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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Viertes Kapitel.
Ein Schwur.

Jetzt wurde die Köchin des Hauses aufgerufen, eine stattliche, wohlgerundete Gestalt mit rotem, gutmütigem Gesicht.

Als sie mit großer Eilfertigkeit vortrat, prägten sich in ihren Zügen Neugier und Furcht aus, und es fiel den Anwesenden schwer, beim Anblick dieser komischen Person ein Lächeln zu unterdrücken.

»Ihr Name?« fragte der Coroner sofort.

»Katharine Malone, Herr.«

»Seit wie lange sind Sie in Herrn Leavenworths Diensten, Katharine?«

»Es sind gute zwölf Monate her, daß ich auf Herrn Wilsons Empfehlung in dieses Haus kam und –«

»Warum sind Sie aus dem Dienst der Frau Wilson getreten?«

»Sie entließ mich, weil sie nach Irland zurückging und –«

»Also seit einem Jahre befinden sie sich in der Familie des Ermordeten?«

»Jawohl, Herr.«

»Und sind gern in Ihrer Stellung. War Herr Leavenworth ein freundlicher Herr?«

»Ich habe niemals einen besseren gehabt. Fluch dem Schurken, der ihn tötete! Er war gütig und hochherzig, und oftmals habe ich zu Hannah gesagt –« Sie brach mit einem plötzlichen Schrecken ab und blickte auf das andere Gesinde hin, als habe sie unvorsichtigerweise etwas Dummes geredet.

Der Coroner bemerkte es und fragte rasch: »Hannah? – Wer ist Hannah?«

Die Köchin zuckte krampfhaft mit ihren dicken Fingern, machte eine Anstrengung, gleichgültig zu erscheinen, und antwortete dann dreist: »Hannah ist nur das Kammermädchen, Herr.«

»Aber ich sehe niemanden dieses Namens hier. Sie haben doch von keiner Hannah gesprochen, die zum Dienstpersonal des Hauses gehörte?« fügte der Coroner, zu Thomas gewandt, hinzu.

»Das allerdings nicht,« entgegnete der Gefragte mit einer Verbeugung und einem strafenden Seitenblick auf die rotbäckige Köchin. »Sie haben von mir nur wissen wollen, wer zur Zeit der Entdeckung des Mordes im Hause anwesend war, und das habe ich Ihnen mitgeteilt.«

»Ah, so!« bemerkte der Coroner spöttisch; dann kehrte er sich wieder der Köchin zu, die sich unterdessen in stummem Schrecken im Saale umgesehen hatte, und fragte: »Und wo ist Hannah jetzt?«

»Sie ist fort.«

»Seit wie langer Zeit?«

Die Köchin atmete schwer. »Seit gestern nacht.«

»Wie spät war es, als sie das Haus verließ?«

»Meiner Treu, Herr, das weiß ich nicht, – ich weiß überhaupt nichts davon.«

»Ist sie entlassen worden?«

»Nicht, daß ich wüßte, ihre Sachen sind noch hier.«

»Ah, ihre Sachen sind hier! Um welche Zeit vermißten Sie das Mädchen?«

»Ich habe sie gar nicht vermißt; sie war gestern abend hier, und heute morgen fehlt sie; daraus schließe ich, daß sie fortgegangen ist.«

»Hm,« meinte der Coroner, sich langsam im Zimmer umblickend, während jeder der Anwesenden aussah, als sei er plötzlich auf eine Thür gestoßen, die ihm bis dahin verborgen gewesen. »Wo pflegte das Mädchen zu schlafen?«

Die Köchin, welche unruhig mit ihrer Schürze gespielt hatte, blickte auf. »Wir alle schlafen im obersten Stock des Hauses.«

»In demselben Zimmer?«

»Jawohl, Herr,« lautete die zögernde Entgegnung.

»Ist Hannah in der verwichenen Nacht hinaufgekommen?«

»Gewiß.«

»Um welche Stunde?«

»Wir gingen alle um zehn Uhr zu Bett; ich hörte die Stunde schlagen.«

»Haben Sie in ihrem Aeußeren irgend etwas Ungewöhnliches entdeckt?«

»Sie litt an Zahnschmerzen!«

»So! – an Zahnschmerzen! – Erzählen Sie mir alles, was Sie wissen.«

»Aber sie hat es ganz gewiß nicht gethan!« versicherte die Köchin, in Thränen und Schluchzen ausbrechend, »glauben Sie es mir, Hannah ist ein gutes Mädchen und so ehrlich wie eine. Auf die Bibel will ich es schwören, daß sie niemals die Hand auf die Thürklinke seines Zimmers gelegt hat; sie ging nur deshalb hinab, um sich einige Tropfen von Fräulein Eleonore auszubitten.«

»Schon gut!« unterbrach sie der Coroner, »es fällt mir ja gar nicht ein, Hannah anzuklagen. Ich habe Sie nur danach gefragt, was Hannah that, nachdem Sie Ihr Zimmer aufgesucht hatten. Sie ging die Treppe hinab, sagen Sie; geschah dies lange Zeit nachher, nachdem Sie sich zur Ruhe begeben hatten?«

»Darüber vermag ich Ihnen wirklich keine Auskunft zu geben; aber Molly erzählt –«

»Was Molly erzählt, geht uns hier nichts an. Sie haben sie nicht hinabgehen sehen?«

»Nein, Herr.«

»Auch nicht zurückkommen?«

»Nein, Herr.«

»Auch heute morgen nicht?«

»Wie hätte ich das können? Sie war ja fort.«

»Aber gestern abend haben Sie bemerkt, daß sie an Zahnschmerz zu leiden schien?«

»Ja, Herr.«

»Gut. Jetzt erzählen Sie mir, wie und wann Sie von dem Tode des Herrn Leavenworth erfuhren.«

Ihre Antworten auf diese Frage waren so breit und enthielten so wenig Neues, daß der Coroner schon im Begriff war, das Verhör mit ihr abzubrechen, als einer der Geschworenen sich erinnerte, daß die Köchin gesagt hatte, sie habe Fräulein Eleonore wenige Minuten, nachdem der Ermordete in das anstoßende Zimmer gebracht worden war, aus der Bibliothek treten sehen. Er fragte, ob ihre Herrin in jenem Augenblick etwas in der Hand gehalten habe.

»Ich weiß es nicht, Herr. – Meiner Treu!« rief sie plötzlich aus, »ich glaube, sie hatte ein Stück Papier in der Hand. Jawohl! Jetzt entsinne ich mich auch sehr deutlich, daß sie dasselbe in die Tasche schob.«

Als nächste Zeugin folgte Molly, das Zimmermädchen. Molly O'Flanagan war ein rotwangiges, schwarzhaariges, flinkes Mädchen von etwa 18 Jahren, die unter gewöhnlichen Umständen auf jede Frage eine Antwort gewußt hätte; aber zuweilen schüchtert die Furcht selbst das unerschrockenste Herz ein, und Molly bot, wie sie jetzt vor dem Coroner stand, keineswegs einen mutigen Anblick dar. Ihre von Natur roten Backen erblaßten bei dem ersten an sie gerichteten Wort, und der Kopf sank ihr zaghaft auf die Brust.

Soviel sie wußte, war Hannah ein ungebildetes Mädchen von irländischer Abkunft, das vom Lande gekommen war, um als Zofe und Näherin bei den Damen Leavenworth einzutreten. Sie hatte schon einige Zeit vor Molly in der Familie gedient, und, obwohl von Natur sehr schweigsam, besonders hinsichtlich ihrer Vergangenheit, hatte sie es doch verstanden, sich bei allen Mitgliedern des Haushalts beliebt zu machen. Im übrigen war sie »melancholisch und träumerisch wie eine Lady,« meinte Molly.

Da dies eine seltsame Gewohnheit ist für ein Mädchen in solcher Stellung, so bemühte man sich, Näheres hierüber aus der Zeugin herauszulocken. Molly jedoch schüttelte den Kopf und beschränkte sich auf die gegebene Aussage, indem sie hinzufügte, daß die Vermißte des Nachts öfter aufzustehen und sich ans Fenster zu setzen pflegte. Bezüglich der Ereignisse des vergangenen Abends gab sie an, Hannah habe zwei Tage oder länger ein geschwollenes Gesicht gehabt, und ihre Schmerzen seien in der verflossenen Nacht so heftig geworden, daß sie aufgestanden sei und sich vollständig angezogen habe. Hier wurde Molly scharf befragt, ob sich Hannah wirklich ganz angekleidet, und sie bestand darauf, daß dies von Kopf bis zu Fuß geschehen sei; dann hätte sie eine Kerze angezündet und ihre Absicht kund gegeben, zu Fräulein Eleonore hinunterzugehen.

»Warum zu Fräulein Eleonore?« fragte einer der Geschworenen.

»Weil diese es war, welche etwaige Arzneien an die Dienstboten verabfolgte.«

Auf weitere Fragen erklärte das Mädchen, es sei dies alles, was sie wisse; Hannah sei nicht zurückgekommen, noch habe sie sich zur Frühstücksstunde im Hause eingefunden.

»Sie sagten, daß sie eine Kerze mit hinunter genommen hätte,« forschte der Coroner, »steckte dieselbe in einem Leuchter?«

»Nein, Herr!«

»Warum nahm sie überhaupt eine Kerze; brannte Herr Leavenworth nicht Gas in den Korridoren?«

»Gewiß; aber wir löschen das Licht aus, wenn wir zu Bett gehen, und Hannah fürchtet sich im Dunkeln.«

»Wenn sie eine Kerze nahm, so muß dieselbe doch irgendwo im Hause liegen geblieben sein; hat jemand eine solche gefunden?«

»Ich erinnere mich nicht.«

»Ist es diese?« rief eine Stimme über meine Schultern hinweg.

Es war Gryce, der eine halbverbrannte Paraffin-Kerze emporhielt.

»Gewiß; aber mein Gott, wo haben Sie den Stumpf gefunden?«

»Auf dem Rasen des Hofes, auf dem halben Wege von der Küche nach der Straße,« antwortete er ruhig.

Unter den Anwesenden entstand eine allgemeine Aufregung. Endlich hatte man doch eine Spur, etwas, das jenen geheimnisvollen Mord mit der Außenwelt zu verbinden schien. Sofort wurde die Hinterthür der Hauptgegenstand des Interesses; die im Hof aufgefundene Kerze lieferte den Beweis, daß Hannah, bald nachdem sie aus dem Zimmer gegangen, das Haus verlassen haben mußte, und zwar durch die Hinterthür, welche nur wenige Schritte von dem auf die Querstraße gehenden Eisengitter entfernt war.

Als Thomas indessen wieder aufgerufen ward, wiederholte er seine Versicherung, daß nicht nur die Hinterthür, sondern auch alle unteren Fenster des Hauses, als er sie um 6 Uhr des Morgens besichtigt habe, fest verschlossen gewesen seien. Hieraus ergab sich der zwingende Schluß, daß jemand sie hinter dem Mädchen zugemacht und verriegelt hatte.

Wer war aber dieser Jemand? das drängte sich jetzt als ernste, brennende Frage in den Vordergrund.

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