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Gutenberg > Anna Katherine Green >

Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Drittes Kapitel.
Das Verhör.

Als ich meine Aufmerksamkeit dem Verhör wieder zuwandte, sah ich, wie der Coroner durch sein goldenes Augenglas in ein Notizbuch blickte. »Ist der Hausmeister da?« fragte er.

Sofort regte es sich unter der in der Ecke gruppierten Dienerschaft. Ein mit einem gewissen Selbstbewußtsein auftretender Irländer drängte sich aus der Mitte hervor und stellte sich den Geschworenen gegenüber.

»Oh,« dachte ich bei mir, als ich die sorgfältig gepflegten Bartkoteletten, das sichere Auge und die achtungsvolle, aber keineswegs demütige Haltung des Mannes einer Prüfung unterwarf, »das ist ein Musterdiener und wahrscheinlich auch ein Musterzeuge!« Und darin sollte ich mich nicht getäuscht haben.

Der Coroner, auf welchen er wie auf alle anderen im Saale einen günstigen Eindruck gemacht zu haben schien, schickte sich ohne Zögern an, ihn zu verhören. »Sie heißen Thomas Dougherty?«

»Das ist mein Name, Herr.«

»Wie lange haben Sie schon die gegenwärtige Stelle inne, Thomas?«

»Es werden wohl so etwa zwei Jahre sein.«

»Sie waren der erste, welcher Herrn Leavenworths Leiche entdeckte.«

»Ja, Herr; ich und Herr Harwell.«

»Wer ist Herr Harwell?«

»Der Privat-Sekretär, der die Schreibereien für Herrn Leavenworth besorgte.«

»Zu welcher Tages- oder Nachtzeit machten Sie jene Entdeckung?«

»Gegen acht Uhr des Morgens.«

»Und wo?«

»Im Bibliothekzimmer, das mit dem Schlafgemach in Verbindung steht. Wir waren ängstlich, da der Herr gegen seine Gewohnheit nicht beim Frühstück erschien, und mußten die Thür aufbrechen.«

»Sie war also verschlossen?«

»Ja, Herr.«

»Von innen?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen; denn es steckte kein Schlüssel in der Thür.«

»Wo lag Herr Leavenworth, als Sie ihn fanden?«

»Er lag gar nicht, sondern saß an dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers, den Rücken dem Schlafgemach zugekehrt, den Oberkörper nach vorn geneigt, den Kopf auf die Hände gesenkt.«

»Wie war er gekleidet?«

»In dem Anzuge, welchen er gestern bei Tisch trug.«

»Waren Anzeichen eines vorhergegangenen Kampfes im Zimmer vorhanden?«

»Nein, Herr.«

»Lag eine Pistole auf dem Tisch oder auf dem Boden?«

»Nein, Herr.«

»Haben Sie Grund zu vermuten, daß ein Raubmord stattfand?«

»Nein; Herrn Leavenworths Uhr und Portemonnaie befanden sich noch in seiner Tasche.«

Auf die Frage, wer zur Zeit der Entdeckung im Hause anwesend war, antwortete er: »Die beiden Fräulein Mary und Eleonore Leavenworth, Herr Harwell, Kate, die Köchin, Molly, das Zimmermädchen, und ich.«

»Sind das alle Mitglieder des Haushaltes?«

»Ja, Herr.«

»Wessen Amt ist es, allabendlich das Haus zu schließen?«

»Das meinige.«

»Haben Sie dieser Pflicht auch gestern genügt?«

»Ja, wie immer.«

»Und wer hat heute morgen die Thüren geöffnet?«

»Ich selbst, Herr.«

»Wie fanden Sie dieselben?«

»Genau so, wie ich sie am Abend verlassen hatte.«

»War kein Fenster, keine Thür offen? Besinnen Sie sich genau, bevor Sie antworten!«

»Nein, Herr.«

In diesem Moment hätte man das Fallen einer Nadel gehört, so bänglich still war es in der Versammlung geworden. Die Ueberzeugung, daß der Mörder, wer es nun auch sein mochte, das Haus nicht verlassen hatte, wenigstens nicht bevor es am Morgen geöffnet worden war, schien schwer auf den Gemütern aller Anwesenden zu lasten. Obgleich mir diese Thatsache bereits vorher bekannt gewesen, empfand ich doch eine gewisse Aufregung, als jetzt der Beweis dafür geliefert wurde, und indem ich das Gesicht des Hausmeisters scharf beobachtete, suchte ich nach irgend einem Zeichen in demselben, welches mir vielleicht verriete, ob er nicht, um eine Pflichtvernachlässigung zu verdecken, so nachdrücklich gesprochen habe. Aber der Ausdruck seiner Mienen war ebenso freimütig als fest, und er begegnete allen auf ihn gerichteten Blicken mit der Ruhe eines Felsens.

Auf die Frage, wann er Herrn Leavenworth zuletzt lebend gesehen habe, antwortete Thomas: »Gestern abend beim Essen.«

»Es hat ihn aber jemand noch später gesehen, nicht wahr?«

»Jawohl. Herr Harwell sagt, er sei noch um halb elf Uhr bei ihm gewesen.«

»Welches Zimmer bewohnen Sie hier im Hause?«

»Ein Stübchen im Erdgeschoß.«

»Und wo schlafen die anderen Mitglieder des Haushaltes?«

»Zum größten Teil im dritten Stock; die Damen in den großen Hinterzimmern, Herr Harwell in einem kleinen nach vorn gelegenen Gemach, die Dienstmädchen schlafen oben.«

»Es befand sich also niemand mit Herrn Leavenworth in derselben Etage?«

»Niemand.«

»Um welche Zeit begaben Sie sich zur Ruhe?«

»Etwa um elf Uhr.«

»Erinnern Sie sich gar nicht, vor oder nach dieser Zeit ein Geräusch im Hause vernommen zu haben?«

»Nicht das geringste,« lautete die bestimmte Antwort.

Aufgefordert, einen ausführlichen Bericht seiner Entdeckung im Bibliothekzimmer zu geben, wiederholte Thomas alle Einzelheiten mit der größten Genauigkeit, und ohne sich auch nur in den geringsten Widerspruch zu verwickeln.

»Und wie nahmen die Damen jene Entdeckung auf?« fragte der Coroner, nachdem der Hausmeister seine Schilderung beendet.

»Sie folgten uns in das Zimmer, in welchem der Mord geschehen war; Fräulein Eleonore wurde beim Anblick der Leiche ohnmächtig.«

»Und die andere Dame? Fräulein Mary, glaube ich, heißt sie –«

»Ich weiß mich dessen nicht mehr zu erinnern, da ich beschäftigt war, Wasser für Fräulein Eleonore zu holen.«

»Wann wurde Herr Leavenworth in das Schlafzimmer geschafft?«

»Unmittelbar nachdem Fräulein Eleonore sich erholt hatte.«

»Und das geschah?«

»Sobald das kalte Wasser ihr Gesicht benetzte.«

»Wer gab den Befehl, die Leiche wegzubringen?«

»Fräulein Eleonore; sie trat an den Toten heran, dabei schauderte sie zusammen und bat dann Herrn Harwell und mich, ihn auf das Bett zu legen und einen Arzt zu holen. Wir thaten, wie sie uns geheißen.«

»Begab sie sich mit Ihnen in das anstoßende Gemach?«

»Nein, Herr.«

»Was that sie denn?«

»Sie blieb am Tisch im Bibliothekzimmer stehen.«

»Und was machte sie dort?«

»Das konnte ich nicht sehen, da sie mir den Rücken zukehrte.«

»Wie lange verweilte sie dort?«

»Bei unserer Rückkehr war sie nicht mehr da.«

»Nicht mehr am Tisch?«

»Ueberhaupt nicht mehr im Zimmer.«

»Hm. – Wann sahen Sie das Fräulein wieder?«

»Sie trat wieder ein, als wir das Bibliothekzimmer verlassen wollten.«

»Hatte sie etwas in der Hand?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Vermißten Sie irgend etwas auf dem Tisch?«

»Darum habe ich mich gar nicht gekümmert.«

»Wen ließen Sie im Zimmer zurück, als sie hinausgingen?«

»Die Köchin, Molly und Fräulein Eleonore.«

»Fräulein Mary nicht?«

»Nein, Herr.«

»Hat die Jury noch irgendwelche Fragen an den Zeugen zu richten?«

Bei dieser Frage machte sich eine Bewegung unter den Geschworenen bemerkbar.

»Ich hege allerdings die Absicht,« sagte ein kleiner, aufgeregter Mann, der schon geraume Zeit auf seinem Sitz unruhig hin und her gerückt war, als könne er es nicht erwarten, den Gang der Untersuchung zu unterbrechen.

»Ich stehe zu Diensten,« antwortete Thomas.

Als jedoch der Geschworene sich räusperte, um sein Verhör zu beginnen, ergriff ein großer selbstgefälliger Mann, der ihm zur Rechten saß, die Gelegenheit, ihm das Wort vom Munde wegzunehmen.

»Da Sie, Ihrer Aussage nach, zwei Jahre in dieser Familie gedient haben, so werden Sie uns auch wohl mitteilen können, ob es in derselben stets friedlich und einträchtig zugegangen ist.«

»Soweit mir bekannt ist, ja,« antwortete der Hausmeister, ernst um sich blickend.

»Standen die jungen Damen mit ihrem Oheim immer auf gutem Fuße?«

»Ganz gewiß.«

»Und wie war das gegenseitige Verhältnis der beiden Damen unter sich?«

»Ein vortreffliches, soviel ich weiß; übrigens erlaube ich mir darüber kein Urteil.«

»Soviel Sie wissen? Sollten Sie Grund zu einer anderen Annahme haben?«

Thomas zögerte einen Augenblick; als aber sein Inquirent im Begriff stand, die Frage zu wiederholen, nahm er eine straffe Haltung an und antwortete: »Durchaus nicht, Herr!«

Der Geschworene schien die Verschwiegenheit eines Dieners zu achten, welcher es ablehnt, sich über so delikate Angelegenheiten auszulassen. Er zog sich zufrieden auf seinen Platz zurück und gab durch eine Handbewegung zu verstehen, daß er nichts mehr zu sagen habe.

Sogleich erhob sich der vorhin erwähnte, kleine Mann und fragte: »Um welche Zeit haben Sie heute morgen das Haus aufgeschlossen?«

»Etwa um sechs Uhr.«

»Hätte jemand nach dieser Zeit das Haus ohne Ihr Wissen verlassen können?«

Thomas warf bei dieser Frage einen unruhigen Blick auf die anderen Mitglieder der Dienerschaft, antwortete aber schnell und ohne Rückhalt: »Ich glaube nicht, daß es jemandem möglich wäre, nach sechs Uhr aus dem Hause zu gehen, ohne daß ich es bemerkte oder die Köchin. Die Leute pflegen doch nicht am hellen, lichten Tage aus dem zweiten Stockwerke zu springen, außerdem schließt die Vorderthür mit einem solchen Geräusch, daß man es im ganzen Hause hört; wer aber durch die Hinterthür und den Garten hinausgehen will, der muß am Küchenfenster vorbei und würde jedenfalls von der Köchin bemerkt werden.«

Diese Erklärung brachte bei allen Anwesenden einen sichtbaren Eindruck hervor. Man hatte das Haus verschlossen gefunden, und späterhin konnte es niemand verlassen haben; nach dem Mörder mußten wir also ganz in der Nähe suchen.

Der Geschworene, welcher die letzte Frage gestellt hatte, schaute mit einer gewissen Selbstgefälligkeit ringsum; als er das von neuem erregte Interesse auf allen Gesichtern sah, mochte er die Wirkung seiner Frage nicht durch ein fortgesetztes Verhör abschwächen und nahm seinen Sitz wieder ein.

Da niemand Lust zu haben schien, Thomas noch weiter zu inquirieren, verlor dieser ein wenig die Geduld, fragte jedoch respektvoll: »Wünscht einer der Herren noch etwas von mir zu wissen?«

Als sich keiner meldete, warf er einen Blick der Erleichterung auf seine Kollegen und zog sich mit einer Hast und Befriedigung zurück, über die ich mir in jenem Moment keine Rechenschaft zu geben vermochte.

Da jedoch der nächste Zeuge kein anderer war als mein neuer Bekannter von heute morgen, Harwell, der Geheim-Sekretär und die ›rechte Hand‹ des Ermordeten, wandte sich meine ganze Aufmerksamkeit diesem zu, so daß ich Thomas' auffälliges Benehmen vorläufig vergaß.

Harwell trat mit der Ruhe und Entschiedenheit eines Mannes vor die Jury hin, der sich dessen bewußt ist, daß Leben oder Tod von seinen Worten abhängt. Die Ruhe und Würde seines Benehmens stimmten alle günstig, und auch ich verlor das Vorurteil, welches ich bei unserer ersten Unterredung gegen ihn gefaßt hatte. Er besaß in seinem Aeußern nichts, was für oder gegen ihn eingenommen hätte; es war eines jener Alltagsgesichter mit glatt gestrichenem, sorgfältig gepflegtem, dunklem Haar und Backenbart; nur war über sein ganzes Wesen eine gewisse Düsterheit ausgegossen, wie sie einem Manne eigen ist, der in seiner ganzen Vergangenheit mehr Kummer als Freude, mehr Entbehrungen als Wohlleben erfahren hat.

Ohne sich weiter bei der Musterung der äußeren Erscheinung des Sekretärs aufzuhalten, begann der Coroner sein Verhör. »Ihr Name?«

»James Trueman Harwell.«

»Ihr Geschäft?«

»Ich habe bei Herrn Leavenworth während der letzten acht Monate das Amt eines Privat-Sekretärs bekleidet.«

»Sie sind der letzte gewesen, der den Ermordeten noch am Leben gesehen hat?«

Der junge Mann erhob den Kopf mit einer hochmütigen Bewegung. »Keineswegs!« antwortete er, »bin ich doch nicht der Mann, der ihn getötet hat.«

Diese Entgegnung, welche eine Untersuchung, deren hohen Ernst wir alle begriffen, wie eine Posse behandelte, erschien der Versammlung so anstößig, angesichts der bereits enthüllten und noch zu enthüllenden Thatsachen, daß sich die anfänglich günstige Gesinnung gegen diesen Mann in ihr Gegenteil verkehrte. Ein Gemurmel der Mißbilligung lief durch den Saal, und durch diese eine Bemerkung verlor James Harwell alles, was er vorher durch sein sicheres Auftreten gewonnen hatte. Er schien das auch selbst einzusehen; denn er reckte den Kopf noch höher.

»Ich meinte,« rief der Coroner, den es offenbar empört hatte, daß der junge Mann ihm eine solche Erwiderung geben konnte, »Sie seien der letzte gewesen, der Herrn Leavenworth vor seiner Ermordung durch eine bis jetzt unbekannte Persönlichkeit gesehen hat.«

Der Sekretär kreuzte die Arme über die Brust. Ich vermochte nicht zu unterscheiden, ob er damit ein Zittern, das ihn ergriffen hatte, verbergen oder nur einen Augenblick zur Ueberlegung gewinnen wollte.

»Mein Herr,« entgegnete er endlich, »ich kann Ihnen darauf keine ganz bestimmte Antwort geben. Aller Wahrscheinlichkeit nach war ich der letzte, der ihn lebend gesehen hat; aber in einem so großen Hause, wie dieses ist, kann ich nicht einmal solche einfache Thatsache mit voller Ueberzeugung behaupten.« Als er nach diesen Worten die unbefriedigten Mienen der Anwesenden bemerkte, fügte er langsam hinzu: »Meine Stellung brachte es mit sich, daß ich ihn noch zu später Stunde sah.«

»Ihre Stellung als Sekretär, nicht wahr?«

Der Gefragte nickte ernst mit dem Haupte.

»Herr Harwell,« fuhr der Coroner fort, »das Amt eines Privat-Sekretärs ist kein begrenztes; wollen Sie uns auseinandersetzen, welches Ihre Pflichten in dieser Eigenschaft waren, – kurz, wie Herr Leavenworth Sie beschäftigte?«

»Sehr gern. Der Verstorbene besaß, wie Ihnen wohl bekannt sein wird, großen Reichtum; da er mit vielen Gesellschaften, Klubs und Instituten in Verbindung stand, da er ferner weit und breit den Ruf eines freigebigen und wohlthätigen Mannes genoß, so empfing er täglich zahlreiche Briefe und Bittschriften, die ich öffnen und beantworten mußte. Seine Privat-Korrespondenz war stets mit einem Zeichen versehen, welches sie von den übrigen unterschied.

»Das war indes nicht alles, was mir zu thun oblag. Da mein Chef früher den Theehandel betrieben und aus diesem Grunde mehrere Reisen nach China gemacht hatte, so interessierte er sich sehr für die Verkehrsfrage zwischen jenem Lande und dem unsrigen. Um den Amerikanern ein besseres Verständnis des chinesischen Volkes, seiner Eigentümlichkeiten und des vorteilhaftesten Handelsbetriebes mit dem Reich der Mitte beizubringen, war er seit einiger Zeit beschäftigt, ein Buch über diesen Gegenstand zu schreiben. Bei der Abfassung dieses Buches leistete ich ihm insofern Beistand, als ich täglich drei Stunden lang nach seinem Diktat schrieb. Die letzte Stunde war von halb zehn bis halb elf des Abends angesetzt. Herr Leavenworth war ein sehr methodischer Mann, der sein Leben und das seiner Umgebung mit fast mathematischer Genauigkeit einhielt.«

»Sie sagten, daß Sie allabendlich nach seinem Diktat geschrieben hätten, – thaten Sie das auch am verflossenen Abend?«

»Wie gewöhnlich.«

»Was können Sie uns von seinem Aussehen und Benehmen während jener Zeit erzählen, war es in irgend einer Weise auffallend?«

Des Sekretärs Stirn runzelte sich. »Da er wahrscheinlich keine Vorahnung seines Todes hatte, wie hätte da in seinem Benehmen eine Aenderung eintreten können?«

Der Coroner ergriff die Gelegenheit, sich für das Betragen des Zeugen von vorhin schadlos zu halten, und sagte in strengem Ton: »Es ist Sache des Zeugen, Fragen zu beantworten, aber nicht solche zu stellen.«

Der Sekretär errötete vor Aerger, und die Rechnung war ausgeglichen.

»Sehr wohl. Also, wenn Herr Leavenworth irgendwelche Todesahnungen fühlte, so hat er sie mir nicht offenbart, im Gegenteil schien er mehr als sonst in seine Arbeit vertieft zu sein. Eines seiner letzten Worte, die er zu mir sprach, war: »Bevor ein Monat vergangen ist, werden wir das Buch in der Presse haben, nicht wahr, James?« Ich erinnerte mich gerade dieser Einzelheit, weil er dabei sein Weinglas füllte; er trank regelmäßig ein Glas Wein, ehe er sich in sein Schlafgemach zurückzog. Ich hatte soeben die Hand auf der Thürklinke und antwortete auf seine Bemerkung: »Ich hoffe es auch, Herr Leavenworth.« »Dann lassen Sie uns darauf anstoßen,« sagte er und schenkte mir ein. Ich trank mein Glas auf einen Zug ans, wogegen Herr Leavenworth das seinige nur halb leerte. Es war noch halb voll, als wir ihn heute morgen tot fanden.«

Die Schilderung dieses letzten Auftritts mußte James doch in hohem Grade erregt haben, denn er zog sein Taschentuch hervor und wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn. »Das ist das letzte, was ich den Verstorbenen thun sah; denn als er das Glas niedersetzte, wünschte ich ihm ›Gute Nacht‹ und verließ das Zimmer.«

Der Coroner blieb der Erregtheit des jungen Mannes gegenüber durchaus gleichgültig; er lehnte sich auf seinen Sitz zurück und maß den Zeugen mit prüfendem Blick. »Und wohin verfügten Sie sich dann?« fragte er.

»Auf mein Zimmer.«

»Sind Sie unterwegs niemandem begegnet?«

»Keinem Menschen.«

»Hörten oder sahen Sie nicht etwas Ungewöhnliches?«

Des Sekretärs Stimme sank ein wenig, als er antwortete: »Nein, mein Herr.«

»Besinnen Sie sich noch einmal, Herr Harwell; können Sie es mit gutem Gewissen beschwören, daß Sie weder jemand trafen, noch etwas Auffälliges hörten oder sahen?«

Das Gesicht des Zeugen wurde ängstlich, zweimal öffnete er die Lippen, um zu sprechen, und ebenso oft schloß er sie wieder, um zu schweigen. Endlich entgegnete er mit Anstrengung: »Allerdings bemerkte ich etwas, das zu unbedeutend schien, um erwähnt zu werden; aber außergewöhnlich war es, und ich mußte unwillkürlich daran denken, als Sie mich zum Nachsinnen aufforderten.«

»Was war es?«

»Eine Thür stand halb offen.«

»Wessen Thür?«

»Fräulein Eleonore Leavenworths.« Die Stimme des Sekretärs war bei dieser Antwort fast nur ein Flüstern.

»Wo befanden Sie sich, als Sie das gewahrten?«

»Das kann ich Ihnen nicht genau sagen; wahrscheinlich an meiner eigenen Thür, da ich mich nicht entsinne, unterwegs stehen geblieben zu sein. Wäre das gräßliche Ereignis nicht eingetreten, so würde ich an einen so geringfügigen Umstand überhaupt nicht wieder gedacht haben.«

»Schlossen Sie beim Betreten Ihres Zimmers die Thür ab?«

»Gewiß, mein Herr.«

»Wann gingen Sie zu Bett?«

»Sofort.«

»Hörten Sie gar nichts, bevor Sie einschliefen?«

Wieder jenes unerklärliche Zögern. »Wirklich gar nichts,« sagte er endlich.

»Vernahmen Sie keinen Fußtritt auf dem Korridor?«

»Das könnte wohl sein.«

»Sie haben also einen Fußtritt vernommen?«

»Ich vermöchte es nicht zu beschwören.«

»Glaubten Sie es wenigstens?«

»Es ist möglich; gerade als ich im Einschlafen begriffen war, erinnere ich mich dunkel, etwas wie das Rauschen eines Gewandes und Fußtritte vernommen zu haben; doch es machte keinen besonderen Eindruck auf mich, und bald war ich eingeschlafen.«

»Weiter nichts?«

»Etwas später erwachte ich plötzlich, als hätte mich etwas erschreckt; was es aber gewesen ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß nur noch, daß ich mich im Bett aufrichtete und mich rings umschaute. Da ich jedoch weder etwas hörte, noch sah, versank ich bald wieder in Schlaf und erwachte erst heute morgen wieder.«

Nachdem Harwell die Aussagen des Hausmeisters in allen Einzelheiten bestätigt hatte, fragte ihn der Coroner, ob er den Tisch im Bibliothekzimmer bei seinem Weggange in Augenschein genommen habe.

»Ein wenig wohl,« lautete die Antwort.

»Was befand sich darauf?«

»Die gewöhnlichen Gegenstände: Bücher, Papier, eine Feder mit eingetrockneter Tinte, die Flasche und das Weinglas, aus welchem der Ermordete vorher getrunken hatte.«

»Sonst nichts?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Bezüglich des Glases,« fiel hier einer der Geschworenen ein, »sagten Sie ja wohl, daß es in demselben Zustande aufgefunden worden sei, in welchem es war, als Sie Herrn Leavenworth verließen?«

»Jawohl.«

»Und doch pflegte er sonst das Glas ganz auszutrinken?«

»Gewiß.«

»Es muß also gleich nach Ihrem Weggange eine Unterbrechung stattgefunden haben?«

Eine fahle Blässe überzog plötzlich das Gesicht des jungen Mannes; er zuckte zusammen und sah einen Moment lang aus, als habe ihn ein schrecklicher Gedanke ergriffen. »Das folgt gerade nicht daraus,« brachte er endlich mühsam hervor. »Herr Leavenworth mag –« hier brach er ab, als sei es ihm unmöglich, weiter zu sprechen.

»Fahren Sie fort, Herr Harwell, und lassen Sie hören, was Sie noch zu sagen haben,« bemerkte der Coroner.

»Ich habe Ihnen nichts mehr hierüber mitzuteilen,« bemerkte der Sekretär, als kämpfe er mit einer heftigen Erregung.

Mehrere der Anwesenden warfen sich bei dieser Antwort argwöhnische und bedeutsame Blicke zu, als glaubten sie, in der Aufregung des jungen Mannes einen Schlüssel zur Lösung des Geheimnisses gefunden zu haben.

Der Coroner nahm indessen keine weitere Notiz davon und fuhr in seinem Verhör fort: »Wissen Sie, ob der Schlüssel zum Bibliothekzimmer, als Sie dasselbe gestern abend verließen, im Schlosse steckte oder nicht?«

»Ich habe nicht darauf geachtet.«

»Sie sind aber der Ansicht, daß er darin war?«

»Ich muß es allerdings annehmen.«

»In jedem Falle war aber die Thür heute morgen verschlossen und der Schlüssel verschwunden?«

»Jawohl, mein Herr.«

»So muß also derjenige, der den Mord begangen hat, beim Verlassen des Zimmers die Thür verschlossen und den Schlüssel mitgenommen haben.«

»Es hat den Anschein.«

Der Coroner schaute die Geschworenen mit ernsten Blicken an. »Meine Herren,« sagte er, »das Verschwinden des Schlüssels ist ein Geheimnis, das notwendigerweise aufgeklärt werden muß.«

»Erlauben Sie mir eine Frage,« ließ sich jetzt der kleine Geschworene wieder vernehmen, »man erzählt uns, daß beim Aufbrechen des Bibliothekzimmers die beiden Nichten des Herrn Leavenworth Ihnen in das Gemach folgten; war dem so, Herr Harwell?«

»Nur eine begleitete uns: Fräulein Eleonore.«

»Ist diese die voraussichtliche Universalerbin des Ermordeten?« forschte der Coroner.

»Nein, das ist Fräulein Mary.«

»Auch ich möchte Herrn Harwell eine Frage vorlegen,« ließ sich jetzt ein Geschworener vernehmen, der bisher noch nicht gesprochen hatte. »Man hat uns eine ausführliche Schilderung von der Auffindung der Leiche gegeben; nun wird aber doch niemals ein Mord ohne bestimmte Absicht verübt. Weiß der Sekretär vielleicht, ob Herr Leavenworth einen geheimen Feind gehabt hat?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Stand jedermann im Hause mit ihm auf gutem Fuße?«

»Ja, mein Herr.« Doch kam die Antwort ein wenig zögernd heraus.

»Lag kein Schatten zwischen ihm und irgend einem Mitglied der Familie?« fragte der Geschworene.

»Das kann ich mit Bestimmtheit nicht sagen,« erwiderte der Zeuge ängstlich und scheu, »es mag vielleicht ein Schatten –«

»Zwischen ihm und wem?«

Eine lange Pause entstand; endlich antwortete der Sekretär: »Und einer der Nichten.«

»Welcher?«

»Fräulein Eleonore.«

»Können Sie uns den Grund davon angeben?«

»Nein, mein Herr.«

»Sie öffneten Herrn Leavenworths Briefe?«

»Das that ich allerdings.«

»Können Sie sich nicht erinnern, daß in einem der jüngst an den Ermordeten eingelaufenen Schreiben etwas gestanden hat, das einiges Licht auf diese dunkle That werfen könnte?«

Es hatte fast den Anschein, als wollte der Zeuge darauf überhaupt nicht antworten; überlegte er nur seine Antwort, oder war er wirklich wie in Stein verwandelt?

»Herr Harwell!« drängte der Coroner, »haben Sie die Frage des Geschworenen nicht vernommen?«

»Gewiß! Ich dachte nur über dieselbe nach. – Mein Herr,« erwiderte er endlich, indem er dem Geschworenen voll in das Gesicht sah, »ich habe wie gewöhnlich auch in den letzten Wochen Herrn Leavenworths Briefe geöffnet, vermag mich aber nicht zu entsinnen, in denselben etwas gefunden zu haben, was mit diesem Verbrechen auch nur im geringsten in Verbindung stände.«

Der Mann log, das merkte ich sofort; seine linke Hand zitterte, als er diese Aussage machte; dann aber ballte sie sich fest zusammen, als sei er zu einem Entschluß gekommen.

»Das mag nach Ihrer Meinung wahr sein, Herr Harwell,« warf der Coroner ein; »man wird indes die Korrespondenz des Ermordeten ganz genau darnach durchforschen.«

»Das finde ich vollständig in der Ordnung,« lautete die ruhige Entgegnung des Sekretärs.

Diese Bemerkung beendete Harwells Verhör für heute, und als er sich niedersetzte, notierte ich mir vier Punkte: Harwell hegte aus einem nicht angegebenen Grunde irgend einen Verdacht, den er nicht einmal sich selbst gestehen mochte. Ein weibliches Wesen war mit in die That verwickelt, wie aus dem Rauschen des Gewandes und den Fußtritten, welche der Zeuge gehört hatte, hervorging. Vor nicht langer Zeit war hier im Hause ein Brief eingetroffen, der wahrscheinlich einiges Licht in das Dunkel des Geheimnisses warf; und endlich kam der Name Eleonore Leavenworth nur zögernd von den Lippen des Sekretärs, so oft er gezwungen war, denselben zu nennen.

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