dazwischen verflossen. So viel kann ein Menschenherz in der kleinen Spanne weniger, hochbedeutsamer Minuten erfahren.

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